Schweikert, Ulrike – Dirne und der Bischof, Die

Die soziale Rolle der Frau im frühen wie auch im späten Mittelalter ist schwierig einzuordnen. Geherrscht und regiert haben in den Adels- und Königshäuser zumeist die Männer, nur selten hat eine selbstbewusste Frau das Zepter der staatlichen Souveränität und der Macht schwingen dürfen. Und vergessen wir auch nicht das tausendfache Sterben europäischer Frauen, die als Hexen angeklagt den Tod auf einem Scheiterhaufen fanden. Oftmals der puren Gier und Willkür der Männer ausgesetzt, hatten es gerade die sozial schwächer gestellten Frauen schwer, ihre Position in der Gesellschaft zu finden und dann auch erfolgreich zu verteidigen.

Noch schwieriger verhält es sich mit Prostituierten, den Dirnen, die im Mittelalter in Frauenhäusern lebten und arbeiteten, ganz offiziell und vom Rat der Stadt geduldet. Dies waren die ersten Bordelle der Neuzeit, die offiziell eingerichtet, finanziell subventioniert und kontrolliert wurden, und dies nach durchaus strengen Regeln. Diese Kontrollaufgaben oblagen zumeist den städtischen Henkern und Scharfrichtern.

Die Frauen, die als Dirnen im Frauenhaus lebten, hatten ein relativ ruhiges und für ihre Zeit vergleichsweise gutes Leben. Was blieb solch gescheiterten Frauen aber sonst auch übrig? Geflohen aus kriegsverwüsteten Regionen, verstoßen oder straffällig geworden, blieb ihnen nichts anderes, als vielleicht in einer anderen Stadt unter dem Schutz einer gewissen Anonymität einen Neuanfang zu wagen. Als Dirnen waren sie zwar in gesellschaftlichen Kreisen akzeptiert und genossen durch den Rat einen gewissen Schutz, doch sozial waren sie öffentlich stigmatisiert und mussten außerhalb des Frauenhauses gekennzeichnete Kleidung tragen – ein gefärbtes Band oder der Saum ihres Kleides.

Dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen und gegebenenfalls aus dem Frauenhaus auszubrechen, um irgendwo neu anzufangen, war fast unmöglich und dementsprechend eher selten. Doch es gab, wie bereits angedeutet, schlimmere Schicksale. Hatten es die Frauen auf den Feldern, die täglich um Nahrung und Leben kämpfen und Entbehrungen auf sich nehmen mussten, weniger hart getroffen? Der Tod war auch bei ihnen allgegenwärtig, Krankheiten, Kriege und Verbrechen machten den Alltag jeden Tag aufs Neue zu einem gefahrenreichen Spiel.

Ulrike Schweikert hat in ihrem letzten historischen Roman „Die Dirne und der Bischof“ das Leben und das Schicksal eines solchen Freudenmädchens im ausgehenden Mittelalter thematisiert.

_Inhalt_

Würzburg im Jahre des Herren 1430. Zwei Männer entledigen sich in der Nacht ihrer unhandlichen Fracht. Im Schutze der Dunkelheit und des Nebels am Main, der den Marienberg einhüllt, suchen sie nach einem Ort, um die vermeintliche Leiche der jungen Frau verschwinden zu lassen. In der Nähe des alten Judenfriedhofs wird diese schließlich in die Kürnach geworfen.

Nur wenig später wird die junge, nackte Frau von zwei Betrunkenen in einem Wassergraben gefunden. Dem Tode näher als dem Leben, wird die schwerverletze Frau in das naheliegende Frauenhaus gebracht. Else Eberlein, die Meisterin des Frauenhauses, auch die Eselswirtin genannt, nimmt sich der verletzten Frau an. Weder sie noch die anderen Dirnen wissen, wer die unbekannte Frau mit der Kopfverletzung ist.

In den nächsten Tagen pflegt Else die schöne Unbekannte. Als sie aufwacht, kann sie sich an nichts erinnern: Wer sie ist, woher sie kommt – alles ist wie ausradiert, nur bruchstückhafte Gedanken blitzen manches Mal zusammenhangslos vor ihr auf. Die Dirnen im Frauenhaus schlagen ihr verschiedene Namen vor und sie entscheidet sich schließlich für den Namen Elisabeth, an den sie sich irgendwie zu erinnern vermag. Die Eselswirtin fordert für Pflege und Medizin, dass Elisabeth für sie als Dirne arbeitet. Hier soll sie Freiern zu Diensten sein.

