Deaver, Jeffery – faule Henker, Der

Malerick ist einst einer der großen Magier gewesen; ein Illusionskünstler vom Range Houdinis, der alle großen Tricks der Meisters beherrscht und viele selbst erfunden hat. Eine Feuersbrunst warf ihn aus seiner Zauberwelt, verletzte ihn schwer und entstellte ihn. Mit der Karriere war es vorbei. Das hat Malerick nicht verkraftet. Wahnsinn keimte in ihm auf: Wieso nicht die Welt, die seine Kunst verschmäht, mit ganz besonderen „Tricks“ erneut in den Bann ziehen und sich gleichzeitig an ihr rächen?

Mord scheint Malerick, der seit jeher von düsterem Gemüt war, die richtige Methode zu sein, um auf die „Bühne“ zurückzukehren. Er bereitet eine Reihe aufwendiger Zaubertricks vor, die klassische Kunststücke nachempfinden. Der Unterschied: Verlässt der Magier die Szene, bleibt eine bizarr zugerichtete Leiche zurück.

Eine junge Musikstudentin ist Malericks erstes Opfer. Sie fällt dem „Faulen Henker“ zum Opfer, einem perfiden Fesseltrick, der sie sich selbst erdrosseln lässt. Die ungewöhnlichen Umstände rufen freilich einen ungewöhnlichen Ermittler auf den Plan: Lincoln Rhyme. Vor Jahren hat ihn ein schwerer Arbeitsunfall fast vollständig gelähmt. Nach langer Genesung nahm Rhyme aus dem Rollstuhl heraus seine Arbeit wieder auf. Seine Behinderung hat seine überragenden geistigen Fähigkeiten nicht beeinträchtigt, doch sie ließ ihn verzagen und aufbrausend werden.

Seine Assistentin, Freundin und Lebensgefährtin Amelia Sachs sorgt für einen gewissen Ausgleich. Außerdem ersetzt sie Rhyme die Beine dort, wo dieser selbst nicht mehr die Untersuchung durchführen kann. Fachmännische Unterstützung finden sie in der Person der jungen Nachwuchs-Magierin Kara.

Kein Wunder, dass der Boden bald sogar für den einfallsreichen Malerick recht heiß wird. Aber der Mann mit den tausend Gesichtern ist seinen Verfolgern sogar dann ein Stück voraus, wenn sie ihn gefangen haben. Es ist eben im Reich der Zauberei nichts so, wie es scheint. Malerick ist der Irre, der Rächer, der Killer, doch ist er dies wirklich? Für Rhyme, Sachs & Kara ist es außerordentlich wichtig, Maske für Maske zu lüften – und das möglichst rasch, denn ihr diabolischer Kontrahent nähert sich auf verschlungenen Pfaden unaufhörlich seinem wahren Ziel …

Da sind sie also wieder, der kriminalistische Kopfmensch und seine um so fixere Assistentin. Zum fünften Mal bereits stürzt sie Jeffery Deaver in ein turbulentes Abenteuer. So muss man es wohl nennen, da er den Anspruch jeglicher Realität bereits nach dem zweiten Band aufgegeben hat.

Eine Steigerung ist ihm indessen trotzdem gelungen: „Der faule Henker“ ist schiere Action, unterbrochen höchstens durch Passagen genialistischen Indizien-Studiums, von dessen Rasanz und Treffsicherheit die wirkliche Polizei nur träumen kann. Tempo ist wichtig, denn Tempo lenkt ab: vor allem von der Story, die man nur mehr grotesk nennen kann.

Deaver hat sich mit seiner Spezialität in eine Falle manövriert. Seine Plots sind bekannt für die Haken, die sie schlagen, sobald das Ende naht. Plötzlich wird das bisher logisch und stringent Entwickelte in Frage gestellt, gar ins Gegenteil verkehrt. Das ist eine feine Sache, wenn es funktioniert. Leider gewöhnen sich die Leser daran. Schlimmer: Sie erwarten es und werden wütend, sollte sie der Autor enttäuschen.

Die Kunst der Steigerung ist indessen ein hartes Brot, an dem sich schon so mancher Autor die Zähne ausgebissen hat. Unverdrossen versucht es Deaver immer wieder. Inzwischen ist ein finaler „Twist“ längst nicht mehr ausreichend. Gleich mehrfach und immer rasanter werden neue Knoten in den roten Faden geschlagen. Insofern ist die Wahl eines Zauberers als Bösewicht eine konsequente Wahl – anders lassen sich die x-fach verschachtelten Winkelzüge des Malerick in der Tat nicht mehr erklären …

Nachdenken sollte man also lieber nicht, sondern die Handlung vor dem inneren Auge durchrasen lassen. Mit abgedimmtem Hirn (bzw. ausgeschaltetem Kritik-Sektor) macht „Der faule Henker“ durchaus Spaß. Deaver k a n n Thriller schreiben, das ist keine Frage. Man möchte stets wissen, was als nächstes geschieht, und freut sich, wird man wieder einmal an der Nase herumgeführt. Man verschmerzt dann womöglich eine der dämlichsten Codas der letzten Zeit – nachdem der Bösewicht geschnappt ist, folgen noch fünfzig (!) Seiten seifenoperlicher Überflüssigkeiten, die mit der eigentlichen Handlung nur noch marginal zu tun haben und einfach nur ärgern.

