Deaver, Jeffery – Gesicht des Drachen, Das

Kwan Ang, besser bekannt und gefürchtet als „Gui, der Geist“, ist ein chinesischer Verbrecher großen Stils. Die gut geschmierten Behörden der Provinz-Großstadt Fuzhou schließen die Augen, so lange sich seine Untaten gegen die „Feinde“ der Volksrepublik China richten. Dazu gehören Menschenrechtsverteidiger und Systemkritiker, denen oftmals nur die Flucht in den Westen als Ausweg bleibt. Dort gelten sie jedoch als Wirtschaftsflüchtlinge und Sozialparasiten, die den braven Bürgern die Arbeitsplätze stehlen. So bleibt nur die illegale Einreise.

Ideale Bedingungen für brutale Schlepper wie den „Geist“, der seinen Opfern das Geld abknöpft, sie per Schiff an die Küste der USA schafft und dort seinen amerikanischen Helfershelfern übergibt, von denen die Neuankömmlinge wie Sklaven gehalten werden, was sie sich aus Angst vor der Einwanderungsbehörde in der Regel bieten lassen. Viele „Ferkel“, wie diese Illegalen verächtlich genannt werden, überleben die Höllenfahrt nicht, auf der sie den „Schlangenköpfen“ – ihren Schleppern – hilflos ausgeliefert sind.

Der „Geist“ krönt seinen Menschenhandel mit Massenmord. Als ihm die US-Küstenwache auf die Spur kommt, versenkt er kurzerhand das Schiff mit den Auswanderern. Aber von diesen können sich einige an die nahe Küste retten. Der „Geist“ will diese ungebetenen Zeugen unbedingt beseitigen. Noch am Strand beginnt er sie zu ermorden. Die wenigen Überlebenden können sich nach New York flüchten, wo sie zunächst untertauchen. Doch der „Geist“ hat auch hier ein mafiaähnliches Netz gesponnen und bleibt seinen Opfern auf der Spur.

Sein Gegner: Lincoln Rhyme, der geniale Ermittler, lange in Polizeidiensten, bis ihn ein Unfall vom Hals herab vollständig lähmte. Sein Kopf funktioniert freilich besser denn je, und so ist Rhyme seit einiger Zeit wieder verstärkt als Kriminalist tätig. Die Laufarbeit übernimmt seine Assistentin und Lebensgefährtin Amelia Sachs. Ihnen zur Seite stehen Beamte des FBI, der CIA und der Einwanderungsbehörde, was rasch zu den erwarteten Kompetenzrangeleien und Reibungsverlusten führt. Die muss der „Geist“ nicht fürchten, und so kann er sein grausiges Handwerk scheinbar ungehindert in den Straßen von New York fortsetzen …

Die Handlung ist dieses Mal nicht annähernd so fein gesponnen, der Plot nicht so komplex wie in den drei Vorgängerbänden der Rhyme/Sachs-Serie. An sich ist das kein Beinbruch, denn es kann keine Rede davon sein, dass „Das Gesetz des Drachen“ dadurch weniger unterhaltsam wäre. Deaver kann schreiben, Druck machen, Neugier wecken. Auch ist es immer zu begrüßen, wenn eingefahrene Geleise verlassen werden. Hier führt die Weiche freilich auf einen ebenso schlingernden Kurs. Die verzweifelte Jagd nach dem scheinbar übermächtigen Gangster, der sich seinem hilflosen Opfer Schritt für Schritt nähert, ist ein ziemlich alter Hut. Tauchgänge in leichenübersäte Schiffswracks oder ausgedehnte Foltersitzungen können das nicht übertünchen.

Selbstverständlich kommt es zur Rettung in letzter Minute, auch wenn bis dahin einige Nebenfiguren gar schröcklich auf der Strecke bleiben. Erfreulicherweise kontrolliert Deaver dieses Mal seinen allmählich an den Rand der Lächerlichkeit führenden Drang, die Handlung im Finale noch einmal Haken schlagen zu lassen, bis aus Schwarz erst Weiß und dann Rot geworden ist. Hier gibt es eine große Überraschung, die gut wirkt, und dann geht es stringent weiter, bis gute alte „Whodunit“-Traditionen das Spiel enden lassen: Auf dem Flugplatz versammeln sich die Guten und die Bösen, und Lincoln Rhyme erklärt wie einst Hercule Poirot seine schlauen Taten.

In Sachen Figurenzeichnung gibt es wenig Neues zu berichten. Jeffery Deaver steckt inzwischen in einer Sackgasse fest, die er sich selbst gepflastert hat. Seine Hauptfigur ist ein Mann, der buchstäblich auf seinen Kopf reduziert wurde. Lincoln Rhyme kann denken, aber nicht handeln. Das ist zunächst ein faszinierendes Konzept, aus dem der Verfasser in den ersten beiden Romanen der Serie auch viele Funken schlagen konnte. Dazu kommen die persönlichen Nöte eines aktiven Mannes, dem der eigene Körper zum Gefängnis wurde. Wie es Rhyme gelingt, sich aus diesem trotz seiner Behinderung zu befreien und seine von Selbstmordgedanken erfüllte Depression zu überwinden, war fast noch spannender zu lesen als die klug ausgetüftelten Handlungsplots.

