Bruce Sterling (Hrsg.) – Spiegelschatten. Cyberpunk-Erzählungen

Urknall 2.0 für das Cyberpunk-Genre

Der Urknall 1.0 für das Cyberpunk-Genre erfolgte 1983/1984 mit der Veröffentlichung der zwei Romane „Stadt geht los“ von John Shirley und „Neuromancer“ von William Gibson (nach sieben Jahren des Publizierens von Kurgeschichten). Wortführer des neuen SF-Stils war jedoch keiner von beiden, sondern der Texaner Bruce Sterling.

Mit „Spiegelschatten / Mirrorshades“ (das bezeichnet eine verspiegelte Sonnenbrille) hat Bruce Sterling 1986 die wichtigste Sammlung von Cyberpunk-orientierten Erzählungen überhaupt herausgegeben. Diese Anthologie etablierte als Urknall 2.0 die darin vertretenen AutorInnen. Viele von ihnen arbeiten bis heute. Ironischerweise bezeichnete diese Blütenlese bereits den Endpunkt der Mirrorshades-Bewegung. Danach folgten vor allem Epigonen, die aber auch nicht von Pappe waren – siehe dazu das Nachwort von Michael Nagula.

Hintergrund: das Cyberpunk-Genre

In der literarischen Richtung der sogenannten „Cyberpunks“ – der Begriff wurde von einem bekannten SF-Herausgeber geprägt – sammelten sich in der ersten Hälfte der 80er Jahre (bis etwa 1986), also unter der Reagan-Administration, eine Generation von Autoren und Autorinnen, die auch heute noch schreiben: siehe die Titelliste unten.

Im „Cyberpunk“ drückte sich ein Lebensgefühl aus, in dem deprimierende Ohnmacht angesichts der Allgewalt der Multis eines sozialen Niedergangs einerseits (verursacht durch Reagans Umverteilung des Volksvermögens nach oben) – und neue Erlebnismöglichkeiten durch eine direkte Schaltung zwischen menschlichem Gehirn und elektronischen Systemen andererseits verbindet. Die Pop-Kultur übte laut Herausgeber eine große Wirkung auf allen Ebenen aus, von LSD, über Rockmusik bis hin zu Video und immer wieder Personal Computern und PC-Spielen.

Anfang der achtziger Jahre trat mit dem Apple Macintosh der Personal Computer, der „persönliche Rechner“, seinen Siegeszug an, und Atari & Co. kopierten ihn. Damit entstand in Kalifornien, woher viele der Autoren stammen, das Silicon Valley, die höchste Konzentration von High-Tech-Unternehmen in der Welt. Entsprechend hoch war der Prozentsatz von durch elektronische Schnittstellen angeregten Phantasien: „Cyberspace“ – ein Begriff, den der Englischlehrer William Gibson in „Neuromancer“ erfand, ohne irgendetwas von Computern zu verstehen. Wo der Cyberpunk vor 35 Jahren war, befindet sich der Mainstream der westlichen Zivilisation heute.

Im Cyberpunk traf sich, knapp formuliert, also extrapolierte High-Tech mit Low-Life: Viele Protagonisten der Stories existieren außerhalb des Gesetzes, außerhalb der Bürgerlichkeit – Hehler, Diebe (von Geräten, Chips, DATEN!), Anarchisten. Dies ist die Kehrseite der Medaille des amerikanischen Traums, den Reagan propagierte. Die Ränder der Gesellschaft reflektieren ihr Versagen.

In seinem VORWORT zu dieser Anthologie verortet der Herausgeber Sterling den Cyberpunk mitten im SF-Genre und nennt die verehrten Vorbilder der sehr unterschiedlichen AutorInnen: von Heinlein und Asimov über die New Wave (besonders J.G. Ballard) bis hin zu einem eher unwahrscheinlichen Kandidaten, nämlich Thomas Pynchon.

Leider war der Aufstand der Cyber-Rebellen (die sich als Erneuerer verstanden) kurzlebig (s.o.). Wer sich mit dem verlegerischen Establishment arrangierte, wurde zwar zensiert, war aber umso erfolgreicher. Bald schon hängten sich Epigonen von Gibson und Sterling, dem lautstärksten Förderer des „Cyberpunk“, an den Trend an: Richard Kadrey schriebt „Metrophage“, und lange Jahre wurde die Serie „Shadowrun“ fortgesetzt, die ein direkter Ausfluss der Kombination von Hightech, Lowlife und Fantasy-Gestalten (Elfen, Drachen usw.) ist. Cyberpunk war insofern auch ein interessanter Gegenentwurf zu utopischen Militäruniversen wie Star Trek und Star Wars.

Die Erzählungen

1) William Gibson: Das Gernsback Universum (The Gernsback Continuum, 1981)

Ein amerikanischer Fotograf des Jahres 1981 bekommt in London von einer Agentur den Auftrag, in den USA die noch verbliebenen der futuristischen Design-Träume aus den 30er und 40er Jahren abzulichten. Die Auftraggeberin zeigt ihm einen der Entwürfe für ein rumpfloses Nur-Flügel-Passagierflugzeug, das wie ein Luxusdampfer Amerika mit der Alten Welt verbinden sollte.

Dem Fotografen wird bald klar, worum bei diesem Design gegangen war: um Schaufensterdekoration der Wirklichkeit. Die Depression musste überwunden werden, und europäische Einflüsse von faschistischem Nazi-Design machten sich bemerkbar. Eines Tages hat der Fotograf tatsächlich die Vision eines solchen Nur-Flügel-Propellerriesen über Kalifornien. Handelt es sich um Einbildung?

Mein Eindruck

Der Titel der Story bezieht sich auf den ersten Herausgeber dessen, was man später als erste Science Fiction-Groschenhefte (Pulp Fiction) bezeichnete. Dem Luxemburger Hugo Gernsback wird sogar die Erfindung des Begriffs „Science Fiction“ im Jahr 1929 zugeschrieben. Seine Autoren und v.a. Illustratoren erfanden für die verarmten bzw. verarmenden Leser grandiose Städte in einer perfekten Welt, die weder Ernährungs- noch Energiekrisen kennen würde. Die Menschen jedoch gehören ausschließlich der arischen Rasse an: blond, weiß und blauäugig. Hitlers Traum, von Albert Speer erbaut.

