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Müller, Titus – Brillenmacherin, Die

_Geschichte mit Durchblick?_

Englische Midlands im Jahre 1386:
Catherine Rowe ist die junge Ehefrau des alten Brillenmachers Elias. Ganz gegen seine Wünsche kann sie die Finger nicht von seinem Handwerk lassen und findet die richtige Brille für seinen Kunden Sir Thomas Latimer. Kurz darauf wird ihr Ehemann ermordet und das Haus der Rowes angezündet. Und dann stellt sie auch noch fest, dass sie ein Kind erwartet. Auch ihrem Bruder Alan ergeht es schlecht: Die Hand des Mädchens, das er liebt, wird ihm von ihrem Vater, Sir William Nevilles Vogt, verwehrt, sein Pachthof wird niedergebrannt und sein Pferd gestolen. Die Geschwister glauben nicht an einen Zufall und beklagen sich bei William Courtenay, dem Erzbischof von Canterbury, über Sir William Nevilles Ungerechtigkeit. Und der Erzbischof formt die beiden zu seinen Werkzeugen im Kampf gegen die „Bedeckten Ritter“, die einen Professor dabei unterstützen, die Bibel ins Englische zu übersetzen – ein Prozess, der die bestehende katholische Kirche in ihren Grundfesten zu erschüttern droht. So werden Catherine und Alan in ein Netz aus Intrigen verwickelt und zu Spielbällen der großen kirchlichen Gegner.
Als jedoch Catherine die Bedeckten Ritter und ihre Auftraggeber besser kennen lernt und schließlich auch den Mörder ihres Mannes erkennt, ist sie sich nicht mehr sicher, ob sie auf der richtigen Seite kämpft und sie gerät mit ihrem Säugling in ein gefährliches Doppelspiel zwischen den Fronten …

_Unter die Lupe genommen_

Als Story klang das für mich vielversprechend und ist es auch. Der 1977 in Leipzig geborene Autor Titus Müller, der in Berlin nicht nur Neuere Deutsche Literatur sondern auch Mittelalterliche Geschichte studiert hat, zeigt hier eine trotz des Verwirrspiels politischer und religiöser Intrigen nachvollziehbare, gut aufgebaute Handlung, die zudem für den Leser spannend umgesetzt ist. Die sich langsam entwickelnde, stetig ansteigende Spannung, welche durch die Ermordung des Brillenmachers und die verschiedenen Loyalitäten Catherines gegenüber Bruder, Ehemann, Kind, Courtenay und Latimers entsteht, hält bis zum Ende des Buches an. Dennoch ist der Titel des Buchs irreführend – man sollte hier keinen im Handwerks-Milieu angesiedelten Mittelalterroman erwarten; das Brillenmacherhandwerk ist nicht Mittelpunkt des Romans, sondern bleibt eine relativ unbedeutende Nebensache. Auch der Klappentext lässt hier den Leser eine andere Art Geschichte vermuten, als er dann serviert bekommt. Stattdessen handelt es sich um eine Mischung aus historischem Roman und historischem Krimi.

Die Sprache ist im Wesentlichen angenehm zurückhaltend eingesetzt, aber ein wenig an die historische Handlung angepasst. Gemessen an dem doch eher schwierigen, relativ kirchlichen Thema gibt es jedoch nur wenige unerklärte Begriffe. Typisch für Müllers Schreibstil schien mir hier zu sein, dass er seine sehr kurz gehaltenen Kapitel gerne langsam mit einer poetisch anmutenden Landschaftsbeschreibung von ausgezeichneter Atmosphäre einleitet. Wenn die Handlung der einzelnen Kapitel sich entfaltet, hält sich die Sprache dann eher zurück. Die Erzählweise ist komplett in der dritten Person gehalten, die Erzählperspektive wechselt aber zwischen den einzelnen Protagonisten hin und her.

Die Charakterisierungen, insbesondere die der Hauptperson Catherine, stechen vor allem durch ihre Ambivalenz hervor. Müller folgt hier nicht den klischeehaften Vorstellungen der guten Heldin und des bösen Gegenspielers. Seine Catherine ist zwar im Grunde ihres Herzens sicherlich ein guter Mensch, begeht aber im Verlauf der Geschichte Fehler und zeigt Schwächen, die ihren Charakter menschlich und glaubhaft machen. Auch die Bösewichte folgen hier – zumindest zum Teil – nicht dem sonst leider oft so üblichen Schwarz-Weiß-Schema, sondern stellen ihr eigenes Handeln in Frage. Es handelt sich auch nicht um vollständig moderne Personen in einer historischen Umgebung. Insbesondere Catherine ist trotz ihres Wunsches, als Brillenmacherin zu arbeiten, eine Frau ihrer Zeit, keine übermächtige, immer starke Superwoman, die dem Gegner ordentlich zusetzt, sondern eine Frau voller Selbstzweifel, die ihre Taten zumeist aus einer verzweifelten Lage heraus oder durch die Intrigen der beiden gegenerischen Parteien bestimmt.

Zu bemängeln gibt es hier allerdings für mich, dass der Leser stellenweise nicht tief genug Einblick in die Hauptpersonen erhält und einige Handlungen nicht nur völlig überraschend kommen, sondern auch nicht erläutert werden. Dies verhindert nicht nur eine vollständige Glaubwürdigkeit der Geschichte, sondern kostet die Protagonisten auch einige sonst mögliche Sympathiepunkte. Auch einige Szenen setzen solcherart zu abrupt ein, ohne dass der Leser versteht, was hier vor sich geht und wie es seit dem Ende des letzten Kapitels hierzu gekommen ist.

Auch die Entdeckungen, die Catherine im Brillenhandwerk macht, erschließen sich dem Leser nicht vollständig. Hier hätte man sich generell eine deutlichere Herausarbeitung der Arbeit der mittelalterlichen Brillenmacher gewünscht. Stattdessen zeigt uns Müller eine unausgebildete junge Frau, die an einem einzigen Nachmittag Entdeckungen macht, die ihrem erfahrenen und angesehenen Mann während seiner gesamten Berufslaufbahn nicht eingefallen sind. Dass sie dann gegen Ende des Buches noch die Erfindung der „Laterna Magica“ aus der hohlen Hand zaubert, trägt auch nicht zu ihrer Glaubwürdigkeit bei.

Der kriminalistische Anteil der Geschichte ist aber gut in Szene gesetzt und spannend beschrieben. Und auch die Zeit und die religiösen Hintergründe hat Müller sehr gut herausgearbeitet und, ohne Langweile aufkommen zu lassen, in seine Geschichte eingebunden.

Einen weiteren angenehmen Ausbruch aus bestehenden Allgemeinvorgaben zeigt „Die Brillenmacherin“ und selbst die integrierte, obligatorische Liebesgeschichte aber im Bezug auf das Ende. Es gibt kein kitschiges Happy-End mit Hochzeit und Babys, kein edler Ritter in schimmernder Rüstung durchbohrt den Anführer der Bösewichte mit seinem Schwert und führt ihn seinem verdienten Ende zu. Die Liebesgeschichte ist für mich zwar nicht komplett nachvollziehbar aufgezeichnet, ist aber sehr unaufdringlich dargestellt, ohne Plattheiten und ohne die stets als nächstes erwarteten Wendungen. Insgesamt bleibt sie so (ganz anders als der Klappentext des Buches vermuten lässt, der eine komplett andere Geschichte suggeriert) eine Nebensache, die sich in die Geschichte integriert, ohne der eigentlichen Handlung den Rang abzulaufen. Die Lösung vom gegebenen Schema und die Nicht-Erfüllung einer unterschwelligen Erwartungshandlung diesbezüglich halte ich für einen der besten Punkte des Buches. Titus Müller hat es hier wirklich verstanden, mich durch seine Integrität zu überraschen und das ist mir allemal lieber als ein Friede-Freude-Eierkuchen-Ende. Zugleich suggeriert dieses Buchende, das dadurch etwas abseits der allgemeinen Erwartungshandlung liegt, aber auch, dass die Geschichte noch nicht ganz abgeschlossen sein könnte und ließ mich sofort an eine mögliche Fortsetzung des Buches denken. Und tatsächlich soll die Geschichte um Catherine Rowe fortgesetzt werden. Vielleicht kommt das von den Klischees vorgeschriebene Happy-End also doch noch.

Insgesamt hat mir „Die Brillenmacherin“ von Titus Müller gut gefallen. Die Handlung und Spannung sind gekonnt dargestellt, einige Schwächen zeigt das Buch vor allem bei den insgesamt etwas zu oberflächlich gehaltenen Charakteren. Aber ich werde den Nachfolgeroman bestimmt ebenfalls lesen.

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Thieme, Anja – Orkneys Söhne. Die Lebenserinnerungen des Mordred of Orkney

_Fantasy in Leinen_

„Orkneys Söhne. Die Lebenserinnerungen des Mordred of Orkney“ gibt es bislang nur in einer gebundenen Ausgabe des Verlags |Neue Erde| mit einem Volumen von 634 Seiten inklusive Anhang. Ich kann an dieser Stelle dem Buch zugute halten, dass es sich um eine wirklich schön gemachte Ausgabe handelt, gebunden in dunkelblaues Leinen mit einem gewebten Lesebändchen und einem sogar ganz nett aussehenden Schutzumschlag. Das Schriftbild ist absolut in Ordnung und sehr schön finde ich sogar die ungewöhnlich gestalteten Teilüberschriften. Dazu bietet das Buch einen reichhaltigen Anhang aus Stammbäumen, Fußnoten, Karten, Personenregister und einer Danksagung der Autorin. So viel Stil hat allerdings seinen Preis. 25,80 Euro müsst ihr derzeit für dieses Werk auf den Tresen legen.

_Anja Thieme – nie gehört?_

Nicht viel ist über Anja Thieme herauszufinden. Die Tochter einer Buchhändlerin und eines Verlagskaufmanns arbeitete bereits früh als freie Mitarbeiterin bei einer Tageszeitung und verfasste Kurzgeschichten, hat anschließend sympathischerweise ein Germanistik-Studium hingeworfen, schrieb weiterhin Kurzgeschichten und Gedichte und interessiert sich für Historik. Soweit ich feststellen kann, ist „Orkneys Söhne“ ihr bisher einziger veröffentlichter Roman.

_Sex and Crime an König Artus‘ Hofe_

Artus-Geschichten gibt es in allen Varianten. Unter der Vielzahl der zu diesem Thema veröffentlichten Romane findet man diese Legende aus sehr verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Und auch die Handlung variiert sehr stark. Nun war ich ja sehr gespannt, was eine deutsche Autorin aus diesem Garn für einen Stoff weben würde.

Gwyddion ist ein junger Mann, der bei seiner Mutter Ninian, der Hohepriesterin von Avalion, ausgebildet wird. Als seine Mutter erkrankt, sendet sie ihren Sohn zu Guennera, der ehemaligen Königin, die ebenfalls eine ausgebildete Hohepriesterin sein soll, um diese als „Krankheitsvertretung“ nach Avalion zu bringen. Diese Ereignisse sieht Raven, der König der Orkneys und zugleich der Mann, den Gwyddion als seinen leiblichen Vater kennt, mit seiner Sehergabe. Und Raven sieht die Zeit gekommen, Gwyddion seine Lebensgeschichte zu erzählen. Denn sein Name ist nicht nur Raven, sondern …
Mordred.

Mordred wächst als dritter von fünf Söhnen Königs Lot der Orkneys und seiner Frau Morgause auf. Doch Lot ist – mehr als zu seinen anderen Söhnen – unmenschlich hart und streng mit Mordred und nennt ihn einen Bastard. Mordreds Halt im Leben, seine Stütze und sein bester Freund zugleich ist sein Bruder Gawain (Gawalchmain, Gaven). Da beide Brüder eine seherische Gabe besitzen, werden sie gemeinsam zum Tempel von Avalion zur Ausbildung unter dem Hohepriester Taliesin, dem derzeitigen Merlin gesendet. Doch während Mordred im Glauben des Tempels aufgeht und bald selbst zum Druiden der dunklen Göttin Morrigan und später zum Hohepriester Avalions geweiht wird, fürchtet sich Gawain vor der dunklen Seite der Götter und verlässt den Tempel vor seiner Initiiation, um sich gemeinsam mit dem ältesten Bruder Agravain der Tafelrunde König Artus’ anzuschließen.

Mordred folgt seinen Brüdern dorthin, um als Merlin und Ratgeber an Artus’ Hof zu dienen und erkennt sehr schnell, dass er der Sohn des Königs ist. Das wäre ja schon arg genug, dass Lot mit seinen Bastard-Unkenrufen recht gehabt hätte, doch die Situation ist zusätzlich verzwickt, da Artus und Morgause Stiefgeschwister sind – zwar nicht blutsverwandt, doch das Volk sieht sie als Bruder und Schwester und das macht eine jede heiße Liebesnacht der beiden zu Inzest und bringt zudem Mordred in die Zwickmühle, mit Artus einen Onkel und Vater in der gleichen Person zu haben. Doch Artus ist gar nicht unerfreut, und einen Sohn zu haben, kommt ihm ganz gelegen, denn seine Frau Guennera kann keine Kinder bekommen und Lancelots Sohn Galahad, der für den Fall, dass Artus ohne leiblichen Sohn sterben sollte, als Erbe bestimmt ist, taugt eher zum Priester als zum König.

