Bruce Sterling – Schwere Wetter

Sturmjäger in Texas: Action und Humor

Die Atmosphäre der Erde ist ruiniert. Und wenn die verheerenden Stürme über den ausgedörrten Kontinent hinwegrasen, sind sie zur Stelle: die Storm Troupers – Meteorologen und Computerfreaks, die die Spur der Vernichtung vermessen und sich den ausgeflipptesten Nervenkitzel verschaffen… (bearbeitete Verlagsinfo)

Der Autor

Bruce Sterling, der Mitbegründer der Cyberpunk-Bewegung der achtziger Jahre, ist der Autor von neun Romanen, wovon er einen, „Die Differenz-Maschine“, zusammen mit William Gibson schrieb. Er veröffentlichte drei Story-Sammlungen (darunter „A Good Old-fashioned Future“) und zwei Sachbücher, darunter 1992 das bekannte „The Hacker Crackdown“ über die Verfolgung von Hackern und Crackern.

Er hat Artikel für die Magazine Wired, Newsweek, Fortune, Harper’s, Details und Whole Earth Review geschrieben. Den Hugo Gernsback Award für die beste Science Fiction-Novelle gewann er gleich zweimal, u. a. für „Taklamakan“. Er lebt in der Universitäts- und Industriestadt Austin in Texas und hat schon mehrmals Deutschland besucht. Eine seine Stories spielt in Köln und Düsseldorf.

Wichtige Romane:
• Inseln im Strom
• Staubozean
• Schwere Wetter
• Heiliges Feuer
• Schismatrix
• Brennendes Land
• The Zenith Angle
• The Caryatids

Handlung

Man schreibt das Jahr 2031, und die Welt an der texanisch-mexikanischen Grenze ist nicht mehr in Ordnung. Der Klimawandel hat voll zugeschlagen, die niedrig gelegenen Landstriche der USA sind abgesoffen, und die höher gelegenen sind ausgedörrt, seitdem man das Grundwasser angezapft hat. Seit einigen Jahren fegen immer heftigere Tornados und Hagelstürme über West-Texas hinweg, verfolgt von Twister-Freaks, TV-Teams und Hilfssheriffs.

Die Luft ist voller Krankheitskeime, die gegen Antibiotika resistent geworden sind. Das ist wohl der Grund, warum Alexander Unger, Sohn eines reichen texanischen Ölmilliardärs, abgetaucht ist, um seine schwer ramponierte Lunge wieder aufmöbeln zu lassen. In den USA ist die Spezialbehandlung leider verboten (wie so vieles, was gesund macht), aber jenseits der Grenze in Nuevo Laredo bietet die Cliníca eine astreine Behandlung. Der Lungen-Einlauf mit diesem blaugrünen Zeug mag zwar etwas gewöhnungsbedürftig sein, aber hey, das Zeug haut voll rein! Leider verliert Alex dabei das Bewusstsein.

Er erwacht, als jemand heftig an seinen Fesseln rüttelt, die seine Fuß- und Handgelenke umschlingen. Es ist seine Schwester Juanita, kurz Janey genannt. In einer schwarzen Montur, die einem Ninja Ehre machen würde, schleppt sie sein Fliegengewicht bei Nacht und Nebel aus der Cliníca in ihr bereitstehendes Geländefahrzeug. Und wo solls hingehen, will Alejandro wissen. Zum Camp der Storm Trouper, versetzt Janey. Alles klar, oder?

Die Storm Trouper

Das Camp befindet sich in West-Texas mitten im Nirgendwo. Die Stromversorgung besorgen Windräder und Sonnenkollektoren, das rare Wasser liefern Kondenser, Treibstoff gibt es nicht, denn Energie liefern die Akkus. Die Ölförderung ist schon vor Jahren zusammengebrochen, genau wie die Regierungen, die Banken und überhaupt das meiste der Infrastruktur.

Nachdem sich Alex etwas berappelt hat, wird er zur Beobachtungstruppe eingeteilt. Diese saust mit einem der Spezialgeländewagen hinaus in die Pampa, um nach aufziehenden Gewittern Ausschau zu halten. Diese Gewitter gebären in aller Regel mindestens einen Tornado. Heute bekommen sie nur einen mickrigen F-2 zu sehen. Das Maximum der Skala liegt bei F-5, aber Jerry Mulcahey, ein echter Wissenschaftler, hat die Theorie aufgestellt, dass es auch einen ausgewachsenen F-6 geben könnte. Nur hat ein solches Monster noch keiner beobachtet. Und deshalb halten Jerry, Janey und all die anderen scharf danach Ausschau.