2) Tom Maddox: Schlangenaugen (Snake-Eyes, 1986)

George Jordan sollte von der US-Luftwaffe eigentlich in den „Krieg in Thailand“ geschickt werden, doch dazu kam es nicht. Sechs Monate später verfügt George aber immer noch über ein Cyber-Implantat, das als „die Schlange“ bezeichnet wird. Leider entfaltet dessen Schnittstelle zu seinem Gehirn ein unwillkommenes Eigenleben. So hat sich etwa ein Heißhunger auf Katzenfutter eingestellt.

Um das Ding loszuwerden, vertraut sich George der Firma SenTrax an. Er begibt sich in die Kreisbahn und an Bord der Raumstation Athena, wo SenTrax an Cyber-Implantaten forscht und entwickelt. Denn George ist bereits Nr. 3 mit so einem Ding. Nr. 1 hat sich lieber umgebracht, deshalb bleiben nur noch er und Lizzie aus dem SenTrax-Programm. George freundet sich schnell mit der spärlich bekleideten Blondine an, denn sie versteht sich aufs Flirten. Ihre Implantate sind Katzenkrallen.

Diese Begegnung hat die Künstliche Intelligenz (KI) namens Aleph, die bei SenTrax die Fäden zieht, vorausgesehen. Dr. Charlie Hughes, der Arzt, und CEO Innis sind zufrieden. Doch sie haben eine schlechte Nachricht: Sie könne die Schlange nicht von Georges Hirn abkoppeln. Sie können sie höchstens um Programme, die Aleph einspeist, erweitern und so quasi harmlos machen. Der darob nicht gerade glückliche George begeht bei einem Weltraumspaziergang einen Selbstmordversuch, doch auch diesen Zug hat Aleph bereits vorausgesehen…

Mein Eindruck

Der Plot basiert auf einer der ältesten Geschichten der Welt: die vom Garten Eden, der Schlange und der Vertreibung aus dem Paradies. Nur dass diesmal die Rollen etwas verschoben sind. Gott alias Aleph bedient sich der Schlange in Georges Kopf, um ihn zum emotionalen Äußersten zu treiben. Diese extremen Emotionen saugt Aleph gierig auf, um seine „Menschlichkeit“ zu erweitern. Nur durch ihre verbotene Liebe ist es den beiden Cyborgs George und Lizzie möglich, Aleph und seinen Handlangern (Engeln) für kurze Zeit den Stinkefinger zu zeigen.

Das ist kennzeichnend für den Cyberpunk: Die da oben haben vielleicht die bessere Technik, aber wir haben die Wut und den Willen zur Rebellion! Das wird in der nächsten Story noch viel deutlicher: Dies ist echter PUNK.

3) Pat Cadigan: Rock On (dito, 1984)

Gina ist eine Synderin, die mit Cyberware aufgerüstet ist. Was sie eigentlich draufhat, ist schwer zu beschreiben. Kurz gesagt, scheint sie körperlichen Sex in puren Rock & Roll zu verwandeln, also in Live- oder aufgezeichnete Musik-Performances. Als sie The Misbegotten kennenlernt, ist sie gerade ihrem Macker / Manager Man O’War davongelaufen, von Kalifornien nach Boston, Massachusetts.

Die Misbegotten-Typen sind auch aufgerüstet und modifiziert, kriegen aber das Business nicht so richtig auf die Reihe. Obwohl Gina mindestens doppelt so alt ist wie diese kleinen Strolche, können sie sie zwingen, für sie zu syndigen. Drei Aufnahmen kriegen sie zusammen, vertreiben sie im Netz, machen Kohle – dann taucht Man O’War auf, um Gina abzuholen: Er hat die Misbegotten aufgekauft. Sie hat keine Lust, ihren Vertrag mit ihm weiterzuführen, aber die anderen sind stärker. Sie ist die Sklavin ihrer eigenen Spezialität…

Mein Eindruck

1984 war der Punk schon auf dem absteigenden Ast, aber immer noch ein gutes Geschäft, sofern man ihn als Lebensgefühl und Subkultur verkaufen konnte. Davor war zwar noch „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“ als Lifestyle angesagt, aber die Punker fügten die No-future-Attitüde hinzu. Bei Gina ist nur noch Sex (der nirgendwo beschrieben wird) und Rock & Roll übriggeblieben.

Rotzfrecher Straßen-Slang, den man heutzutage kaum noch versteht, beschreibt ihr Erleben in dieser stilechten Story. Die Autorin strickte daraus die beiden Romane „Synder“ und „Bewusstseinsspiele“ (beide deutsch bei Heyne).

4) Rudy Rucker: Houdinis Erzählungen (Tales of Houdini, 1983)

Für Harry Houdini läuft das Geschäft anno 1948 schlecht, deshalb muss er einen Filmvertrag mit dem Studio Pathé unterzeichnen. Er soll drei seiner berühmten Entfesselungsnummern zeigen, aber – das ist der Haken – der Regisseur bestimmt, wie sie aussehen werden. Allmählich beginnt sich seine Mamma Sorgen zu machen, denn ihr lieber Sohnemann soll nichts sehen, wenn er sich entfesseln soll.

Die erste Nummer: Houdini als lebende Bombe, abgeworfen in 3000 Metern Höhe. Die Statisten sind ein Priester, ein Rabbi und ein Richter – sie kommentieren die ganze Sache. Bei Nr. 2 kommt noch ein Doktor hinzu: Houdini wird in einen Baumstamm eingegipst, welcher sich rasend schnell dem Sägeblatt einer Sägemühle nähert. Bei Nr. 3 kommt naturgemäß ein Wissenschaftler hinzu: Houdini wird eingegipst und auf ein Gerüst am Boden-Nullpunkt eines Atombombenversuchsgeländes in Nevada abgelegt.

Mein Eindruck

Eine Story wie ein Film: rasant, lakonisch, stenografisch und – komplett im Präsens. Der Entfesselungskünstler ist ebensowenig die Hauptsache wie seine Entfesselungsnummern. Es ist vielmehr das reflektierende Beiwerk, das das Geschehen kommentiert, dem die Aufmerksamkeit des Autors gilt. Da wären beispielsweise außer Dienst gestellte Bomberpiloten des 2. Weltkriegs: „Johnny G und seine A-Löcher“. Das klingt schwer nach Satire. Die Säge ist eher die Ausnahme, denn im 3. Akt geht es aufs Testgelände – ein klarer Verweis auf die A-Bombe, die den Krieg beendete. Haben sich damit die USA à la Houdini vom langen Weltkrieg entfesselt? Im Leser kommen bei dieser postmodernen Satire leise Zweifel auf.