Doch dieser Prozess lässt sich offenbar nicht ad infinitum strecken; irgendwann kommt der Punkt, da muss der Held doch wieder an die Front, statt dies ständig Stellvertretern zu überlassen. Das geht hier natürlich nicht, wenn man Wunder weiterhin der Science-Fiction überlassen möchte. Also verlagert sich die Handlung mehr und mehr auf Rhymes Team. Er selbst ist „stromlinienförmiger“ geworden. Seine krankheitsbedingten Rückfälle und Depressionen wirken nun eher wie Pflichtübungen, als ob Deaver hier und da einfiele, dass er ja einst seinen Helden als geplagten Mann breit einführte.

Mehr Raum gewinnt dadurch Amelia Sachs, die ihre Chance aber kaum zu nutzen weiß. Auch sie hat ihr Päckchen zu tragen, leidet an Arthritis und ist ein bisschen nervenleidend, was ihre Beweglichkeit aber nicht einschränkt; Amelia rennt, rast und taucht wie der Teufel und verärgert zwischen ihren Einsätzen mit an Lesers Herz rührenden Heimchen-am-Herd-Anwandlungen, die sie letztlich nicht einmal selbst ernst nehmen kann.

Austauschbarer und schattenhafter denn je bleiben Rhymes und Sachs‘ Kollegen und Handlanger. Viel Aufmerksamkeit widmet Deaver dagegen der chinesischen Subkultur in den USA. Es reisen keine verfolgten Engel auf Erden, sondern ganz normale und nicht zwangsläufig liebenswerte Menschen über das große Meer. Sie kommen nur, weil sie müssen; viel lieber wären sie zu Hause geblieben. Sogar der „Geist“ ist kein psychopathischer Irrer, sondern wurde durch traumatische Erfahrungen zu dem, was er nun ist. Gibt es einen echten Bösewicht in unserer Geschichte, dann ist dies wohl der Große Vorsitzende Mao, der in den 1960er Jahren in China für eine der größten Tragödien der Menschheitsgeschichte verantwortlich zeichnete.

Hier und da übermannt Deaver patriotisch-scheinheilige Rührseligkeit, wenn er Amerika als Verteidiger der Unterdrückten dieser Erde zeichnet, aber er geht niemals so weit zu leugnen, dass dieses seine neuen Bürger prinzipiell postwendend wieder abschieben würde. Die Verantwortung weist Deaver jedoch wieder einmal nicht dem System zu, das Menschenhilfe nur unterstützt, solange es nicht ernsthaft ans Teilen geht, sondern korrupten Individuen innerhalb des Systems, das an sich gut ist: Auch heute muss der Schurke mit dem schwarzen Hut irgendwann auf der Szene erscheinen und die Verantwortung übernehmen.

Jeffery Deaver arbeitet seit etwa einem Jahrzehnt als Schriftsteller. In dieser kurzen Zeit ist es ihm gelungen, bereits dreimal für den angesehenen „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ nominiert zu werden. Zweimal konnte er den „Ellery Queen Mystery Magazine’s Award“ für die beste Kurzgeschichte des Jahres gewinnen. Geschrieben hatte Deaver aber schon sein ganzes Leben – sein erstes „Buch“ verfasste er bereits mit elf Jahren. Während seiner Schulzeit gab er ein Literatur-Magazin heraus. Später studierte er Publizistik und Recht. Anschließend praktizierte er acht Jahre in New York als Anwalt. Nebenbei betätigte er sich als Musiker, Texter und Poet (!), bevor ihm schließlich als „richtiger“ Schriftsteller der Durchbruch gelang. Heute lebt und arbeitet Deaver die meiste Zeit des Jahres im US-Staat Virginia.

Die Lincoln Rhyme/Amelia-Sachs-Serie …

… erscheint im |Blanvalet|- bzw. |Wilhelm Goldmann|-Verlag.

1. Die Assistentin („The Bone Collector“; 1997), Goldmann-TB Nr. 43459 (unter dem Titel „Der Knochenjäger“)
2. Letzter Tanz („The Coffin Dancer“; 1998), Goldmann-TB Nr. 44571
3. Der Insektensammler („The Empty Chair“; 2000), Goldmann-TB Nr. 35905
4. Das Gesicht des Drachen („The Stone Monkey“; 2002), Goldmann-TB Nr. 36091
5. [Der faule Henker]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=602 („The Vanished Man“; 2003)

Lincoln Rhyme erscheint außerdem in einer „Gastrolle“ in Jeffery Deavers (ebenfalls empfehlenswertem) Thriller „Die Tränen des Teufels“ („The Devil’s Teardrop“; 1999), Goldmann-TB Nr. 45036.