Willock, Colin – Dreimal schlug das Schicksal zu

_Das geschieht:_

Nathaniel Ironside Goss, erfolgreicher Verleger mit ausgeprägten Hang zum Privatdetektiv, möchte dieses Mal keine kriminellen, sondern einfach nur dicke Fische erlegen: Mit einem Freund, dem Fotografen Peter Winters, reist er in die Grafschaft Somerset, um dort in den Fischgründen des Ford Stark Hotels den einheimischen Wasserbewohnern nachzustellen.

Allerdings weiß Goss um die Nähe von Caistor House, einem inzwischen verlassenen Landhaus, zu dem ein See gehört, in dem sich seit Jahren von Anglern ungestört dicke Karpfen tummeln. Dieser Verlockung können die beiden Urlauber nicht widerstehen. In der Nacht schleichen sie unbefugt auf das Grundstück.

Aus dem erhofften Erfolg wird eine wilde Flucht, denn die Eindringlinge werden beinahe erwischt. Reumütig wirft Goss seine Angel am nächsten Tag im Fluss Stark aus, wo dies erwünscht und gestattet ist. Freilich trifft ihn dabei beinahe der Schlag in Gestalt eines gewaltigen Felsens, der vom Steilufer gegen ihn losgetreten wird. Die Verfolgung des Übeltäters bleibt erfolglos – sie endet mit dem Fund der Leiche des Reverends Dewsby, der ebenfalls im Stark Ford Hotel logiert.

Die alarmierte Polizei interessiert sich jedoch mehr für Goss, denn aus dem Caistor-See zog man am Morgen eine Leiche, in deren Rücken der Haken seiner Angel steckt. Glücklicherweise ist Goss für Chefinspektor Fford ein alter Bekannter, der den Verleger nicht verdächtigt. Dabei hält Goss diverse Indizien zurück, denn er hat beschlossen, wieder einmal selbst zu ermitteln. Winters wird zwangsverpflichtet und die abenteuertaugliche Verlags-Sekretärin Miss Lutyens gerufen.

Gemeinsam kommt man nicht nur einem nie gelösten Verbrechen, sondern auch einem sagenhaften Schatz auf die Spur. Allerdings erregt dies die Aufmerksamkeit zahlreicher Schurken, die der ‚Konkurrenz‘ sehr unfreundlich begegnen …

_Dicke Fische, schwere Jungs_

Das Verfassen sowohl vertrackter als auch möglichst unterhaltsamer Kriminalromane gilt nicht grundlos als Steckenpferd gebildeter Briten, die sich auf diese Weise den Kopf für jene wichtigen Arbeiten freimachten, die sie im Dienst der Regierung oder an den Elite-Universitäten des Empires leisteten. Natürlich befinden wir uns hier in einer Vergangenheit, die weder das Fernsehen noch das Internet kannte. Stattdessen würzte man die Unterhaltung gern mit Anspielungen auf antikgriechische oder römische Autoren, die man aus dem Gedächtnis zitieren konnte.

In dieser seltsamen Zeit, die als Selbstverständlichkeit etwa vor einem halben Jahrhundert zu Ende ging, entstanden zahlreiche Genreklassiker. Gar nicht selten blieben ihre Autoren Eintagsfliegen, die nur ein- oder wie in unserem Fall dreimal zur Feder griffen, bevor sie der Alltag endgültig in die schriftstellerfernen Höhen politischer, wissenschaftlicher oder militärischer Prominenz davontrug; Colin Willock verschlug es indes zum Fernsehen, wo er allerdings geradezu unanständig erfolgreich und berühmt wurde und für den Kriminalroman verlorenging.

Das ist jammerschade, denn er verstand dieses Handwerk meisterhaft. Durch den pathetisch hohlen bzw. einfach nur dämlichen deutschen Titel darf man sich wieder einmal nicht täuschen lassen: „Death at the Strike“ steckt im Original klipp & klar das Feld ab: Hier wird gemordet, wo sonst nur Fische im sportlichen Angelwettstreit ihr Leben lassen.

|Stille Wasser sind tödlich|

Der Engländer sieht sich gern als geborener Sportmann. Folgerichtig kommt man nicht ins Stark Ford Hotel, um sich zu erholen, wie die ahnungslos mitgereisten Ehefrauen zu ihrem Leidwesen erfahren müssen. Die Jagd nach dem Fisch ist eine bitterernste Sache, die generalstabsmäßig geplant und durchgeführt wird. Schlechtes Wetter und körperliche Schwächen gehören zum Wettkampf, der hier auf die Essenz des Wortes zurückgeführt wird: Allabendlich wird wie Beute des Tages verglichen, wobei die dicksten Fische möglichst wie nebenbei präsentiert werden: (Falsche) Bescheidenheit ehrt den Angler und ärgert die Konkurrenz.

