Ann Leckie – Die Maschinen

Eine ferne Zukunft. Menschliche Zivilisationen haben sich über die Galaxis ausgebreitet, haben ihren Ursprung vergessen, den Kontakt verloren und teilweise wiedergefunden. Sternenreiche sind entstanden und koexistieren oder bekriegen sich. Das mächtigste Reich nennt sich die Radch, ihre Völker heißen Radchaai. Sie breiten sich mit der maschinellen Effizienz ihrer KI-gesteuerten Schiffe aus, dulden keine Gegenwehr und ziehen von einer Annexion zur nächsten, geführt durch die Herrin der Radch, Anaander Minaai in ungezählten Varianten ihres Körpers, ständig und überall präsent, die absolute Kontrolle.

Und doch ziehen Veränderungen in dieser Gesellschaft auf: Die Annexionen werden plötzlich beendet, gigantische Truppentransporter stationiert, diplomatische Beziehungen zu anderen Zivilisationen, ja sogar zu Aliens aufgenommen. Und lange unbemerkt, bahnt sich eine Katastrophe an, die das Reich der Radchaai zu zerstören droht: Ein Konflikt, geboren aus der divergenten Entwicklung der Herrin, die sich plötzlich selbst feindlich gegenüber steht. Für die Akteure stellt sich bald die Frage: Welche Anaander Minaai vertritt welche Meinung? Und wie soll man sie unterscheiden? Wie sich ihrer allumfassenden Befehlsgewalt entziehen?


Ann Leckie verfasste mehrere Kurzgeschichten für diverse Magazine, »Die Maschinen« ist ihr Romandebüt. Es schlug ein wie eine Bombe: Der Nebula-Award, der Hugo-Gernsback-Award, der Arthur-C-Clarke Award … höchste Würdigung wurde ihr für diesen Roman zuteil. Er ist dabei der Beginn einer dreiteiligen Reihe, die in deutscher Übersetzung im März 2016 unter dem Titel »Die Mission« fortgesetzt wird.

Protagonistin des Romans ist Breq, ein anfangs schwer einzuschätzendes Wesen, die sich im Laufe des Romans immer stärker als Präsentant der Menschlichkeit darstellt. In ihr vereint Leckie eine vielschichtige Persönlichkeit, ausgehend von einer Künstlichen Intelligenz, die umfassende Möglichkeiten hat, sich aufzuteilen und an vielen Orten zugleich zu sein. Das Zentrum stellt der gigantische Truppentransporter Gerechtigkeit der Torren dar, die diversen »Arme« des Schiffes sind sogenannte Hilfseinheiten, die sich aus annektierten Völkern rekrutieren. Im Endeffekt handelt es sich bei ihnen also um tote Menschen, die bei Bedarf durch eine KI wiederbelebt werden.

Diese moralisch für uns unvorstellbare Vorgehensweise ermöglicht den Radchaai eine rasante Expansion und perfekt kontrolliertes Personal, das völlig befreit von Individualität und damit ohne Rücksicht auf die eigene Existenz agiert. Die Einheiten stehen ständig mit der KI in Verbindung, wodurch mit dem Ausfall keine Informationen verloren gehen. Aber Leckie konstruiert natürlich einen Konterpart in Form von gesellschaftlichen Veränderungen in der Radch, wodurch diese Leichensoldaten, wie sie auch genannt werden, verstärkt von echten Menschen ersetzt werden. Daraus ergeben sich wiederum diverse Problematiken sowohl im Umgang mit annektierten Völkern, beispielsweise durch Übergriffe der Besetzer, was es unter den Leichensoldaten nicht gab, als auch in der Gesellschaft an sich, in der ein Wandel angeregt wird.

Überlagert ist das explosive Konstrukt allerdings durch die Spaltung innerhalb der Anander-Minaai-Population, deren Auslöser Leckie immer wieder thematisiert. Diese Spaltung ist schließlich auch der Aufhänger für die eigentliche Geschichte des Romans, in deren Verlauf eine Leichensoldatin, eben die Einheit »Eins Esk der Gerechtigkeit der Torren« unter dem Eigennamen Breq, Individualität, Motivation, Menschlichkeit und Gerechtigkeitsbedürfnis entwickelt. Dieser KI-Splitter blickt auf eine Jahrtausende währende Existenz zurück und bietet damit Leckie die Möglichkeit, die Geschichte der Radch aus einem persönlichen Blickwinkel darzustellen, gleichzeitig hat sie sich damit einen Fixpunkt geschaffen, von dem aus sie Ereignisse, die auch räumlich getrennt ablaufen, direkt sichtbar zu machen.

Und während sie die Geschichte erzählt, entwickelt Leckie ein weitreichendes Universum mit faszinierenden Fragmenten und allen Zutaten großangelegter Space Operas – gewürzt mit Eigenarten von Völkern und Wesen, die nicht immer leicht zu verstehen sind. Gerade die Radchai präsentieren sich als komplizierte Gesellschaft mit teilweise recht dekadenten Zügen. Eine Problematik ist die Genderisierung dieser Gesellschaft. Individuen werden immer als weiblich angesehen, die Eigensprache der Radchai kennt das Maskulinum nicht. Betrachtet aus dem Blickwinkel der KI ergibt sich daraus die Schwierigkeit, das Geschlecht im Kontakt mit anderen Völkern einzuschätzen – ein Problem, was den menschlichen Wesen tatsächlich nicht schwer fällt. Die Intention der Autorin mit diesem Detail ist mir unklar, die Geschichte gewinnt dadurch nichts, denn an keiner Stelle ist dieses Konzept von ausschlaggebender Wichtigkeit. Der Roman hätte genauso ohne dies funktioniert, ja vermutlich hätte er sogar von seinem Fehlen profitiert, da die häufige Thematisierung bisweilen anstrengt und auch die Lesbarkeit unter dem ungewohnten Feminin leidet.

Auch die durch oft wiederholtes Erwähnen schwerwiegende Eigenart der Radchai, bloße Hände unsittlich zu empfinden, liefert dem Roman keine Pluspunkte. Aus derlei Details sollte man Handlungsrelevanz entwickeln, um ihre Gewichtung zu rechtfertigen.

Abgesehen von diesen Unannehmlichkeiten
ist der Roman ein interessanter Weltentwurf, eine spannende Geschichte und abwechslungsreich durch die verschiedenen Abschnitte, die die Protagonistin in Rückblicken miterleben lässt. Sogar an die unangenehm große Schrift der deutschen Erstausgabe im Tradepaperback gewöhnt man sich mit der Zeit, bis sie schließlich nicht mehr stört. Atmosphärisch dicht erzählt, fällt am Ende fast nicht auf, woher der Roman seinen Umfang und damit seinen Preis bezieht. Ann Leckie jedenfalls kann man keine Aufplusterung zum Vorwurf machen. Der Roman findet zu einem befriedigenden Ende und ist damit auch alleinstehend eine gute Lektüre – trotzdem darf man gespannt sein, ob Leckie das hohe Niveau über die beiden Fortsetzungen halten kann und ob das Thema Stoff für zwei weitere Romane bietet.

Taschenbuch: 544 Seiten
ISBN-13: 9783453316362
Deutsche Erstausgabe
Originaltitel: Ancillary Justice
Deutsch von Bernhard Kempen

Heyne.de
Der Verlag bietet hier eine Leseprobe an.

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