Letzten Endes wird der Vertrag erfüllt, es gibt ein Happy End: Mamma, die sich bereits die Haare der Perücke gerauft hatte, kriegt ihren Musikladen. Braver Junge.

5) Marc Laidlaw: 400 Boys (dito, 1983)

Es sind die letzten Tage des amerikanischen Imperiums, als die Wohnpyramiden der überkuppelten Fun City bombardiert werden und wie Kartenhäuser einstürzen. Nach den Seuchenkriegen sind nur noch wenige Mutanten übrig, aber sie können sich durch Telepathie einen Überlebensvorteil verschaffen. Slash und seine elf überlebenden Straßenjungs suchen ihre Chancen in diesen letzten Tagen. Krähe, einer der zwölf Auserwählten, ist unser stummer Chronist, denn ein Schurke hat ihm die Zunge rausgeschnitten.

Nach dem Angriff, der die Kuppel gesprengt hat, herrscht Totenstille, auch auf den telepathischen Frequenzen. Das ist echt nicht normal, denn ganz Fun City ist Block für Block auf Teams aufgeteilt. Also ziehen Slash und seine Jungs los, um die Lage zu peilen. Von den Soots ist nur noch ein Überlebender übrig, HiLo, ein aufgerüsteter Cyborg. In seinem einen funktionsfähigen Metallarm steckt ein megascharfes Skalpell. Er berichtet, wer für die Stille und Verlassenheit verantwortlich: die Riesen. Sie haben sich den ganzen Block an der 400th Street unter den Nagel gerissen, als sie die Soots plattmachten. Krähe tauft sie die 400 Boys. HiLo schließt sich ihnen an und zeigt den Weg durch die U-Tunnel.

Alleine gegen Riesen zu kämpfen, ist nicht ratsam, und deshalb sucht sich Slash Verbündete. In den U-Tunnel herrschen allerlei Teams, darunter auch Schwester-Gangs wie die Galrogs (aus „gal/girl“ und „Balrog/Feuerdämon“). Bei den Galrogs dürfen sie pennen, denn deren Alte Mutter sagt, dass das Ende der Welt gekommen sei und alle zusammenhalten müssten. Unterdessen organisiert Slash den Widerstand.

Am nächsten Tag rücken die vereinten Teams gegen die 400 Boys in ihrem Block vor. Was sie dort antreffen, lässt ihnen den Atem stocken: Es gibt keine Hochhäuser mehr, aber dafür eine Aschewüste, aus der sich lavaspeiende Vulkane erheben. Auf dreimalige Herausforderung hin erscheinen endlich die Riesen…

Mein Eindruck

Der Autor schildert eine Welt, die am Ende ist, ja, in der sogar Mond schwere Beschädigungen davongetragen hat. Was die Seuchen von den Amerikanern übrigließen, versammelte sich in den Kuppelstädten. Jetzt werden auch diese angegriffen, offenbar aus dem sozialistischen Mexiko. Krähe und Slash und der traurige Rest sind die Lost Boys in Peter Pans Nimmerland. Doch sie bestehen keine eingebildeten Abenteuer, ihr Abenteuer heißt Überleben.

Die süße Fee Tinkerbell gibt’s auch nicht mehr, dafür haben sich die Galrogs zusammengetan, richtige Höllenmädels, die matriarchalisch organisiert sind. Sie haben ihren Namen teils von den Balrogs aus Tolkiens Werken, also Feuerdämonen, abgeleitet. Tolkienesk wirkt auch die Szenerie, die die „Riesen“ geschaffen haben: eine Gorgoroth-Ebene, wie sie im Buch steht, nämlich im „Herrn der Ringe“.

Auf einmal erwartet der Leser, unsere Slash-Boys als Hobbits vorgestellt zu bekommen, doch auch diese Erwartung wird abgewandelt: Der Endkampf gegen die Riesen ist zwar bizarr, aber vom Sieg gekrönt – unter schweren Verlusten. Tolkien hätte es nicht besser schildern können – sofern er in der Gosse aufgewachsen wäre, denn genauso reden die futuristischen Hobbits.

6) James Patrick Kelly: Sonnenwende (Solstice 1985)

Tony Cage designt Drogen und ist damit ein reicher Mann geworden. Was ihm gefehlt. Nachkommen, die ihn auch privat auf seinem Lebensweg begleiten. Aus seinen Körperzellen lässt er seine Klontochter Wynne erschaffen. Doch ihre beiden Lebenswege verlaufen asynchron: Tony muss sich in Irland aus Steuergründen immer wieder einfrieren lassen, um sein Zeitpensum für die Verweildauer in Irland zu erfüllen. Während er eingefroren ist, wird Wynne von der Nanny betreut. So kommt es, dass er von Wynnes Kindheit und Jugend nur wenig mitbekommt. In 30 Jahren wird sie ihn altersmäßig eingeholt haben, dann werden beiden 50 sein.

Aber sie machen es sich zur Gewohnheit, so oft es geht Stonehenge zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende zu besuchen. Es ist unausweichlich, dass er von einem Reporter erkannt und befragt wird, aber es ist inzwischen Wynne, die die meisten Fragen beantwortet. Nach einer weiteren „Ruhepause“ stellt Wynne ihm ihren neuen Freund Tod Schluermann vor. Automatisch hält Tony ihn für einen Nichtskönner, der Wynne nicht ernähren kann. Damit behält er ein paar Monate Recht, doch dann landet Tod seinen ersten Video-Hit.

Tony hat eigentlich geplant, Tod mithilfe einer neuartigen Designerdroge, die ihm sein früherer, inzwischen ausgebooteter Partner Bob Belotti überlassen hat, außer Gefecht zu setzen und bloßzustellen. Dann würde Wynne wieder zu Daddy kommen. Doch als sie diesmal Stonehenge zur Sonnenwende besuchen und Tod ein neues Video drehen soll, wird Tony selbst überlistet: Kaum hat er die neue Droge „Share“ zusammen mit Wynne (Tod drückt sich) eingeworfen, verändert sich seine Wahrnehmung. Und nicht nur das: Sein ganzer Kreislauf gerät durcheinander. Wird er selbst zum Menschenopfer im Steinkreis der Druiden, fragt er sich…

Mein Eindruck

Tony ist kein „guter Mensch“, sondern ein egoistischer Opportunist. Er hat seinen Partner Belotti ausgebootet und will nun aus Eifersucht den Freund seiner Klontochter absägen. Doch letzten Endes ist er es, der die Zeche zahlen muss. Belotti rächt sich mit einer fies gemixten Designerdroge, die Tony fast umbringt. Tod nimmt sie gar nicht erst ein. Es ist schon schlimm genug, was mit Wynne passiert: Sie steht kurz vorm Exitus.

