Bernard Cornwell – Sharpes Feind (Sharpe 11)

Die Schlacht um Portugal: Sharpe in militärischer & amouröser Not

Winter 1812. Wellingtons Armee hat sich nach Portugal zurückgezogen, um das Frühjahr abzuwarten. Doch Ruhe ist nicht in Sicht, denn eine Bande von Deserteuren hat im Namen der britischen Armee fürchterliche Gräueltaten auf spanischem Boden begangen. Wellington gibt den Befehl, die Schurken aufzuspüren und zu bestrafen – eine Aufgabe für Richard Sharpe und seine Schützen. Als sie sich auf den Weg machen, ahnt Sharpe nicht, dass unter den Deserteuren auch sein erbittertster Feind ist: Sergeant Obadiah Hakeswill… (Verlagsinfo)

Der Autor

Bernard Cornwell wurde 1944 in London geboren. Er arbeitete lange für die BBC, unter anderem in Nordirland, wo er seine Frau kennenlernte. Heute lebt er die meiste Zeit in den USA. Er ist der Autor zahlreicher international erfolgreicher historischer Romane und Thriller. Die Sharpe-Serie, die er in den 80er Jahren zu schreiben begann, hat Kultstatus erreicht und wurde von der BBC mit Sean Bean in der Hauptrolle verfilmt. (Verlagsinfo)

Die Sharpe-Serie (in chronologischer Reihenfolge, Stand 2000)

1) Sharpe’s Tiger. Richard Sharpe and the Battle of Seringapatam (1799)
2) Sharpe’s Triumph. Sharpe and the Battle of Assaye (1803)
3) Sharpe’s Fortress. Sharpe and the Siege of Gawilghur (103)
4) Sharpe’s Trafalgar. Sharpe and the Battle of Trafalgar (1805)
5) Sharpe’s Rifles. Sharpe and the French Invasion of Galicia (1809)
6) Sharpe’s Eagle. Sharpe and the Talavera Campaign (1809)
7) Sharpe’s Gold. Sharpe and the Destruction of Almeida (1810)
8) Sharpe’s Battle. Sharpe and the Battle of Fuentes de Onoro (1811)
9) Sharpe’s Company. Sharpe and the Siege of Badajoz (1812)
10) Sharpe’s Sword. Sharpe and the Salamanca Campaign (1812)
11) Sharpe’s Enemy. Sharpe and the Defence of Portugal (1812)
12) Sharpe’s Honour. Sharpe and the Vitoria Campaign (1813)
13) Sharpe’s Regiment. Sharpe and the Invasion of France (1813)
14) Sharpe’s Siege. Sharpe and the Winter Campaign (1814)
15) Sharpe’s Revenge. Sharpe and the Peace of 1814
16) Sharpe’s Waterloo. Sharpe and the Waterloo Campaign (1815)
17) Sharpe’s Devil. Sharpe and the Emperor (1820-1821)

Handlung

Nach den zahlreichen Niederlagen in Spanien hat sich Lord Wellingtons englische Armee nach Portugal zurückgezogen, um dort zu überwintern. Der Sieg bei Salamanca (Band 10 „Sharpes Degen“) hat nur wenig Entlastung gebracht, aber Captain Richard Sharpe und seine Schützen bekanntgemacht. So auch bei Major General Nairn, der ihn in Adrados mit einer heiklen Mission betraut. Adrados liegt am gangbarsten Zugang nach Portugal. Wenn die Franzosen hier durchbrechen, wird Wellington einen schweren Stand haben.

Marodeure

Aus den Deserteuren der verschiedenen Armeen, die auf der iberischen Halbinsel agieren, hat sich zudem eine schlagkräftige Truppe geformt, die unter dem Kommando eines Franzosen mit dem Spitznamen Pot-de-feu plündert, marodiert, vergewaltigt und mordet. Eine der entführten Damen ist die junge Ehefrau von Lord Colonel Augustus Farthingdale, einem unfähigen Offizier, aber leider sehr einflussreichen Autor von Offizierslehrbüchern. Sie wurde in Adrados gefangengenommen, wo es ein Marienheiligtum, ein Kloster und eine Burg gibt. Dorthin soll Sharpe das Lösegeld bringen – stolze 500 Guineen.

Sharpe ist dieser Wunsch, obwohl Weihnachten vor der Tür steht, natürlich Befehl. Er reitet nur in Begleitung seines treuen irischen Sergeanten Harper los. Im Kloster erwarten ihn mehrere Überraschungen. Ein französischer Offizier namens Dubreton will ebenfalls eine Gefangene auslösen, seine Ehefrau, die von englischer Herkunft ist. Und: Der fiese Chef der Marodeure ist kein anderer als Sgt. Obadiah Hakeswill, Sharpes Todfeind. Dieser Verbrecher ist dem Tod am Galgenstrick um Haaresbreite entgangen und macht seitdem den europäischen Kontinent unsicher.