Guennera, eine Frau von überragender Schönheit und natürlich viel jünger als Artus, der mit ihr lediglich eine politische Heirat geschlossen hat, ist eine nicht nur überzeugte, sondern geradezu fanatische Christin und zofft sich mit dem heidnischen Hohepriester Mordred und auch dessen Geliebter, der Hohepriesterin Ninian, wo sie nur kann. Als sie zu weit geht und die Götter beleidigt, beschwören Mordred und Ninian einen Fluch auf die Königin herab, der ihr wahres Wesen zeigen soll. Und dieser Fluch bewirkt, dass Guennera, die schon immer etwas für Lancelot übrig hatte, komplett den Verstand verliert und sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit dem Oberst und besten Freund ihres Mannes des Königs unter lautem Stöhnen und lustvollem Gequietsche ins Heu verzieht. So geht das eine Weile. Mordred verhandelt indessen im Namen seines königlichen Vaters mit den ehemals feindlichen Sachsen um ein Bündnis gegen die einfallenden Römer. Und als er zurück am Hof ist, erscheint einigen dort das Bild des Grals, mit dem bekannten Ergebnis der Gralssuche, der sich auch Lancelot anschließt. Guennera ist indessen durch ihren Fluch komplett von der Existenz der Götter überzeugt, doch Mordred zögert, den Fluch von ihr zu nehmen und lässt sie aus persönlicher Rachsucht noch ein bisschen länger schmoren. Dadurch zieht er selbst sich den Zorn der Göttin zu, die ihn damit bestraft, dass er mit der Auflösung des Fluchs erkennt, dass er selbst in Guennera, seine Königin und Stiefmutter verliebt ist. Das kann natürlich nicht gut ausgehen …

_Mordred und Artus in der Legende_

Mordred (auch Medraut, Modred, Medrawd) ist in den Varianten der Artus-Legende, die wir heute kennen, zumeist der klassische Bösewicht. Die älteste historische Quelle zur Artus-Sage jedoch, die „Annales Cambriae“ gibt keinen Grund, das von ihm anzunehmen. Zwar ist darin die Rede davon, dass sowohl Artus als auch Mordred bei der Schlacht von Camlann im Jahre 537 fallen, doch gibt es darin keinen Anhaltspunkt, der besagt, ob sie auf der gleichen oder auf unterschiedlicher Seite gekämpft haben. Auch auf eine bestehende Verwandtschaft zwischen den beiden gibt es darin keinen Anhaltspunkt.

Eine weitere walisische Quelle, der „Traum von Rhonabwy“ nennt Mordred schlicht als Neffen Artus’, was er ja auch als Sohn Morgauses wäre.
Erst in Geoffrey of Monmouth’s „Historia Regnum Brittonum“ aus dem Jahre 1136, also fast 600 Jahre „Stille Post“ und eifriges Rätselraten später, erscheint Mordred (immer noch als Artus’ Neffe) das erste Mal als Verräter, der den Untergang Camelots und den Zerfall des Artus-Reiches herbeiführt, Artus’ Frau Guinevere heiratet und ihm den Thron streitig macht.

Und erst im Vulgate-Zyklus schließlich, einer französischen Sammlung von Texten über Artus, wird erstmals behauptet, Mordred sei Artus’ Sohn aus einer inzestuösen Beziehung mit seiner Schwester Morgause, der Königin von Orkney. Dabei sind sich auch diese schon nicht mehr ganz so frühen Quellen nicht über die Schuldzuweisung des Inzests einig; wird in einigen behauptet, beide hätten sich ohne über ihre Verwandtschaft zu wissen, einander hingegeben, so wird in einer anderen Quelle behauptet, Morgause habe ihren Bruder absichtlich getäuscht und ihren gemeinsamen Sohn Mordred als Erpressungsmittel gegen ihn genutzt. Doch eine wieder andere Variante gibt auch Artus die Schuld und behauptet, er habe sich als Morgauses Ehemann Lot verkleidet.

_Fantasy oder Historischer Roman?_

Schon schön, wenn sich die historischen Quellen – sofern überhaupt vorhanden – derart uneinig sind wie im Fall der Artus-Legende. Dann kann man sich als Autor von jeder Variante sein Lieblingshäppchen rauspicken und trotzdem mit der eigenen Recherchearbeit angeben. Das hat Frau Thieme sich wohl auch gedacht und fleißig ausgenutzt. Wo dann noch Lücken in der Geschichte blieben, hat sie diese bunt durchmischt gefüllt mit einem lustigen Potpourri aus historischem Wissen und noch mehr Phantasie und Fantasy.

Man möge mich nicht falsch verstehen, ich finde das nicht verkehrt. Wie soll man auch sonst in einem Fall wie der Artus-Sage vorgehen, wenn niemand nichts Genaues weiß? Aber das bedeutet eben auch unbedingt, dass ich dieses Buch als Fantasy oder meinetwegen als historische Fantasy einordne – ein historischer Roman ist es für mich nicht. Doch Frau Thieme macht hier und da den Eindruck, dass sie mit ihrer Version der Sage ernst genommen werden will. So finden sich im Text zahlreiche Fußnoten, die dann im Buchanhang Hintergründe erläutern, die belegen, dass sich die Autorin durchaus mit der Zeit und der Materie beschäftigt hat, und dem Buch eine gut recherchierte Note wie quasi bei einem historischen Roman verleihen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es sich letzten Endes nur um eine Themenvariante handelt, eine Spinnerei, wie es hätte gewesen sein können. Einige dieser Fußnoten sind übrigens denn auch für Verständnis und Hintergrund der Geschichte völlig belanglos und merkwürdig aus dem Zusammenhang gerissen, als ob die Autorin ihr Allgemeinwissen unter Beweis stellen wollte.

Die Story selbst ist sowohl von Atmosphäre und Schreibstil her als auch von der Charakterisierung der Hauptpersonen in zwei Hälften gespalten – vor und nach der entstehenden Liebe zwischen Mordred und Guennera.

Der erste Teil zeigt uns einen kecken Mordred; ständig eine dralle Maid auf dem Schoß, ist er ein verlässlicher Freund und Bruder, aber er kann auch boshaft sein und, wenn man ihn zu sehr reizt, auch rachsüchtig. Das stört mich nicht, im Gegenteil, dieser Mordred ist ein sympathischer „Bösewicht“, eine faszinierende, dunkle Persönlichkeit zwischen all den farblosen „guten“ Christen Camelots, sein Charakter ist tief und wirkt auf mich überaus anziehend. Ich bin selbst halb verliebt in diesen Mordred, der links den Becher und rechts die Weiber stemmt, seine böse Zunge nicht zurückhält und doch den Menschen, die er liebt, stets Loyalität beweist. Überhaupt trieft dieser erste Teil des Buches nur so vor Sex. Ganz Camelot scheint nichts anderes im Sinn zu haben, als sich von einer Orgie in die nächste zu stürzen. Die ganze Pallette der sexuellen Ausschweifungen ist hier vertreten: Untreue Ehefrauen (Ehemänner sowieso), dralle Mägde, flotte Dreier und Vierer und rituelle Liebesakte zur Ehrung der Götter – so viel ist davon vertreten, dass es mir schon wieder etwas zu viel ist. Und auch gebechert wird heftig.

Doch dann kommt der Bruch. Die Strafe der Göttin. Und sie trifft nicht nur Mordred, sondern auch mich. Aus dem Mann, den ich eben noch nicht von der Bettkante gestoßen hätte, wird ein depressiver, von Liebeskummer umnachteter Junge. Aus dem schwarzen Hengst wird ein kolikkranker Wallach. Und in ein spannendes, mitreißendes Buch schiebt sich eine alberne, kitschige Liebesroman-Atmosphäre, begleitet von Unglaubwürdigkeiten. Nun – zumindest stellenweise. Da wäre zunächst einmal Guennera. War sie im ersten Teil noch „der Feind“, von fanatisch christlichem Glauben und erschien wie der Fluch von Camelot, so erlebt sie nun in der zweiten Buchhälfte die völlig unglaubwürdige Verwandlung in eine Hohepriesterin des keltischen Glaubens mit Sehergabe. Und Mordred. Mein Mordred! Eben noch ein sinnenfreudiger Casanova, wird er plötzlich reduziert auf sehnsüchtige, liebeshungrige Blicke. Und nicht nur das. Frau Thieme „rechtfertigt“ die Liebe zwischen Mordred und Guenevera auch noch damit, dass beide bereits in einem früheren Leben vereint waren. Dass ihre Verbindung zum Wohle des „Landes“ von den Göttern geplant ist. Nein, das war zwar auch im ersten Teil schon ein „Fantasy“-Roman, aber jetzt wird es mir einfach zu bunt!

… und zugleich zu trist.
Denn ab dieser verbotenen Liebe zwischen Stiefsohn und Stiefmutter mischt sich denn nun auch die bei diesem Thema natürlich vorprogrammierte Endzeitstimmung in das Buch. Dem Leser schwant nichts Gutes. Aber da der Bruch in zwei Teile bereits ziemlich genau in der Mitte des Werkes passiert, zieht sich diese Depri-Phase denn auch über mehr als 300 Seiten hin. Fortan ist Mordred hin- und hergerissen. Loyalität gegenüber dem Vater oder endlich Kissenschlacht mit Stiefmama? Und um ihn herum sinkt auch der Rest von Camelot so langsam in den Morast.

Lancelot, den wir aus so manch anderer Variante der Artus-Sage als strahlenden Ritter für die gute Sache kennen (wenn natürlich auch mit dem nahezu nichtigen Abstrich, dass er mit der Frau seines Freundes und Königs ins Bett geht) mutiert unter der Feder von Frau Thieme zu unserem neuen Bösewicht. Denn so ganz ohne schwarzes Schaf und Feindfigur schafft es auch diese Autorin nicht. Jemandem muss man ja die Schuld in die Schuhe schieben …. Hier ist es also Lance (nein, das habe ich mir nicht noch halb im Tour-de-France-Fieber ausgedacht, Lancelot wird tatsächlich im Buch so genannt, das wirkt auf mich so überhaupt nicht nach 500 n. Chr., ein echter Stilbruch zwischen so viel mühseliger Recherchearbeit …), der hinterhältig Verrat begeht und es auf Artus’ Thron und Frau abgesehen hat. Dabei sind Vater und Sohn Pendragon ihm gehörigst im Wege.

Mordred erscheint uns hier nicht als Thronräuber. Da er ein geweihter Druide ist, hat er zunächst kein Interesse daran, seinem Vater als Hochkönig auf den Thron zu folgen. Seine Interessenslage ist einfach anders. Dass er letztlich doch seiner Thronfolge zustimmt, erklärt die Autorin damit, dass das Land selbst es so will:
(„Plötzlich flackerten Bilder vor meinen Augen, gegen die ich mich verzweifelt wehrte, doch ohne daß ich es verhindern konnte, wurde ich zum Raben und flog über das Land. Wachend und suchend. Ich flog mit dem goldenen Drachen. Getragen von seinen gewaltigen Schwingen. Gleichzeitig riß der Nebel um Avalion auf und die Wolkendecke auch. Da lag die Insel in strahlendem Glanz vor mir. Ich konnte die blühenden Apfelbäume an ihrem Ufer sehen. VERNIMM DEN RUF, MORDRED OF ORKNEY, RABE, SOHN, PRIESTER. Und es geschah, das Land bat mich, forderte nachdrücklich sein Recht, sang meinen Namen, ein ewiges auf- und abschwellendes Lied, das mein weit geöffnetes Herz erreichte und erhört wurde. Artus wandte sich um und lief langsam in Richtung der Zelte. ‚Halt!‘, rief ich, noch immer in der Sicht. Meine ganze verwundete Seele schrie auf. ‚Ich tue es. Ich nehme den Reif an. Nicht Galahad, er ist zu schwach, es ist falsch. Ich muß, das Land fordert es.‘ …“ S. 194)
Für mich ist das einfach zu dick aufgetragen. Quer durch das Buch zieht sich diese vor Pathos triefende Verbindung zwischen Mordred und „dem Land“ und wenn ich auch Fantasyelemente wie Magie und Götter in „Orkney’s Söhne“ sehr gut dargestellt finde, hier endet die Begeisterung für mich.

Dann haben wir noch Artus, der im ersten Teil ein weiser Hochkönig sein darf, der Britannien geeint hat. Da wirkt er noch, wie ein großer König wirken muss: weise und majestätisch. Im zweiten Teil fragt man sich nur noch, wer dieser Artus eigentlich ist, dass er nicht sieht, dass seine Frau mit seinem Armeeführer fremdgeht. Dass er nicht sieht, dass sein Sohn sich in sie verliebt hat. Dass er nicht sieht, dass Lancelot ihn verrät. Dass er durch ein falsches Urteil zwei von Mordreds Brüdern auf dem Gewissen hat. Und dass überhaupt immer seltener im Buch die Rede von ihm ist und Frau Thieme ihn einfach wegrationalisiert. Von dem weisen König aus der ersten Hälfte finde ich hier keine Spur mehr. Stattdessen verkommt Artus zu einem schwachen Kerl, der dem erstbesten Schwätzer alles für bare Münze abnimmt.