„Sonnenwende“ ist einerseits bewegendes Drama um eine Vater-Tochter-Beziehung, andererseits eine Betrachtung der Geschichte des berühmtesten aller Steinkreise durch die Jahrhunderte – und schließlich eine Extrapolation der Industrie für Designerdrogen, falls die Gesundheitsbehörde FDA der USA abgeschafft werden würde.

Während Stonehenge-Interpretationen für einen sehr ironischen Ton sorgen, steuert die Industrie die grimmige, veränderliche Realität bei. Dem steht die Romantik in der Beziehung zwischen Tony und Wynne gegenüber. Zusammen ergeben diese drei Zutaten eine dichte, eindrucksvolle und nachwirkende Erzählung, die für mich zu den besten dieses Bandes gehört. Warum ist das Cyberpunk? Na, wegen der chemischen Technologie.

7) Greg Bear: Petra (dito, 1982)

Nach dem Tag, als Gott starb, dem „Mortdieu“, bricht das Chaos über das Universum herein, denn die meisten Naturgesetze verabschieden sich auf Nimmerwiedersehen. Chaos sucht das Gottesreich heim, und nur die Klugen überleben. Aus den Städten werden Wälder, und aus Vernunft wird Irrationalität, aus Naturgesetz Magie. Träume können Gestalt annehmen, und aus Stein wird schließlich Fleisch.

Das war vor 77 Jahren, also vor vier Generationen. Die Kathedrale auf ihrer Insel hat die Wirren der Zeit überstanden, doch die Wasserspeier, die sich in Fleisch verwandelten, haben mit einer Schar Nonnen Nachkommen gezeugt, solche wie unseren Chronisten. Er ist belesen und gelehrt. Da er nur drei Fuß hoch ist, hat er Zugang zu vielen Spalten, Rissen und Löchern auf den vielen Ebenen des gewaltigen Gebäudes. Sein Schnabel ist scharf, was so manchen Verfolger einen Finger kostet, doch auch die Stummelflügel kennzeichnen ihn als eine Abscheulichkeit – zumindest in den Augen des selbsternannten Bischofs der riesigen Kirche. Daher lebt der Chronist im Verborgenen – und beobachtet.

Was er beobachtet, gefällt ihm zunächst nicht. Constanzia, die 14-jährige Tochter des Bischofs, hat sich in Corvus, einen 15-jährigen Jungen aus Fleisch und Stein, verliebt. Ja, sie wollen sogar heiraten, was die althergebrachte Ordnung auf den Kopf gestellt hätte. Unser Historiker befragt eine unabhängige Autorität, die es jedoch vorzieht, nicht zu urteilen. Auch der Gesalbte, den unser Chronist in den untersten Gewölben entdeckt, gibt sich nicht mit diesem Fall ab. So kommt es, dass Corvus gefangen und verurteilt wurde: erst Entmannung, dann Tod.

Nach einiger Überlegung und einer folgenschweren Begegnung mit einem gewissen Simon Petrus beschließt unser Chronist, Corvus als eine Art Mitrevolutionär zu betrachten. Um die Revolution in die Wege zu leiten, muss er allerdings erst einmal den Gefangenen befreien, ohne dabei selbst erwischt zu werden. Sein Ratgeber gibt ihm einen Tipp: Unser Freund solle erst einmal für Licht sorgen, für Erleuchtung der verhangenen, düsteren Kathedrale

Mein Eindruck

Von der Moderne zurück ins – buchstäblich – finstere Mittelalter: Gottes Tod und das nachfolgende Chaos machen es in dieser hintersinnigen Spekulation möglich. Die spirituelle Welt sowie Magie werden auf einmal real. Auf der genetischen Ebene tut sich Ungewöhnliches, als sich Menschen „von reinem Fleisch“ mit solchen aus Fleisch und Stein paaren. Die Wasserspeier und „Gargouilles“ der Kathedrale werden lebendig und haben Kinder mit den Menschen. Wer jetzt an die apokryphen Bücher des Alten Testaments denkt, liegt wohl richtig: Dort paarten sich die sog. „Nephilim“ (Dämonen) mit Menschenfrauen.

Während sich eine Romeo & Julia-Tragödie anbahnt, sucht unser namenloser Chronist von der hässlichen Gestalt eine Lösung für das Grundproblem: die Entrechtung und Diffamierung der Andersartigen durch die Menschen „von reinem Fleisch“. Das kommt uns doch (leider) recht bekannt vor. Interessant wird die Sache, als unser Freund sich an den „Steinernen Gesalbten“ wendet, der im Keller haust: unverkennbar eine Jesus-Gestalt, denn „Gesalbter“ heißt auf Griechisch „Christos“. Aber auch der gibt unserem Freund einen Korb.

Die Revolution scheitert schon in den Anfängen, denn ihre Anführer – der Chronist und Corvus – sind entweder gefangen oder durch ihre Andersartigkeit disqualifiziert. Als jedoch unser Freund die Fenster aus Buntglas von ihrer Verkleidung befreit, ereignet sich ein spirituelles Wunder. Reicht das? Tut es nicht. Als muss mehr „Aufklärung“, mehr Erleuchtung her – draußen in den Wäldern.

Man sieht: Aus der Katastrophe des Gottestodes ergibt sich die einmalige Chance eines existentialistischen Neuanfangs im Zeichen der Aufklärung. Es ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

8) Lewis Shiner: Bis Menschenstimmen uns wecken (Till Human Voices Wake Us, 1984)

Campbell ist von der Firmenarbeit ausgelaugt und geplagt von feuchten Träumen. Nach 18 Jahren Ehe mit Beth ist er zudem sexuell frustriert. Als er in Zwangsurlaub in der Karibik geschickt wird, entdeckt er auf einem Tauchgang eine Meerjungfrau. Er macht ein Foto, nur um sicherzugehen. Sofort ist die Nixe verschwunden. Seiner Frau kann er nichts davon erzählen, denn sie ist innerlich bereits in der Scheidung. Auf ihre kritischen Bemerkungen über seine multinationale Firma hört er schon gar nicht mehr: „Die haben einfach die ganze Insel gekauft und umgekrempelt.“ Später wird ihm klar, was das bedeutet.

