Jonathan Safran Foer – Extrem laut und unglaublich nah

Dresden 1945 – New York 9/11: Odyssee zum Geheimnis

Dies ist die Geschichte von Oskar Schell. Oskar ist neun, er ist Erfinder, Pazifist, Veganer, Schmuckdesigner und Tamburinspieler. Obendrein hat er jede Menge Frage, auf die er dringend eine Antwort braucht. Wieso gab es den Anschlag vom 11. September? Warum musste sein Vater eines der Opfer sein? Als er in dessen Sachen einen Schlüssel in einem Umschlag mit der Aufschrift „BLACK“ findet, probiert er alle Schlösser in der Wohnung durch: nichts. Bleibt also nur, alle Menschen in New York City, die Black heißen, zu befragen, ob der Schlüssel bei ihnen passt. Eine abenteuerliche Odyssee beginnt.

Der Autor

Jonathan Safran Foer, geboren 1977, ist der Autor des Bestsellers „Alles ist erleuchtet“, der unter anderem mit dem Preis „Book of the Year“ der Los Angeles Times, dem Guardian First Book Prize und dem National Jewish Book Award ausgezeichnet wurde. Foer ist mit der Schriftstellerin Nicole Krauss („Die Geschichte der Liebe“) verheiratet und lebt in New York City. (Verlagsinfo)

Der Sprecher

Alexander Khuon, geboren 1979, in Freiburg, spielt parallel zu seinen Engagements an verschiedenen deutschen Bühnen in Film- und Fernsehproduktionen mit. Er gilt als er der wichtigsten deutschen Nachwuchsschauspieler und ist seit der Spielzeit 2004/05 Ensemblemitglied am Deutschen Theater in Berlin. (Verlagsinfo)

Torsten Feuerstein hat den Text leicht gekürzt und bei der Lesung Regie geführt. Tonmeister war Berthold Heiland.

Mehr Info: http://www.argon-verlag.de

Handlung

„Tritt mich in die Eier!“, befiehlt Oskars Lehrer im Jujutsu-Unterricht. Aber Oskar weigert sich. Er sei schließlich Pazifist. Und das war das. Außerdem ist Oskar Schell, 9, wohnhaft in Manhattan, gut in Französisch, das er bei jeder Gelegenheit an den Mann und die Frau bringt. (Oh ja, er ist ein kleiner Herzensbrecher.) Er besitzt eine Kamera von seinem Opa und ein Abonnement der Monatszeitschrift „National Geographic“, der er alle möglichen und unmöglichen wissenswerten Bildungstrümmer entnimmt, um damit Eindruck zu schinden. („Wusstest du, dass Elefanten paranormale Fähigkeiten besitzen?!“ und: „Es leben heute mehr Menschen auf der Erde als alle Toten aller Zeiten zusammengenommen.“)

Er kennt auch Wörter wie „Amyotrophe Lateralsklerose“ (ALS). Diese Krankheit hat sein Brieffreund Stephen Hawking. Sein Lieblingsbuch ist „Eine kurze Geschichte der Zeit“. Er möchte der „Protegé“ des großen Astrophysikers sein. Als er von ihm einen Formbrief erhält, laminiert er ihn sofort, um ihn an die Wand zu hängen. Er bekommt auch Briefe von Jane Goodall und anderen berühmten Menschen, die er in „National Geographic“ kennen gelernt hat. Ringo Starr schickt ihm ein T-Shirt.

Oskar hat viele Bekannte, aber keinen Vater. Seine Mutter und seine Großmutter, die auf der Straßenseite gegenüber lebt, sind ihm geblieben. Er hat auch keinen Großvater mehr, seitdem dieser spurlos vor 40 Jahren nach Deutschland verschwand. Aus Dresden stammt auch seine Großmutter. Bei den alliierten Luftangriffen der Briten und Amerikaner auf die Elbestadt wurden Omas Schwester Anna und der Rest ihrer Familie getötet.