Dem unwirklichen Geschehen entsprechend „filmreif“ fallen wieder einmal Deavers Figuren aus. Da hätten wir zunächst unsere beiden Hauptrollen. Lincoln Rhymes Potenzial als dramatische Gestalt ist schon lange ausgeschöpft. Zumindest schafft Deaver es nicht mehr, ihr neue Facetten abzugewinnen. Der kluge Kopf und sein Kampf gegen die Tücke des Objekts und sein persönliches Schicksal – das war ein, zwei Bände ungewöhnlich und bewegend, aber seither macht Rhymes Einzigartigkeit eher noch deutlicher, dass wir ihn und sein Leben kennen und mit Variationen derselben abgespeist werden.

Auf Amelia Sachs trifft dies ebenso zu. Sie kann sich bewegen und muss deshalb auf andere Weise „interessanter“ gestaltet werden. Arthritis und psychische Macken haben freilich ihre Attraktion verloren; vielleicht führt Deaver auch deshalb dieses Mal als Dritte im Bunde die Zauberfrau Kara ein, die auf ihre Weise eine Art „Neuauflage“ der Amelia ist, wie wir sie in „The Bone Collector“ kennen lernten.

Die üblichen Verdächtigen im Dunstkreis von Rhyme und Sachs können wir getrost überspringen; sie sind da und spielen ebenfalls ihre Rollen, ohne dabei aufzufallen. Bleibt der Böse, den Deaver liebevoll, aber eindimensional in Szene setzt.

Schrecklich viel Mühe gibt sich Deaver, um Malerick, den mysteriösen Magier, zu einem Überschurken zu stilisieren. Kein Trick ist ihm dabei zu billig; an einer Stelle wird sogar der Verdacht in die Welt gesetzt, dass Malerick ein „richtiger“ Zauberer ist, der im Kontakt mit dem Jenseits steht …

Tatsächlich ist Malerick der übliche größenwahnsinnige Superschurke, der seine vielen Verfolger wie Idioten aussehen lässt, bis er – seltsamerweise – letztendlich doch geschnappt und mit viel Feuerzauber und nach dramatischen Enthüllungen – die wahrlich Bösen erkennt man daran, dass sie redselig werden, bevor sie abdrücken – zur Hölle geschickt wird.

Zum „Plothopping“ gehören auch Finsterlinge, die nach der Art des Schachtelteufels aus der Versenkung auftauchen, sobald sich der Leser in Sicherheit wiegt, den Hauptschuft erkannt zu haben. Plötzlich weitet sich das Panorama, aus dem Hintergrund der Story erscheint die Graue Eminenz des Verbrechens, der wahre Widerling, an dessen Marionettenfäden in diesem Fall Malerick tanzt.

Dass die Logik im „Faulen Henker“ nicht einmal die halbe Strecke, geschweige den ganzen Weg ins Finale schafft, verdeutlicht uns endgültig Deavers Galerie aufdringlich verdächtiger Redneck-Munkelmänner, bis wir endlich sicher sein können, wer wirklich hinter den irrwitzig verwuselten Lumpenplänen steckt – und genau dann reißt Deaver selbstverständlich noch einmal das Ruder herum …

Jeffery Deaver arbeitet seit etwa einem Jahrzehnt als Schriftsteller. In dieser kurzen Zeit ist es ihm gelungen, bereits dreimal für den angesehenen „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ nominiert zu werden. Zweimal konnte er den „Ellery Queen Mystery Magazine’s Award“ für die beste Kurzgeschichte des Jahres gewinnen. Geschrieben hatte Deaver aber schon sein ganzes Leben – sein erstes „Buch“ verfasste er bereits mit elf Jahren. Während seiner Schulzeit gab er ein Literatur-Magazin heraus. Später studierte er Publizistik und Recht. Anschließend praktizierte er acht Jahre in New York als Anwalt. Nebenbei betätigte er sich als Musiker, Texter und Poet (!), bevor ihm schließlich als „richtiger“ Schriftsteller der Durchbruch gelang. Heute lebt und arbeitet Deaver die meiste Zeit des Jahres im US-Staat Virginia.

Die Lincoln Rhyme/Amelia Sachs-Serie …

… erscheint im |Blanvalet|- bzw. |Wilhelm Goldmann|-Verlag.

1. Die Assistentin („The Bone Collector“; 1997), Goldmann-TB Nr. 43459 (unter dem Titel „Der Knochenjäger“)
2. Letzter Tanz („The Coffin Dancer“; 1998), Goldmann-TB Nr. 44571
3. Der Insektensammler („The Empty Chair“; 2000), Goldmann-TB Nr. 35905
4. [Das Gesicht des Drachen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=608 („The Stone Monkey“; 2002), Goldmann-TB Nr. 36091
5. Der faule Henker („The Vanished Man“; 2003)

Lincoln Rhyme erscheint außerdem in einer „Gastrolle“ in Jeffery Deavers (ebenfalls empfehlenswertem) Thriller „Die Tränen des Teufels“ („The Devil’s Teardrop“; 1999), Goldmann-TB Nr. 45036.