Clarissa Linden – Ich warte auf dich, jeden Tag

Der Titel, der mit Schmetterlingen verzierte Einband und der Name der Autorin lassen bei diesem Roman eigentlich nur eine Liebesschnulze erwarten. Auch die Rahmenhandlung von einer verlassenen Mittvierzigerin, deren gesamtes Leben plötzlich Kopf zu stehen scheint, nebst den vergeblichen Aufmunterungsversuchen einer besten Freundin erinnern zunächst eher an rosafarben eingebundene Romanzen. Doch schon nach den ersten Kapiteln wird klar, dass man es bei „Ich warte auf dich, jeden Tag“ der deutschen Autorin Clarissa Linden nicht mit einem Bridget Jones-Aufguss sondern mit einem erfrischend erwachsenen Roman um Liebe, deren Erfüllung und auch deren Scheitern zu tun bekommt.

Als Erin Mitchell von ihrem Mann Jeffrey nach 20 Jahren Ehe verlassen wird, ist sie am Boden zerstört. Auch das Buchprojekt ihrer Freundin Charlotte, bei dem der Leser des Romans nebenbei noch einen Querschnitt durch die amerikanische Literatur präsentiert bekommt, wirkt auf Erin vielmehr wie ein Gängelversuch denn wie Hilfe. Erst als ihr Elternhaus verkauft werden soll und eine Entrümpelungsaktion einen Liebesbrief, der noch kurz vor seinem Tod an ihren vermeintlich kaltherzigen Goßvater geschrieben wurde, nebst eines Flugtickets nach Deutschland zu Tage fördert, bekommt Erins Leben wieder einen Sinn. Wer ist diese Lily, die verspricht, jeden Tag auf Erins deutschstämmigen Opa zu warten?

Nach einiger Überlegung beschließt Erin, nach Europa zu fliegen, um ihren Sohn, der in Barcelona studiert zu besuchen, und gleichzeitig herauszufinden, was es mit der Liebe zwischen ihrem Großvater und Lily auf sich hatte. Die Reise führt Erin dabei nicht nur in andere Länder und in die deutsche Vergangenheit, sondern eröffnet ihr auch endlich die Möglichkeit, rationell über sich selbst nachzudenken, wieder nach vorn zu sehen und ihre Zukunft zu planen.

In Rückblenden wird die Handlung im Frankfurt der dreißiger Jahre eingefügt. Die Autorin schöpft an dieser Stelle nicht nur aus den Erzählungen ihrer Großeltern, sondern der Anhang macht mit Literaturverweisen und weiterführenden Erklärungen auch die Recherchearbeit, die hinter dem Roman steht deutlich. Der Leser begleitet die junge Sozialistin Lily Ennenbach aus einer Arbeiterfamilie bei den Widerstandsaktionen gegen die Nazis, die gerade dabei sind, die Macht in Deutschland zu übernehmen. Für Liebesgefühle und sexuelle Leidenschaft ist in dieser Situation eigentlich kein Platz. Die Rettung eines Kätzchens führt sie jedoch mit Alexander, Erins Großvater aus einer wohlhabenden, wenig an Politik interessierten Familie, zusammen. Trotz der unterschiedlichen Herkunft und Lebenseinstellungen erwächst aus dieser Begebenheit eine tiefe Beziehung, die aber in den Wirren der Sozialistenverfolgung zum Scheitern verdammt ist.

Mehrmals steht Erin kurz davor, ihre Suche aufzugeben, wenn ihre spärlichen Hinweise sich in Luft auflösen. „…Lily bin ich immer noch nicht nähergekommen. Die ungreifbare Frau, verschollen in der Emigration in Schweden. Vielleicht sollte ich die Suche aufgeben und nach Hause zurückkehren. Nein, das will ich nicht. Ich würde mich die ganzen kommenden Jahre fragen, ob ich nicht etwas Wichtiges vergessen und nicht zu früh kapituliert habe. Ich bin ein Mensch, der sehr lange an etwas festhält. Manchmal zu lange, wie an meiner Ehe, aber oft hat mir mein Durchhaltevermögen gute Dienste erwiesen.“ Wird Erin also endlich mit der Hilfe des schwedischen Historikers Magnus Lundgren der entscheidende Durchbruch gelingen?

An dieser Stelle flicht Clarissa Linden auch für ihre Hauptheldin ein mögliches neues Liebesglück ein. Sehr sympathisch ist jedoch, dass sich die Beziehung langsam entwickelt und bewusst in der Schwebe gehalten wird. Immer wichtiger wird für Erin mit der Suche nach Lily nämlich auch die Frage, wie ihr Leben danach weitergehen soll. So entwickelt sie zum Beispiel einen Plan zur Rettung von Charlottes Buchladen; das Tüpfelchen auf dem i für jeden von Literatur begeisterten Leser.

Den Roman kennzeichnet ein gut lesbarer Stil. In den Szenen, die in der Vergangenheit spielen, bietet er zudem auch Spannung. Zu lesen, wie sich die Protagonistin Erin trotz einzelner Rückschläge von der verlassenen Heulsuse zu einer Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, zurück entwickelt, ist ermutigend und häufig auch mit einem Schmunzeln zu lesen. Am Ende lässt das Buch den Leser mit der Gewissheit zurück, dass jeder Mensch selbst in der Verantwortung steht, dafür zu sorgen, dass er glücklich wird, und zugleich mit der guten Gewissheit, dass es funktioniert.

Taschenbuch
480 Seiten
ISBN: 978-3426516058

www.droemer-knaur.de

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