Am gleichen Abend traut er seinen Augen kaum: eine Frau, die der Nixe zum Verwechseln ähnlich sieht. Doch Dr. Kimberley arbeitet hier auf der Insel für die Company als Biologin. Was sie erforscht, sagt sie nicht, aber nach seiner Anmache ist sie bereit, mit ihm ins Bett zu gehen. Am nächsten Morgen reist Beth ab, denn sie hat die Zeichen erkannt. Campbell ergreift die Gelegenheit und lässt das Foto von einem Kodak-Laden im Dorf entwickeln. Dann besorgt er sich eine Flasche Schnaps, besäuft sich und geht tauchen.

Er sieht zwar keine Nixe, aber dafür den Riss in einem langen, tiefreichenden Netz. Als er hindurchschwimmt gelangt er in Dr. Kimberleys unterseeische Forschungsstation: Delphine, die mit Männern schwimmen, Unterseegärten…

Mein Eindruck

Dr. Kimberley erklärt ihm die Vision, die die Company hat und hier erforschen lässt. Doch Campbell bleibt der alte Zyniker, besonders als er erfährt, um wen es sich bei der Nixe handelte: Kimberleys missgestaltete Klon-Tochter. Nun weiß er zuviel, was will die Company mit ihm also machen? Einige Zeit später taucht er das Riff hinab, um die Meerjungfrau zu suchen, ausgestattet mit neuen Kiemen…

Das Cyberpunk-Schema ist deutlich erkennbar: neue Technologie, Anti-Establishment, Romantik/Sex und eine transzendierende Lösung des Konflikts.

9) John Shirley: Freezone (Teil des 1. Bandes seiner Trilogie „Eclipse – A song of youth“, 1985)

Um eine ehemalige Ölbohrplattform vor der westafrikanischen Küste hat eine texanische Ölfirma auf Flößen zahlreiche Vergnügungsunternehmen etabliert und das Ganze zur unabhängigen Zone erklärt: Freezone. Hierher kommen allerlei Junkies aller Art, aber auch Flüchtlinge aus dem umkämpften Westeuropa, so wie damals während des 2. Weltkriegs nach Casablanca. Nur, dass hier richtig die Post abgeht. Die Security schaut weg, solange sie gut geschmiert wird.

Rick Rickenharp ist ein Rockgitarrist der alten Schule. Solch ein Fossil hat man hier schon lange nicht mehr auftreten sehen, aber sein Konzert kommt dennoch spitzenmäßig an. Vor der Zugabe schneien drei schräge Typen in die Backstage-Garderobe. Die Frau, Carmen, ist auch eine Künstlerin und genau wie Rick ein Meskalin-Junkie. Die anderen beiden Männer sehen irgendwie japanisch aus. Alle wirken nervös, aber Rick brauchte eine Weile, um den Grund dafür zu kapieren: Sie sind Attentäter auf der Flucht. Rick soll ihnen einen Fluchtweg runter von der Insel besorgen.

Das Opfer ihres Anschlags ist nur fragmentarisch in den TV-Nachrichten zu sehen: Rick Crandall, das Oberhaupt der faschistoiden Security-Truppe Second Alliance, die sich über Westeuropa wie eine Krake ausgebreitet hat. Klar, dass sie nun auch in Freezone aktiv sind und nach den Attentätern suchen. Weil Rick durch eine Drohne ebenfalls mit dem Trio gesehen wird, steckt er mit drin im Fahndungsraster. Als er seinen Kontakt, den schwulen Afroamerikaner Frankie anquatscht, verlangt er auch ein Fluchtticket für sich selbst. Wegen des Ticketpreises muss er Carmen überreden, aber das erweist sich als kein problem: Sie ist scharf auf ihn. Gebongt und geritzt – ab nach Malta!

Mein Eindruck

Da es sich um den Vorspann eines Roman, nämlich von „Eclipse“, handelt, konzentriert sich der Text vor allem darauf, die Hauptfigur mit ihrem komplexen Innenleben zu beschreiben sowie die Umwelt, in der Rick zu überleben versucht. Die Prosa erinnert in ihrem sinnlichen Detailreichtum ein wenig an die Szene des Helden Case in „Neuromancer“ in Chiba City, aber Freezone ist wesentlich stärker auf Droge und erotisch aufgeladen. Und Cases Molly, die Gangsterbraut mit den Killerfingernägeln, sieht jetzt ganz anders aus. Aber Carmen ist als Attentäter ebenfalls nicht zu unterschätzen.

Noch sehr wichtig wird der soziopolitische Hintergrund von Freezone. Westeuropa ist wie einst im 2. Weltkrieg besetzt oder umkämpft, aber die Security-Truppe Second Alliance (SA) ist unschwer als faschistoide Gestapo zu erkennen. Nun streckt sie ihre Finger nach Freezone aus – und prompt wird ihr „Führer“ Crandall bei einem Anschlag verletzt. Indem Rick den Attentätern folgt, schließt er sich dem Widerstand gegen die SA an.

War „Neuromancer“ dem Muster eines Raymond-Chandler-Krimis mit Philip Marlowe gefolgt, so entwickelt sich „Eclipse“ mehr zu einem Untergrund-Thriller, gestützt auf relativ genau gezeichnete Rebellen wie den Rockveteranen Rick. Aus dieser Novelle hat Shirley eine Romantrilogie namens „Eclipse – A Song of Youth“ gestrickt (dt. bei Heyne) und diese dann nochmal überarbeitet (dt. bei Argument).

10) Paul di Filippo: Stone lebt (Stone Lives, 1985)

Die nahe Zukunft hat New York City eine Reihe von Free Enterprise Zonen beschert, in denen sich entsprechend mächtige Konzerne ungehindert betätigen können. So auch in der South Bronx, jener gesetzlosen Stadtregion, in der Stone lebt. Stone ist barfuß, verletzt, halb blind und extrem misstrauisch. Bei der heutigen Ausgabe von Jobangeboten wird er jedoch eingesackt – Widerstand zwecklos. Eine merkwürdig schöne Frau, die nach Maiglöckchen duftet, hat ihn ausgewählt. Wofür, fragt er sich. Denn in dem Vertrag, den er unterschreiben soll, steht nichts darüber.