Oskar träumt von unterirdischen Wolkenkratzern, die mindestens so weit in die Tiefe ragen wie in die Höhe. Dann könnte vermieden werden, was seinem Vater passiert ist. An jenem „schlimmsten Tag“ befand sich nämlich Thomas Schell, Juwelierhändler, im World Trade Center. Oskar hat auf dem Telefon noch die fünf Anrufe gespeichert, die Dad tätigte, nachdem das erste und dann das zweite Flugzeug in die WTC-Türme gerast waren. (Die Anrufe kamen um 8:25 Uhr, 9:12, 9:31, 9:46 und 10:04, und dann, um 10:26, passierte etwas – die Nachricht brach ab.) Oskar tauschte das Telefon mit einem baugleichen neuen aus, damit seine Mom nicht davon erführe und sie dadurch unglücklich würde. Oskar betrachtet es als seine „raison d’être“, seine Mutter und ihre Mom zu beschützen, nun, da Dad fort ist. Sie haben Dad in einem leeren Sarg begraben …

Der Schlüssel

Inzwischen ist alles unglaublich weit weg und der 11. September schon ein Jahr vorbei. Wieder einmal geht Oskar in Dads Kleiderkammer und filzt alle Kleidungsstücke. Wow, da hängt ja ein Smoking! Und was ist das für eine komische blaue Vase? Als er sie herunterzuholen versucht, fällt sie und zerbricht. In den Scherben findet er einen Umschlag, auf dem das Wort „Black“ steht. In dem Umschlag befindet sich ein ulkig geformter Schlüssel, der allerdings nirgends in Moms und Omas Wohnungen passt. Die Suche nach dem Schloss zu diesem Schlüssel, dem letzten Vermächtnis seines Dads, macht Oskar zu seinem wichtigsten Projekt. Schule und Französischunterricht müssen warten.

Dummerweise gibt es in New York City etwa 162 Millionen Schlösser – das sind „Gugolplex viele“ (1 Gugol = eine 1 mit 100 Nullen). Um sie durchzuprobieren, bräuchte Oskar mehrere Lebenszeiten, klar. Also hält er sich an das Wort „Black“ – ist damit die Farbe schwarz oder ein Name gemeint? In New York City gibt es 400 Menschen mit dem Nachnamen Black. Um sie alle zu besuchen, braucht er schätzungsweise 1,5 Jahre. Das wäre zu schaffen. Er macht sich an die Arbeit. Mit der richtigen Ausrüstung, versteht sich.

Die Blacks

Abbie Black, die zweite auf der Liste, ist eine schöne, 48-jährige Epidemiologin, aber sie streitet sich immer mit ihrem Mann, den Oskar nicht zu sehen bekommt, weil er im Nebenzimmer ist. Sie ist traurig und weint, aber Oskar muntert sie auf: Sie sei wunderschön. Ihre Gesichter kommen einander „unglaublich nah“. Er bittet sie, ihn zu küssen und lädt sie zu seiner Theateraufführung von Shakespeares „Hamlet“ ein. Darin spielt er den Yorick (den Schädel!). Abbie hält das Küssen für unangebracht, aber sie sagt auch nicht rundheraus nein. Er darf sie fotografieren.

Ada Black lebt in einer großen Villa. Als er versucht, sie als reiche Ausbeuterin zu kritisieren, widerlegt sie ihn auf das peinlichste. Zum Abschied küsst sie ihn auf die Wangen, aber er fühlt sich echt mies. Das ist bei A. R. Black, dem nächsten, ganz anders. Es heißt, in seiner Wohnung spuke es, aber das stimmt gar nicht. A.R. hat eine dröhnende Stimme, ist am 1.1.1900 geboren (und somit 102 Jahre alt!), war Kriegsreporter und führt eine biografische Kartei. Darin ist eine Karte für Mohammed Atta, den Todesflieger vom 11.9., aber keine über Thomas Schell, Oskars Dad. Das findet Oskar unfair. Das Ehebett ist interessant: Seit 24 Jahren, als seine Frau starb, geht er nicht mehr aus und schlägt jeden Morgen einen Nagel in die Baumstämme, aus denen es gezimmert ist. Bislang sind es über 8000 Nägel …

Oskar bittet A.R., ihm bei seiner Suche zu helfen. Da stellt sich heraus, dass A.R. schwerhörig ist und die ganze Zeit Oskars Lippen gelesen hat. Er hat seine Hörgeräte abgestellt, um die Batterien zu schonen. Oskar schaltet eines ein und setzt es A.R. ein. Da fliegt ein Taubenschwarm am Haus vorbei: „unglaublich nah und extrem laut“. Auf einmal entdeckt A.R. die Welt neu.

