Joseph Conrad – Herz der Finsternis

Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ lässt sich sicherlich zu den Literaturklassikern zählen. Geschrieben 1899, wird das Werk auch heute immer wieder neu verlegt, gelesen, adaptiert, neuinterpretiert und verfilmt. Mit der Ausgabe vom Juni 2005 legt der |dtv| nun eine komplette Neuübersetzung von Conrads bekanntestem Werk vor.

„Herz der Finsternis“ ist eine klassische Rahmenerzählung. Kapitän Marlow ist mit ein paar anderen Männern an Bord einer Hochseeyacht auf der Themse unterwegs. Sie warten auf die einsetzende Flut und während sie warten, beginnt Kapitän Marlow eine Geschichte zu erzählen, die vor Jahren passierte und die er seitdem im Stillen mit sich herumgetragen hat.

Marlow heuerte damals als Kapitän eines Flussdampfers im belgischen Kongo an – aus Abenteuerlust und Neugier, denn schon als Kind träumte er davon, die weißen Flecken auf der Landkarte zu erkunden. Das Innere des Kongo ist noch ein solcher weißer Fleck. Die Handelsgesellschaft, bei der Marlow anheuert, unterhält bislang Stationen im Küstenbereich, tief im Landesinnern gibt es aber bisher nur eine einzige Station als weitere Basis für den Elfenbeinhandel.

Bereits als Marlow an der Zentralstation der Handelsgesellschaft eintrifft, hört er Gerüchte über Mr. Kurtz, der ganz allein die Station im Landesinnern betreibt und dabei schier unvorstellbar große Mengen Elfenbein in Richtung Küste schaffen lässt. Kurtz sammelt mehr Elfenbein als alle seine Kollegen. Marlow ist fasziniert von Kurtz, der ein Mann mit Idealen zu sein scheint, innerhalb der Handelgesellschaft aber nicht unumstritten ist.

Einige Zeit später erhält Marlow den Auftrag, mitsamt Besatzung und Dampfschiff ins Landesinnere aufzubrechen. Ziel der Reise: die Station von Mr. Kurtz. Die Fahrt führt Marlow und seine Besatzung in den dunklen Dschungel des Kongo, mitten in das „Herz der Finsternis“. Die Reise verläuft größtenteils problemlos, bis die Truppe kurz vor dem Ziel von Eingeborenen angegriffen wird. Die Hoffnungen darauf, Kurtz und die Station unversehrt anzutreffen, sinken, doch als Marlow und sein Team dort ankommen, erleben sie eine Überraschung und der dunkle Urwald gibt das düstere Geheimnis des ehrgeizigen Mr. Kurtz frei …

„Herz der Finsternis“ ist ein teilweise autobiographischer Roman. Conrad verarbeitet darin die traumatischen Erlebnisse seiner letzten großen Afrikareise, die ihn bis ans Lebensende gesundheitlich zeichnete. Zwanzig Jahre fuhr Conrad zur See, bevor er die Reise antrat, deren Erlebnisse er in „Herz der Finsternis“ niederschrieb. So wie sein Protagonist Kapitän Marlow, befuhr auch Kapitän Conrad mit einem Dampfschiff im Auftrag einer belgischen Handelsgesellschaft die Flüsse im Innern des Kongo. Und wie für Conrad, wird auch für Marlow die Fahrt zu einem einschneidenden Erlebnis, von dem Krankheit und Albträume zurückbleiben.

Obwohl Conrads Erzählung merkwürdig diffus und schwer greifbar bleibt, macht sie nachhaltig Eindruck. Conrad, der als Sohn polnischer Vorfahren erst als Erwachsener Englisch lernte, weiß sich sehr gut auszudrücken, inszeniert wortgewaltig und mit einer gewissen Mehrdeutigkeit, die der Geschichte ihre Vielschichtigkeit gibt. Die Sätze wirken teilweise bedeutungsschwanger und schwer. „Herz der Finsternis“ ist ein Buch, das man mit Bedacht lesen muss, das sehr viel Aufmerksamkeit und ein gewisses Maß Geduld fordert, dem Leser dann aber im Gegenzug auch viel bietet.

Die Erzählung birgt durchweg Spannung. Recht klassisch ist Conrads Art zu erzählen. Die Seefahrerthematik, die in klassischen Abenteuerromanen stets ein guter Aufhänger für spannende, dramatische Erzählungen bot, kommt auch hier zum Tragen. Conrad deutet zukünftige Geschehnisse immer wieder an, greift Teilaspekte des späteren Handlungsverlauf frühzeitig auf und heizt dadurch Neugier und Spannung gleichermaßen an. So wie vieles nicht direkt und offen ausgesprochen wird, schlummert die Faszination des Romans ein wenig verborgen unterhalb der Oberfläche. „Herz der Finsternis“ ist ein Buch, das den Kopf fordert und den Leser zu vielerlei Gedankengängen einlädt.