Es ist besser als wieder in der Gosse zu leben, sagt er sich und unterschreibt. Sofort wird er betäubt. Während seiner Bewusstlosigkeit wird er gesäubert, entlaust, an allen Stellen rasiert, x-mal geimpft und an seiner Verletzung behandelt. Besser geht’s nicht, denkt er, aber das dicke Ende kommt bestimmt noch. Tatsächlich: Sie wollen seine Augen durch hypermoderne KI-Augen ersetzen, die vier nichtmenschliche Dinge können. Er ist June Tannhauser, dem Maiglöckchen-Mädchen, dankbar. Aber das dicke Ende kommt noch.

Denn June arbeitet für den Hersteller dieser Superaugen, die Citrine Corp. Deren Besitzerin ist Alice Citrine, die im 200. Stock des Citrine Towers residiert, welcher im früheren East River errichtet wurde. Sie sieht jung aus, hat aber ein Wirtschaftsimperium erbaut, kann also ganz schön alt sein. Ihre Bitte ist trügerisch einfach: „Ich habe diese Welt mitgestaltet. Nun will ich, dass du sie studierst und mir sagst, ob es gut oder schlecht ist, was ich erschaffen habe.“

Erst June, das Maiglöckchenmädchen, bringt ihn darauf, worin der Auftrag in Wahrheit besteht: Er soll nicht die Welt bewerten, denn das wäre ein Ding der Unmöglichkeit, sondern den Abdruck bewerten, den Alice Citrine darin hinterlassen hat. Diesen Job kann er bewältigen, denkt er, und mit June begibt er sich in die Welt hinaus. Seltsamerweise verweigert sie ihm den Zutritt zu den Orbitalwelten. Das wird sich noch verhängnisvoll auswirken.

Denn der EMP-Puls, der den Citrine Tower lahmlegt und Stones Augen zerstört, kommt nicht von der Erdoberfläche…

Mein Eindruck

Die geschickt und einfühlsam erzählte Story qualifiziert sich als Cyberpunk nicht nur durch Stones Augenimplantate, sondern auch weil sie eine globale Perspektive hat. Anders als die klassische SF von Heinlein bis Asimov denkt die Mirrorshades Group nicht in nationalen Schemata – ihr Spielfeld ist die gesamte Erde. Das macht in der US-amerikanischen SF einen Riesenunterschied aus. Denn es erfordert ein Publikum, das sich genauso weltweit auskennt und auf einem internationalen Niveau denkt. Ungefähr so, wie wir durch das Internet heutzutage vernetzt sind und uns also internationale Community betrachten.

Wie auch immer: Stone entdeckt in seinen fast täglichen Gesprächen mit der 159 Jahre alten Alice Citrine, dass sich die Free Enterprise Zonen (FEZ) genauso verhalten wie die Räuberbarone Ende des 19. Jahrhunderts: Sie bekriegen sich mit allen Mitteln. Das erklärt auch den Anachronismus des Slums der South Bronx, wo Stone, Citrines Sohn, aufwachsen musste: Keine der FEZs konnte sich mit anderen auf die Gestaltung dieser Parzelle einigen, geschweige denn anderen deren Besitz gönnen. Das Ende hält für Stone noch eine weitere Überraschung bereit…

11) Bruce Sterling & William Gibson: Roter Stern, Winterorbit (Red Star, Winter Orbit, 1983)

Es ist das Ende des Sternenzeitalters für die sowjetische Raumfahrt. Nach dem Triumph der bemannten Marslandung durch Kosmonaut Korolew wurde eine Stadt im Himmel gebaut: Kosmograd. Doch die Steuerzahler wollen nicht mehr blechen, die Stadt soll dichtgemacht werden. Und obwohl sich die Umlaufbahn bereits der Erdoberfläche annähert, gibt es einen, der nicht aussteigen kann: Korolew selbst, der Held. Denn seine Knochen und Muskeln sind durch den langjährigen Aufenthalt in der Schwerelosigkeit so degeneriert, dass er sich auf der Erde nicht mehr bewegen könnte. Wahrscheinlich würde sogar sein Herz den Dienst versagen.

Er schickt alle seine Freunde weg, um einsam zu sterben. Da klopft es an der Schleusentür. Es sind amerikanische Pioniere. Die Amis schafften es nie, eine Raumstation zu bemannen, sondern beschritten den Weg der Graswurzel-Raumfahrt: Jeder für sich selbst. Nun sind sie quasi als „Instandbesetzer“ da – und brauchen einen, der ihnen die Anlage zeigt.

Mein Eindruck

„Winterorbit“ zeichnet ein Bild der künftigen Entwicklung der Raumfahrt, das den hochfliegenden NASA-Propagandavisionen diametral entgegengesetzt ist. Tatsächlich wird die NASA kein einziges Mal erwähnt. Die Story ist also zugleich eine Warnung an die Adresse Space-Fans, was passieren könnte, wenn nicht…

12) Bruce Sterling/Lewis Shiner: Mozart mit Spiegelbrille (Mozart in Mirrorshades 1985)

Die Zeitreisenden aus der Zukunft haben die Festung Hohensalzburg als Stützpunkt eingenommen, um von hier die Stadt Salzburg in den Griff zu bekommen. Rice, der Ingenieur, hat eine Ölraffinerie hingestellt, so dass nun Pipelines durch die Gassen bis ins Zeitportal führen – in die Zukunft. Im Gegenzug haben die Zeitreisenden den Einheimischen alle Segnungen amerikanischer Kultur zugutekommen lassen: Bars, Klubs, Elektronik, Drinks, Klamotten, Musik – einfach alles. Das 18. Jahrhundert wird nie mehr sein, wie es mal war. Sogar die Französische Revolution ist fast unblutig verlaufen, und Thomas Jefferson ist der erste Präsident der USA – von Zukunfts Gnaden.

Wolfgang Amadeus Mozart ist der spezielle Schützling Rices und übt schon mal, seine Art von Pop mit den Mitteln der Zukunft herzustellen. Parker wird sein Manager und sagt ihm eine große Zukunft voraus. Mozart schwärmt Rice von Maria Antonia alias Antoinette vor, der Tochter der Kaiserin Maria Theresia, die jetzt, nach der Revolution, wohl in Versailles ein bisschen sein könnte. Prompt macht sich Rice auf den Weg und verliebt sich in das Luxus-Hippie-Girl.