Den wesentlichen Teil der Geschichte machen die Erinnerungen Mordreds aus der Perspektive des Ich-Erzählers aus. An einigen Stellen wird der Text jedoch durch kursiv eingeschobene Passagen durchbrochen, die uns in ein Geschehen blicken lassen, an dem Mordred nicht selbst beteiligt ist. Dabei handelt es sich dann entweder um Erlebnisse der anderen Personen oder auch um Dinge, die Mordred mit seiner Gabe „sieht“. Dadurch umgeht Anja Thieme geschickt die Einschränkungen, die einem Autor durch Verwendung der ersten Person aufgelegt sind, und kostet zugleich die Intimität mit dem Leser aus, die diese Schreibweise dennoch bietet. Der Schreibstil ist relativ ausführlich und gefühlsbetont, an manchen Stellen sogar andeutungsweise poetisch. Im Großen und Ganzen fand ich den Erzählstil zwar dennoch eingängig, an einigen Stellen passiert aber schon mal ein stilistischer Lapsus, gibt es mal eine merkwürdige Formulierung und dazwischen fallen mir immer wieder ein paar Sätze auf, die ganz süß zweideutig oder missverständlich formuliert sind. Ein schönes Beispiel von Seite 565: „Agravain ist schon die ganze Zeit allein auf den Orkneys. (…) Wer weiß, ob er sich nicht schon zu Tode getrunken hat. Wenn nicht, kann ich ihm vielleicht helfen.“ Sehr gut gelungen finde ich hingegen die Einflechtung von Liedern und Gedichten in den Text – etwas, das mich sonst in vielen Büchern langweilt und anödet, hat die Autorin hier wirklich mit Gefühl vollbracht.

_Fazit_

Nun habe ich in meiner Kritik und Meinung so viel über das Buch hergezogen und muss doch letzten Endes zugeben, dass es mir dennoch sehr gut gefallen hat. Wie kommt’s? Nun, es fällt zunächst immer etwas einfacher zu motzen. Mir fallen tausend Kleinigkeiten auf, die mich stören, aber es ändert nichts daran, dass ich dieses Buch mit Begeisterung gelesen habe, mich in die Geschichte katapultiert sah, mit Mordred gelitten habe und von dem Britannien um Fünfhundernochwas nach Christus, so wie Anja Thieme es aufzeigt, sehr angetan bin. Zwar kann ich dieses Buch nicht als historischen Roman durchgehen lassen, aber als historisch oder legendenangehauchte Fantasy ist es wirklich sehr gut gelungen. Für die erste Hälfte würde ich denn auch gerne eine „Unbedingt Lesen“-Empfehlung aussprechen, doch leider fallen Spannung und Lesefreude in der zweiten Hälfte des Buchs merklich ab. Trotzdem würde ich jederzeit wieder ein Buch der Autorin mit dieser oder einer ähnlichen Thematik lesen.

Hamilton, Laurell K. – Bittersüße Tode (Anita Blake 1)

_Mrs. Rambo und die Nackenbeißer_

Anita Blake’s Hauptberuf wäre für manche Leute schon Abenteuer genug, denn sie arbeitet als Animator, was bedeutet, dass sie auf Aufträge hin Tote als Zombies zum Leben erweckt. Wozu das gut sein soll? Nun – zum Beispiel, um rechtliche Nachlassstreitigkeiten zu regeln oder Versöhnungsgespräche mit Toten führen zu können. Wahrlich kein langweiliger Schreibtischjob. Doch nebenbei dient Anita auch noch der örtlichen Polizei in St. Louis als sachkundige Expertin in anderweltlichen Fragen und arbeitet als Vampirjägerin, ein Feld in dem sie sich den Beinamen „The Executioner“ erarbeitet hat.
Denn die USA haben zwar diverse untote und paranormale Lebensformen als legal anerkannt, diese Kräfte jedoch unter rechtlicher Kontrolle zu halten und dafür zu sorgen, dass Vampire, Werwesen, Ghoule, Zombies und andere mehr oder weniger menschliche Gestalten nicht außer Kontrolle geraten, ist für die Polizei zu einem echten Problem geworden.

So wird Anita denn auch hinzugerufen, als in St. Louis ein Mörder umgeht, der Vampire und selbst die besonders alten und mächtigen Meistervampire gnadenlos abschlachtet. Ins Jenseits befördert, wäre hier vielleicht der falsche Ausdruck. Nicht nur die Polizei heuert Anita an, sondern auch eine Gruppe um die örtliche Meistervampirin Nikolaos sichert sich durch Drohungen und Erpressungen ihre Arbeitsdienste in diesem Fall.

Die Ermittlungen führen Anita quer durch das Vampir-Vergnügungsviertel von St. Louis von der örtlichen Vampir-Strip-Bar „Guilty Pleasures“ über ein Treffen mit der Vereinigung „Menschen gegen Vampire“, ein Treffen mit dem Obervampir der „Kirche des Ewigen Lebens“ und auf eine Vampirfanparty. Schon bald glaubt Anita. einen ersten Hinweis zu haben, ihre Ermittlungen werden jedoch erschwert, als sie zwischen die Fronten eines Machtkampfes der Vampiranführerin Nikolaos mit dem Meistervampir Jean-Claude gerät.

_Autorin mit blutrotem Lippenstift_

Laurell K. Hamilton wurde in Heber Springs, Arkansas geboren, wuchs jedoch in einem kleinen Ort im Staat Indiana auf. Nach dem Tod ihrer Mutter 1969 wurde sie von ihrer Großmutter erzogen. Bereits im Alter von 13 Jahren beschloss sie nach der Lektüre von Robert E. Howards Geschichtensammlung „Pigeons from Hell“, dass sie selbst eine Autorin übersinnlicher Horrorstorys mit Fantasyelementen werden wollte. Sie hat einen Uni-Abschluss in Englisch und Biologie. Nach zahllosen Ablehnungen gelang ihr erstmals 1989 die Veröffentlichung einer Kurzgeschichte in Marion Zimmer Bradley’s |Fantasy Magazine|. Ihr erster Roman „Nighseer“ erschien 1992. Danach verfasste sie einen „Ravenloft“-Roman und einen „Star Trek“-Roman, bevor sie 1993 mit „Guilty Pleasures“, dem ersten Teil der Anita-Blake-Serie, den endgültigen Durchbruch erreichte. Die Serie verkaufte sich zunehmend besser und im Jahr 2000 kam der erste Band der zweiten, unabhängigen Serie, der Merry-Gentry-Reihe über eine Feen-Prinzessin, die als Privatdetektivin in LA arbeitet, auf den Markt. Beide Serien sind noch nicht abgeschlossen.

„Guilty Pleasures“ ist der erste Band der Anita-Blake–Serie. Die genauere Auflistung samt Übersetzungstiteln (soweit vorhanden, es sind noch längst nicht alle Titel übersetzt):

1. Guilty Pleasures (dt. Bittersüße Tode)
2. The Laughing Corpse (dt. Blutroter Mond)
3. Circus of the Damned (dt. Zirkus der Verdammten)
4. The Lunatic Café
5. Bloody Bones
6. The Killing Dance
7. Burnt Offerings
8. Blue Moon
9. Obsidian Butterfly
10. Narcissus in Chains
11. Cerulean Sins
12. Incubus Dreams
13. Danse Macabre (erscheint 2006)

_Bis an die Zähne bewaffnet_

Laurell K. Hamilton gelingt das seltene Kunststück, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln. Vampirgeschichten, besonders wenn sie ins Grenzgebiet eines Genres namens |Vampire Romance| gehören, sind oft niederste Werke der Trivialliteratur. Hamilton erhebt sich hier angenehm von den billigen Plätzen und gewährt dem Vampirroman einen erstklassigen Logenplatz in der Spannungsliteratur. Dies schafft sie unter anderem dadurch, dass sie sich nur sehr selten auf die Spuren breitgetretener Klischees begibt und zudem gekonnt ihre nicht zu unterschätzenden Schreibkünste einsetzt. Zudem geizt sie wahrlich nicht mit Splattereffekten. Und obwohl das Buch durch seine mehr als nur unterschwellige erotische Stimmung durchaus zu den |Vampire Romances| gezählt werden kann, lässt sie sich beispielsweise nicht auf platte Liebesszenen ein. Weiter als ein paar – zugegebenermaßen tiefe – Küsse und Bisse kriegt der Leser in dieser Hinsicht zumindest nichts geboten, doch das reicht der Autorin, um eine schwindelerregende erotische Spannung fast durch das gesamte Werk hindurch aufrecht zu erhalten. Zudem konzentriert sie sich trotz der Knisterspannung auf den kriminalistischen Aspekt der Geschichte und die Horrorelemente und lässt die Geschichte nicht zu einer bloßen Sex-Klitsche verkommen. Der Leser will vor allem wissen, wer der Vampirmörder ist und wie Anita sich aus ihrer verfahrenen Situation herauswinden wird. Und an diesen Fragen arbeiten Anita und ihre Autorin hart und zur vollsten Zufriedenheit des Lesers.

Die Charakterisierung Anitas selbst ist sicher gelungen. Die Geschichte wird in der ersten Person aus ihrem Blickwinkel erzählt, dadurch erhält der Leser Einblick in ihre Gedanken und Ansichten. Als eine Mischung aus Stephanie Plum (mit dem weitreichenden Unterschied, dass Anita wirklich ein Profi ist, ihre Pistole nicht in der Keksdose aufbewahrt und auch stets bis an die Zähne bewaffnet durch die Lande kreuzt), Rambo und den Ghostbusters lässt sie sich von ihren zumeist überlegen erscheinenden Gegnern nicht unterkriegen und zaubert auch in der verfahrensten Situation immer noch ein Ass aus dem Ärmel. Dabei wirkt sie aber trotz ihrer Künste menschlich, mit ihren kleineren Schwächen und Fehlern. Gestört hat mich an ihr die etwas zu amerikanisch anmutende Denk- und Redeweise. Da wirken einige Sätze überzeichnet, zu „tough“, zu gekünstelt. Auch einige der zynischen Bermerkungen und Gags wiederholen sich hier ein wenig.

Ein aufwertender Aspekt des Buches ist es in meinen Augen unbedingt, dass Hamilton das Thema Untote und Vampire vielschichtig beleuchtet. So ist in Anitas Welt die Attraktivität der Kirche des Ewigen Lebens (einer Vampirkirche) nicht unlogisch damit begründet, dass die Menschen sich vor dem Tod und dem unbekannten „Danach“ fürchten. Auch wenn Anita sich fragt, was mit der Seele der Untoten, denen sie den letzten Rest gegeben hat, passiert, zeigt sich diese ambivalente Ansichtsweise. Die Vampire selbst werden ebenfalls vielfältig dargestellt: Da gibt es sowohl emotionslose Blutsauger als auch verständnisvolle Vertreter der Gattung, die in den Menschen um sie herum mehr sehen können als Blutspender. Nur so ist auch die aufregende Kombination aus Horror, Sado-Maso-Vampirismus und einer bittersüß-sinnlichen Anziehungskraft einzelner Vampire zu verstehen. Anitas Einstellung diesen Vampiren gegenüber ist ebenso gespalten. Denn obwohl sie sich nach ihrer Arbeit als Vampirjägerin immer wieder sagt, dass alle Vampire tote Monster sind, kann sie sich doch einer gewissen Anziehungskraft – insbesondere der langzahnigen Sahneschnitte Jean-Claude – nicht erwehren. Da der Leser in der Regel bereits wissen wird, dass es sich bei diesem Buch um den ersten Band einer Serie handelt, wird eine gewisse Erwartungshaltung in diese Beziehung hineingebaut, was die Folgebände betrifft.

Natürlich gibt es auch jede Menge normaler und paranormaler Nebenpersonen in der Geschichte. Leider sind einige dieser Charaktere nicht kräftig genug gezeichnet und erscheinen farblos, was durch die große Anzahl an Nebenprotagonisten noch unnötig betont wird.

Etwas vermissen muss der Leser auch einige Erklärungen zu der Welt, in der diese Geschichte spielt. Denn weder ist es eine fremde, konstruierte Welt in Fantasymanier, noch spielen die Romane in ferner Zukunft. Stattdessen könnte man von unserer Zeit und unserer Erde ausgehen, mit der Ausnahme, dass diese Alternativwelt von zahlreichen Untoten, Werwesen und anderen paranormalen Gestalten mitbewohnt wird.
Es gibt zu diesem Zeitpunkt keine richtigen Erklärungen für den Leser, welcher Umstand das Auftauchen der Untoten herbeigeführt hat und wo und wie sie vor ihren öffentlichen und legalen „Leben“ ihre Zeit verbracht haben. Und diese Zeit muss es ja gegeben haben, denn wenn die Vampirmeisterin Nikolaos mit ihren über eintausend Jahren auch ein geradezu antiker Sonderfall zu sein scheint, so sind doch einige der Langzähne schon seit hundert Jahren und mehr dem Vampirdasein verschrieben. Hierzu erhält der Leser keine Einführung, keine Erklärung und wird ohne lange Vorreden in diese Alternativwelt hineingeworfen.