Unter diesen schlechten Vorzeichen ist es nicht weiter verwunderlich, dass Hakeswill und sein fetter Kommandeur Pot-au-feu das üppige Lösegeld als gerade mal ausreichend erachten, um die TUGEND der beiden fraglichen Damen zu gewährleisten, nicht aber deren Freilassung. Madame Dubreton gelingt es indes durch Zitieren eines bekannten Gedichtverses auf den Standort hinzuweisen, an dem Hakeswill die Gefangenen eingesperrt hat: im Kloster statt in der Burg oder dem Dorf. Die Offiziere kehren unverrichteter Dinge wieder zu ihren Stützpunkten zurück.

Major Sharpe

Nach Absprache mit seinem General entwirft Sharpe einen Schlachtplan. Damit Sharpe den Oberbefehl bei dieser Affäre innehat, verleiht er ihm den Rang eines Majors. Kurz vor Beginn des Weihnachtsfestes hat Sharpe seine Truppe beisammen. Kurzerhand requiriert er die Pferde des gerade anwesenden Raketenregiments, das er trainiert, und zieht mit einer Truppe aus seinen Schützen und dem 60. Amerikanischen Regiment nach Adrados – nicht einmal 200 Mann gegen möglicherweise 2000 Marodeure. Diesmal weiß er, wohin er zuerst muss: zum Kloster.

Zum Glück ist es Tradition in allen Armeen, Heiligabend mit einem Saufgelage und einer Orgie einzuläuten. Als Sharpes Männer lautlos und fast unbehelligt ins Kloster eindringen, ist allerdings noch etwas weiteres im Gange: eine Auktion der weiblichen Gefangenen…

Mein Eindruck

Die Schlacht zur Verteidigung Portugals zieht sich in drei Phasen hin. Zunächst ist das Kloster zu befreien, so dass die Damen, die die Marodeure gefangen halten, in Sicherheit gebracht werden können. Bei dieser siegreichen Operation wird auch Hakeswill festgesetzt und eingekerkert. Doch nun ist eine französische Armee im Anrücken und bedroht den Zugang nach Portugal.

Zum Glück gibt es noch zwei Bollwerke, um dieses Unglück zu verhindern. Das eine ist die Burg, die dem Kloster gleich gegenüber liegt, quasi auf der anderen Seite der Straße. Über dieser Burg erhebt sich auf einem Hügel ein Wachturm, der das ganze Gelände beherrscht. Eine Kanone dort oben könnte einigen Schaden anrichten.

Nun kommt es für Sharpe darauf, sich mit seinen diversen Listen durchzusetzen. Leider macht ihm General Farthingdale, der ihm übergeordnet ist, einen dicken Strich durch die Rechnung. Dafür dass der Lord die Tücke der Marodeure unterschätzt, zahlt er einen hohen Preis: Eine verborgene Mine reißt ihn fast in Stücke. Hochmut kommt vor dem Fall – das sehen auch die Offiziere ein, die Major Sharpe untergeordnet sind, schließlich ein.

Der Raketen roter Glanz

Raketen im Heereseinsatz wurden von dem Briten William Congreve erfunden und entwickelt. Obwohl sie eine höchst unzuverlässige Waffe mit geringer Treffsicherheit darstellen, ist ihre psychologische Wirkung doch umwerfend. Diese wurde sogar im Text der amerikanischen Nationalhymne verewigt. „Was sind Raketen?“, fragt der französische General seinen Offizier Dubreton. „Der meint nur lapidar: „Artillerie, Sire.“ Was völlig der Wahrheit entspricht, aber an der Natur der Sache doch etwas vorbeigeht.

Bei einem finalen Frontalangriff, der an die Schlacht von Gettysburg 1863 erinnert, entfaltet das Bombardement mit Raketen eine verheerende Wirkung. Man muss es gelesen haben, um es zu glauben. Aber da die Briten schon im Amerikanischen Krieg von 1812 Raketen einsetzten, ist die ganze Sache nicht unplausibel. (Wie es sich genau historisch verhält, erläutert der Autor in seinem umfangreichen Nachwort.)

Beschreibungen

Beeindruckt hat mich das erstaunliche detailreiche Fachwissen des in die USA ausgewanderten Autors, der ja keineswegs von Haus aus Historiker ist, sondern Lehrer und Journalist. Wie er das nötige Wissen für seine anschaulichen Szenen und Beschreibungen von Stadt, Landschaft und Militärs angeeignet hat, verrät er in seiner „historischen Anmerkung“ am Schluss dieses Bandes.