Marlows diffuse und leicht wirr erscheinende Art, seinen Mitreisenden an Bord der Hochseeyacht die Geschichte zu erzählen, verleiht der Erzählung zusätzliche Authentizität. Man spürt schon an Marlows Art, die Geschehnisse zu vermitteln, wie einschneidend, bedeutsam und gleichzeitig unbegreiflich sie für ihn sind. Zu einem großen Teil lebt die Stimmung der Geschichte auch von diesem Eindruck.

Conrad unterstreicht diese diffuse Grundstimmung, indem Figuren und Orte zu keiner Zeit mit Namen genannt werden. Einzig Kurtz, der auf Marlow eine solche Faszination ausübt, wird namentlich erwähnt, was seine herausragende Bedeutung als Kernpunkt der Geschichte unterstreicht. Die Handlung wirkt damit ein wenig entwurzelt und überraschend zeitlos. Der Albtraum, den die Reise für Marlow darstellt, wird durch diese Entwurzelung auch für den Leser greifbar.

Obwohl die Thematik an sich hinlänglich bekannt ist, obwohl die Leser der heutigen Zeit schon viele Geschichten dieser Art gehört haben dürften, bleibt „Herz der Finsternis“ ein faszinierender Roman. Für Marlow wird das Erkunden eines weißen Flecks auf der Landkarte, die bedrückende Reise in das „Herz der Finsternis“ eines unbekannten Kontinents, die er „wie eine ermüdende Pilgerfahrt durch angedeutete Alpträume“ (S. 23) empfindet, im Wesentlichen auch zu einer Reise zu sich selbst. Mitten in der unheimlichen, unheilvollen Fremde entwickelt sich die Fahrt mit dem Flussdampfer zu einer Konfrontation mit Marlows innerstem Selbst.

So funktioniert die Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen. Man kann das große Ganze sehen, das Thema Kolonialisierung, den Gegensatz zwischen Zivilisation und Wildnis und man kann das Kleine sehen, das eher im Verborgenen liegt, das Innenleben und die Menschlichkeit im eigenen Handeln und Dasein. Zu allen Bereichen liefert Conrad gleichermaßen viel Stoff für Gedanken.

Umstritten blieb sein Werk seit seiner Entstehungszeit eigentlich immer. Die einen sehen rassistische Züge in der Geschichte, die anderen sehen darin eine Kritik an der Kolonialpolitik der westlichen Welt. Besonders der Schriftsteller und Literaturprofessor Chinua Achebe hat Conrads Werk als zutiefst rassistisch kritisiert. Einerseits verständlich, andererseits kann man auch Conrads eingewobene Kritik an der Kolonialisierung nicht einfach ignorieren, denn die wird beim Lesen durchaus greifbar und man merkt, dass er seiner Zeit damit ein wenig voraus war.

Conrad begab sich mit seinem Roman auf dünnes Eis. Er hat einen mutigen und gewaltigen Roman geschaffen, der nicht nur stets literarisch Einfluss hatte, sondern auch gesellschaftlich nicht ganz unbedeutend ist. Immer wieder wird die Thematik mit dem darin eingebettet liegenden zentralen Konflikt, so wie Conrad ihn darstellt, adaptiert und neu interpretiert. So zeigt sich doch recht deutlich, dass die Wirkung von Conrads Roman bis heute anhält und der zentralen Themenkomplex ein eher zeitloser ist.

Was die Beurteilung der Notwendigkeit dieser Neuübersetzung angeht, so fehlt mir dafür die Kenntnis vorheriger Übersetzungen bzw. die des Originals. Laut Klappentext versucht die neue Übersetzung, „das an der Schwelle des 20. Jahrhunderts entstandene Meisterwerk in seiner irritierenden Mehrdeutigkeit wiederzugeben.“ Alles, was ich aus meiner Sicht dazu sagen kann ist, dass die Neuübersetzung von Sophie Zeitz durchaus ihre Wirkung entfaltet. Conrads gewaltige, atomsphärisch dichte und vielschichtige Erzählart kommt sehr gut zur Geltung.

Die Bedeutung des Romans unterstreicht auch das zehnseitige Nachwort von Tobias Döring. Vereint werden in diesem Nachwort Literaturkritik, ein Blick auf Conrads Biographie und eine literarische Einordnung von Conrads Werk – durchaus informativ.

Fazit: Man kommt nicht umhin, „Herz der Finsternis“ als echten Klassiker zu betrachten. Der Roman ist vielschichtig und spannend und liefert viel Stoff für Gedanken. Etwas diffus, aber atmosphärisch sehr dicht und wortgewaltig inszeniert. Obwohl das Werk mittlerweile über hundert Jahre alt ist, wirkt der zentrale Themenkomplex überraschend zeitlos, so dass man das Buch auch heutzutage noch sehr gut lesen kann.

Taschenbuch: 144 Seiten
Originaltitel: Heart of Darkness
Auflage: Juni 2005

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