Trotz einiger kleineren Kritikpunkte halte ich „Guilty Pleasures“ jedoch für einen gelungenen und vielversprechenden Einstieg in eine fesselnde Serie zwischen Horror, Sex und Crime.

|Originaltitel: „Guilty Pleasures“, Jove, 1993|

Homepage der Autorin: http://www.laurellkhamilton.org

Sterling, Cheryl – What Do You Say to a Naked Elf?

Jane hält sich für eine typische amerikanische Mittzwanzigerin: Jüngstes von fünf Kindern, Single, tagsüber arbeitet sie als Sekretärin und abends verkauft sie auf selbstorganisierten „Tupperpartys“ essbare Unterwäsche und ähnliches Erotikspielzeug. Nach einer dieser Partys gerät ihr auf dem Heimweg auf einer verlassenen Landstraße ein Kaninchen unter die Autoräder und sie verursacht einen Unfall, bei dem ihr Fahrzeug in Flammen aufgeht. Die fünf grazil gebauten Herren in merkwürdiger Kleidung, die ihr helfen, ihre kostbare Erotik-Ladung aus dem Kofferraum zu retten, kommen ihr gerade recht. Als sie ihnen jedoch folgt und sich in einer anderen Welt wiederfindet, ahnt sie, dass das Schicksal ihr einen mehr als üblichen Streich spielt. Ihr Hauptbegleiter ist Charlie, seines Zeichens halb Elf und halb „Fairy“ – was sowohl seine Ähnlichkeit mit Legolas, seine spitz zulaufenden Spock-Ohren als auch seine Flügel erklären sollte. Doch nicht genug der Dinge, muss Jane doch erkennen, dass Charlie zu ihrem Anwalt erkoren wurde – denn der überfahrene Hase war ein gestaltwandelnder Elf und sie findet sich auf der Mordanklagebank wieder. So weit – so schlecht. Doch dann entwickelt Jane plötzlich magische Kräfte und eine entschiedene Fetischvorliebe für Sex mit geflügelten Männern und übernimmt die Organisation der örtlichen sexuellen Befreiungsfront.

Klingt das nach einer Story, die einem Fantasy-Autor während eines schlechten Trips eingefallen ist? Möglich. Im Grunde möchte das Buch sich jedoch in die Reihe der |Fantasy Romance| einreihen. Fantasy vermutlich, weil Elfen, Zwerge, Zauberer etc. vorkommen, sowie ein „Portal“ zwischen den Welten. Romance – vielleicht, weil es im Grunde keine vernünftige Story gibt und das Ganze wirkt wie ein paar zusammengewürfelte Fantasy-Elemente, die sich um ziemlich detaillierte und penetrante Liebesszenen zwischen Jane und dem Elfenmann Charlie gruppieren.

Geschichten, in denen die Heldin oder der Held plötzlich und unerwartet entdecken, dass sie Erbin des Königsthrons sind, sind im Grunde flach, haarsträubend und idiotisch genug. Wenn dies gleich beiden Hauptcharakteren passiert (mit zwei verschiedenen Thronen wohlgemerkt), dann fällt mir dazu vor lauter Plattheit der Autorin eigentlich kein Kommentar mehr ein.

Nehmen wir die Charakterisierungen der Protagonisten und auch der diversen Nebenfiguren, so finden sich stets nur noch weitere Klischees. Im Grunde wirkt das alles sehr nach amerikanischen Vorabendserien. Jane, unsere zunächst so simple menschliche Heldin ist Vertreterin einer Spezies, die in amerikanischen Liebesromanen stets die Hauptrolle zu spielen scheint. Hübsch, Mitte zwanzig, Single, chaotisch, selbstbewusst bis zum Grad der kompletten Selbstüberschätzung und rückhaltlos vorlaut. Sie reißt einen vermeintlichen Gag nach dem nächsten – schade nur, dass keiner davon wirklich lustig ist. Im Zuge der Geschichte mausert sie sich dann zu Superwoman in Elfenland, entwickelt magische Fähigkeiten, entdeckt ihr königliches Blut, wird schwanger, verliebt sich haltlos in anderes königliches Blut etc. etc. Gähn. Ihre für mich hervorstechendste Eigenschaft ist eigentlich ihre absolute Nervigkeit. Sie redet zu viel – vor allem zu viel Schwachsinn, handelt völlig jenseits menschlicher Vernunft und stets außerhalb der Linien des guten Geschmacks. Sie nervt bis über die Kopfschmerzgrenze hinaus. Und sie ist rundum unsympathisch.
Charlie ist ein Legolas-look-a-like. Das ist dann aber auch schon sein einziger Pluspunkt. Er ist ansonsten ein ziemlich langweiliger Charakter, ein typischer Jurist, nur mit Spitzohren und Flügeln, der im Laufe des Buches zu Janes Lebensretter mutiert. Obwohl er der zweite Hauptprotagonist des Buches ist, ist sein Charakter nur unvollständig skizziert. Wir erfahren zwar einiges über seine Vorgeschichte, aber er selbst bleibt eine unbekannte Größe. Es gibt daher beim besten Willen nicht mehr über ihn zu sagen.
Auch die anderen Charaktere sind völlig oberflächlich gezeichnet und haben zum größten Teil nur darauf gewartet, von Jane aus ihrem bislang stumpfsinnigen Elfendasein gerettet zu werden.

Die beiden Hauptcharaktere, Jane und Charlie, werden von der Autorin in ausführlich beschriebenen, völlig überzeichneten Liebesszenen zusammengeworfen – mal wird Jane von Charlie stehend gegen die Tür genommen, dass das ganze Elfenland in dem gemeinsamen Orgasmus erzittert, bis hin zu wollüstig-kitschigen „Ich-liebe-dich-liebst-du-mich-auch“-Szenen an magischen Teichen. Das Ende des Buchs ist die Mutter aller Klischees mit Heirat, Babys und allem drum und dran. Interessantere Geschichten, weniger stereotype Charaktere und weniger offensichtliche Handlungsverläufe findet man selbst in den Sammlungen der Gebrüder Grimm.

Die Sprache des Buches ist der Handlung entsprechend sehr einfach gehalten, sämtliche Wortneuschöpfungen sind erklärt oder ergeben sich aus dem Zusammenhang. Die Sätze sind kurz und einfach gehalten. Selbst für Anfänger im Originalelesen sollte dieses Werk keine besondere Herausforderung darstellen. Eine Übersetzung gibt es bislang nicht.

„What do you say to a naked elf?“ ist Cheryl Sterlings erster veröffentlichter Roman. Zuvor hat Cheryl Sterling, eine ausgebildete Informatikerin aus dem amerikanischen Staat Michigan, verheiratet und Mutter zweier Kinder im Teenager-Alter, Geschichten geschrieben, die in der Gegenwart spielen, die jedoch bislang unveröffentlicht geblieben sind.

Alles in allem ist dies das schlechteste Buch, das ich seit langer, langer Zeit gelesen habe. Weder beherrscht die Autorin die Kunst, den Leser zu fesseln, noch hat sie überhaupt eine richtige Geschichte zu erzählen. Aufgrund der graphischen Erotikszenen ohne verbindende Handlung werte ich das Buch als „Porno mit Elfen“. Der absolut einzige Lichtblick ist der marketingorientierte, originelle Titel, auf den ich hier dann auch komplett hereingefallen bin.

Homepage der Autorin: http://www.cherylsterlingbooks.com

Peinkofer, Michael – Bruderschaft der Runen, Die

Verschwörungen und Geheimnisse aus der Vergangenheit schon waren schon immer ein beliebter Stoff mit vermeintlicher Erfolgsgarantie. Doch nicht jedes Buch mit einem spannend klingenden Thema ist auch wirklich ein packender Roman. Wie es um Michael Peinkofers Werk „Die Bruderschaft der Runen“ bestellt ist, wollen wir hier einmal genauer untersuchen.

_Das Geheimnis der Schwertrune_
Als der geschichtsbesessene Gehilfe Sir Walter Scotts in der Kloster-Bibliothek von Kelso unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, fühlt sich der bekannte Schriftsteller mitverantwortlich für dessen Tod und versucht, die Umstände zu erforschen. Schon bald sieht er seine Befürchtung, dass es sich nicht – wie offiziell angegeben – um einen Unfall handelt, bestätigt. Stattdessen glaubt er an einen Mord. Durch seine Untersuchungen, bei denen ihm sein junger Neffe Quentin Hay zur Seite steht, stößt er auf ein fehlendes Buch und eine verbotene Rune für das Wort „Schwert“, die ein Hinweis zu einer alten schottischen Druiden-Sekte, einer Art Geheimbund, sein könnte. Kurz darauf wird die Bibliothek durch Brandstiftung zerstört.
Der von Scott hinzugezogene englische Inspektor Dellard nimmt Scotts Hinweise und Untersuchungsergebnisse allerdings nicht ernst. Stattdessen scheint er in dem Fall eigene Interessen zu verfolgen. Der befreundete Abt des Prämonstratenser-Ordens, der die Bibliothek verwaltete, warnt Scott vor jeder weiteren Einmischung, hüllt sich aber, seine Gründe hierfür betreffend, in Schweigen. Und wirklich werden Sir Walter Scott und sein Neffe zur nächsten Zielscheibe der Täter, was den bekannten Dichter aber nur noch verbissener nach der Wahrheit um die geheime Bruderschaft suchen lässt.

Währendessen reist die englische Adlige Lady Mary of Egton in die Highlands, um eine arrangierte Hochzeit mit dem Laird of Ruthven zu schließen. Doch sie wird von mysteriösen Träumen über ein schottisches Mädchen geplagt, das – wie sie herausfinden muss – 500 Jahre vor ihrer Zeit auf Burg Ruthven gelebt hat. Währenddessen eskalieren tagsüber ihre Beziehungen zu ihrem zukünftigen Bräutigam und seiner Mutter schnell bis zu einem Punkt, an dem Mary um ihr Leben fürchtet.

_Idee und Wirklichkeit_
Ein verschwörerischer Geheimbund, alte Runen und ein Rätsel aus der Vergangenheit. Für mich klang das nach absolut vielversprechenden Zutaten für eine Art von historischem Dan Brown. Und das Gerüst der Geschichte ist auch in der Tat sehr gelungen aufgebaut. Alleine schon die Idee, Sir Walter Scott als Detektiv fungieren zu lassen, gefällt mir sehr gut. An dem gesamten kriminellen Plot gibt es – sofern man sich nicht gegen mystische Elemente und Unerklärliches sträubt – nichts zu meckern. Die Spannung setzt bereits früh ein und für ein Buch dieses Umfangs muss man nur sehr wenige Längen in Kauf nehmen. Eigentlich also eine ideale Grundlage, die einen spannenden historischen Krimi abgeben sollte. Und spannend ist das Buch auch durchaus, dennoch hatte ich mir von diesem Buch mehr versprochen.

Denn der Teufel steckt hier im Detail. So ist zwar beispielsweise die Charakterisierung Scotts als meisterhafter Beobachter und Anhänger der Logik gut gelungen, einige der anderen Personen sind jedoch völlig überzeichnet und auch das Ende des Buchs entzieht sich jeder nachvollziehbaren Logik.

Allen voran stößt mir die Person der Mary of Egton unangenehm auf. Sie ist wunderschön, fremd im Land, versteht die Menschen aber besser als die bösen Lairds, speist mit Dienern und Bauern an einem Tisch und kämpft selbstlos gegen die kleinste Ungerechtigkeit. Kurz: Sie ist einfach nicht glaubhaft. Auch ihr Handeln in diesem Buch ist an einigen Stellen nicht nachzuvollziehen. Ein extremes Beispiel ist hier, dass sie in einer gefährlichen Situation gegen Ende des Buches plötzlich – und für mich als Leser völlig unerwartet – ihre Liebe zu Quentin in die Welt hinausruft. Dabei hat sie nicht nur mit dem angeblichen Mann ihrer Träume vorher kaum drei Sätze gewechselt, sondern auch während der nachfolgenden Zeit keinen für den Leser erkennbaren Gedanken an ihn verschwendet – von Anzeichen des Verliebtseins gar nicht zu reden.

Quentin hingegen ist natürlich auf den ersten Anblick Mary verfallen. Es wird uns gesagt, dass er von ihr so angetan sei, da er zuvor nur Bauernmädchen und Bürgerstöchter kannte, nie jedoch eine Lady von Geblüt, Geburt und mit dieser Erziehung und zumal noch von solch lieblichem Anblick. Nun, denn. Das klingt für mich nicht nach Liebe sondern nach pubertären Hormonwallungen, was auch dadurch unterstrichen wird, dass er sie erblickt und fortan zufrieden sein soll, und „für den Rest seines Lebens auf der Schwelle ihres Zimmers stehen und in ihrer Nähe sein zu dürfen“ (S. 167) soll für ihn die ultimative Glücksvorstellung sein. Nicht gerade nachvollziehbar für mich. Und darüberhinaus auch etwas kitschig, was hier auch noch durch den etwas schwülstigen Schreibstil unterstrichen wird.

