Kornbichler, Sabine – Im Angesicht der Schuld

Helen Gaspary führt ein glückliches Leben: Die Ehe mit ihrem Mann Gregor, einem erfolgreichen Anwalt, ist harmonisch, die einjährige Tochter Jana ist ihr Sonnenschein, sie besitzt gute Freunde und geht einem interessanten Job nach. Eines Tages bricht ihr Leben von einer Minute auf die andere zusammen, als Gregor bei einem Sturz vom Balkon seiner Kanzlei ums Leben kommt. Die Polizei geht zunächst von Selbstmord aus, doch auch ein Fremdverschulden kann nicht völlig ausgeschlossen werden. Nichts deutete im Vorfeld darauf hin, dass Gregor sich umbringen wollte. Wie jeden Morgen hat er das Haus verlassen, ging seiner Arbeit nach, machte einen unauffällgen Eindruck, schien keine Sorgen zu haben. Da ein Unfall ausgeschlossen wird, ist Helen fest davon überzeugt, dass es sich um Mord handeln muss.

Kurz darauf erfährt die junge Witwe, dass Gregor ein großes Geheimnis vor ihr verbarg. Vor einem Jahr war er in einen Autounfall verwickelt, bei dem ein kleines Kind ums Leben kam. Gregor wurde zwar von jeder Schuld freigesprochen, doch er hat den Vorfall seiner Frau nie erzählt. Für die Polizei und Freunde kommen Schuldgefühle als mögliches Suizid-Motiv in Frage. Helen wird immer unsicherer, wie gut sie ihren Mann tatsächlich gekannt hat. Es stellt sich heraus, dass sowohl seine Familie als auch ihre gemeinsamen Freunde Anette und Joost über den Unfall Bescheid wusste. Helen sollte wegen früherer Depressionen geschont werden.

Immer weitere Rätsel um Gregors Tod tauchen auf und Helen weiß bald nicht mehr, wem sie glauben soll: Wer war der letzte Anrufer, mit dem sich Gregor kurz vor seinem Tod treffen wollte? Warum verschwieg Anette ihrer Freundin ein Telefonat mit ihm? Was verband Gregor mit Franka Thelen, der Freundin der Mutter des verstorbenen Kindes, die er regelmäßig traf? Selbstmord oder Mord, wie kam er ums Leben? Entgegen dem Rat ihrer Angehörigen überlässt Helen die Ermittlungen nicht allein der Polizei, sondern forscht in Gregors Vergangenheit nach Hinweisen, was zu seinem Tod geführt haben könnte …

Sabine Kornbichler steht im Ruf, eine Frauenromanautorin zu sein. Sicher steht auch in diesem Werk eine weibliche Protagonistin im Mittelpunkt, doch im Gegensatz zu anderen Büchern wie „Annas Entscheidung“ geht es hier nicht nur um den Alltag einer Frau, sondern um die Einbettung in eine Kriminalhandlung – eine Tendenz, die insgesamt sehr gut gelungen ist.

|Glaubwürdige Protagonistin|

Hauptanteil an der positiven Umsetzung hat die Darstellung der Ich-Erzählerin, deren Schicksal den Leser mitzureißen und zu berühren vermag. Helen Gaspary ist zu Beginn des Romans eine glückliche junge Frau, die kein außergewöhnliches, aber ein harmonisches Leben führt. Von einer Sekunde auf die andere bricht die heile Welt zusammen, als sie vom Tod ihres Mannes erfährt. Vorbei ist das Ehe- und Familienglück, zurück bleibt ein Scherbenhaufen, unter dem sich die geschockte Frau am liebsten begraben würde. Als wäre der Tod nicht schon hart genug zu ertragen, muss Helen nun auch noch auf dunkle Geheimnisse ihres Mannes stoßen, auf einen tödlichen Unfall, auf fremde Namen, auf eine verborgene Vergangenheit. Auch im befreundeten Ehepaar Anette und Joost findet Helen keinen Halt, vielmehr offenbaren sich auch hier verheimlichte Verstrickungen, die die junge Witwe zunächst nicht einordnen kann. In letzter Not klammert sie sich an ihre Tochter, für die sie stark sein muss, und an den unbändigen Willen, das Rätsel um Gregors Tod zu klären. Dieser Spagat zwischen Drama und Krimi ist erfreulich gut gelungen. Die trauernde Helen ist eine durch und durch glaubwürdige Figur, die sich der Situation angemessene Schwächen erlaubt. Tagelang verweigert sie das Essen, weint sich in den Schlaf, führt im Geiste Gespräche mit ihrem verstorbenen Mann, lässt stundenlang die Vergangenheit Revue passieren. Als zaghafte Lichtblicke erweisen sich die Nachbarin, die das Witwenschicksal mit Helen teilt, und natürlich ihre kleine Tochter, die ihrer Mutter immer wieder ein Lächeln abringt.

Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass Helen nicht, wie es sicher nahe gelegen hätte, zur Privatdetektivin in eigener Sache mutiert. Hauptsächlich ist und bleibt sie die verzweifelte Witwe, die sich nicht mit einem Selbstmord ihres Mannes abfinden will. Sie liefert der Polizei Hinweise und geht diversen Spuren nach, wird aber stets von Zweifeln und Unsicherheiten geplagt. Ebenso kommt die finale Aufklärung von professioneller Seite, wenn auch mit Helens Unterstützung.

|Breite Auswahl an Verdächtigen|

Krimifreunde kommen beim Lesen auf ihre Kosten, denn bis kurz vor Schluss scheint völlig offen zu sein, warum Gregor gestorben ist. Es mangelt nicht an Verdächtigen, sowohl im Freundeskreis als auch bei völlig Fremden. Da sind die Unklarheiten, was Anette und Joost kurz vor seinem Tod mit ihm zu klären hatten, was sie Helen offenbar verschweigen wollen. Da ist Franka Thelen, die unvermittelt auftaucht und sich als nähere Bekanntschaft des Verstorbenen entpuppt. Da ist die Mutter des Unfall-Kindes, die Gregor seine Beteiligung daran nie verziehen hat. Und da sind drei Namen, auf die Helen während ihrer Nachforschungen stößt, mit denen sich Gregor unmittelbar vor seinem Tod befasst haben muss. Die Verdachtsmomente schwanken, sowohl bei Helen als auch beim Leser. Immer undurchsichtiger wird das Netz aus Verstrickungen und Verwicklungen, aus Motiven und Entlastungen, so dass Helen bald kaum mehr weiß, wem sie trauen darf und wem nicht. Auch die Frage, ob es nun Suizid oder Mord war, steht lange Zeit unbeantwortet im Raum.

|Kleine Mankos|

Eine leichte Schwäche steckt in der Nebenfigur Nelli, einer jungen, bildhübschen Frau mit Sangestalent, die bei des Gasparys als Putzhilfe arbeitet und mit den Jahren ein fast freundschaftliches Verhältnis zu ihnen aufgebaut hat. Durch die Handlung zieht sich, beinah wie ein „Running Gag“, Helens beständige Ermahnung, dass Nelli ihre Intelligenz für eine brauchbare Ausbildung verwenden solle, was nach einiger Zeit nicht nur Nelli, sondern auch den Leser nervt. Dazu kommt, dass Nellis Charakter von frechen Bemerkungen und einer eher tendenziell burschikosen Freundlichkeit geprägt ist, was wohl für Auflockerungen sorgen soll – tatsächlich aber wirkt angesichts der dramatisch-spannenden Ereignisse Nellis Art eher wie ein ernüchternder Holzhammer, einfach fehl am Platz.

Ein weiteres, wenn auch nicht gravierendes Manko liegt in den Rückblicken, der Übersichtlichkeit halber kursiv gestaltet. Helens schweift in den Wochen nach Gregors Tod immer wieder in die Vergangenheit und erinnert sich an ihr Kennenlernen. Die ersten Jahre ihrer Bekanntschaft sind zwar aufschlussreich, aber doch zu verkitscht und klischeehaft geraten, da Gregor bereits jahrelang in Helen verliebt war, ohne dass sie seine Gefühle auch nur ahnte und er geduldig sogar ihre erste Heirat miterlebte, um auf seine eigene Chance zu warten. Dieses Verhältnis vom treu wartetenden Gregor und der naiven Helen, die fünf Jahre lang seine Liebe nicht bemerkte, erinnert zu sehr an übertriebene Hollywoodschnulzen, um realistisch zu wirken. Auch sind die Rückblicke, die sich oft über mehrere Seiten ziehen, zu lang geraten, um sich ideal in die Handlung zu integrieren, zumal sie nicht viel zu deren Fortschreiten beitragen.

Der letzte Kritikpunkt betrifft das Ende, wo sich das Rätsel um Gregors Tod endlich löst. Leider spielt dabei der Zufall eine große Rolle. Unbeabsichtigt macht Helen mit Nellis Hilfe einen Fund, der sich als heiße Spur entpuppt, die in kürzester Zeit eine Reihe offener Fragen beantwortet. Der Leser wie auch Helen werden anschließend vor vollendete Tatsachen gestellt, ohne selber die Möglichkeit zu haben, die Hintergründe durch Knobeln zu erschließen. Das enttäuscht vor allem deshalb, weil der Roman bis dato durch Spannung und immer neue Entwicklungen geprägt ist, die man in ihrem Entstehungsstadium mitverfolgen konnte. Der Schluss bringt daher einen Verpuffungseffekt mit sich, trotz der enthaltenen überraschenden Wende.

Positiv ist wiederum der sehr angenehme Stil, der ohne große Schnörkel, immer leicht verständlich und übersichtlich dafür sorgt, dass sich die knapp 400 Seiten in einem Rutsch weglesen lassen. Abgesehen von den Rückblenden in Helens und Gregors Vergangenheit lässt die Autorin keine Abschweifungen zu.

_Als Fazit_ bleibt ein sehr lesenswerter Roman über einen ungeklärten Todesfall und die Suche nach der Wahrheit. Sabine Kornbichler gelingt hiermit eine überzeugende Mischung aus Familiendrama und Krimi mit einer sympathischen Protagonistin, vielen Verdächtigen und spannenden Entwicklungen, verpackt in einen flüssigen Stil. Nur kleine Schwächen schmälern das Gesamtbild, unter anderem die kitschigen Rückblenden und eine Zufallsentdeckung am Schluss.

_Die Autorin_ Sabine Kornbichler wurde 1957 in Wiebaden geboren. Sie studierte zunächst VWL und arbeitete als Texterin und PR-Beraterin. Seit 1998 lebt sie als freie Autorin in Düsseldorf. Ihr Werk umfasst Romane und Kurzgeschichten. Weitere Bücher von ihr sind: „Majas Buch“, „Klaras Haus“, „Steine und Rosen“, „Vergleichsweise wundervoll“ und „Annas Entscheidung“.

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