Er ist wirklich vor Ort gefahren und hat sich dort eingehend umgesehen. Dass er eine ganze Reihe sachdienlicher Bücher gewälzt hat, versteht sich von selber, aber es sind die Beschreibungen der lokalen Landschaft, die seine Schlachtszenen so überzeugend machen. Hinzukommen die zahlreichen Farben der verschiedenen Regimenter und Armeen. Er weiß alles über den grundlegenden Unterschied zwischen britischer (Doppelreihe) und französischer (Kolonne) Schlachtordnung. Es ist, als wäre der Leser direkt beim Kampfgeschehen dabei. Dass die beschriebene Schlacht nie in dieser Form stattfand, tut der packenden Erzählung keinen Abbruch.

Charakterisierung

Etwas schwächer sind seine Beschreibungen von Menschen in außergewöhnlichen Situationen. Sharpes Charakter konnte ich nur oberflächlich erfassen – und das ist immerhin die Hauptfigur. Noch oberflächlicher gezeichnet sind die Nebenfiguren. Unter diesen ragen Hakeswill und Harper heraus. Harper ist ein geradliniger Ire, der aber in der Hitze der Schlacht zum keltischen Berserker werden kann. Hakeswill ist ein hinterhältiger Fiesling, der sogar seine Bewacher überwältigt und um ein Haar erneut davonkommt.

Romantik

Etwas lavendelduftende Würze bringen in diese testosteronhaltige Luft drei Damen. Die bereits erwähnte Madame Dubreton glänzt durch Klugheit und Eleganz, was man von Lady Farthingdale nicht unbedingt behaupten kann. Sie ist Sharpe wohlbekannt, allerdings mehr aus einem Edelbordell in der Hauptstadt Portugals. Sie gibt auch nur vor, Farthingdales Frau zu sein, doch dafür bezahlt er die Nutte fürstlich. Sie wird es noch weit bringen, ist sich Sharpe sicher, als sie ihren Fuß zielstrebig in seinen Schritt schiebt – unter dem Tisch wohlgemerkt, aber vor versammelter Offizierstruppe.

Sharpe-Fans wissen natürlich, dass er zu diesem Zeitpunkt verheiratet ist und ein Kind hat. Teresa ist eine Anführerin der spanischen Partisanen, die eine nützliche Hilfe in der Schlacht um das Tor Gottes bei Adrados darstellen. Teresa platzt in das Gelage der Offiziere herein – und enthebt Sharpe sogleich seiner erotischen Notlage, in die ihn „Lady“ Farthingdale gebracht hat. Wie die Schlacht für Teresa ausgeht, darf hier nicht verraten werden, aber die geneigte Leserin sollte schon mal ein Taschentuch bereithalten…

Die Übersetzung

Ich fand keine erwähnenswerten Druckfehler, was mich eine sehr positive Bilanz ziehen lässt. Allerdings erweist sich die Lektüre als ein wenig anspruchsvoll, nicht nur, was den militärischen Fachjargon angeht. Die Übersetzung erfolgt zunächst 1990, und seitdem ist doch schon eine Menge Wasser den Neckar hinunter geflossen. (Das Buch selbst ist noch sechs Jahre älter.) Angeblich wurde der deutsche Text 2015 als „überarbeitete Neufassung“ aufgemöbelt, aber in welchem Maße ist schwer festzustellen. Stellenweise sind immer noch leicht angestaubte Formulierungen und Ausdrücke zu finden.

Unterm Strich

Die Schlacht am „Tor Gottes“ hat zwar nie stattgefunden, wenn man dem Autor glaubt, doch sie ist so realitätsnah, kenntnisreich und plausibel geschildert, dass sie hätte stattfinden müssen. Sharpe hat zwar einen tollen Plan gegen Marodeure und Franzosen, ja sogar eine Geheimwaffe in Form von Raketen, doch wie so oft machen ihm Dünkel, Egoismus oder blanke Dummheit dauernd einen Strich durch die Rechnung.

Die romantischen Seiten dieser Unternehmung werden keineswegs unterschlagen. Drei Damen locken Sharpes Leben auf und bringen ihn nacheinander in Bedrängnis, so dass seine Männlichkeit gefragt ist wie auch seine Offiziersehre. Mit List und Humor zieht er sich aus den diversen Affären, hat aber am Schluss einen herben Verlust hinzunehmen. Diese privaten Seiten des Helden kontrastieren scharf mit seinen blutigen Aktionen als Soldat. Sein Umgang mit dem Feind ist keineswegs zimperlich, und wer kein Blut sehen kann, sollte dieses Buch weiträumig umfahren.

Dank dieser Qualitäten in Thema und Erzählstil ist die Sharpe-Serie zu einer der erfolgreichsten History-Serien geworden. Einige Folgen wurden mit Sean Bean in der Titelrolle verfilmt. Ich kann die Serie Lesern weiterempfehlen, die Militär-Action, schwarzen Humor und Romantik in spannender Kombination suchen.

Taschenbuch: 431 Seiten
Info: Sharpe’s Enemy. Sharpe and the Defence of Portugal, 1984
Aus dem US-Englischen von Joachim Honnef
www.luebbe.de

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