Diesen Höhepunkt des Jahres lässt sich der echte Angler deshalb nicht verderben, nur weil ein Pechvogel tot im Fischwasser trieb: |“Auf der marmornen Platte in der Hotelhalle lagen Dr. Bartletts Lachs und Mr. Goss‘ Forelle. Auf einer Marmorplatte im Leichenschauhaus von Tinscombe befanden sich die sterblichen Überreste von Reverend Michael Dewsby.“| (S. 44) Für den Briten ist damit die Form in jeder Hinsicht gewahrt.

Dieser unerbittliche Sportsgeist ist es auch, die den kriminellen Teil der Handlung ins Rollen bringt. Nathaniel Goss, sonst jederzeit eine Stütze des erwähnten Empire, zögert keine Sekunde, als die Entscheidung ansteht, in tiefer Nacht dort feisten Karpfen nachzustellen, wohin er ansonsten pflichtbewusst niemals seinen Fuß gesetzt hätte. Doch so beginnt eine Tragikomödie der Irrungen & Wirrungen, in der nicht einmal die Schurken jemals die Übersicht behalten. Wer gehört zu ihrer Bande, wer kocht sein eigenes Süppchen? Wer gehört zur Polizei, wer schnüffelt sonst wieso herum? Niemand weiß es, was nicht ohne Folgen bleibt.

|Die Gegenwart der Vergangenheit|

„Dreimal schlug das Schicksal zu“ spielt im Sommer des Jahres 1952. Die Handlung gründet indes in doppelter Weise in der Vergangenheit. Den Untaten der Gegenwart ging sechs Jahre früher ein aufsehenerregendes Verbrechen voraus. Im Laufe der Ermittlungen stellt sich heraus, dass man wesentlich weiter zurückblicken muss: Caistor House steht auf historischem Grund: Zwischen 1642 und 1649 tobte in England der Bürgerkrieg zwischen den Anhängern König Karls I. und ihren republikanischen Widersachern unter Oliver Cromwell. Die Caistors waren Royalisten und dem Zorn der siegreichen Republikaner ausgesetzt. Sie schufen deshalb ein System unterirdischer Tunnel, in denen sie sich und ihre Schätze in Sicherheit bringen konnten.

In den ersten beiden Dritteln ist „Dreimal schlug …“ ein lupenreiner Rätselkrimi. Ganz klassisch und im Geist des sportlichen Miträtselns stellt uns Willock den Ort des Geschehens und das dort anwesende Personal detailliert vor; es gibt sogar eine Kartenskizze. Im letzten Drittel wird es – gut vorbereitet durch entsprechende Handlungspassagen – eher abenteuerlich: Die Ereignisse verlagern sich in geheime Gänge, eine alte Gruft, eine noch ältere Schatzkammer und schließlich in ein unterirdisches Höhlensystem, das sich nach einem Unwetter mit Flutwasser füllt.

Diese Kombination ist unwiderstehlich und lässt vergessen, mit welcher Beharrlichkeit Willock die Realitäten des Jahres 1952 ausblendet. Es schlägt sich bei ihm höchstens in der Anwesenheit von Automobilen oder Taschenlampen nieder, könnte man nur leicht übertreibend konstatieren. Ansonsten fallen Caistor House und das Stark Ford Hotel aus der Zeit heraus.

|Drama benötigt Personal|

Dazu passt die Figurenzeichnung. Schon die Wahl eines Verlegers als ‚Helden‘ ist pure Ironie. In seinem Berufsalltag lernen wir den kleinen Mann mit dem pompösen Namen Nathaniel Ironside Goss nicht kennen – wir wollen es auch nicht. Lieber ist uns der heimliche Abenteurer gleichen Namens, der nur mangelhaft bemänteln kann, mit welcher Freude er sich kriminalistisch betätigt. Dem trägt er durch eine Entschlossenheit Rechnung, die ihn mehrfach an den Rand einer Verhaftung bringt.