Denn obwohl ich Herrn Peinkofer nicht generell jegliche Schreibkunst absprechen will, muss ich doch feststellen, dass mir sein Stil nicht liegt. Die Formulierungen sind überdramatisch und die Sätze brechen vor allem unter der Last der etwas klischeehaft eingesetzten Adjektive zusammen. Dies trifft insbesondere für alle Beschreibungen und Handlungen der Bösewichte zu. Hier scheint Peinkofers Phantasie derart mit ihm davonzugaloppieren, dass er ein Klischee nach dem anderen aufkommen lässt. Ein „… schneidender Befehl gellt über der Dorfplatz …“ S. 203, „… sagte er mit einer Kälte, die sie erschauern ließ“ (S. 221), „unheimliche Gestalten in flatternden Roben und auf schimmernden Pferden“ (S. 235). Je weiter das Buch fortschreitet, desto mehr fallen mir solche Formulierungen wieder und wieder auf und stören mein Leseempfinden beharrlich.

Auch was die mystischen Elemente betrifft, die Peinkofer in diesem Buch einsetzt, so stehe ich diesen gespalten gegenüber. Denn einerseits habe ich nichts gegen Übersinnliches und Fantasy-Elemente, die meiner Meinung nach einem spannenden, historischen Roman eine schön gruselige Horrornote verleihen können. Das muss ja kein Nachteil sein. Doch gemischt mit Peinkofers überdramatischem Schreibstil und seinen zum Teil klischeehaften und unglaubwürdigen Charakterisierungen, wirken solche Mittel sehr künstlich. Die alte Kala, über die wir nur Andeutungen erhalten, und die über Jahrhunderte hinweg in die Geschichte eingreift. Der Graf, ihr dunkler Gegenspieler. Die Visionen der Vergangenheit, die Marys Träume prägen. All das hätte vielleicht von der grundsätzlichen Idee her noch gepasst, ist aber in überzeichneter Weise in die Geschichte eingefügt, so dass es nicht wirklich dazu beiträgt, das Buch zu einem gelungenen historischen Roman zu formen, sondern es stattdessen stellenweise verkitschen lässt.

Auf historische Korrektheit sollte man bei „Die Bruderschaft der Runen“ ebenfalls keinen allzugroßen Wert legen, was einem spätestens beim Auftauchen der diversen Fantasy-Elmente klar sein sollte. Aber auch was grundlegende historische Fakten angeht, hat sich Herr Peinkofer ganz seiner überschäumenden Phantasie hingegeben: Weder ging William Wallaces Schwert nach seinem Tod in den Besitz von Robert the Bruce über, noch war Robert the Bruces Schwert, das er in der Schlacht von Bannockburn benutzte, über Jahrhunderte hinweg verloren. (Es befindet sich seit rund 700 Jahren im Besitz der Familie des Earl of Elgin, der ein direkter Nachfahre von Robert the Bruce ist). Und schon gar nicht wurde das Schwert etwa von Sir Walter Scott wiederentdeckt. Etwas missverständlich ist dies nämlich im Epilog dargestellt, der noch zur fiktiven Geschichte gehört, aber den Eindruck eines Nachwortes des Autors vermittelt und so einen leichtgläubigen Leser mit falschem historischem Eindruck zurücklassen kann.
Dennoch denke ich, dass man solche historische Hirngespinste insgesamt verzeihen kann, da es sich hier schließlich um ein Werk der Unterhaltungsliteratur handelt. Umso mehr zudem, als der Autor selbst auch im Nachwort zugibt, sich einige historische Freiheiten erlaubt zu haben. Zwar spricht Peinkofer da von der Person des Sir Walter Scott und die übrigen historischen Freiheiten werden nicht explizit erwähnt, doch dem halbwegs aufgeschlossenen Leser sollte schon klar werden, dass es sich hier nicht gerade um eine Quellenlektüre handelt.

„Die Bruderschaft der Runen“ hat mich insgesamt eher enttäuscht. Obwohl das Buch über gute Ansätze verfügt, wie zunächst einmal die Idee, Sir Walter Scott als Detektiv agieren zu lassen, als auch der durchaus gelungene Spannungsaufbau, so rutscht die Geschichte, je weiter sie voranschreitet, insbesondere durch den schwülstigen, überdramatisierenden Schreibstil und die klischeehaften, überzeichneten Charakterisierungen auf ein Niveau herab, auf dem ich das Buch allenfalls noch eingefleischten Fans schottischer Geschichte empfehlen kann.

_Historische Fakten_
Sir Walter Scott wurde am 15. August 1771 in Edinburgh geboren. Als einer der ersten Autoren, die auch Personen außerhalb des Adelsstandes und sogar Andersgläubige als günstig portraitierte Hauptrollen in ihren Werken auftreten ließen, gilt er als Verfechter des Prinzips, dass alle Menschen, egal in welchen Stand oder Glauben sie geboren wurden, zunächst gut sind. Seine zumeist historisch ausgerichteten Werke behandeln häufig das Aufeinandertreffen verschiedener Glaubensrichtungen oder Kulturen, wie beispielsweise die Reibungen zwischen Angelsachsen und Normannen in seiner vermutlich bekanntesten Schöpfung „Ivanhoe“.

_Zum Autor_
Michael Peinkofer wurde 1969 geboren, hat Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft studiert und arbeitet unter anderem als Journalist, zum Beispiel als Fernsehjournalistfür das Magazin |Moviestar|. Er hat nach Verlagsangaben unter diversen Pseudonymen (die der Verlag aber nicht nennt) anscheinend schon etwa 180 Bücher verfasst. Unter dem Namen Michael Peinkofer ist vor seinem ersten historischen Roman „Die Bruderschaft der Runen“ aber bisher nur „Das große Star Trek Buch“ erschienen, das unter seiner Mitautorschaft entstanden ist. Er lebt in Kempten im Allgäu.

Morgan, Fidelis – Rival Queens, The

Meine neueste Entdeckung heißt Fidelis Morgan. Über ihren ersten historischen Kriminalroman [„Unnatural Fire“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1006 habe ich bereits berichtet. Dieses Mal soll es um die Fortsetzung „The Rival Queens“ gehen.

_Theater, Theater …_

London, 1699: Die Hauptfiguren Countess Anastasia Ashby de la Zouche, ihre Helferin Alpiew sowie den grummeligen Diener Godfrey kennen wir bereits aus dem ersten Band. Wer diesen nicht gelesen hat: Die drei stehen ständig kurz vorm Schuldturm, wohnen zu dritt in der Küche eines ehemals vornehmen, jetzt aber fast nur noch von Tauben bewohnten Stadthauses. Und ähnlich heruntergekommen wie ihre Residenz sind auch die drei ungewöhnlichen Protagonisten. Die Countess ist eine alte Schachtel, ein gutes Stück jenseits der Sechzig, der ständig die Perücke vom Kopf rutscht und das Make-up vom Gesicht bröselt. Alpiew ist im mittleren Alter und mit einem prächtigen Vorbau ausgestattet. Godfrey ist der Älteste, mit gebücktem Greisengang, zahnlos und zudem noch ein puritanischer Kostverächter, der trotz seiner untergebenen Stellung immer etwas zum Meckern findet – besonders an den beiden Frauen.

Dieses Mal also stolpern Alpiew und die Countess über den Mord an einer Schauspielerin. Verdächtige bieten sich zuhauf an, der schmierige Kollege, die rivalisierende Schauspielerin Rebecca Montagu, mit der sich die Ermordete häufig öffentlich gestritten hat, der geldgierige Theatermanager Mr. Rich, ein Lebkuchenverkäufer und der Anführer einer adligen Bande von Taugenichtsen sind da nur die wichtigsten, die zu nennen wären. Unsere beiden Hobby-Detektivinnen werden von der Bühnen-Rivalin Rebecca Montagu angeheuert, den Mord zu lösen. Und wenn sie nicht (schon wieder) im Schuldturm landen wollen, müssen sie den Auftrag auch annehmen – allerdings scheint ihnen Rebecca selbst die wahrscheinlichste Täterin zu sein. Und wie kommt eigentlich eine Schauspielerin an derartige finanzielle Rücklagen, dass sie sich eine ganze Kiste Gunpowder-Tee leisten kann? Doch dann kommt es zu einem zweiten Mord. Und langsam erahnen die Countess und Alpiew, dass in der Welt des Theaters das offensichtlich Erscheinende nicht immer der Wahrheit entsprechen muss und ein Blick hinter die Kulissen und Masken eine ganz andere Wahrheit zu Tage fördern kann.

_Barock unplugged_

Dieses Buch ist alles andere als gewöhnlich. Vergeblich sucht der Leser hier die hübsche, jugendliche Hobbydetektivin. Stattdessen finden wir eine alte Dame und ihre auch nicht mehr ganz taufrische Gefährtin sowie einen Diener, der auf bemalte Holzzähne zurückgreifen muss. Vergeblich sucht man auch die fast unvermeidlich gewordene Liebesgeschichte und findet stattdessen einen fesselnden historischen Krimi mit Schmunzeleffekten, was ich für eine sehr angenehme Abwechslung halte. Auch die Nebenfiguren – von der temperamentvollen, fußstampfenden Schauspielerin bis zum stotternden und etwas trotteligen Gefängniswärter – sind allesamt voller Detailfreude gezeichnet, dabei aber doch in Zeit und Plot eingepasst und insgesamt sehr glaubhaft.

Die Autorin Fidelis Morgan ist selbst eine in Großbritannien gefeierte Schauspielerin und hat darüberhinaus einige Sachbücher zur Geschichte des Theaters besonders in der Zeit der Reformation veröffentlicht. Sie hat einen Abschluss in „Drama and Theatre Arts“ von der Birmingham University. Dort hat auch ihr Interesse an der Restaurationsperiode und insbesondere ihrer Theaterkultur seinen Ursprung genommen. Heute ist Fidelis Morgan eine erfolgreiche Schauspielerin. Obwohl sie auch in britischen Fernsehproduktionen wie u. a. „Jeeves & Wooster“, „Big Women“, „Mr. Majeika“, „As Time Goes by“ und „Dead Gorgeous“ aufgetreten ist, liegt ihr Erfolg doch hauptsächlich am Theater. Besonders gerühmt wurde ihre Arbeit am Glasgow Citizens Theater. Neben der Schauspielerei hat sie auch an der Adaption von Romanen für die Bühne mitgearbeitet. Bevor sie begann, historische Romane zu schreiben, hatte sie bereits fachliche Abhandlungen über Theater und Schauspieler der Geschichte, insbesondere der Restaurations-Periode veröffentlicht.
[„Unnatural Fire“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1006 war Fidelis Morgan erster Roman und zugleich ist er der erste Band einer Serie von vier historischen Kriminalromanen um die beiden eher ungewöhnlichen Detektivinnen. Nach dem hier behandelten zweiten Band „The Rival Queens“ sind also noch zwei weitere Bände der Serie erschienen.

Ihr Fachwissen bringt Fidelis Morgan in dieses Buch ausgezeichnet ein und schafft es so, einen lebendig und dreidimensional erscheinenden historischen Hintergrund zu zeichnen, ohne jemals langweilig oder gar schulmeisterhaft zu klingen. Ganz im Gegenteil, auch in diesem Buch behält sie ihre Eigenart bei, historische Persönlichkeiten von ihrem hohen Ross zu heben. Letztes Mal hatten wir Isaac Newton als etwas wirren Nachbarn der Countess, dieses Mal ist der heute insbesondere noch durch seine mehrfach veröffentlichten Tagebücher bekannte Samuel Pepys an der Reihe, der kurzerhand zum Wohle der Auflösung der Geschichte mit der Countess bekannt ist. Doch der ehrwürdige Pepys erscheint in einem ganz neuen Licht, nämlich als ältlicher Spinner, dessen einzige Konversationsthemen Sex und Schiffe sind und der unserer Heldin Alpiew penetrant an die Wäsche will.

Auch London, Schauplatz unserer Geschichte, erscheint mir historisch glaubhaft und dabei sehr eindringlich geschildert, wobei die Autorin sehr gut den Unterschied zwischen den ärmeren Vierteln und den Wohngegenden der besser situierten Reichen und Adligen herausgearbeitet hat. So folgen wir den Protagonisten an die unterschiedlichsten Schauplätze, vom Londoner Tower über einen barocken Sexshop bis hinter die Kulissen der Theater.

Der kriminalistische Teil der Geschichte ist eher noch spannender als im ersten Band. Die Spannung setzt eigentlich sofort ein und hält über das gesamte Buch hinweg an. Und wenn es mir auch gelungen ist, einzelne Teile des gesamten Puzzles vor den beiden älteren Damen zu lösen, so erlebt der Plot dann doch einige überraschende Wendungen, doch nicht so übertrieben, dass ich mich von der Autorin hinters Licht geführt fühle.

Die Sprache ist üppig, von ein paar Kraftausdrücken durchsetzt und dem barocken Zeitalter hervorragend angepasst; dadurch fügt sie sich nahtlos in das Gesamterscheinungsbild ein. Dennoch ist sie durch ihre stärkere historische Prägung nichts für Anfänger im Lesen englischer Originale, und die eine oder andere Redewendung, die selbst dem durchschnittlichen englischen Muttersprachler nicht vertraut sein wird, muss in Kauf genommen werden. Die Bedeutung lässt sich stets auch ohne spezielle Wörterbücher aus dem Kontext entnehmen.