„Hast du Haare auf deinem Skrotum entdeckt?“ will Doktor Howard Fein von Oskar wissen. Nachdem ihm Fein dieses seltsame Wort erklärt hat, verneint Oskar. Warum muss er sich bloß so einen Schwachsinn anhören? Nur weil seine Mom ihn hergeschickt hat, weil sie glaubt, dass Oskar ein sehr ungewöhnliches Kind ist. Sie hätte mal mit ihrem Großvater sprechen sollen!

Die Schells

Es gibt mehrere Kapitel mit dem Titel „Warum ich nicht bei dir bin“. Sie sind vom 21.5.1963, vom 12.4.1978 und vom 11.9.2001 datiert. Es handelt sich offenbar um Briefe, die nie abgeschickt wurden: „An meinen ungeborenen Sohn“. Die Briefe hat Thomas Schell senior geschrieben, Oskars Opa. Oskar findet in der Kommode seiner Oma unzählige Briefumschläge, die alle leer und mit einem Datum versehen sind – 40 Jahre lang! Sehr mysteriös.

Thomas Schell sen. stammt aus Dresden, wo er sich in Anna Schmidt verliebte. (Anna hatte eine Schwester: Oma Schell.) Sie unternahmen Ausflüge und bewunderten die Laube im Garten ihres Hauses. Die Wände der Laube bestanden komplett aus Büchern. Als sich drinnen mal Schmidt senior und ein Jude namens Simon Goldberg über die Kriegsentwicklung im Jahr 1944 unterhielten, machten Thomas und Anna unweit der Laube Liebe – es war wunderschön. Wie sich herausstellte, sahen ihre Schwester und ihre Mutter zu. Als Anna ihm im Februar 1945 berichtete, sie sei schwanger, war sie außer sich vor Freude und er jubelte. Einen Tag später war sie tot und die Stadt Dresden existierte nicht mehr. Nach den Wochen im Lazarett und Flüchtlingslager wanderte er nach Amerika aus.

Annas Schwester lernte er per Zufall kennen. Sie setzte sich in einem New Yorker Schnellrestaurant neben ihn und bat ihn, sie zu heiraten. Sie hatte ihn wiedererkannt. Dies erfahren wir aus ihren eigenen Lebenserinnerungen mit dem Titel „Meine Gefühle“, die sehr interessant sind, aber ebenfalls nicht dazu beitragen, die Frage nach den vielen Umschlägen zu beantworten. Und überhaupt: Wo ist Opa Schell eigentlich jetzt?

Oskars Entdeckungen

Oskar entdeckt, dass es in Omas Wohnung einen Mieter gibt, der nicht spricht, sondern sich nur durch Schreiben mitteilen kann. Deshalb hat er die Wörter „Ja“ (links) und „Nein“ (rechts) auf seine Handflächen tätowieren lassen (vgl. die Titelillustration). Und auf dem Anrufbeantworter seiner Mutter findet er eine Nachricht von Abbie Black, die ihn vor acht (!) Monaten angerufen hat. Sie hätte ihm etwas zu sagen …

Mein Eindruck

Jonathan Safran Foer ist fies und kennt keine Gnade: Erst bringt er einen dazu, sich in Oskar zu verlieben und dann bricht er einem das Herz. Aber das gilt auch für Thomas Schell senior. Man kann das Buch immer wieder und wieder lesen oder hören, und der Schmerz lässt doch nicht nach. Es ist wie mit einer sehr guten Platte, z. B. Kate Bushs „Aerial“ (2005). Die Handlung dreht sich um das Brückenbauen und die Überwindung großer Verluste.

Oskar versucht, durch seine Suche nach dem Black-Türschloss eine Brücke zu seinem am 11.9. verlorenen Vater zu bauen, als ob er dessen Vermächtnis erfüllen wolle. Die Suche führt ihn durch die ganze riesige Stadt und beschert ihm eine Menge Abenteuer und anrührende Begegnungen, z. B. mit Ruth Black, der freundlichen Fremdenführerin, die das Empire State Building seit Jahren nicht mehr verlassen hat, so wie A.R. seine Wohnung mit dem Baumstammbett.

