Clark, Mary Higgins – Und hinter dir die Finsternis

Die Grande Dame der Kriminalliteratur meldet sich mit einem neuen packenden Roman zurück und zeigt, dass sie auch im hohen Alter noch nichts von ihrer Fähigkeit verlernt hat, ihre Leser mitzureißen und vor allem zu überraschen.

_Mord in der High Society_

Kay Lansing ist Bibliothekarin und auf der Suche nach der richtigen Location für eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Sofort kommt ihr der Gedanke an das Anwesen der sagenumwobenen Familie Carrington. Die Carringtons sind nämlich nicht einfach nur steinreich, sondern die Familie umgibt auch viele Geheimnisse. Vor 22 Jahren ist nach der Party bei den Carringtons ein junges Mädchen spurlos verschwunden und Peter Carrington, der Sohn des Hauses, der inzwischen zum Herren über das Anwesen aufgestiegen ist, haftet immer noch der Verdacht an, für dieses Verschwinden verantwortlich zu sein. Aber auch seine erste Frau Grace ist auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen, und es konnte nie geklärt werden, ob sie Selbstmord begangen hat, verunglückt ist oder gar ermordet wurde.

Als Kay Lansing zum ersten Mal Peter Carrington in natura trifft, um ihn wegen der Wohltätigkeitsveranstaltung zu fragen, verliebt sie sich trotz aller Gerüchte, die seine Person umgeben, auf den ersten Blick in ihn. Und diese Gefühle beruhen auf Gegenseitigkeit. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre und heiraten kurz darauf. Klingt alles nach einem Happy-End, doch bald holt Peters Vergangenheit ihn ein, als Gladys Althorp, die Mutter des verschwundenen Mädchens, einen Privatdetektiv engagiert, der endlich das Geheimnis um das Verschwinden ihrer Tochter Susan aufklären soll. Und tatsächlich, Nicholas Greco findet schnell eine Zeugin, die ihre Aussage von damals, die Peter Carrington entlastet hat, zurücknimmt. Als ein weiteres Beweisfitzelchen auftaucht, das Peter belastet, wird er festgenommen.

Nun beginnt auch Kay auf eigene Faust, den Familiengeheimnissen auf die Spur zu kommen, weil sie immer noch felsenfest an die Unschuld ihres Mannes glaubt, obwohl doch alles gegen ihn spricht. Auch Kays Großmutter, die seit dem frühen Tod ihrer Mutter und dem Selbstmord ihres Vaters vor 22 Jahren immer wie eine Mutter für Kay war, misstraut Peter Carrington und macht sich Sorgen um ihre Enkelin. Als diese entdeckt, dass sie schwanger ist, könnte sie eigentlich glücklich sein, doch ihr Mann sitzt derweil in Untersuchungshaft und muss sich immer schwereren Vorwürfen aussetzen. Langsam kommen auch Kay Zweifel, denn sie erinnert sich an eine Nacht kurz nach der Hochzeit, als sie ihren Mann beim Schlafwandeln am Pool gesehen hat, wie er versucht hat, etwas (oder jemanden?) unter Wasser zu drücken. Hat er womöglich die Morde im Schlaf begangen? Die Polizei ermittelt und findet kurze Zeit später zwei Leichen auf dem Anwesen der Carringtons …

_In dubio pro reo?_

In gewohnter Manier führt uns Mary Higgins Clark durch ihren Kriminalroman, und wieder einmal sind mysteriöse Morde aufzuklären, deren Täter fast schon festzustehen scheint. Doch wie nicht anders zu erwarten war, ist bei Mary Higgins Clark nie etwas so, wie es scheint. Gemeinsam mit Kay Lansing begeben wir uns auf Spurensuche und finden zunächst immer mehr erdrückende Hinweise, die für die Schuld Peter Carringtons sprechen. Alle Menschen sind von Peters Unschuld überzeugt und als er von Kay erfährt, dass er immer noch schlafwandelt und dabei die Morde „nachstellt“, glaubt er fast schon selbst an seine Schuld. Das Problem ist nur, dass in den USA Menschen auch für Morde verurteilt werden können, die sie ohne ihr Wissen im Schlaf begangen haben. Trotzdem will Peter ein Zeichen setzen, begibt sich in ein Schlaflabor, um endlich zu beweisen, dass er sich nicht an das erinnern kann, was er im Schlaf tut.

Nach und nach entdecken wir immer mehr Spuren, die auch den Selbstmord von Kays Vater in einem ganz neuen Licht zeigen. Seine Leiche konnte nämlich nie gefunden werden und auch ein Abschiedsbrief fehlte. Es gab also immer wieder Gerüchte, ob Kays Vater nicht verschwunden ist, weil er womöglich mit Susan Althorps Verschwinden zu tun hat. Doch Kay mag an diese Theorie nicht glauben, wird aber bald eines Besseren belehrt. Langsam kehrt auch eine Erinnerung zurück an die Nacht von Susans Verschwinden: Ihr Vater arbeitete damals nämlich als Gärtner für die Carringtons. In besagter Nacht musste er Kay mitnehmen zum Anwesen, um vor der Party noch etwas zu klären. Aus Neugierde schlich Kay damals in die Kapelle des Anwesens und wurde Zeugin eines Streites zwischen einem Mann und einer Frau. Die Frau wollte damals Geld haben, doch der Mann wies sie ab. Kay hat diesem Ereignis nie viel Bedeutung beigemessen, doch irgendwann beginnt sie sich zu fragen, ob sie nicht Peter und Susan belauscht hat und damit das Motiv für Peters Tat kennt.

