Dirk van den Boom – Eine Reise alter Helden (D9E)


Die Neunte Expansion bei Wurdack – wahrscheinlich könnte man einen eigenen Artikel über das Entstehen dieser neuen Reihe schreiben. Kurz gesagt, begann alles mit einer Frage des Verlegers Ernst Wurdack im Forum von scifinet.org nach den Eigenschaften, die eine Science-Fiction-Romanreihe draufhaben sollte. Es entbrannte eine wilde Diskussion, in deren Verlauf sich eine Reihe von Autoren fand, die sich an ein solches Projekt, nämlich die Entwicklung und Realisierung einer eigenen Romanreihe, wagen wollte. Ernst Wurdack als Verleger lud sie damit in seinen Verlag ein, und das Ergebnis ist eben diese „Neunte Expansion“: eine Shared-Universe-Reihe, deren einzelne Romane eigenständig lesbar sind, während sich im Hintergrund ein Bild entwickelt, dem sich die Autoren mal mehr, mal weniger widmen.

Nun liegt uns mit „Eine Reise alter Helden“ der erste Roman dieser Reihe vor:

Die Erde ist im Krieg mit einer außerirdischen Zivilisation. Das Raumschiff Interceptor ist Teil eines Geschwaders zum Schutz von Rohstofffrachtern. Als die Gegner, die Hondh, angreifen, kann allein die Interceptor mit beschädigtem Überlichtantrieb entkommen und begibt sich auf einen Dilatationsflug zur Erde, was zu einer Reise in die Zukunft für die Besatzung wird: Auf der Erde sind bei ihrer Ankunft fünfhundert Jahre vergangen. Der Krieg ist verloren, die Erde ein Protektorat der Hondh.

Für die Besatzung um Kommandant Thrax stellt sich nun die Frage: Nehmen wir den verlorenen Krieg, dem wir unser Leben widmeten, wieder auf – oder ordnen wir uns unter und gliedern uns in die merkwürdig zufriedene Erdbevölkerung ein? Vorerst landen sie auf der Erde und versuchen, sich mit den Zuständen vertraut zu machen. Dabei werfen sich Fragen auf, deren Beantwortung sie immer weiter zur Ablehnung dieses irdischen Friedens, der Unterwerfung, treiben. Was war es, das die Hondh zum Sieg über die Menschheit einsetzte? Wie konnte die irdische Flotte abgewrackt werden? Wieso stellt sich kein Mensch kritische Fragen zum derzeitigen Zustand? Was hat die Menschheit ihren Antrieb, ihren Kampfeswillen gekostet? Und dann sind da noch die ignorierten Kolonien außerhalb der Hondh’schen Einflusssphäre, von denen jegliche Informationen fehlen …

Dirk van den Boom nimmt sich der schwierigen Aufgabe an, diesen Auftaktband einer neuen Reihe vor einem komplexen galaktischen Hintergrund zu schreiben. Er ist bekannt für seine Produktivität, für seine eigenen Romanreihen wie zum Beispiel der Alternative-History-Reihe um die „Kaiserkrieger“ oder die „Tentakelkrieg“-Serie und, nicht zuletzt, seine Serie um den „Rettungskreuzer Ikarus“. Er ist Professor für Politikwissenschaften. Und er sagt, die Innovation seiner Romane sei, so vorhanden, zufälliger Natur, da er nicht versuche, Innovation zu erzwingen, sondern eher souverän Geschichten zu erzählen, wie er sie selbst gern lesen würde. Eine starke Schulter also für eine regelmäßig erscheinende Romanreihe, und tatsächlich heißt es, er habe das Manuskript seines zweiten Beitrags (mit der Nummer 5) bereits eingereicht …

Der Roman beginnt im Innenleben von Lieutenant-Commander Thrax und schildert aus seiner Sicht die Zustände an Bord des schon 170 Jahre alten Abfangkreuzers Interceptor. Abgegriffene Konsolen, krustige Polster und eine Technik, die man heutzutage nicht mehr versteht, nicht verbessern und im Einsatz kaum noch instand halten kann. Selbstreparaturroutinen, armseliges künstliches Essen, unterbezahlter Dienst, miese Lebenserwartung. Ein grau gehaltenes Bild, fern ab irgendwelcher strahlend polierter Raumschiffe, energischer Kommandanten und hochmotivierter Besatzungen. Irgendwie ernüchternd realistisch.