„Hammerhart!“

Thomas Schell senior versucht eine Brücke in die Vergangenheit zu bauen, indem er Briefe an seinen Annas Sohn schreibt, der niemals geboren wurde, weil seine Mutter im Feuersturm starb. Als er Annas Schwester heiratete, betätigte er sich wieder als Bildhauer und schuf eine Skulptur, bei der ihm seine Frau Modell stand. Seltsamerweise hatte die Skulptur Annas Gesicht. Er wollte nie wieder ein Kind in die Welt setzen, aber seine Frau verriet ihn – sie bekam Thomas Schell junior. Sie wollte Senior nie wieder sehen, aber es kam ein Arrangement zustande.

Senior Schell hat erneut einen Sohn verloren, am 11.9., doch er hört von einem Enkel namens Oskar, der ein recht ungewöhnliches Kind ist. Und daher macht sich Senior auf, seinen Enkel auf all seinen Wegen durch New York zu beschatten. Seltsam, welche Leute Oskar besuchte. Verkauft Oskar Drogen? Oder Abonnements? Aber nein, er hat ja einen Begleiter, der schon sehr alt ist. Und sie haben nie Zeitschriften dabei. Opa beschließt, mal einen der Besuchten anzusprechen …

„Echt krass!“

Die Geschichte der Ehe von Oma und Opa Schell stellt sich als eine ebenso ungewöhnliche Beziehung heraus wie die zwischen Oskar und seiner Umwelt. Ich frage mich, ob es solche Leute wirklich gibt oder zumindest geben kann und ob sie sich der Autor bloß ausgedacht hat. Eines steht fest: Foer kennt seine Stadt in- und auswendig. Und er liebt sie. New York City hat fünf Bezirke (Queens, Manhattan, Bronx usw.), doch er lässt Thomas Schell junior für seinen Sohn einen sechsten Bezirk erfinden. Wo dieser liegt? Tja, irgendwo in Oskars Herz …

Kann es Erlösung geben? Nicht nur für Thomas Schell senior, sondern auch für Oskar? Die Antwort lautet: Nur wenn sie sich trauen, aus ihrer privaten Hölle herauszukommen und sich zusammenzutun. Doch die Öffnung der Herzen ist das Allerschwierigste. Oma Schell hat nämlich ebenso große Geheimnisse, und auch ihre Tochter, Oskars Mom, überrascht mit einigen Fakten, die sie zurückgehalten hat. Auch sie wollte ihre Lieben schützen, ganz besonders ihr einziges Kind.

Nach der Überwindung gewisser Schwierigkeiten kommt es zu Szenen, die eines „Huckleberry Finn“ würdig wären. Es ist verblüffend, wie sich das Makabere mit dem Anrührenden verbinden lässt. Und auch das Rätsel des Wortes „Black“ klärt sich auf: Der heimatlose Schlüssel findet endlich sein Schloss. (Es ist eine lange Geschichte.)

Dresden und New York

Der Autor setzt offensichtlich die Zerstörung Dresden und die Zerstörung der Türme des World Trade Centers gleich. Dass er dies tut, hat Widerspruch hervorgerufen und ihm Kritik eingetragen. Darf er wirklich einen Bombenangriff mit einem Terroristenangriff gleichsetzen? Waren die britischen und amerikanischen Bomberpiloten anno 1945 etwa Terroristen?!

Sie waren natürlich nichts dergleichen, und ich bin sicher, Foer hat sich gegen diesen Vergleich verwahrt. Was er offenbar beabsichtigte, bestand darin, eine Parallele der Verluste unter den Opfern und vor allem unter den Angehörigen aufzuzeigen. Oskar und sein Opa sind hier die wichtigsten Figuren, aber beleibe nicht die einzigen. „Das versteht sich von selbst“, wie Oskar seinen Vater zu zitieren pflegt.