Die Ermittlungen sind packend, spannend und verwirrend. Als Fan der Romane Mary Higgins Clarks war ich mir von Anfang an sicher, dass die Grande Dame mich wieder auf eine falsche Spur führen will, doch auch dieses Mal gelingt ihr dies voller Überzeugung, denn man kann sich bald gar nicht mehr vorstellen, wie Peter überhaupt unschuldig hätte sein können; doch wenn die große Krimiautorin eines kann, dann schier hoffnungslose Situationen überraschend aufklären. Und so hat Mary Higgins Clark auch hier wieder die eine oder andere Überraschung parat, mit der man ganz sicher nicht gerechnet hat. Nach und nach fügen sich alle Teilchen zu einem schlüssigen Ganzen zusammen, doch erst ganz spät kann man erahnen, wer womöglich noch ein Motiv für die Taten hätte haben können. Allerdings muss ich gestehen, dass ich immer jemand anderen im Blick hatte.

_Ein Leben wie im Märchen_

Große Teile des Romans sind aus der Ich-Perspektive Kays erzählt. Kay erzählt ihre Geschichte, offenbart uns ihre Gedanken und Ängste. Doch gleichzeitig gibt es auch immer wieder Passagen, die aus Sicht eines neutralen Beobachters geschrieben sind und dafür sorgen, dass wir nichts verpassen, sondern immer dort dabei sind, wo etwas Wichtiges passiert. Mary Higgins Clark eröffnet hier viele Schauplätze; so lernen wir die beiden Hausangestellten der Carringtons kennen, die schon viele Jahre dort arbeiten und die guten Seelen des Hauses zu sein scheinen. Doch natürlich haben auch diese beiden etwas zu verbergen. Wir treffen Peters Stiefmutter und ihren Sohn Richard Walker, die immer noch auf dem Anwesen leben, obwohl Peters Vater längst verstorben ist. Peters Verhältnis zu den beiden ist gut, doch Kay misstraut ihnen bald. Richard Walker betreut eine Kunstgalerie, die allerdings mehr schlecht als recht läuft, außerdem macht er beim Pferdewetten immer mehr Schulden, sodass seine Mutter ihm immer häufiger aus der Patsche helfen muss.

Den größten Raum im Buch erhält Kay Lansing, die die Liebe ihres Lebens gefunden hat, um diese aber gleich wieder zu verlieren. Verzweifelt sucht sie nach Hinweisen, die ihren geliebten Mann entlasten könnten. In unerschütterlicher Weise glaubt sie weiterhin an seine Unschuld, obwohl doch alles gegen ihn spricht. Teilweise konnte ich ihren festen Glauben nicht mehr nachvollziehen, aber Liebe macht ja bekanntlich blind.

Eine weitere wichtige Figur ist der Privatermittler Nicholas Greco, der zunächst für Susan Althorps Mutter arbeitet, der seine Dienste aber später auch für die Gegenseite verkauft. Greco ist stets auf der Suche nach der Wahrheit, doch hat man manchmal das Gefühl, dass er sich zu früh eine eigene Meinung bildet und dabei wichtige Hinweise übersieht. Doch am Ende wendet sich alles zum Guten und er findet gemeinsam mit Kay die Wahrheit heraus.

Durch das Auftreten zahlreicher Figuren gewinnen nur wenige genügend Profil, dennoch überzeugt die Charakterzeichnung über weite Strecken.

_Wettlauf mit der Zeit_

„Und hinter dir die Finsternis“ packt von der ersten Seite an und reißt den Leser mit, da man unbedingt wissen muss, was im Keller der Familie Carrington für Leichen begraben sind. Mary Higgins Clark inszeniert ein rasantes Katz-und-Maus-Spiel gegen die Zeit, denn sollte Peter wirklich unschuldig sein (und alles andere wäre nun wirklich zu simpel), dürfte der wahre Mörder sich in Kays unmittelbarer Nähe befinden und es sollte ihm viel daran gelegen sein, Peter für diese Taten im Gefängnis zu wissen. Wie man es von Mary Higgins Clark gewöhnt ist, hebt sie sich ihr großes Überraschungsmoment so lange auf, bis sie nicht mehr länger warten kann, und so erwartet den Leser auch hier ein Finale, das sich gewaschen hat. Was ich der Autorin hier hoch anrechnen möchte: Sie dreht nicht im letzten Moment alles um, was sie vorher aufgebaut hatte, nur um den größten Effekt zu erreichen, nein, sie löst ihre Geschichte überzeugend auf, erklärt die Motive und präsentiert uns den wahren Täter. Zwar ist das Auffinden dieses Täters vom einen oder anderen Zufall begleitet, was die Glaubwürdigkeit der Geschichte ein wenig leiden lässt, aber die Auflösung ist absolut stimmig und überzeugt auf ganzer Linie. So bleibt nur zu hoffen, dass die Großmeisterin der Kriminalliteratur uns noch viele weitere ähnlich spannende Krimis bescheren wird.

|Originaltitel: I Heard That Song Before
Originalverlag: Simon & Schuster
Aus dem Amerikanischen von Andreas Gressmann
Gebundenes Buch, 400 Seiten, 13,5 x 21,5 cm|
http://www.heyne.de

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