Bernard Cornwell – Sharpes Abenteuer

„Sharpes Abenteuer“ ist ein sehr schmales Bändchen. Das liegt daran, dass es kein „normaler“ Sharpe-Roman ist, sondern nur eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Sharpes Scharmützel“ enthält, die Bernard Cornwell 1998 im Auftrag einer englischen Buchhandelskette schrieb, die den kleinen Band an seine Kunden verschenken wollte. Das Experiment ging ordentlich schief: Andere Buchhändler beschwerten sich, nicht überall wurde das Buch verschenkt, sondern manchmal schlicht verkauft. Und zu allem Überfluss war die Geschichte unter Zeitdruck geschrieben worden und dementsprechend unausgereift. Ein paar Jahre später allerdings hat sich Cornwell dann noch einmal an „Sharpes Scharmützel“ gesetzt, hat die Geschichte bereinigt und überarbeitet und so kann sie jetzt auch auf Deutsch erscheinen.

Da „Sharpes Scharmützel“ jedoch nur circa 80 Seiten lang ist und sich damit beim besten Willen kein ganzes Buch füllen lässt, wurden in dem kleinen Band „Sharpes Abenteuer“ drei Dinge zusammengefügt: Ein recht langer Essay von Bernard Cornwell, in dem er sich mit seinem Helden und dessen Abenteuern auseinandersetzt, ein kurzer Artikel mit dem Titel „Kuchen und Ale“, in dem Cornwell von seiner Kindheit bei einer Adoptivfamilie berichtet und schlussendlich eben die Kurzgeschichte „Sharpes Scharmützel“, die 1812 spielt und chronologisch auf „Sharpes Degen“ folgt.

Für die Leser, die die Sharpe-Romane zwar kennen, darüber hinaus jedoch wenig bis nichts über Cornwell wissen, ist der Essay zum Auftakt eine echte Bereicherung. Gerade auf den ersten Seiten finden sich einige interessante Fakten. So erläutert Cornwell zum Beispiel, warum seine Frau Judy daran schuld ist, dass Richard Sharpe das Licht der Welt erblickte und was die Sharpe-Serie von den Hornblower-Romanen unterscheidet. Sharpe nämlich ist kein Gentleman, er ist nicht einmal edelmütig. Wie Cornwell gleich mehrmals erwähnt, ist Sharpe ein Schuft. Warum wir ihn trotzdem lieben, erklärt er sich wie folgt: „Sharpe ist ein Schurke, und er ist gefährlich, aber er steht auf unserer Seite.“ Treffender und prägnanter kann man den Kern der Sharpe-Romane wohl kaum zusammenfassen.

Allerdings wird der Essay irgendwann ermüdend, da er ab einem gewissen Punkt nur noch kurz den Inhalt der Romane wiedergibt und diese dann mit einem Zitat spickt. Entweder man hat die Romane bereits gelesen, dann kennt man all dies schon. Oder man hat sie noch nicht gelesen, dann sind solch kleine Spoiler-Häppchen auch recht unnötig. Über den reinen Inhalt hinaus erfährt man bei der Rekapitulation der einzelnen Romane in der Regel nichts Spannendes mehr – zum Beispiel zur Entstehungs- oder Publikationsgeschichte.

Auf den Essay folgt der kurze Artikel „Kuchen und Ale“, der leider eingequetscht zwischen Sharpe-Essay und Sharpe-Kurzgeschichte wie ein Fremdkörper wirkt, denn in ihm äußert sich Bernard Cornwell zu seiner Kindheit als Adoptivsohn einer christlich-fundamentalistischen Familie. Zwar kann man entfernte Bezüge zu Richard Sharpe herstellen (der ja auch eine unglückliche Kindheit in einem Waisenhaus hinter sich hat), doch der Artikel ist zu persönlich, als dass man ihn schlicht als literarische Referenz heranziehen möchte. Für sich genommen ist er allerdings unbedingt interessant und lesenswert, auch weil Cornwells Kindheit wohl eine harte war. Dabei ist es bewundernswert zu sehen, wie er dieses Kindheitstrauma überwunden und hinter sich gelassen hat. Mit geradezu leichter Feder schreibt er über sein Schicksal. Niemals wirbt er um Mitleid, sondern inszeniert sich stattdessen als Überlebenden, der die Härten seiner Kindheit hinter sich gelassen hat, auch wenn diese ihn unübersehbar geprägt hat.

Ganz zum Schluss folgt dann die Kurzgeschichte „Sharpes Scharmützel“, in der Sharpe eine alte, baufällige Festung am Rio Tormes ziemlich ungeplant gegen die Franzosen verteidigen muss. Denn eigentlich ist er nur für eine Woche dort abgestellt, bis der Versorgungsoffizier Tubbs die in der Festung gefundenen Musketen gesichtet und der Armee zugeführt hat. Man geht davon aus, dass es eine ruhige Woche werden wird – der größte Aufruhr ist wohl schon das Murren von Sharpes Männern, als dieser die unzähligen Weinflaschen aus dem Keller der Festung zerschlagen lässt, damit die Soldaten keine Gelegenheit erhalten, sich zu betrinken. Und trotzdem nagt es an Sharpe – irgendwie hat er ein schlechtes Gefühl und die Geschichte hat ihn gelehrt, auf sein Gefühl zu hören. Und tatsächlich sieht er sich bald der französischen Kavallerie gegenüber, die in solcher Überzahl ist, dass sie ihn einfach nur zu überrennen braucht. Natürlich sieht der Kampf anfangs aussichtslos aus. Doch Sharpe wäre nicht Sharpe, wenn er nicht in der Lage wäre, das Ruder noch einmal herumzureißen.

Aufgrund der Kürze der Geschichte kommt sie sehr flott daher. Sie ist dicht komponiert, läuft geradlinig auf einen Höhepunkt zu und hält sich kaum mit Nebensächlichkeiten auf. Trotzdem nimmt sich Cornwell die Zeit, seine Nebencharaktere plastisch zu gestalten. Mit nur ein paar Pinselstrichen gelingt ihm, wofür andere Seite um Seite füllen müssten. Die Geschichte wirkt rund und je weniger Seiten im Buch noch verbleiben, desto weniger kann man sich vorstellen, dass Cornwell die Story noch zu einem zufriedenstellenden Ende bringen kann. Doch man kann sich sicher sein: Cornwell enttäuscht nicht!

Taschenbuch: 178 Seiten
ISBN 13: 978-3-404-17091-3
Originaltitel: Sharpe’s Skirmish
luebbe.de
bernardcornwell.net

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