Doch zehn Tage später kommt ein Video-Anruf von Mozart: In Salzburg sei die Kacke am Dampfen, die Raffinerie unter Beschuss, die Trans Temporal Army verteidige die Festung, deren Kommandantin Sullivan unter Kuratel gestellt worden sei. Als sich Rice in panischer Hast auf den Weg von Versailles nach Salzburg macht, trickst ihn Marie Antoinette aus und so fällt er den Masonisten-Freischärlern in die Hände. Wird Rice es jemals zurück in die Zukunft schaffen?

Mein Eindruck

Auch diese Story über einen alternativen Geschichtsverlauf bringt richtig Schwung in die Lektüre. Da trifft das bekannte Inventar des ausgehenden 18. Jahrhunderts auf die modernen USA, abgesehen mal vom Zeitportal, und im fröhlichen Culture Clash entstehen skurrile Szenen. Diese Story nimmt Sophia Coppolas Film über Marie Antoinette schon um Jahre vorweg. Und Mozart wird zum Popstar der Zukunft, so wie er das ja schon zu seiner Zeit war.

Zeitparadoxa – was soll damit sein? Der Zeitverlauf, erfahren wir, hat sowieso zahlreiche Verzweigungen, wie ein Baum Äste. Deswegen mache die Kontamination DIESES 18. Jahrhunderts den vielen anderen 18. Jahrhunderten gar nichts aus. Klar soweit? Und man kann sogar zwischen verschiedenen Zeitzweigen wechseln. Daher auch das Auftauchen der Trans Temporal Army.

Im Grunde jedoch zeigen die Autoren anhand der Kulturinvasion der modernen USA, wie ja vielfach in den Achtzigern zu beobachten, verheerende Auswirkungen auf die lokale Kultur – auch im soziopolitischen Bereich. So entsteht etwa die Widerstandsbewegung der Freimaurer alias Masonistas, gegen die Thomas Jefferson schon wetterte. Und es gibt die Trans-Temporalarmee, die sich als eine Art Sechste Kolonne der Manager aus der Zukunft engagiert – und so Rices Hintern rettet. Insgesamt also ein richtiger Dumas’scher Abenteuerroman, auf wenige Seiten komprimiert.

Nachwort von Michael Nagula

Das Nachwort „Palimpseste – Cyberpunk und die Urbarmachung der Science Fiction“ der deutschen Ausgabe stammt von Michael Nagula, der zwei Jahre später (1990) bei Heyne die Cyberpunk-Anthologie „Atomic Avenue“ herausgab, die auch Satiren und sekundärliterarische Essays zum Phänomen des Cyberpunk umfasst. Nagula beginnt mit der geistesgeschichtlichen Grundlage für die Entstehung des Cyberpunk, nämlich der Zersplitterung und Entmachtung des Individuums.

Auf romantische Weise erblicken Cyberpunk-AutorInnen in der rasanten technologischen Entwicklung der siebziger und achtziger Jahre eine Möglichkeit (Utopie, Transzendenz) den Einzelnen über diese Begrenzung hinauszuführen. Die Widersacher ist Mächtige aller Art sowie deren Handlanger, männlich oder weiblich. Von den Noir-Autoren Chandler und Hammett entlehnen sie Stereotypen und Handlungsstrukturen, aber auch solche Figuren wie die Gangsterbraut (z.B. Molly in „Neuromancer“), die sich mal als Liebchen, mal als Killerin entpuppt.

Cyberpunk inszeniert sich als relevante Literaturströmung, da sie sich der Technologien und Attitüden annimmt. Gleichzeitig verarbeitet sie in den o.g. bekannten Mustern neue Versatzstücke, aber stets mit dem Anspruch zu unterhalten. Nagula listet als zentrales Trio Gibson, Sterling und Bear, was ich im Falle von Bear nicht ganz nachvollziehen kann. Shiner und Cadigan, Maddox und Shirley sind da schon wahrscheinlicher. Vor allem Shirley hat bereits Mitte der siebziger Jahre wegweisende Storys vorgelegt, an die sich Gibson dann 1977 dranhängte.

Nachdem Nagula die Cyberpunk-Autoren vorgestellt hat (mit Verweisen auf ihre deutschen Publikation, versteht sich), folgen die sog. „Humanisten“: Kim Stanley Robinson, Connie Willis usw. Dass diese Unterscheidung ebenso willkürlich ist wie das Etikett „Cyberpunk“, zeigt dann der Fall des „Humanisten“ James Patrick Kelly, der mit einer Story-Trilogie astreinen Cyberpunk ablieferte. Dankbarerweise zählt Nagula auch ausgezeichnete (und witzige) Autoren wie George Alec Effinger auf, der in dieser Anthologie eindeutig fehlt. Dafür darf dann aber der unvermeidliche Walter Jon Williams nicht fehlen, der mit dem Action-Roman „Hardware“ (O-Titel „Hardwired“) 1986 praktisch Gibsons „Neuromancer“ (1984) plagiierte und weiterführte.

Und danach? Danach konnte sich praktisch jeder als Cyberpunk, der dafür die Eier hatte (sorry, Pat Cadigan!). Mittlerweile ist Cyberpunk so breit aufgefächert, dass jede technizistische Anti-Establishment-Attitüde sich dafür qualifiziert. Am Schluss findet Nagula zu einer harschen Kritik der Cyberpunk-Attitüde. Wenn das Individuum sein Gedächtnis auslagert (wie es heute viele schon tun) und sich mit Implantaten völlig überwachbar macht, dann ist mit Rebellion nichts mehr wollen. Sterling ist mittlerweile zu einem Apostel des Futurismus auf allen Ebenen geworden: Software-Design, Architektur-Design, Nachhaltigkeit in allen Formen, aber von Subkultur keine Spur.

Die Übersetzungen

S. 10: St[r]afandrohung: Das R fehlt. Es gibt viele weitere solche Fehler sowie Buchstabendreher. Diese werde ich übergehen, sonst wird die Liste ellenlang.

S. 101: „Teams schlagen [seit] eh niemals zu…“ Also, entweder ist „seit“ überflüssig oder nach „seit“ fehlt ein Wort.

S. 107: „Sind sind bösartiger und feister als je zuvor.“ Das erste „sind“ sollte „sie“ lauten.

S. 152: „Alignemente“ kann so stehen bleiben, denn der Begriff bezeichnet nicht bloß die abstrakte Ausrichtung eines Steinkreises wie Stonehenge, sondern auch die konkrete Anordnung der Steine.