Ganz ohne Frage: Die Countess und Alpiew haben sich mit ihrem zweiten Fall endgültig einen Stammplatz in meinen Bücherregalen erarbeitet. Ihre Bücher sind Fans ungewöhnlicher historischer Kriminalromane uneingeschränkt zu empfehlen und mein abschließendes Urteil lautet: „Encore!“

Morgan, Fidelis – Unnatural Fire

_Die Autorin_

Fidelis Morgan wurde durch einen Streich des Schicksals in einem roten Zigeunerwagen in der Nähe von Amesbury geboren. Wann dieses denkwürdige Ereignis exakt vor sich gegangen ist, ist anscheinend ein gut gehütetes Geheimnis, doch es muss wohl in den 50er Jahren gewesen sein. Sie ist als Tochter eines Zahnarzts im Raum Liverpool aufgewachsen und hat einen Abschluss in „Drama and Theatre Arts“ von der Birmingham University. Dort hat auch ihr Interesse an der Restaurationsperiode und insbesondere ihrem Theater seinen Ursprung genommen. Heute ist Fidelis Morgan eine recht erfolgreiche Schauspielerin. Obwohl sie auch in britischen Fernsehproduktionen wie u.a. „Jeeves & Wooster“, „Big Women“, „Mr. Majeika“, „As Time Goes by“ und „Dead Gorgeous“ aufgetreten ist, liegt ihr Erfolg doch hauptsächlich am Theater. Besonders gerühmt wurde ihre Arbeit am Glasgow Citizens Theater. Neben der Schauspielerei hat sie auch an der Adaption von Romanen für die Bühne mitgearbeitet. Bevor sie begann, historische Romane zu schreiben, hat sie bereits fachliche Abhandlungen über Theater und Schauspieler der Geschichte, insbesondere der Restaurations-Periode, veröffentlicht.

„Unnatural Fire“ war Fidelis Morgans erster Roman und zugleich ist er der erste Band einer Serie von vier historischen Kriminalromanen um zwei eher ungewöhnliche Detektivinnen. Die nachfolgenden drei sind: „The Rival Queens“, „The Ambitious Stepmother“ und „Fortunes Slave“. Weitere Bücher dieser Reihe scheinen momentan nicht geplant zu sein. Für alle, die sich nicht an die englische Originalausgabe trauen, ist unter dem Titel „Die Alchemie der Wünsche“ eine deutsche Übersetzung des hier behandelten ersten Teils erschienen (siehe unten).

_Alchemie und Mord_

Unsere Geschichte spielt im London des Jahres 1699: Anastasia Ashby de la Zouche, Baroness Penge und Countess of Clapham, eine ehemalige Geliebte von Charles II., durchlebt schwere Zeiten: Nicht nur, dass ihr betrügerischer Ehemann ihr mitsamt des Familiensilbers nach Amerika entwischt ist, außerdem plagen die Gräfin auch akute Geldsorgen. Fast alle versetzbaren Möbel ihres Hauses sind bereits verhökert und von den ehemals zahlreichen Dienern ist ihr nur noch der eher exzentrische, alte Godfrey geblieben. Dem Schuldturm entkommt sie nur noch, in dem sie ihre Gabe, Skandale auszuschnüffeln, einem Zeitungsverleger anbietet. Gemeinsam mit Alpiew, ihrer einstmaligen Kammerzofe, will sie nun für die Zeitung die Schmutzwäsche der Reichen und Bedeutsamen durchsuchen.

Doch eines Tages erscheint eine Dame, die Alpiew und die Gräfin anheuert, ihrem eigenen Mann nachzuspionieren, den sie verdächtigt, eine Geliebte zu haben. Die beiden folgen dem vermeintlich betrügerischen Ehemann Beau Wilson einen Tag lang und werden Zeuge, wie der Mann im übelsten Viertel der Stadt entführt wird, nur um am nächsten Tag vergnügt pfeifend wieder vor seiner eigenen Haustür zu stehen, als sei nichts passiert. Als sie ihm am zweiten Tag nachspionieren, trifft er tatsächlich mit einer Frau zusammen, von einem zärtlichen Stelldichein kann aber keine Rede sein, denn die Gräfin stolpert kurz darauf über seine Leiche und die Frau entkommt in das Dunkel der Nacht.

Als die Behörden die Ehefrau des Ermordeten festnehmen, bietet diese dem weiblichen Spürnasenteam eine reiche Entlohnung, wenn es Beweise ihrer Unschuld oder – noch besser – den wahren Mörder finden könnte.
Und damit beginnt die Schnitzeljagd der beiden unwahrscheinlichen „Detektivinnen“ durch das historische London, durch alchimistische Labore, Theater, französische Restaurants, Gefängnisse und dunkle Spelunken. Während für Mrs. Wilson im Gefängnis die Zeit immer knapper wird, können die Countess und Alpiew einige Ungereimheiten in Beau Wilsons Leben entdecken, und in einem alchimistischen Labor finden sie bald darauf das Hausmädchen Betty tot auf, deren Leiche im Dunkeln leuchtet. Und Bettys letzter Hinweis auf ihren Mörder ist die Zahl 33.

_Zwei alte Schachteln räumen auf_

Selten sind mir zwei außergewöhnlichere Hauptfiguren in einem historischen Roman untergekommen. Wer liest, die Hauptfiguren eines historischen Kriminalromans seien eine Gräfin und ihre Ex-Zofe, hat vermutlich – genau wie ich – instinktiv gewisse Vorstellungen von den beiden: jung, vermutlich ziemlich hübsch, aber keineswegs auf den Kopf gefallen. Nun, zumindest mit den ersten beiden Vermutung hat man weit gefehlt. Die Countess, die die 60 bereits seit einer geraumen Zeit überschritten hat, hat ein etwas heruntergekommenes Äußeres, ein faltiges Gesicht und die zerzauste rote Perücke rutscht ihr dauernd vom Kopf. Alpiew ist mit circa 40 auch nicht mehr taufrisch und ihr bestechendstes äußerliches Merkmal ist ihre im wahrsten Sinne des Wortes „herausragende“ Oberweite. Aber auf den Kopf gefallen sind sie denn nun wirklich nicht, und wenn sie auch nicht alles wissen, so beweisen sie doch immer wieder einen gesunden Verstand und zeigen sich vor allem stets aufs Neue „bauernschlau“.

Auch die sonst fast schon unvermeidlich erscheinende Liebesgeschichte, die schon so manchen guten Krimi auf Barbara-Cartland-Niveau heruntergezogen hat, hat sich Fidelis Morgan klugerweise gleich ganz gespart. Und Liebe beschränkt sich hier auf einen eher derben Quickie in einer Amtsstube. Allzu zimperlich sollte man als Leser nicht sein, und den einen oder anderen Kraftausdruck muss man hinnehmen, was mir aber für Zeit und Handlung eher realistisch erscheint.

Gräfin Anastasia und ihre Ex-Zofe Alpiew in ihrem etwas heruntergekommenen Zustand lassen sich in keine mir bekannte Schublade pressen. Fidelis Morgan hat hier wirklich etwas ganz Eigenes geschaffen, quasi eine völlig neues Romangenre, die barocke Krimikomödie. Das allein ist unbedingt bereits ein ungeheurer Verdienst, darüber hinaus fand ich aber auch den Schreibstil überaus lobenswert. Denn das Buch ist zwar sehr humorvoll, dabei aber kein bisschen flach. Die Personen sind allesamt tief gezeichnet und von hoher Originalität. Obwohl ich viel in diesem Genre lese, kann ich keinerlei Anleihen bei anderen Autoren feststellen.

Das verwendete Englisch lässt sich gut lesen und die Satzkonstruktionen sind nicht ausufernd, doch durch das historische Setting und die Thematik kommen schon mal ein paar Wörter vor, die dem Nicht-Muttersprachler vielleicht nicht bekannt sind und sich auch nicht im nächsten Taschenwörterbuch werden finden lassen, die Bedeutung ist aber stets durch den Kontext ersichtlich.

Der historische Hintergrund ist außergewöhnlich gut recherchiert und Frau Morgan hat ihr spezifisches Theater-Fachwissen an einigen Stellen sehr gut eingebracht, ohne auch nur ein einziges Mal schulmeisterlich zu wirken oder durch die dargestellte historische Detailliertheit die Geschichte selbst einzuengen.
Dies ist für mich eine eher ungewöhnliche historische Periode und hebt sich sehr angenehm von der Masse der sonstigen historischen Settings für Kriminalromane ab. Den sehr „barock“ wirkenden Hintergrund mit seinen gepuderten Perücken, Schönheitspflästerchen und den lockeren Sitten hinter einer oft steif wirkenden Fassade sowie die dieser Zeit angepasste Sprache von Fidelis Morgan muss man aber schon mögen, um diesem Buch etwas abgewinnen zu können. Da sie den historischen Hintergrund aber so lebendig zeichnet, dass er fast schon dreidimensional auf mich wirkt, fiel mir das erstaunlich leicht, auch wenn das nicht mein bevorzugtes Zeitalter ist.

Der Titel der deutschen Übersetzung „Die Alchemie der Wünsche“ ist etwas irreführend, denn wenn der alchimistische Wissensstand dieser Zeit auch Erwähnung findet, so bleibt dies doch eher eine Nebensache. Erwähnenswert ist es auch, dass der Nachbar der Gräfin, Isaac Newton, in dem Buch einen Gastauftritt hat und durch sein Wissen zur Lösung des Rätsels beitragen kann. Fraglich bleibt für mich aber, ob die deutsche Übersetzung es wohl geschafft hat, den sehr eigenen Humor des Buches angemessen rüberzubringen – auf alle Fälle eine Herausforderung für den Übersetzer.

Ein winziger Kritikpunkt findet sich vielleicht in dem kriminalistischen Plot, denn bei so viel Humor und Geschichte hat der Leser zu Beginn Mühe, auch noch Spannung zu empfinden. Nach Wilsons Mord, allerspätestens aber als Alpiew die leuchtende Leiche Bettys findet, ist es mit diesem Kritikpunkt vorbei und die Geschichte wird so spannend, wie sie als Krimi ja auch sein sollte. Dass am Ende zwei, drei kleinere Fäden der Geschichte ungelöst bleiben, ist ein Schönheitsfehler, den man dann gut verschmerzen kann. Auch gibt die Autorin dem Leser meiner Meinung nach an manchen Stellen zu viele Lösungshinweise, so dass wir Alpiew und der Gräfin hin und wieder bei der Lösung des Mordes einen halben Schritt voraus sind. Das nimmt dem Ganzen ein Quentchen Spannung, es passiert aber nicht allzu häufig.

_Fazit_

Endlich kann ich mal wieder ein Buch uneingeschränkt weiterempfehlen. Zwar ist „Unnatural Fire“ durch den späten Spannungseinsatz und eine begrenzte Vorhersehbarkeit nicht perfekt, aber diese kleineren Mängel werden für mich durch die sehr orginellen und sehr gut gezeichneten Protagonisten, einen interessanten Plot, ein ausgezeichnetes historisches Setting, den dicht gewobenen Schreibstil und die lobenswerte Recherchearbeit mehr als aufgewogen. Als historischer Krimi-Erstling ein wundervolles Buch, das neugierig auf die weiteren Bände dieser kleinen Serie macht.

Homepage der Autorin: http://www.fidelismorgan.com

_Deutsche Fassung als:_

[„Die Alchemie der Wünsche“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3499233371/powermetalde-21
ISBN: 3499233371
|rororo| Dezember 2002
Erstausgabe bei |Wunderlich im Rowohlt| 2001

Glaesener, Helga – Safranhändlerin, Die

Trier im frühen Mittelalter:
Wir schreiben das Jahr 1327. Marcella Bonifaz, Nichte des Trierer Schöffenmeisters ist eine junge Frau, die sich von niemandem etwas vormachen lässt. Sie ist Krämerin und handelt mit Gewürzen und Farbstoffen – und das in einer Zeit, in welcher der Handel eine Männerdomäne ist. Als sie günstig an toskanischen Safran kommt, schlägt sie zu und investiert fast ihr ganzes Vermögen. Doch der Wagenzug, der den kostbaren Safran liefern soll, wird überfallen und Marcella steht beinahe vor dem finanziellen Ruin. Eine Möglichkeit, allen Sorgen ein für alle Mal ein Ende zu bereiten, wäre es, endlich den Heiratsantrag des reichen Händlers Jacob Wolff anzunehmen. Doch Marcella will nicht heiraten – nicht nur Jacob nicht, sondern überhaupt nicht.

Überraschend wird dann einer der überfallenen Wagen bei einem Trierer Weinhändler entdeckt und dessen Sohn, Damian Tristand, gerade aus Genua heimgekehrt, des Überfalls beschuldigt und verhaftet. Marcella ahnt jedoch, dass Tristand, obwohl er einen schlechten Ruf hat, nicht für den Überfall verantwortlich ist und hilft ihm zu entkommen. Als dann in einem nahen Kloster plötzlich Safran auftaucht, wittert sie eine heiße Spur und gemeinsam mit Tristand, der seine Unschuld beweisen möchte, macht sie sich auf die Suche nach der Wahrheit. Damian und Marcella helfen sich gegenseitig aus so mancher Patsche und der Leser ahnt bereits lange vor Marcella, wohin das führen wird. Unterstützt werden die beiden gelegentlich noch von den unterschiedlichsten Nebenfiguren wie Marcellas Freundin Elsa, dem Ritter Richwin von Mielen und Jacob Wolff, dem Mann, den Marcella auf Wunsch ihres Onkels heiraten soll.