Ihnen steht echte Hightech-Ausrüstung zur Verfügung. Sie schicken drei intelligente Segelflugzeuge in die Gewitterfront, ja, sogar in den Wirbel des F2-Tornados selbst. Da diese Segler funken, können die am Boden gebliebenen Beobachter mit ihren VR-Brillen das sehen, was die Segler mit ihren Kameras senden. Das Gefühl, fliegen zu können, hat Alex schon immer gemocht, und er frönt ihm ausgiebig. Leider sind die Bilder einer VR-Brille suboptimal, so dass er sie immer wieder absetzt. Auch der fortwährende Wassermangel setzt ihm zu. Unversehens überrollt eine Wand von Böen das kleine Camp der Beobachter, und Alex bekommt Sand und Dreck ab.

Am nächsten Tag melden andere Beobachter aus dem staatlichen SESAME-Netzwerk, dass offenbar ein gewaltiger F-4 im Anmarsch sei. Janey und Rick rasen in ihrem Geländewagen los, um das Phänomen abzufangen. Janey schießt mit ihrer Bazooka eine Boden-Luft-Rakete ab, die den Tornado mit intelligenten, sendenden Düpplerstreifen spicken soll. Sie erweist sich als Blindgänger. Janey flucht wie ein Henker. Dann folgt sie dem F-4 auf seiner Spur der Vernichtung. Der Anblick, wie das 3000-Seelen-Dorf Quanah (benannt nach dem letzten Häuptling der Comanche-Indianer) in seine Bestandteile zerlegt wird, bedrückt sie derart, dass sie zurück zu ihrem Liebhaber flüchtet, zu Dr. Jerry Mulcahey.

Der F-6

Jeder Wirbelsturm braucht Energie, und die muss er von irgendwoher beziehen. Der F-6 bildet da keine Ausnahme. Als Jerrys Berechnungen ergeben, dass der vorhergesagte F-6 unmittelbar bevorsteht, fahren Alex und Janey zusammen nach Oklahoma, um dort den Himmel zu beobachten. Was sie erblicken, ist beunruhigend. Die Zirruswolken sind keine Federn mehr, sondern Sechsecke. Sie bilden ein Rautenmuster, ein Netz. Doch das Netz zerreißt, als ein Jetstream-Wind aus der Stratosphäre senkrecht nach unten rast und auf die staubtrockenen Luftschichten über dem Land trifft. Die vielen Blitze sind erst der Anfang der heraufziehenden Apokalypse.

Alex schafft es erst durch vehementes Drängeln, dass Janey den Motor startet und mit dem Geländewagen in die andere Richtung fährt. Aber werden sie schnell genug sein, um der heranrasenden Tornado-Front zu entkommen, die nun Oklahoma City im Visier hat?

Mein Eindruck

Der Autor schreibt über eine Gegend, die er wie seine Westentasche kennt. Sterling lebt nämlich mit seiner Familie in Austin, Texas. Das liegt gar nicht so weit weg von West-Texas, dem Pfannenstiel und von Oklahoma, das nördlich davon liegt. Die Gegend ist seit John Steinbecks Roman „Die Früchte des Zorns“ als Staubschüssel der USA bekannt und berüchtigt. Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts kam es hier zur ersten von Menschen gemachten Öko-Katastrophe in den USA: Die Präriewinde wehten den Mutterboden davon und ließen unfruchtbaren Staub und Fels zurück. Steinbeck schildert in seinem mit Henry Fonda verfilmten Epos den Existenzkampf der Farmer und ihren Exodus nach Kalifornien.

Auch bei Sterling kommt es zur ultimativen Öko-Katastrophe: Nachdem schon mehrere Maxi-Stürme die Tornado-Straße („tornado alley“) entlanggefegt sind, scheint der prophezeite F-6 (die F-Skala hat bislang nur 5 Stufen) das Ende der Welt einzuläuten: Schon etwa in der Mitte des Buches erfährt Alex, dass sich der F-6 zu einer Art Großen Roten Fleck wie auf dem Jupiter entwickeln könnte – ein permanenter, weltumspannender Wirbel der Zerstörung. Dazu kommt es zum Glück nicht, denn dem F-6 geht die Puste aus, aber die Zerstörung von Oklahoma City ist schlimm genug.