Elisabeth, die scheinbar aus sehr gutem Hause stammt, da sie rechnen und lesen kann, ziert sich, doch die Meisterin zwingt sie hartnäckig, durch Hurerei ihre Schulden abzuarbeiten. Noch nach knapp einen Jahr weiß Elisabeth nichts über ihre Vergangenheit, und doch glaubt sie, dass sie von manchen Personen wiedererkannt wird. Die Frau eines Ratsherrn fällt in Ohnmacht, als sie Elisabeth in der Stadt erblickt, und alles Fragen und Bitten der jungen Frau nach ihrem früheren Leben wird abgeschmettert.

Inzwischen wird es aber in Würzburg unruhig. Das verschwenderische Leben des Bischofs Johann von Brunn erhitzt die Gemüter der Bürger, denn nun wird Würzburg von einem Heer belagert, das sein Geld vom Bischof oder der Stadt einfordert. Doch der Landesherr gibt nicht auf und spielt ein falsches Spiel mit den Bürgern der Stadt. Seinen Vorsitz über die Stadt und vor allem sein lasterhaftes Leben möchte er um keinen Fall aufgeben.

Als Elisabeth eines Tages eher durch Zufall zwei Männern des Bischofs begegnet, erkennt sie die Stimmen wieder … Können sie Elisabeth dabei helfen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und ihr Gedächtnis zu reaktivieren, damit sie endlich nach Hause kommen kann? Und wer wollte sie aus welchem Grund umbringen und damit zum Schweigen bringen?

_Kritik_

Frauenschicksalen in historischen Romanen wird auf dem Büchermarkt der letzten Jahr viel Platz eingeräumt, und das ’schwache Geschlecht‘ gibt sich in diesen manchmal recht fantasievoll erzählten Geschichten sehr stark. Dass dabei oftmals ganze historische Elemente kippen und der erzählerischen Freiheit mehr als Genüge getan wird, ist oftmals zwar der Spannung halber wichtig, aber es kann der Geschichte auch die atmosphärische Dichte nehmen.

Historisch korrekt und sauber recherchiert zu erzählen, ist nämlich noch einmal eine ganz andere Liga. Ulrike Schweikert, die schon in anderen historischen Romanen ihr Können bewiesen hat, beschreibt in ihrem neuen Roman „Die Dirne und der Bischof“ das Schicksal einer Dirne wider Willen, die verzweifelt, aber nicht aussichtslos um ihr Leben und ihre Vergangenheit kämpft.

In einem Bordell, denn nichts anderes war ein Frauenhaus vor knapp 600 Jahren, ging es den Umständen entsprechend nicht gerade unmenschlich zu. In sozial und moralisch niedrig angesiedelter Rangordnung eingestuft, waren die Dirnen stigmatisiert und unrein, doch ihr Dienst an der Gesellschaft wurde im Widerspruch dazu geachtet und respektiert. Immerhin überlebten die Prostituierten auf diese Weise und hatten ein Dach über dem Kopf und Essen, was in Kriegs- oder Seuchenzeiten durchaus nicht alltäglich war.

Ulrike Schweikert beschönigt das Leben der Dirnen nicht, sie beschreibt es aber auch nicht zu dramatisch. Den Quellen nach zu urteilen, könnte es so zugegangen sein, wie hier beschrieben. Allerdings hat sich die Autorin bei ihrer Protagonistin Elisabeth einige erzählerische Freiheiten genommen. Dass eine junge Frau mit solchem Umfang an Wissen, Bildung und Selbstbewusstsein nicht intensiver ihre Vergangenheit erforscht, gerade bei dem Rat der Stadt, bei offiziellen Anlässen und Behörden, der Kirche usw., widerspricht eigentlich der inneren Logik. Auch dass nicht von anderer Seite mit allen Mitteln gesucht wird, dass kaum jemand sie trotz ihrer vormaligen Stellung erkennt, fällt dem Leser irritierend auf.

„Die Dirne und der Bischof“ ist davon unabhängig aber spannend geschrieben, und fast bis zum Schluss bleibt die Wahrheit über die Rolle der anonymen Elisabeth ein Rätsel. Rasant, nur von wenigen Lücken durchsetzt, schreitet die Handlung gleichmäßig voran, wenngleich es nicht gerade viele Höhepunkte und Abwechslungen dabei gibt. Elisabeth ist der Nabel der Erzählwelt, und beispielsweise vom Bischof und seinem wollüstigen Leben und seiner Politik erfährt man nur dann etwas, wenn es gerade Bezug zum Geschehen hat, aber nicht unbedingt, was diese ganze Situation nun eigentlich ausgelöst hat.