Marcella und Damian agieren vorwiegend von Burg Starkenberg aus, die von Gräfin Loretta von Sponheim geführt wird, einer mutigen, jungen Frau. Doch Marcella trägt finstere Schatten ihrer eigenen Vergangenheit mit sich herum und als die Gräfin den Bischof aufgrund eines Territorialstreits als Geisel nimmt, zieht sich das Netz um Marcella immer mehr zu. Ihr Leben gerät zunehmend in Gefahr und es wird klar, dass es einen Verräter in den eigenen Reihen geben muss.

Zunächst hatte ich Schwierigkeiten, mich an den teilweise von altertümelnder Umgangssprache durchfärbten Sprachstil der Autorin zu gewöhnen. Nach einer gewissen Zeit des Einlesens ging das aber recht gut und danach ist mir die Erzählweise nur noch selten unangenehm aufgefallen.
Insgesamt fand ich das Buch nach einer etwas schleppenden Eingangsphase flüssig zu lesen und spannend erzählt. Es gibt nur wenige Längen, an denen das Tempo etwas stockt oder die Geschichte gar etwas langweilig wird, was man aber bei einem Buch von über 400 Seiten schon mal verzeihen kann, besonders wenn es wie hier wirklich nicht übermäßig häufig vorkommt. Etwas unangenehm aufgestoßen ist mir, dass Helga Glaesener wiederholt zu einer starken Schwarz-Weiß-Malerei greift; die Helden sind alle hübsch, intelligent und charmant und die Fieslinge schmutzig, hässlich und dumpfbackig. Aber am Ende löst sich dieses Schubladendenken wieder auf, Gut und Böse vermischen sich und daher kann ich es insgesamt sehr gut verzeihen.

Die Personen der Geschichte sind gut gezeichnet, wenn auch nicht brillant. Marcella, aus deren Augen wir die Geschichte erleben (aber nicht in der ersten, sondern in der dritten Person), ist eine sympathische, starke Frau mit ebenso sympathischen kleinen Macken, in die ich mich gut hineinversetzen konnte. Dies ist unter anderem sicherlich dadurch bedingt, dass Marcella keine typische Vertreterin der Gruppe Frau im Mittelalter ist, aber die wenigsten Hauptfiguren von historischen Romanen dürften typische Vertreter ihrer Zeit sein.
Vielleicht könnte man auch kritisieren, dass das Geheimnis um Marcellas Vergangenheit nur bruchstückhaft aufgeklärt wird. Da jedoch genau dies Thema der bereits erschienen Fortsetzung „Safran für Venedig“ sein soll, fällt auch dieser Kritikpunkt für mich aus.

Sehr hilfreich fand ich, dass die Autorin im Nachwort auch darauf eingegangen ist, welche der handelnden Personen und Ereignisse historisch und welche fiktiv sind. Das Mittelalter in Trier fand ich jedenfalls sehr gut geschildert. Die Autorin hat eindeutig fleißig über den Handelsaufbau in dieser Zeit recherchiert und ihre Ergebnisse gut in das Buch einfließen lassen. Gleichzeitig ist die Erzählung aber auch nicht so überladen mit historischer Korrektheit, dass die fiktive Geschichte darunter litte.
Es handelt sich meiner Meinung nach um ein Zwischengenre aus historischem Kriminalroman und Historienroman. Zwar ist die Suche nach dem verschwundenen Safran und den Beweisen für Damians Unschuld das zentrale Thema des Buches, es gibt aber immer wieder längere Exkurse, in denen die Geschichte vom Thema abschweift, sich entweder der sehr unaufdringlich entstehenden Liebesgeschichte widmet oder einfach der Darstellung des bürgerlichen Lebens in der behandelten Zeit. Das Ende ist mit einigem Geschick konstruiert und lässt sich auch nicht zu früh erahnen – wenngleich es natürlich bereits im Vorfeld den einen oder anderen eher versteckten Hinweis auf die Lösung gibt.

Das Buch hat mir insgesamt gut gefallen, der Krimiplot ist spannend, die Charaktere sind interessant, der historische Hintergrund wirkt authentisch und die Liebesgeschichte ist nicht zu aufdringlich. Im Gegenzug ist der Schreibstil ein wenig gewöhnungsbedürftig und es fehlt auch einfach das gewisse letzte Quentchen Genialität. Alles in allem aber ein historischer Kriminalroman, den ich guten Gewissens empfehlen kann.

Die 1955 geborene Helga Glaesener hat Mathematik studiert, ist Mutter von fünf Kindern und lebt heute in Aurich/Ostfriesland. Sie hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, dabei umfasst ihr Publikationsgebiet nicht nur historische Romane, sondern auch Fantasy und eine Weihnachtsgeschichte.

Homepage der Autorin: http://www.helga-glaesener.de

Hohlbein, Wolfgang – Siegel, Das

„Das Siegel“ behandelt die Geschichte des vierzehnjährigen Ulrich von Wolfenstein, letzter Nachfahre aus einem verarmten Adelsgeschlecht, der sich den Kreuzfahrern anschließt, das heilige Land dann jedoch als Sklave betritt. Er wird verkauft an die Haschischin, die Anhänger des Hasan as-Sabbah, und zum Spielball der Intrigen zwischen diesen, den Tempelrittern und Saladin. Schließlich wird er zum Zeugen der Niederlage des christlichen Heeres bei Hattin, wo ihm der höchste Tempelherr das machtverleihende Siegel der Tempelritter anvertraut, auf dass er es in Sicherheit bringen möge. Stets scheint das Schicksal ihm trotz seiner unbedeutenden Geburt und seines unreifen Alters in Positionen zu zwingen, in denen das Schicksal vieler allein von seiner Entscheidung abhängt. Und letztlich fällt ihm die schwerste aller Entscheidungen zu: die Wahl zwischen dem Siegel und dem Freund, zwischen Verantwortung und Treue.

Das klang so weit für mich noch ganz spannend, doch bereits auf den ersten Seiten hat mich die Hohlbeinsche Wirklichkeit eingeholt und ich musste angesichts des extrem einfachen, dabei aber mit einem geradezu pubertären Pathos angefüllten Schreibstils bei zeitgleichem Agieren eines Vierzehnjährigen doch nochmals einen zweiten Blick auf die bibliographischen Angaben werfen. Nein, dies war kein Kinder- oder Jugendbuch. Das Buch ist erschienen als Möchtegern-historischer-Roman in der |Allgemeinen Reihe| des |Heyne|-Verlags. Schade eigentlich, denn als Jugendbuch hätte man hier doch einiges vergeben können, so aber wetze ich jetzt ungeniert meine kritischen Seziermesser. Dabei hat Hohlbein eine fast identische Geschichte auch als Jugendbuch unter dem Titel „Der Ritter von Alexandria“ veröffentlicht.

Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, ist seit 1982 hauptberuflicher Schriftsteller. Seitdem hat er 256 Bücher entweder selbst geschrieben, veröffentlicht oder sonstwie an ihnen mitgewirkt. Er gehört heute zu Deutschlands erfolgreichsten und meistgelesenen Autoren – dennoch sind ihm bisher maximal eine Handvoll Bücher gelungen, die von den Kritikern nicht komplett zerrissen wurden. Und man merkt auch sofort, warum das der Fall ist: Der Stil ist einfach so grauenvoll, dass mir manche Formulierungen regelrechtes literarisches Sodbrennen verursachen. Dermaßen schlecht kenne ich die handwerkliche Umsetzung sonst eigentlich nur noch von Barbara Cartland. Hohlbein spaltet die Nation eindeutig in ihre Lesestoff-Geschmäcker.

Dazu handeln die Protagonisten nicht in einem Rahmen, den ein Erwachsener nachvollziehen kann. Selbst die älteren Männer in Hohlbeins Büchern wie diesem scheinen sich geistig noch im Stimmbruch zu befinden. Die Charaktere sind flach gezeichnet und nicht im Geringsten glaubhaft.
Dabei hätte alles so schön sein können, denn im Grunde hat Hohlbein ein Gespür für Geschichten, die sich zu erzählen lohnen. So ist denn auch der historische Hintergrund, wenn schon nicht detailgetreu gezeichnet, so doch grundsätzlich interessant, und aus den Grundzügen der Geschichte hätte ein anderer Autor einen spannenden Abenteuerroman vor faszinierendem historischem Hintergrund machen können. Nun will ich gar nicht mal besonders auf historischer Korrektheit herumreiten, denn Hohlbein selbst warnt uns schon vor Buchbeginn, dass er sich „einige geschichtliche Freiheiten erlaubt“. Im Grunde erscheint das ganze Buch als eine geschichtliche Freiheit, wenn nicht gar eine Frechheit, wenn man dies wirklich als historischen Roman bezeichnen möchte. Selbst einige Fantasy-Elemente wie Zauberei, Auferstehung von den Toten etc. finden sich hier wieder und werden munter mit historischen Persönlichkeiten und Fakten vermischt. Doch dies nur nebenbei, schwerer wiegen für mich die beinahe fehlende Spannung und die flachen, absurd erscheinenden, klischeebeladenen Charakterisierungen.

Denn da wäre zunächst mal Ulrich: reinen Herzens, 14, nach zwei Wochen Ausbildung bereits in der Lage, erfahrene Ritter im Schwertkampf zu schlagen, doch seine Texte stottert er mit kindlicher Unsicherheit runter. Und … seine wörtliche Rede … ist häufig von … ermüdenden … Sprechpausen aus … drei Punkten … unterbrochen.
Hasan as-Sabbah, der verschlagene, alte Mann, dem jedes Mittel recht ist und der sich auch der finsteren Mächte des Bösen bedient, um an sein Ziel zu gelangen.
Sultan Saladin, der edle Heide. Ein ehrenvoller Feind.
Sarim de Laurec, der treue Freund, der noch in der größten Not zu ihm hält. Und so weiter …

Und dann, wie gesagt, die fehlende Spannung. Die gesamte Story ist von vorn bis hinten entweder vorhersehbar oder zusammenhanglos und wirr. Selbst mitten im Schlachtgetümmel und kurz vor Ende fiel es mir nicht schwer, eine Lesepause einzulegen. Das mitreißende Element fehlt völlig. Die Charaktere folgen keiner durchgezeichneten Handlungslinie, sondern scheinen von einem trüben Geschichtsstrom dahingeschwemmt zu werden. Erst im letzten Viertel des Buchs taucht plötzlich das titelgebende Siegel auf und die eigentliche Geschichte (oder eine weitere) beginnt, hat aber mit der langen, für diesen Plot nicht relevanten Vorgeschichte so gut wie nichts zu tun. Das Ende ist ebenso vorhersehbar und dabei doch planlos und trieft nur so von pubertären Hormonen und übertriebenem Pathos.
Das Allerschlimmste aber war, dass mir „Das Siegel“ als eines von Hohlbeins besseren Büchern empfohlen worden war. Eine Empfehlung, die ich garantiert nicht weitergeben werde. Es gibt wirklich bessere historische Romane zum Thema Tempelritter – selbst von Wolfgang Hohlbein.

http://www.hohlbein.de/

Lorentz, Iny – Kastratin, Die

_Zwei Autoren unter einem Namen_

Die aus Köln stammende Iny Lorentz, die heute als Programmiererin für eine Münchner Versicherung arbeitet, hatte vor dem Erscheinen ihres Buchs „Die Kastratin“ bereits einige Kurzgeschichten veröffentlicht, teilweise gemeinsam mit ihrem Mann Elmar, der auch an ihren historischen Romanen aktiv mitgewirkt hat, wenn er auch keine namentliche Erwähnung findet. Nach dem großen Erfolg des hier behandelten Buch, das ihr erster veröffentlichter historischer Roman war, sind von ihr bereits weitere historische Romane erschienen: „Die Wanderhure“ und „Die Goldhändlerin“. „Die Tartarin“ sowie „Die Kastellanin“ (eine Fortsetzung der „Wanderhure“) erscheinen im Laufe des Jahres 2005.

_Die Frau als Mann_

Die Geschichte führt den Leser in die Zeit der italienischen Renaissance. Zur Unzeit, direkt vor einer bedeutenden kirchlichen Feier, fällt in einer kleinen italienischen Gemeinde der Solist unter den Chorknaben aus, da er vorzeitig in den Stimmbruch kommt. Der Kapellmeister und der Chorleiter wählen in ihrer Not Giulia, die elfjährige Tochter des Kapellmeisters, als Ersatz aus. Ein großes Risiko, denn Frauen ist das Singen kirchlicher Musik verboten. Giulia wird daher kurzerhand als Junge verkleidet. Die prominenten Besucher des Festes sind jedoch so begeistert von dem Gesang des vermeintlichen Chorknaben, dass sie ihn unter ihre Fittiche nehmen und kastrieren lassen wollen, eine Entdeckung der Täuschung wäre unvermeidlich. Daher flieht der Kapellmeister mit seiner Tochter und zwei Dienstboten und zieht fortan durch die Lande. Als sich einige Jahre später jedoch die Geldnot einstellt, greift er den Gedanken von damals wieder auf und gibt Giulia unter falschem Namen als Giulio Casamonte, seinen kastrierten Sohn, aus und lässt diese mit ihrer unvergleichlichen Stimme seinen eigenen dekadenten Lebenswandel bestreiten.