Zukunftsmusik

Die Schilderung der Tornados steht aber gar nicht im Mittelpunkt des Romans, denn sonst hätte ihn der Autor auch gleich „Twister“ nennen können. Als zentrale Figuren machen uns Alex und Janey Unger mit den Angehörigen Sturm-Truppe bekannt. Sie haben sich wegen der mutierten Krankheitserreger, die gegen Antibiotika resistent sind, vom Rest der Menschheit abgesondert. Wie gelingt es diesen Leuten, in einer der trockensten Gegenden der USA sowohl Wasser als auch Energie zu produzieren? In einem Interview mit dem Autor, das ich 2007 in München führte, betonte er mehrfach, dass Nachhaltigkeit („sustainability“) der wichtigste Zukunftstrend sei. Nun, damit rannte er in Deutschland offene Türen ein, aber die USA mussten und müssen in dieser Hinsicht noch aufholen.

In seinem Roman setzt die Sturm-Truppe deshalb, quasi zur Demonstration, eine Unmenge von nachhaltigen Technologien ein, vom guten alten Wasser-Kondensator über Solarzellen und Keramiknutzung bis hin zu Leichtbauweisen. Alex‘ Flüge im Ultraleichtflieger gehören zu den Höhe-Punkten des Romans. Auch die Architektur fasziniert den Autor und mehrfach lässt er sich darüber aus. (Er ist rund um den Globus unterwegs, um über innovatives Design Vorträge zu halten und zu recherchieren.) Die Beschreibungen der diversen Technologien sind durchaus nicht ohne Anspruch, aber der Übersetzer hat es halbwegs geschafft, sie verständlich ins Deutsche zu übertragen. Science-Fiction ohne Science – das geht eben nicht.

Wahnsinn

Aber die Sturm-Truppe kann nicht im gesellschaftlichen Vakuum existieren, sondern muss sich mit den Cops und den hartgesottenen Texas Rangern herumschlagen. Mit denen steckt offenbar Jerry Mulcaheys zwielichtiger Bruder Leo unter einer Decke. Leo ist der Politiker von den beiden, Jerry ist mehr der abgehobene Denker. Janey, Jerrys Geliebte, gerät in Leos Hände. Zunächst ist sie froh, dass er sie vor dem Sturm in einen Bunker gerettet hat, aber dann macht sie Bekanntschaft mit seinen „Freunden“.

Diese sind ein zusammengewürfelter Haufen, die nur eine Idee zusammenführt: der Neustart der Menschheit. Für diese Art von Tabula Rasa begeistern sich in den USA durchaus etliche Zeitgenossen, genauso wie jene Leute, die sich auf Thomas Jefferson berufen und die Regierung abschaffen wollen. Der Neustart der Menschheit mithilfe eines Supersturms, der die Alte Welt zerstört, soll neuen Ideen und vor allem Leuten eine bessere Chance geben. Aber ist das wirklich der Fall, fragt sich Janey nach einer Weile der Diskussion. Diese Debatte wird von Irren und Verbrechern wie dem Scharlachroten Rächer geführt, und bald erinnern die Sätze an die Tee-Party des Verrückten Hutmachers in „Alice im Wunderland“.

Lose Enden

Der Schluss des Romans konnte mich wenig zufriedenstellen. Der Autor lässt nämlich lose Enden übrig. Leos Gesellschaft der Verrückten verschwindet stillschweigend wieder in der Versenkung, ähnlich wie der F-6-Tornado. Und im Epilog wird nicht ganz klar, was der wieder gesundete Alex eigentlich mit seiner Schwester im Schilde führt. Es sieht fast so aus, als wolle er sich wie ein Kuckuckskind in ihr gemachtes Nest setzen, indem er sie auf eine gefährliche Autofahrt schickt. Nun ja, jeder Leser kann sich seinen Teil dazu denken.