Dann kommt der Angriff der Hondh und die Frage, ob sich der Gegner in der Zeit seit ihrem letzten Kontakt Neuerungen hat einfallen lassen. Die galaktischen Entfernungen, Rohstoffknappheit und die Möglichkeit, alte Raumschiffe umzurüsten – schon auf den ersten Seiten gelingt dem Autor eine glaubhafte Darstellung dieses bereits lange Jahre währenden Krieges. Tatsächlich ein souveräner Start, der sich mit den Ereignissen auf der fünfhundert Jahre älteren Erde fortsetzt. Van den Boom erzählt die Geschichte der Rückkehr und die Auseinandersetzung der Besatzung mit den Zuständen auf der Erde aus den Blickwinkeln weniger Personen, die er teilweise über ihr Äußeres, teilweise über ihr Umfeld und vor allem über ihre Handlungen charakterisiert. Geschickt entwirft er ein Szenario, das die Interceptor als überlegenes Raumschiff im Bereich der menschlichen Welten und ihre Besatzung als Spezialisten hinstellt, denn obwohl sie subjektiv nur Mittelmaß in ihrer Zeit waren, hat sich die Menschheit unter Einfluss der Hondh in eine Gleichgültigkeit – vor allem was Technik, Raumfahrt und Militär/Strategie angeht – entwickelt, die die Rückkehrer auf ein Objektiv anderes Niveau hebt.

Um die Weltbeschreibung zu vertiefen, lässt der Autor seine Protagonisten unterschiedliche Erlebnisse auf der Erde haben, die sie endlich zu einem gemeinsamen Entschluss führen. So tritt Thrax selbst mit einem der wenigen nichtloyalen Menschen in Kontakt, was sich schließlich auch für den Informationsgewinn auszahlt und auch die Charakterzeichnung erweitert, als man versucht, sich für diesen Menschen einzusetzen. So – als einziger schwacher Kritikpunkt – fehlt in diesem Roman ein tragisches oder auch grausames Schicksal, der Einfluss der Hondh bleibt hier erstaunlich friedlich, obwohl sie im krassen Gegensatz dazu während des Krieges äußerst schonungslos vorgingen.

Während die Heimkehrer ihre Erfahrungen machen, lernt der Leser in gleichem Tempo den Hintergrund kennen, erfährt bereits über die Loyalisierungstechnik der Hondh, über Involvierungen der Erdregierung und über abnehmende Immunität einiger Menschen. Das Buch umfasst 250 Seiten, und die nutzt der Autor für eine schnelle, hochunterhaltende Geschichte, deren wichtiges Anliegen es ist, als Auftaktband für eine Reihe auch Hintergrundinformationen zu liefern und ein Bild zu skizzieren, auf dem sich die kommenden Geschichten abspielen können. Es ist ihm hervorragend gelungen, die Informationsvermittlung in den Hintergrund zu verlagern und sich vordergründig um seine Protagonisten und ihr Anliegen zu kümmern; man befürchtet vergeblich seitenlange Informationssammlungen und ist nach der letzten Seite doch ordentlich vorbereitet auf das, was da kommen mag. Van den Boom benötigt genau zwei Sätze, den geneigten Leser in seine Geschichte zu ziehen und dort zu fesseln, um ihn wissbegierig auf der letzten Seite zu entlassen.

Taschenbuch, 256 Seiten
Originalausgabe
Wurdackverlag

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

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