Giulia muss fortan ständig mit Entdeckung rechnen, in welchem Fall ihr mit ziemlicher Sicherheit der Scheiterhaufen droht. Ihre folgende Sänger-Karriere führt sie bis an den Papstsitz in Rom, wo sie Pius IV. auffällt, der sie an den Hof des Kaisers Maximillian II. nach Wien sendet. Giulia wird in Wien ungewollt in die Feindseligkeiten zwischen der katholischen Kirche und den lutherischen Reformisten verwickelt. Als ihr Diener dort erkrankt, erkennt sie, dass sie nur ein Spielball der Mächtigen ist und über ihre eigene Zukunft kaum mehr Entscheidungsgewalt verfügt. Eine weitere Komplikation ergibt sich, als ihr immer mehr bewusst wird, dass sie sich in ihren Begleiter Vincenzo de la Torre verliebt hat und er sich in sie, doch er hält sie für einen Kastraten und beide werden der Sodomie verdächtigt. Als dann auch noch der stimmbrüchige, mittlerweile erwachsene Chorknabe von damals Giulia bei den päpstlichen Behörden verpfeift, ziehen sich die Schlingen des Schicksals über Giulia und Vincenzo zusammen.

_Von Nichtmännern und Singvögeln_

In „Die Kastratin“ zeichnet Iny Lorentz ein lebendig wirkendes Bild der Renaissance. Im Mittelpunkt steht dabei die Geschichte Giulias und ihr Leben als vermeintlicher Kastratensänger.
Die Sprache ist in einem pseudo-ältlichen Stil gehalten, der mir persönlich zwar weniger liegt, dem ich jedoch zugestehen muss, dass er gerade für die Zeit der Renaissance sehr gut passt. Die etwas ausschweifende, beschreibungsfreudige Erzählweise der Autorin kann die üppige Lebenspracht der Reichen und die im Gegensatz dazu stehende Lebenskargheit der Armen recht gut vermitteln.

Dennoch fallen mir ein paar ältliche Formulierungen wie „Verschnittener“, „Nichtmann“ etc. stellenweise unangenehm auf und stören den Lesefluss, obwohl ich mir bewusst bin, daß diese Störung ein Fabrikat meiner modernen Wahrnehmung ist. Gesang in einem Buch zu beschreiben, stelle ich mir sehr schwierig vor. Die Autorin scheint das ähnlich zu sehen, denn an den meisten Stellen, wenn Giulia singt, klinkt sie sich geschickt aber eben dennoch nicht unauffällig aus dem Geschehen aus. Es ertönt der erste Ton und Giulia und ihre Zuhörer werden in eine andere Welt entrückt, um mit dem Verklingen des letzten Tons erst wieder auf unserem Planeten zu landen. Was genau ihren Gesang so besonders macht, habe ich bis zuletzt nicht verstanden. Etwas störend fand ich auch, dass Giulia etwa alle zehn Seiten „singt, so schön wie noch nie zuvor“, diese ständige Wiederholung wirkt mit der Zeit zwangsweise unglaubwürdig.

Die unvermeidliche Liebesgeschichte der verkleideten Frau, die sich in einen Mann verliebt, und des Mannes, der verwirrt ist, weil er sich zu einem vermeintlichen Mann (oder in diesem Fall eben einem Eunuchen) hingezogen fühlt, ist ja nun bei weitem nicht neu und beinahe schon etwas ausgeleiert. Andererseits ist das ein Plot, der mir schon immer gut gefallen hat. Iny Lorentz stellt diese Gefühlswelt recht gut dar; ob es als Szenario realistisch ist, sei mal dahingestellt.

Sehr gut dargestellt finde ich jedoch den Gefühlszwiespalt Giulias/Giulios. Sie ist in die Rolle des Kastraten hineingezwungen worden und wäre lieber die Frau, die sie eigentlich ist. Andererseits wäre es dann vorbei mit dem Singen, das der Inhalt ihres Lebens ist, und ihrem Drang nach dem Singen kann sie nicht widerstehen. Über dem Waschtrog ein Wiegenliedchen zu trällern, reicht ihrem Ehrgeiz einfach nicht, sie will vor Publikum kirchliche Werke schmettern und mit ihrem hohen F das Kristall adliger Herren zerdeppern (übrigens ein Mythos: Die menschliche Stimme ist zu derlei nicht imstande).

Der historische Hintergrund ist gut gezeichnet, ohne dass sich die Autorin zu viel Freiheit den historischen Verhältnissen gegenüber herausnimmt. Dem Leser begegnen einige historische Persönlichkeiten wie Galileo Galilei (noch im Krabbelkindalter) und seine Eltern, Papst Pius IV., Maximilian der II. etc. Die historische Korrektheit eines Buches dieser Klasse steht für mich selbst allerdings auch nicht an erster Stelle, es genügt mir zu wissen, dass der geschichtliche Hintergrund halbwegs glaubhaft dargestellt ist – und das ist hier allemal der Fall.

Nachdem sich das Buch über den größten Teil recht weitläufig hinzieht, erscheint dann plötzlich das Ende so abrupt, dass es wie ein Stilbruch wirkt. Und nicht nur das – es wirkt auch sehr konstruiert und nicht sonderlich überzeugend. Es bleiben ein paar ungelöste Fäden der Geschichte (wie der Verbleib des Vaters), die mich unwillkürlich an eine Fortsetzung denken lassen. Die Geschichte ist – man möge mich nicht falsch verstehen – jedoch in sich abgeschlossen.

Ansonsten muss man für ein Buch dieser Dicke und Erzählfülle nur relativ wenige Längen in Kauf nehmen. Andererseits treibt uns die Spannung aber auch nicht wirklich voran, doch darum geht es meiner Meinung nach auch nicht. Das einzige große Element, das wirklich Spannung erzeugt, ist die Angst Giulias vor einer Entdeckung und dem, was unweigerlich darauf folgen müsste.

Mit „Die Kastratin“ legte Iny Lorentz einen gelungenen ersten historischen Roman vor. Die Story ist gefühlvoll geschrieben, das historische Setting interessant. Einige kleinere Mängel sind für mich die ältlich angehauchte Sprache mit ihren teilweise sehr gewöhnungsbedürftigen Formulierungen und ein dahingehastetes Ende, insgesamt aber ein empfehlenswertes Buch.

http://www.delia-online.de/iny_lorenz.htm

Armstrong, Tim J. – Kelch der Könige, Der

Nachdem Tim J. Armstrongs Erstlingswerk „Die Bruderschaft“ in Großbritannien mit dem begehrten |Author’s Club First Novel Award| ausgezeichnet wurde, durften die Erwartungen an sein zweites Buch „Der Kelch der Könige“ hoch sein.

Dieses zweite Werk des Autors führt uns ebenfalls ins Mittelalter: Man schreibt das Jahr 1261, als Wilfridus, Kurat eines kleines Dorfes in der englischen Grafschaft Kent, im Rahmen der Untersuchungen des Dominikaner-Ordens seine Erlebnisse des Jahres 1235 niederschreibt. Zu dieser Zeit – als er selbst noch ein junger Dominikaner war – hat er als Adlatus und Schreiber seinem Mentor Thomas dabei geholfen, Beweise gegen die deutsche Adlige Cäcilia, die unter Verdacht der Ketzerei steht, zu sammeln.
So hören die beiden nahezu Tag für Tag die Lebensgeschichte einer bemerkenswerten Frau, die in ihrer Jugend mit Walter von der Ouwe (uns heute bekannt als Walther von der Vogelweide) von ritterlichen Idealen und der Minne geträumt hat, die Nonne war, eine Visionärin und auch Ehefrau und Mutter.
Doch um diese Untersuchung herum steht die Welt nicht still. In einem Templerorden geschehen mehrere Morde. Ein Prior gräbt nachts in der Kapelle einen Kelch aus, dessen Intarsien-Steine einem kabbalistischen System folgen. Ein Jude mit finanziellen Kontakten zum Königshof und einem Alchemisten-Keller wird verhaftet. Und Bruder Thomas erhält Drohungen und kurz darauf verschwinden seine Geliebte und seine Kinder. Und immer wieder wird klar, dass ein Zusammenhang besteht zwischen all diesen Ereignissen und ihren Untersuchungen der Domna Cäcila. Doch worin genau besteht dieser Zusammenhang? Und warum liegt jemandem so viel daran, dass Cäcilia als Ketzerin verbrannt wird?

Der Autor greift viele wichtige Themen jener Zeit auf: Es geht um Minnesang, Religionen und Ketzertum, Kabbala und Alchemie. Damit bezieht er nicht nur eine dieser komplexen Thematiken in seine Geschichte ein, sondern gleich mehrere. Und das wird auf den Kreis der Leser, die überwiegend nicht in allen diesen Gebieten vorgebildet sein werden, verwirrend wirken. Zwar geht Armstrong auf einige Themen – insbesondere den Glauben der Katharer – sehr gründlich ein und erklärt sie gut verständlich, andere sehr komplexe Themen, wie insbesondere die Kabbala, werden aber ohne weitere Erläuterung eingebracht und ihre Bedeutung – auch für den Sinn der Geschichte – bleibt dem Leser zu einem großen Teil ein Rätsel. Ebenso fühlt sich der Leser mit dem Ende, das – obwohl nicht offen – doch viele Fragen stehen lässt, etwas im Stich gelassen.
Auch die Teilung der Geschichte in drei verschiedene Handlungszeiträume (die Zeit, in der Wilfridus die Geschichte niederschreibt, die Zeit der Untersuchung an Domna Cäcilia und als dritte Zeitspanne die Lebensgeschichte der Domna Cäcilia) trägt dann nicht gerade zur Verständniserleichterung bei.
Der geschichtliche Hintergrund ist jedoch für einen historischen Kriminalroman, der primär ein Unterhaltungswerk sein soll, mehr als hinreichend recherchiert und überzeugend dargestellt. Der Autor gibt sich hier keine erkennbare Blöße und zeichnet im Gegenteil ein breit angelegtes Bild des Mittelalters in verschiedenen Ländern auf eine glaubhaft erscheinende Weise mit der genau richtigen Mischung aus erfundener, aber „zeitgemäßer“ Geschichte und realistisch erscheinendem zeitlichen Rahmen.
Durch den verwendeten Erzählstil des Rückblicks werden von Beginn an gewisse Andeutungen zum Verlauf der Geschichte gegeben. Das weckt an einigen Stellen die Neugierde auf den Verlauf der Geschichte, andererseits werden dadurch auch gewisse Ereignispunkte vorab ungeschickt und spannungshinderlich enthüllt.

Die deutsche Übersetzung liest sich für ein Buch, das in diesem Zeitrahmen spielt, angenehm flüssig. Autor und Übersetzer haben hier ganze Arbeit geleistet. Die Sprache klingt ungekünstelt und zurückhaltend neutral, so dass die Geschichte selbst umso mehr in den Vordergrund rücken kann. Es sind auch nur wenige lateinische und religiöse Wörter eingeflochten, deren Bedeutungen einem halbwegs interessierten Leser nicht sofort klar sind.

Zwar handelt es sich bei „Der Kelch der Könige“ um mehr als einen reinen historischen Kriminalroman, der Krimianteil überwiegt aber knapp. Mit „Der Kelch der Könige“ hat Armstrong ein gutes Buch vorgelegt, das von der ersten bis zur letzten Seite spannend ist. Die Verstrickung der Personen und Ereignisse untereinander nehmen den Leser gefangen und katalpultieren ihn zugleich in eine andere Zeit. Auch die schrittweise Lösung des Falls durch Wilfridus und Thomas ist spannend beschrieben, das Ende des Buches jedoch eine regelrechte Antiklimax mit einer Menge offener Fragen; der Aha-Effekt bleibt fast vollständig aus.
Punktabzug in der B-Note erhält das Buch für die Erzähl-Figur des Wilfridus. Auch nach 383 Seiten „seiner“ Erzählung bleibt er für den Leser eine unbekannte Größe, während andere Personen – allen voran Cäcilia, Walter von der Ouwe und Bruder Thomas zu den wahren Hauptpersonen des Buches aufsteigen. Ebenfalls als kleines Minus müssen ein Zuviel des Buches an mystischem Inhalt und ähnlichem Gedankengut sowie eine Anzahl offener Fragen nach Ende des Buches verbucht werden. Statt Templer, Judentum, Musiktheorie, Katharer, Katholiken, Kabbala, Minnesang und Alchemie der Reihe nach in teilweise unbefriedigender Weise abzuhandeln, hätte der Autor einige dieser Thematiken streichen und sich den verbleibenden etwas intensiver widmen sollen. Insgesamt ist Armstrong aber trotz der genannten Kritikpunkte ein guter, spannender und teilweise auch bewegender Mix aus historischem Roman und Mystery-Krimi gelungen.