Die Übersetzung

Norbert Stöbe, selbst ein deutscher SF-Autor („Der Weg nach unten“, bei Heyne), hat es verstanden, die zahlreichen Ausdrücke aus der US-amerikanischen Umgangssprache, die im Buch benutzt wird, angemessen ins Deutsche zu übertragen. Daher fühlt sich die Sprechweise der Figuren ganz natürlich an, und es sind die Brüche zwischen verschiedenen Gesellschaftsschichten deutlich zu erkennen. Daher konnte ich das Buch in nur wenigen Tagen bewältigen, obwohl es vor technischen Beschreibungen nur so strotzt. Allerdings handelt es sich um Technik, die uns mittlerweile, nach über 20 Jahren, völlig selbstverständlich vorkommt.

S. 37: Bangkog statt Bangkok.

S. 51: „wobei sie aussah wie ein Sacagawea aus der Unterliga“. Hier hat der Übersetzer nicht erkannt, dass Sacagawea eine historische Frauenfigur war. Sie war nämlich die Scoutin, die ca. 1812 die erste amerikanische Transkontinental-Expedition von Lewis & Clark sicher an die Westküste geleitete. In den westlichen Bundesstaaten wurden ihr dafür mehrere Denkmäler errichtet, insbesondere in Missouri.

S. 101: „Jedenfalls gab es auf dem Hügel einen Sendemast (…) mit eigenen keramikverankerten Solarzellen zur Stromversorgung und eines kleinen, fensterlosen Gebäudes (…)“. Hier findet mitten im Satz ein Bruch in der Grammatik statt. Statt des Genitivs müsste der Autor weiter den Dativ verwenden.

S. 232: „Ich wünschte bloß, ihr hätte[t] die Texas Ranger nicht gerufen.“ Das T fehlt.

S. 242: „gefolgt von dem widerwillig hinterdreinschlurfen[den] Alex…“ die Endsilbe END fehlt.

S. 350: „ein Blitz erhellte das Zenit“. Im DUDEN ist DER Zenit immer noch männlich.

S. 377: „das riss die Straße mitsamt seinen (!) Internetverbindungen (…) auf.“ Da die Straße immer noch weiblich ist, muss das Possessivpronomen „ihren“ anstelle von „seinen“ lauten.

S. 380: „Gramps“. Ist umgangssprachlich für „Opa“, denn das Wort ist abgleitet von „Grandpa“ = Großvater. Das hat der Übersetzer wohl auch nicht erkannt.

S. 407: „Die Schwarzmarkt-Quacksalber in dieser Clínica [hätten mich] umgebracht.“ Hier fehlen gleich zwei Wörter.

Unterm Strich

Ich habe den Roman in nur wenigen Tagen gelesen. Er liest sich praktisch von allein, denn auf fast jeder Seite weiß der Autor mit interessanten technischen Neuheiten und Ideen – zumindest vom Jahr 1994 aus gesehen – aufzuwarten. Und wenn es mal keine technischen Neuheiten sind, so folgte ich gerne dem Werdegang von Alex Unger. Sein Leben bei der Sturm-Truppe ist durchaus abwechslungsreich, auch wenn es für ihn in Sachen Sex und Erotik später noch erheblichen Nachholbedarf gibt. Die Begegnungen mit Tierschmugglern und Texas Rangern sind spannungsgeladen, die Konfrontation mit dem F-6-Tornado lebensgefährlich.

Einen Ausgleich zu dieser action- und spannungsgeladenen Seite der Handlung bieten die zahlreichen humorvollen Seitenhiebe des Autors auf die Phänomene, denen Alex begegnet. Der Humor ist von einer sanften Ironie, die sich nur dem aufmerksamen Leser erschließt, der mitdenkt. Es fängt aber schon recht grotesk an: In der mexikanischen Clínica hängt Alex kopfüber im Zimmer, als Janey ihn findet. Aus ihm läuft blaugrüner Schleim aus – ein Anblick für Götter.

Auch später noch gerät Alex in allerlei Schlamassel, etwa wenn er nachts von Tierschmugglern beschossen wird. Die Leute, mit denen er redet, so etwa Carol, die Blechschmiedin, reden wie im richtigen Ami-Leben – verschroben, eigenwillig (lies: texanisch), aber auch intelligent und mitfühlend. Auch mit Rick, dem Funker, und all den anderen der Truppe konnte ich mich schnell anfreunden. Der Leser sollte auf jeden Fall eine gewisse Offenheit des Geistes mitbringen. Das ist ja heutzutage leider nicht mehr selbstverständlich.

Taschenbuch: 415 Seiten
Info: Heavy Weather, 1994
Aus dem US-Englischen übertragen von Norbert Stöbe
www.heyne.de

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