Letzten Endes belegt er mit seinem Buch, dass es sich selbst heute noch, fast 60 Jahre nach dem Krieg und fünf Jahre nach dem 11. September, für die Nachkommen lohnen kann, sich auf die Spurensuche zu begeben und die Wahrheit herauszufinden. (Das tut auch der amerikanische Held in Foers verfilmtem Roman „Alles ist erleuchtet“.) Dieses Unternehmen ehrt nicht nur die Toten, sondern verändert auch die Lebenden so sehr, dass sie sich (hoffentlich) imstande sehen, ihren unendlichen Schmerz zu überwinden. Trauer verlangt Arbeit.

Der Sprecher

Der junge Schauspieler Alexander Khuon setzt zwei verschiedene Lautstärken ein, um deutlich zu machen, dass nun andere Erzähler zu Wort kommen. Den Haupttext, der Oskars Abenteuer erzählt, bestreitet kein Ich-Erzähler, sondern ein personaler Erzähler, der Oskar quasi über die Schulter schaut und seine Gedanken lesen kann. Oft hören wir also Oskar einen einfallsreichen Monolog halten und können uns über seine ausgefallenen Erfindungen – allesamt im Planungsstadium – wundern. (Selbstverständlich bleibt der Sprecher dabei immer ernst.) Es erinnert ein wenig an Oskar Matzerath in Grass’ „Die Blechtrommel“.

Sehr lustig und etwas gewöhnungsbedürftig sind die vielen akustischen Streichungen und Ersetzungen. Gefällt Oskar ein Wort oder eine Formulierung nicht, so streicht er sie – ffft! – durch und ersetzt sie sofort. Das Ffft! Ist deutlich zu hören. In der Kapitelliste ist ein Beispiel dafür zu sehen. „Bleifüße“ ist durchgestrichen und durch „Superschwere Bleifüße“ ersetzt.

(Der personale Erzähler steht auch für Opa und Oma Schell zur Verfügung.) Es gibt, wie gesagt, mehrere andere Textquellen. Die Briefe und Tagebucheinträge sind selbstverständlich in Ich-Form erzählt, und man erkennt sie sofort daran, dass der Sprecher die Lautstärke deutlich reduziert, so dass vielleicht eine Anpassung der Lautstärkeregelung nötig ist, um alles genau zu verstehen. Insgesamt war ich mit dem Vortrag sehr zufrieden, und auch über die Aussprache der englischen Namen sowie der spanischen und französischen Wörter brauche ich kein kritisches Wort zu verlieren: alles einwandfrei.

Das Booklet bietet Informationen zu Autor, Sprecher und Produktion. Hilfreich sind die Titel der Kapitel. Einer davon ist zum Beispiel durchgestrichen und ersetzt – eine Eigenart Oskars, die ich oben erläutert habe.

Unterm Strich

Das Hörbuch hat mir großen Spaß gemacht. Es ist äußerst einfallsreich und humorvoll, aber entwickelt eine innere Spannung aus verschiedenen Textquellen, die der Leser bzw. Hörer in Beziehung zueinander setzen muss. Schafft der Leser oder Hörer dies, so ist er Oskar immer einen Schritt voraus. Dennoch gibt es bis zum Schluss Überraschungen.

Die Hintergrundgeschichte um Dresden 1945 und New York 2001 ist ziemlich ergreifend. Die Dresdenszene hat mich an Kurt Vonneguts verfilmten Roman „Schlachthof 5“ erinnert, in dem Dresden ebenfalls vernichtet wird. Zum 11.9.2001 braucht man sich nur die bekannten Fernsehbilder in Erinnerung rufen – oder einfach Oskars Entdeckungsfahrt folgen.

Sowohl ergreifend als auch ein wenig bizarr ist die Beziehung zwischen Oma und Opa Schell. Es dauert eine Weile, bis man sie durchschaut. Wahrscheinlich muss man sie noch einmal lesen oder hören, um sie in ihrer anrührenden Tiefe zu verstehen. Auch Oskar Matzerath in „Die Blechtrommel“ brauchte eine Weile, um solche Geheimnisse zu lüften.

Dies ist ein Buch, das man nicht so leicht vergessen wird. Und es enthält einen Reichtum, der es zu einem lohnenden Vergnügen macht, es immer wieder zu lesen oder zu hören.

6 Audio-CDs: ca. 451 Min. Spieldauer
Originaltitel: Extremely loud and incredibly near, 2005
Aus dem US-Englischen übersetzt von Henning Ahrens
www.argon-verlag.de

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