Die Autorin hat die Rahmenbedingungen ihrer Geschichte gut recherchiert. Viele Personen sind historisch verbürgt, auch der Streit des Bischofs mit der Stadt Würzburg ist dokumentiert, ebenso die fast verbrecherischen Anweisungen des Kirchenmannes, die nahezu zum wirtschaftlichen Ruin der Stadt geführt hätten. Weitere Erzählfiguren gibt es zwar reichlich, aber sie kommen nur spärlich zur Geltung. Elisabeths Kolleginnen werden namentlich genannt und kommen auch in einigen Nebenhandlungen vor, doch auch sie stehen nur im Schatten der tragisch-traurigen Hauptperson.

Ich hätte es begrüßt, wenn die Autorin uns die Gelegenheit gegeben hätte, noch mehr über die Politik der Stadt und der beschöflichen Macht in Würzburg zu erfahren. Am Ende steht der Leser nämlich eher hilflos da und kann nur begrenzt erahnen, wie es weitergehen könnte, ganz gleich, ob es nun Elisabeth oder den Bischof betrifft. Elisabeth ist am Ende loyal, macht eine emotionale Kehrtwendung und wirft damit die Verwirrung darüber auf, wie ehrlich und selbstlos sie doch zuvor als Dirne gehandelt hat – und nun nicht mehr. Vergisst sie jegliche Moral und den Anstand, wenn sie wieder den gesellschaftlichen Platz einnimmt, den sie sich nicht erarbeitet hat, sondern in den sie hineingeboren wurde?

Über die Vergangenheit der beiden in Titel genannten Personen erfährt der Leser nicht viel. Alle Schilderungen, die weiter ausgreifen, sind nur schwach umrissene Momentaufnahmen, die zur wirklichen Befriedigung des Lesers eine Fortsetzung verlangen.

_Fazit_

„Die Dirne und der Bischof“ ist spannend und unterhaltsam geschrieben, und gerade weibliche Leser wird der Roman in seinem Stil ansprechen. Wer sensibel ist, wird Verständnis für Elisabeth aufbringen und über einige erzählerische Lücken und logische Fehler hinwegsehen. Die Geschichte der angerissenen Konflikte zwischen Kirche und Bürgertum, zwischen Arm und Reich, Politik und Gesetz ist interessant und sauber recherchiert, bekommt aber leider zu wenig Platz eingeräumt. Gesellschaftliche Werte und Normen sind zeitgemäß eingebunden, Detailfragen werden am Ende des Romans im Nachtrag „Dichtung und Wahrheit“ erklärt. Ein konzentriertes Glossar und ein Personenregister runden das Gesamtbild ab.

„Die Dirne und der Bischof“ wird sich gut einreihen in die Vielzahl historischer Frauenschicksale, die sich derzeit erfolgreich verkaufen. Es könnte eine Fortsetzung der Geschichte um die Dirne geben, denn auch wenn der Leser jetzt weiß, was passiert ist, so erahnt er am Ende des Romans nicht, wie Elisabeths Geschichte weitergehen wird.

_Die Autorin:_

Ulrike Schweikert arbeitete nach einer Banklehre als Wertpapierhändlerin, studierte Geologie und Journalismus. Seit ihrem fulminanten Romandebüt „Die Tochter des Salzsieders“ ist sie eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen historischer Romane. Ihr Markenzeichen: faszinierende, lebensnahe Heldinnen. Standen bisher Figuren und Ereignisse rund um ihre Heimatstadt Schwäbisch Hall im Mittelpunkt ihrer Bücher, so betritt sie mit der Heldin ihres neuen Romans souverän das Parkett großer, europäischer Geschichte. Nach ihren beiden großen Jugendbuch-Erfolgen „Das Jahr der Verschwörer“ und „Die Maske der Verräter“ hat die vielseitige Autorin nun ihren erste Fantasy-Saga für Jugendliche verfasst: „Die Erben der Nacht“. Ulrike Schweikert lebt und schreibt in der Nähe von Stuttgart. (Verlagsinfo)

|Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 448 Seiten
ISBN-13: 978-3-7645-0200-3|
http://www.ulrike-schweikert.de/
http://www.blanvalet-verlag.de/

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