Aber sogleich klammert Autor Willocks die Realität wieder aus. Der spielverderberische Inspektor Carter wird von Chefinspektor Fford abgelöst, der nicht nur ein alter Bekannter, sondern ein Seelenverwandter von Goss ist. Also kann dieser seine Streitmacht ergänzen: Zum eifrigen Fotografen Winters gesellt sich die karikaturesk überzeichnete Miss Lutyens, die angeblich Sekretärin sein soll, aber nie in dieser Hinsicht tätig wird. Stattdessen bildet sie die dritte Seite des privatermittelnden Dreiecks sowie das weibliche Element der Geschichte.

Zwar gibt es noch weitere Frauen, doch diese sind entweder alt und schrullig oder verdächtig wie die schöne aber allzu „erfahrene“ – der Zeitgenosse wusste, was dieses Adjektiv umschrieb – Jane Saxe, die deshalb ein böses Ende nimmt. Miss Lutyens wird zwar von Goss und Winters durch den Spitznamen „Lutch“ als Teil der Gang akzeptiert und ist nicht nur hübsch, sondern auch selbstbewusst, taugt aber dennoch als „Frau in Gefahr“, die von den Schurken gefangengenommen und im Finale gerettet werden muss.

|Die Romantik des Abenteuers|

Selbstverständlich sind auch diese Bösewichte nicht von dieser Welt. Vor allem John Storm – nomen est omen – wirkt in Willocks Beschreibung wie ein Pirat, den es in die englische Provinz verschlagen hat. Im Zweiten Weltkrieg hat er im französischen Untergrund die Nazis in Angst und Schrecken versetzt; auch später war er eher eine tragische Gestalt: ein Abenteuer, der in die falsche Zeit geboren wurde.

Ohne jede Angst vor dem Klischee und diesem tatsächlich immer in letzter Sekunde ausweichend zeichnet Willock den bis zuletzt namen- und gesichtslosen Oberschurken als modernen Moriarty, der aus dem Hintergrund die Fäden zieht und bis zum Finale den Guten wie den Bösen stets einen Schritt voraus ist; wie es sich gehört, endet er nicht durch eine schnöde Festnahme.

Zum wesentlichen Element der Handlung wird die englische Landschaft. Hier spiegelt sich Willocks lebenslange Liebe zur Natur wider, der er im Rahmen zahlreicher Artikel, Bücher und TV-Dokumentation beredt Ausdruck zu verleihen wusste. Nie wird er kitschig sondern hält den Leser am Haken, um im Thema zu bleiben.

Dass dies auch in Deutschland so problemfrei gelingt, liegt an einer fabelhaften Übersetzung, für die einmal mehr Georg Kahn-Ackermann verantwortlich zeichnet. 1960 hat er sie vorgelegt, und sie ist höchstens gereift aber nicht veraltet. So mischt sich für den Rezensenten in die Freude, ein Lektüre-Juwel entdeckt zu haben, die traurige Erkenntnis, dass nur jene sie teilen werden, die sich auf eine Antiquariats-Expedition begeben.

_Autor_

Am 13. Januar 1919 in Finchley (Nord-London) geboren, besuchte Colin Dennistoun Willock Tonbridge School in der Grafschaft Kent. Er verließ die Schule mit 16 Jahren und wollte Journalist werden. Als der Zweiten Weltkriegs ausbrach, wurde Willock Soldat. Er ging den Royal Marines und diente in Afrika und Italien.

Nach dem Krieg gab Willock verschiedene Zeitschriften und Magazine heraus. Aubrey Buxton (1918-2009), Leiter des Fernsehsenders Anglia Television, holte ihn 1961 für eine neue TV-Serie. „Survival“ wurde eine der erfolgreichsten Natur-Doku-Reihen der Fernsehgeschichte und lief vier Jahrzehnte. Bis 1991 schrieb und produzierte Willock knapp 500 „Survival“-Episoden. Diese Arbeit führte ihn um den gesamten Erdball.

Darüber hinaus blieb Willock schriftstellerisch und journalistisch aktiv. Bekannt wurden seine Bücher über das Fischen, die Jagd und den Naturschutz. Insgesamt schrieb er 36 Bücher, darunter drei Kriminalromane. Im Alter von 86 Jahren ist Colin Willock am 26. März 2005 gestorben.

|Taschenbuch: 204 Seiten
Originaltitel: Death at the Strike (London : William Heineman 1957)
Übersetzung: Georg Kahn-Ackermann|

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