S. 186: „sie erweisen sich“: Buchstabendreher. „Sie erwiesen sich…“

S. 191: Buchstabendreher: „Frucht“ statt „Furcht“.

S. 194: „aber Etikette hat mir noch [nie] sehr viel bedeutet.“ Das Wörtchen „nie“ fehlt hier, damit der Satz einen Sinn ergibt.

S. 220/222/233: CRT: Das Kürzel wird nie erklärt, steht aber für „cathode ray tube“, also Kathodenstrahlröhre. Das bezeichnet die veraltete Generation von Monitoren. Wieso aber sollte ein Monitor über eine Tastatur verfügen? Gemeint ist also eigentlich ein PC. Der Autor (Shiner) wirft einfach alles zusammen in einen Topf.

S. 405: „Kampf zwischen den (…) Forme[r]n und den (…) Mechanisten…“ Das R fehlt.

S. 407: „Rockguitarrist“ statt „Rockgitarrist“.

Und viele mehr.

Unterm Strich

Ein anonymer Schreiber, der sich das Deckmäntelchen „Vincent Omniaveritas“ zugelegt hatte, war der Ideologe und Propagandist der neuen Bewegung, so ab etwa 1980. Nagula weiß zum Veröffentlichungszeitpunkt dieser Übersetzung (1988) offenbar nicht, dass es sich bei Vincent O. um Bruce Sterling handelt, also den Herausgeber dieser Anthologie. 1990 weiß er es. Dass ein Propagandist seine selbst promotete und mit Eigenbeiträgen gespickte Anthologie veröffentlicht, ist schon ziemlich problematisch: Wie unparteiisch kann er denn dann überhaupt bei der Auswahl sein?

Wer erwartet hat, hier die endgültige Definition dessen zu finden, was „Cyberpunk“ ausmacht, sieht sich daher ziemlich bald verwirrt. Es gibt nämlich keine enggefasste Definition. Die AutorInnen wollen sich nämlich, wie Sterling in seinem Vorwort sagt, nicht alle in eine einzige Schublade stecken lassen, der man dann das Etikett „Cyberpunk“ verpasst. Vielmehr suchen sie die Vielfalt und Eigenart in Thema, Stil und Ausdruck.

Hintergrundinformationen

Will man jedoch ein erstes Mal in genau diese Schublade schauen, so eignet sich die Anthologie mit der Vielfalt ihrer Beiträge ausgezeichnet als Einstieg ins Genre – besonders in der deutschen Fassung. Michael Nagula liefert nämlich in seinem umfangreichen Nachwort nicht bloß einen kritischen Ansatz zur Bewertung dieses Subgenres, sondern steuert gleich noch einen bunten Strauß von scharf gezeichneten Autorenporträts bei. Zusammen mit der (aktualisierten) Bibliografie in seiner eigenen Anthologie „Atomic Avenue“ (Heyne, 1990) erhält der SF-Kenner so eine geballte Ladung Hintergrundwissen über die AutorInnen des Cyberpunk von 1977 bis 1988/90. Sie würde anderen Verlagen als Monografie genügen. Sammler können sich auf die Infos aus der Bibliografie ebenso verlassen wie auf die erstmals in „Spiegelschatten“ erwähnten Werke.

Generalthema

Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, das vor knapp zwei Jahren ernsthaft angebrochen ist (KI gibt es ja schon über 50-60 Jahre) erscheint die allenthalben in diesen Zukunftsentwürfen vorzufindende Verbindung aus Mensch und Maschine längst überfällig. Damals war er visionär und provokativ, besonders für Anhänger der „Humanisten“ in der SF. Dieses Generalthema wird hier durchdekliniert und in „Atomic Avenue“ erweitert.

Doch auch die Chemie kommt zu ihrem Recht. Seien es Designerdrogen in „Sonnenwende“ oder das gute alte Meskalin in „Freezone“, transformieren sie die entworfene Realität und verändern den erlebenden Konsumenten. Meines Erachtens ist dabei Kellys Erzählung „Sonnenwende“ Shirleys Entwurf in „Freezone“ haushoch überlegen. Beide schildern zwar das erlebende Innenleben des Protagonisten, doch nur Kelly gelingt es, daraus eine dramatische Handlung mit Anfang, Mitte und Finale zu gestalten, die keinen Leser kalt lässt. Für mich ist „Sonnenwende“ also einer der besten Beiträge in dieser Auswahl. Dagegen fallen selbst Beiträge von Gibson und Sterling ab.

Postmoderne

Erstaunlich ist angesichts der Innovationskraft des Subgenres die Häufigkeit, mit der alte Vorlagen wiederverwendet werden. „Schlangenaugen“ revidiert die alte Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies, und „Petra“ schildert den revolutionär gedachten Übergang vom buchstäblich finsteren Mittelalter zur erhellten Aufklärung in einer Post-Holocaust-Welt. Hugo Gernsback wird ebenso kritisch gesehen wie Harry Houdini und Wolfgang Amadeus Mozart.

Laidlaws „400 Boys“ erinnerte mich stark an Tolkiens „Herrn der Ringe“, als die Riesen auf einer Version der Ebene von Gorgoroth in Mordor auftauchen. Auch hier sind die Verteidiger zu Cyborgs aufgerüstet. Bemerkenswert, dass hier die Mädels mitspielen und ganz schön taff zuschlagen. Taff durften bis dahin nur die diversen Gangsterbräute sein, die Gibson in seinen Chandler-Krimi-artigen Romanen und Erzählungen auftreten ließ.

Die realste Frau in diesem Band ist wohl Dr. Kimberly, die Biologin in Shiners Story „Bis Menschenstimmen uns wecken“. Typisch, dass ausgerechnet sie es ist, die den Mann transformiert, damit er im Meer bei ihrer Tochter leben kann. Wer jetzt an Fabelwesen wie Andersens „kleine Meerjungfrau“ denkt, liegt goldrichtig, nur dass nicht das Mädel an Land kommt, sondern der Mann ihr folgt – die Vorzeichen haben sich verkehrt. Das passiert in der Postmoderne, die alles und jeden revidiert oder Bekanntes neu kombiniert, andauernd. Das macht Cyberpunk bis heute so spannend.

Die vielen Druckfehler führen zu einem Punktabzug.

Taschenbuch: 432 Seiten
Originaltitel: Mirror Shades, 1986
Aus dem Englischen übertragen von Roland Fleissner und Reinhard Heinz.
ISBN-13: 9783453031333

www.heyne.de

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