Volker Kutscher – Märzgefallene

Die Handlung:

Rosenmontag 1933: Gereon Rath feiert Karneval in Köln, und der Morgen danach beginnt für ihn mit einem heftigen Kater, der falschen Frau im Bett und einem Anruf aus Berlin: Der Reichstag steht in Flammen! Sofortige Urlaubssperre! Zurück in Berlin wird Rath in die Kommunistenhatz der Politischen Polizei eingespannt und soll eine mysteriöse Mordserie aufklären, der immer mehr Weltkriegsveteranen zum Opfer fallen.

Seinen neuen Fall erbt Gereon Rath von einem ungeliebten Vorgesetzten, von Wilhelm Böhm, der sich unter dem neuen Nazi-Polizeipräsidenten ins politische Abseits manövriert hat: Ein Obdachloser ist erstochen am Nollendorfplatz gefunden worden. Dessen Vorgeschichte führt weit zurück in den Krieg, in den März 1917, als deutsche Soldaten während der „Operation Alberich“ in Nordfrankreich verbrannte Erde hinterließen. Ungesühnte Morde, unterschlagene Goldbarren und eine perfide Sprengfalle, in die ein deutscher Hauptmann gerät, münden sechszehn Jahre später in eine Mordserie. Der Schlüssel zu alldem scheint der kurz vor der Veröffentlichung stehende Kriegsroman des Leutnants a. D. Achim Graf von Roddeck zu sein. Rath ermittelt, doch immer wieder kommen ihm andere Dinge dazwischen, und da sind die Vorbereitungen für seine Hochzeit mit Charlotte „Charly“ Ritter noch das geringste Problem. Er wird in die Kommunistenhatz der Politischen Polizei eingebunden, muss sich mit SA-Hilfspolizisten und dem neuen Polizeipräsidenten herumschlagen und einen Geschäftsfreund des Gangsterbosses Johann Marlow aus den Klauen der SA befreien.

Mein Einruck:

Schon lange währte die Vorfreude auf den nunmehr fünften Fall des Kommissars Gereon Rath in Berlin. Kutscher setzt mit „Märzgefallene“ einen weiteren Meilenstein in seiner Zeitleiste und lässt den Kommissar Gereon Rath auch im Jahr 1933, dem Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, ermitteln. Er gliedert den Roman in drei Teile, die er „Feuer“, „Rauch“ und „Asche“ benennt und sich dabei auch chronologisch an den historischen Ereignissen, beginnend mit dem Brand des Berliner Reichstages orientiert. Ein Kriminalroman der zugleich einsteigt in den Fall: ein Obdachloser, der einem Gewaltdelikt zum Opfer gefallen ist und den Leser gleichzeitig eintauchen lässt in das Berlin im Jahre 1933. Sowohl alte Bekannte und Wegbegleiter Raths sind wieder mit von der Partie, von seiner Verlobten Charly über den Leiter der Inspektion A in der Berliner Polizei, Gennat bis hin zum Unterweltboss Johann Marlow, begegnen dem Leser im fünften Band Kutschers fast schon vertraute und zum Teil liebgewonnene Charaktere. Und dennoch wird nach einigen Seiten schnell klar, dass sich etwas Grundlegendes verändert hat: Die Nationalsozialisten sind klar auf dem Vormarsch, die SA-Hilfspolizisten greifen immer mehr auch in den Arbeitsalltag der eigentlichen Polizei ein und sogar das Bild der Stadt Berlin verändert sich zunehmend. Kutscher beschreibt die bewegende Zeit gewohnt detailreich und eine düstere Vorahnung macht sich auch beim Leser breit. Während es wirkt, als würde der Protagonist langsam aber sicher, besonders verglichen mit seinen vorangegangenen „Abenteuern“, zur Ruhe kommen und allen Unkenrufen zum Trotz in seiner Kollegin Charly die Frau fürs Leben gefunden zu haben, scheint sich bereits abzuzeichnen, was stattdessen auf Deutschland zukommen mag. Die Menschen sind dennoch zwiegespalten und der Autor versucht alle Facetten im Roman unterzubringen: von Zweiflern und Schwarzsehern über begeisterte Anhänger und Bewunderer bis hin zu denen, die schlicht und einfach Profit aus den Ereignissen schlagen. Die Politische Abteilung innerhalb der Polizei gewinnt plötzlich an bisher nie dagewesener Bedeutung und auch Rath, Kriminalist durch und durch, muss das leidvoll am eigenen Leib erfahren, als er zwischenzeitlich dorthin versetzt wird. Doch als der eigentliche Fall durch weitere, ähnlich gelagerte Mordfälle zu einer Serie zu werden droht, ist auch Rath schnell wieder als Ermittler unterwegs. Der Plot bleibt dabei trotz der Vielzahl von Beteiligten und einer Reihe von Handlungssträngen spannend, lediglich zum Ende des Romanes schleichen sich ein paar Längen ein. Möglicherweise ist Kutschers Anspruch, alle Gegebenheiten vollständig aufzuarbeiten und dem Leser zu erklären, nicht der Spannung letzter Schluss. Der Roman wird jedoch dadurch wieder abgerundet, dass der Leser weiterhin an den Umständen der Zeit und den vielfältigen Auswirkungen auf die vielen bekannten aber auch neuen Gesichter in „Märzgefallene“ teilhat. Die Hochzeit von Gereon Rath und seiner Charly gehört dabei natürlich für einen eingefleischten Leser der Reihe dazu!

Mein Fazit:

Für mich ist auch der fünfte Teil der Reihe um Gereon Rath nicht in erster Linie „nur“ ein spannender Kriminalroman, sondern außerdem ein großartig recherchiertes Geschichtsbuch. Wer Kutscher mag, wird auch an diesem Roman seine Freude haben und ihn höchstens aus der Hand legen, um länger etwas davon zu haben. Die gewohnt klare und dialogreiche Sprache machen das Buch zu einem Lesevergnügen für jeden, der nicht nur einen guten Kriminalroman schätzt, sondern dabei gerne auch in die jüngere Zeitgeschichte abtauchen mag! Bewundernswert wieder einmal die Phantasie bei der Erschaffung einer Vielzahl von Charakteren und Schicksalen, versponnen zu einem komplexen und spannenden Plot. Das Ende macht Hoffnungen auf eine Fortsetzung und schon jetzt bin ich gespannt, wie Kutscher es um Gereon Rath weitergehen lässt, auch über das Jahr 1933 hinaus!

Gebundene Ausgabe: 608 Seiten
ISBN-13: 978-3462047073

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