Dirk van den Boom – Ein Leben für Leeluu (D9E)

Ein gigantisches Weltraumhabitat folgt in einem abgelegenen Sonnensystem seiner Bahn. Es dient einer Unzahl an Menschen und Fremdwesen als Heimat und zieht Händler und zwielichtige Gestalten aus den umliegenden Systemen an, denn sein Alleinstellungsmerkmal in diesem Bereich der Galaxis ist die Nichtbeachtung strenger politischer, wirtschaftlicher oder ethischer Grundsätze anderer Staaten, wodurch der freie Handel auf dieser Station wesentlich – interessanter wirkt. Woher das Habitat Leeluu kommt, wer es erbaute und zu welchem Zweck, weiß heute niemand mehr.

Niemand? Gerade jetzt, wo sich die freien Systeme auf die nächste Expansion der Hondh vorzubereiten versuchen und das DenHaag-Institut Unsummen in die verschiedensten Hondh-Forschungen investiert, tauchen Gruppen auf, die mehr über Leeluu zu wissen scheinen, denn sie interessieren sich für einen bestimmten Bereich. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht, und so unterstützen sie eine Umsturzbewegung, die für eine Aufhebung der Familienwirtschaft und Vererbungsmacht auf Leeluu eintritt und dafür auch ihr Leben für Leeluu einzusetzen bereit ist …

Die Entstehungsgeschichte der Reihe um »Die neunte Expansion« der Hondh ist mittlerweile Geschichte. Aber eine interessante und motivierende Geschichte für die deutsche Science-Fiction-Landschaft, denn sie zeigt eindrucksvoll, wohin fruchtbare Diskussionen führen können. Denn es war eine Diskussion um die Situation der SF in Deutschland, die im Genreforum »scifinet.org« den Verleger Ernst Wurdack mit einer Reihe engagierter Autoren zusammen brachte und die Grundlage für das Entstehen der Reihe lieferte. Nun geht mit dem vorliegenden fünften Band das Projekt in sein zweites öffentliches Jahr, und Dirk van den Boom, der auch den ersten Roman schrieb, knüpft mit diesem Band locker an die Geschehnisse nach der »Reise alter Helden« an – was der Leser erst sehr spät erfährt. Das ist nicht weiter schlimm, denn es soll ja eine Reihe mehr oder weniger eigenständig lesbarer Romane vor einem gemeinsamen Hintergrund, dem sogenannten »shared universe« sein. Dass Boom dabei auf alte Charaktere und lose Fäden zurück greift, ist nur legitim und erfreut die Leser seines ersten Beitrags, die sich im Vorjahr nach einer Fortsetzung sehnten.

Band 1: Eine Reise alter Helden

Dirk van den Boom ist politikwissenschaftlicher Professor und freiberuflicher Elektromusiker mit einem Hang zur Schriftstellerei. Dieser Hang äußert sich durch eine Vielzahl an Veröffentlichungen pro Jahr, und vor allem seine alternative-history-Reihe »Kaiserkrieger«, die gerade mit Band sieben in ihre zweite Staffel startet und bereits einen Ableger hervor bringt, macht ihn über Genregrenzen hinweg bekannt. Aber auch die Romane um seinen diplomatischen Ermittler Casimir Daxxel (Eobal, Habitat C), seine SF-Serie »Rettungskreuzer Ikarus« oder seine military-SF-Reihe »Tentakelkrieg« bieten gute Unterhaltung auf äußerst unterschiedliche Art und Weise. Für »D9E« ist bereits ein weiterer Roman geplant: »Der sensationelle Gonwik«.

Band 2: Das Haus der blauen Aschen

Ein Leben für Leeluu ist eigentlich eine recht konventionelle SF-Geschichte um eine abgeschlossene Sphäre, in der sich eine machtpolitische Situation gebildet hat, die einem Teil der Bewohner Privilegien, Macht und Ansehen zuordnet und dem weit größeren Teil vor allem Arbeit, Ausbeutung und Unterdrückung. Typischerweise erheben sich die Arbeiter gegen die Herrscher und stoßen entweder auf die Wahrheit oder ihre Heimat ins Chaos. Van den Boom hat hier geschickt Althergebrachtes mit den losen Fäden seines Vorgängerromans verbunden und so etwas Eigenständiges geschaffen. Es ist ein Mitglied der alten Interceptor-Crew, das als Agent in das Habitat geschleust wird und für eine Forcierung der Umsturzbewegung sorgen soll. Ihm und seinen Mitstreitern ist das Habitat selbst und seine Bewohner relativ egal, einzig ihr Überleben und ein fairer Umgang miteinander liegt ihnen am Herzen. Der wahre Grund ist aber auch der Preis für die Mithilfe bei der Revolte: Leeluu verfügt über ein besonderes Bauteil, das auch die Grundzelle des Habitats darstellt. Glücklicherweise ist dieses Objekt räumlich separiert vom Rest des Habitats, so dass es kein strukturelles Problem darstellt, es zu entfernen. Denn genau das ist der Plan der Zeitgenossen um den alten Commander Thrax: Dies ist die letzte Hochleistung der alten Hegemonie vor ihrer Niederlage gegen die Hondh. Und eine neue Hoffnung für den Widerstand.

Band 3: Kristall in fernem Himmel

Es ist eine der Stärken van den Booms: Man fällt direkt in die Story, betrachtet die Vorgänge aus verschiedenen Perspektiven, erhält Einblicke in die Motivation der Gegenspieler und so ganz nebenbei werden interessante Details zum großen Hintergrundbild hinzu gefügt, schön verpackt in eine Nebenhandlung. Dadurch lässt sich der Roman wieder einsaugen wie ein süßes Getränk, erreicht aber nicht den hohen Genugtuungsfaktor des ersten Bandes, sondern stellt sich eher als eine Art Übergangsroman dar, in dessen Folge die großen Abenteuer beginnen könnten. Boom liefert dem Widerstand ein neues Machtmittel, noch dazu eines, das der alten Hegemonie nicht zur Verfügung stand. Und er liefert es in kriegserprobte Hände. Das Habitat Leeluu ist dabei eigentlich nur ein kleines Hindernis, dessen weitere Geschichte den Protagonisten gleichgültig ist. Aber auch hier wirft Boom ein Schlaglicht und offenbart in wenigen Sätzen wieder einen nur allzu menschlichen Abgrund.

Band 4: Der Schwarm der Trilobiten

Offen lässt van den Boom fast schon traditionell eine Menge Fragen, die Ansatzpunkte für spätere Geschichten sein können. In seiner Nebenhandlung führt er beiläufig den titelgebenden Helden seines nächsten Romans ein, nämlich den exzentrischen Nichtorganischen Gonwik, dessen Hilfe ausschlaggebend für den Erfolg des Unternehmens Leeluu, dessen Preis für die Hilfe allerdings geheimnisvoll und beunruhigend ist. Ein starker Motivationsanker, dessen Tau bis zum Erscheinungstermin des nächsten D9E-Boom im Oktober 2015 reicht.

Damit gewinnt die Reihe eine komplexe Zusammenhangsstruktur, bisher bestehend aus den blauen Aschen Peineckes, der Skolopendra Boos‘ und der Interceptor-Crew Booms, garniert mit Einzelabenteuern Falkes und den für 2015/16 angekündigten Neuzugängen Holger M. Pohl und Karla Schmidt – die Netze halten!

Taschenbuch, 250 Seiten
ISBN-13: 9783955560140
Originalausgabe
Oktober 2014
Titelbild von Ernst Wurdack
Wurdackverlag

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