Bernard Cornwell – Sharpes Zorn (Sharpe 11)

„Sharpes Zorn“ ist ein Sharpe-Abenteuer neueren Datums. Erst 2006 erschien es im englischen Original und ist damit das Nesthäkchen unter den Sharpe-Romanen. In der Chronologie der Romane gehört es allerdings an elfte Stelle, zwischen „Sharpes Flucht“ und „Sharpes Gefecht“. „Sharpes Zorn“ spielt 1811 und die diesmal zentrale Schlacht ist die um Barrosa.

Bis es allerdings zu dieser Schlacht kommt, vergehen 400 Seiten, denn wie immer hebt sich Cornwell die titelgebende Schlacht für das große Finale auf. Zunächst muss sich Richard Sharpe, seines Zeichens ein Captain der Scharfschützen, mit anderen Problemen rumschlagen. Der Roman beginnt, als Sharpe und seine Männer für die Sprengung einer Ponton-Brücke sorgen sollen. Eine eigentlich einfache Aufgabe, doch wie das eben so ist, geht sie gründlich schief. Die Situation auf der Brücke eskaliert, es kommt zum Scharmützel mit den Franzosen und als die Sprengkörper doch noch explodieren, werden Sharpe und ein paar Männer auf einem der Pontons abgetrieben. Die Männer auf dem Ponton werden am Flussufer von Franzosen verfolgt und schlussendlich landet Sharpe mit einem Loch im Kopf in Cadiz, der einzigen noch spanischen Stadt. Der Rest des Landes wurde von den Franzosen eingenommen. Darum befindet sich in Cadiz auch ein englischer Botschafter, und zwar kein geringerer als Henry Wellesley, der kleine Bruder von Lord Wellington. Da dieser weiß, dass man Sharpe mit diffizilen Aufgaben betrauen kann, sichert er sich sofort dessen Dienste. Henry Wellesley hat nämlich ein delikates Problem: Er hatte sich in Cadiz mit einer Dame von zweifelhaftem Ruf eingelassen und ihr dummerweise einige Liebesbriefe geschrieben. Nun sind die Briefe bei ihrem Zuhälter gelandet, der sie wiederum an Wellesley verkaufen will. Doch es gibt noch andere Kräfte, die die Briefe gern gegen die englischen Verbündeten verwendet wissen wollen.

Sharpe findet sich also auf geheimer Mission wieder und verdingt sich als Spion und Mann für alle Fälle. Damit der geneigte Leser nicht den Eindruck bekommt, er wäre plötzlich bei „James Bond“ gelandet, gibt es von Zeit zu Zeit eine kleine Schlacht und ein paar durch die Luft fliegende Musketenkugeln. Wobei … als es Sharpe endlich gelingt, die Briefe an sich zu bringen, kommt doch wieder Agentenfilm-Feeling auf. Komplett mit aufregender Verfolgungsjagd, auch wenn diese nicht motorisiert, sondern zu Fuß stattfindet – schließlich befinden wir uns im 19. Jahrhundert.

Nachdem er diese Mission zu einem für Wellesley zufriedenstellenden Ende gebracht hat, ist es den Scharfschützen allerdings unmöglich, ein Schiff nach Lissabon zu nehmen, um sich wieder ihrer Einheit anzuschließen, denn es fahren schlicht keine Schiffe mehr, da ständig mit einem Angriff der Franzosen gerechnet wird. Und so findet sich Sharpe eher zufällig und weil er nichts Besseres zu tun hat, inmitten der Schlacht von Barrosa wieder, wo die Engländer unter großen Verlusten eine französische Übermacht schlagen werden. Und dort trifft Sharpe auch Colonel Vandal wieder, dem er das Desaster auf der Ponton-Brücke zu verdanken hatte.

„Sharpes Zorn“ ist ein typischer Sharpe-Roman: schnell, spannend, historisch genau recherchiert und kurzweilig. Gerade im letzten Teil, bei der Beschreibung der Schlacht, läuft Cornwell mal wieder zu Hochform auf. Von Pathos triefende Stellen gehören da einfach dazu, wenn zum Beispiel der Befehlshaber der britischen Truppen, Sir Thomas Graham, feststellt: „Der Soldatentod, dachte er, war ein glücklicher Tod, denn auch wenn der Schmerz oft groß war, starb ein Mann hier in der besten Gesellschaft, die man sich vorstellen konnte.“ Und den Soldatentod starben in dieser Schlacht viele …

„Sharpes Zorn“ wirkt allerdings etwas zerstückelt, denn sehr deutlich lässt sich die Handlung in drei große Abschnitte unterteilen, die so auch als abgeschlossene Geschichten hätten stehen können und nur lose, beispielsweise durch bestimmte Figuren, miteinander verbunden sind. So hat man manchmal das Gefühl, Plots vor sich zu haben, die eigentlich als Novellen geplant waren, schließlich aber in einen Roman gepackt wurden. Und um die Fäden, die Cornwell benutzt, um die drei Abschnitte zusammenzufügen, am Ende auch ordentlich zu verknoten, muss er einige Zufälle bemühen und ziemlich viele Puzzleteile kühn über sein Spielbrett schieben.

Dies beeinträchtigt das Lesevergnügen jedoch nicht. Da bedauert man es schon eher, dass Sharpes Männer – allen voran Sergeant Patrick Harper – in diesem Abenteuer nur eine untergeordnete Rolle spielen. Sie bilden die Verstärkung, wenn Sharpe Unterstützung braucht, und ansonsten bleiben sie dezent im Hintergrund. Sie lungern in irgendwelchen Schuppen und Ställen herum und warten darauf, auch endlich wieder mitspielen zu dürfen. Das jedoch passiert in „Sharpes Zorn“ viel zu selten. Richard Sharpe ist immer der Fixpunkt der Bücher, doch erst wenn er sich an seinen eigenen Männern oder einem interessanten Bösewicht abarbeiten kann, sieht man als Leser all seine Qualitäten. Beides – Momente mit seinen Männern und ein wirklich überzeugender Bösewicht – fehlen in „Sharpes Zorn“.

Trotzdem kann man mit diesem neuesten Sharpe-Abenteuer einige unterhaltsame Stunde zubringen. Als kleines Schmankerl gibt es diesmal nicht nur das obligatorische Nachwort Cornwells, sondern auch ein Essay des Autors zur Entstehungsgeschichte seines Helden. Für Fans sowohl der Bücher als auch der Filmreihe ein Bonbon zum Schluss!

Taschenbuch: 462 Seiten
Originaltitel: Sharpe’s Fury
ISBN-13:978-3-404-16832-3
www.luebbe.de

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