Frederick Busch – Der Nachtinspektor

busch-nachtinspektor-cover-2002-kleinEin abgehalfterter Schriftsteller und ein entstellter Ex-Scharfschütze tun sich im New York des Jahres 1867 zusammen, um einer Bande von Sklavenhändlern das Handwerk zu legen … – Kein ‚normaler‘, mit publikumswirksamen Klischees unterfütterter Historienkrimi, sondern das Psychogramm einer Gesellschaft im Umbruch. Mit enormem Geschick erzeugt Frederick Busch einen Sog, dem sich der Leser nicht entziehen kann, obwohl er es vielleicht möchte, denn diese Geschichte hat kein Happy-End.

Das geschieht:

Mit 32 Jahren ist das Leben für William Bartholomew eigentlich schon zu Ende: Im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) als Scharfschütze im Dienste der siegreichen Unions-Armee gefürchtet und gehasst, riss ihm die Kugel eines ‚Kollegen‘ aus den Südstaaten das Gesicht in Fetzen. Nun, zwei Jahre nach Kriegsende, hat sich Bartholomew in New York niedergelassen. Dort fällt er sogar unter den versehrten Veteranen durch die Maske auf, die seine zerstörten Züge verbirgt. In einem Winkel des unübersichtlichen New Yorker Hafens hat Bartholomew ein kleines Büro eröffnet und betätigt sich recht erfolgreich als Kaufmann und nebenbei als Geldverleiher.

Nachts streift Bartholomew durch die Straßen der Stadt. Bei einem dieser Streifzüge lernt er eine andere verlorene Seele kennen: Der Schriftsteller Herman Melville wurde von seinen Kritikern niedergemacht und von seinem Publikum vergessen. Als schlecht bezahlter Zollinspektor für die Hafenbehörde schlägt sich der Autor von „Moby Dick“ durch. Bartholomew aber erkennt ihn und ist ein begeisterter Leser seiner Werke. Die beiden Männer werden Freunde – und Verbündete, als Bartholomew erneut in einen Krieg zieht.

Eine kreolische Prostituierte hat ihm berichtet, dass der Sklavenhandel – nach dem Sieg der Nordstaaten offiziell verboten – im Geheimen fortlebt: In Florida hält ein Verbrecherring zahlreiche schwarze Kinder fest. Sie sollen per Schiff heimlich nach New York geschafft werden. Jessie gehört zu einer Gruppe meist farbiger Männer und Frauen, die entschlossen ist, die Kinder zu befreien. Auch Bartholomew und Melville wollen helfen. Ihnen zur Seite stehen außerdem Adam, ein ehemaliger Sklave, und Sam Mordecai, ein Gefährte Bartholomews aus Bürgerkriegs-Zeiten, nun ein aufsteigender Journalist, der sich dem Kreuzzug begeistert anschließt.

Das seltsame Quartett hält sich bereit, die befreiten Kinder im Hafen von New York in Empfang zu nehmen. Als das Schiff mit seiner menschlichen Fracht tatsächlich eintrifft, muss Bartholomew erkennen, dass alle Erfahrungen und alles Misstrauen nicht verhindern konnten, dass man ihn und seine Ideale ein weiteres Mal betrogen hat …

Glanz und Elend des Historienkrimis

Seit Umberto Eco quasi im Alleingang für eine nachhaltige Renaissance des Historienkrimis sorgte, ist dessen Beliebtheit und Erfolg nie wieder abgeflaut. Mehr und minder begabte Epigonen haben seither sämtliche Epochen der Menschheitsgeschichte mit gewitzten Detektiven, unerschrockenen Forschergeistern und natürlich tragisch Liebenden bevölkert, denen in der Regel eines gemeinsam ist: Es handelt sich um rein literarische Geschöpfe, die so in der Zeit, in die sie ihre Schöpfer ansiedeln, niemals anzutreffen gewesen wären. Die Vergangenheit, in der diese Geschichten spielen, bildet den farbigen Hintergrund für die meist konventionelle Handlung – oder anders ausgedrückt: Ein alter Hut wirkt manchmal kleidsamer, wenn man ihn vor einer ansprechenden Kulisse präsentiert.

Vergleichsweise gering ist dagegen die Zahl der Autoren, denen die Vergangenheit mehr ist als Staffage. Sie bemühen sich, ihre Geschichten tatsächlich in fernen Zeiten zu verankern, in denen die gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse oft radikal anders waren als heute. Wenn man dies berücksichtigt und dem Drang widersteht, z. B. das Mittelalter ohne Rücksicht auf die im Nachhinein vielleicht schmerzvolle, nichtsdestotrotz aber alltägliche zeitgenössische Realität mit anachronistischen präfeministischen Streiterinnen wider chauvinistisch vernagelte Adlige/Kleriker/(Kauf-) Männer zu ‚bereichern‘, lässt sich daraus eine Handlung spinnen, die mehr als ein Abklatsch des „TV-Romans der Woche“ ist.

Natürlich erfordert ein wahrhaftig „historischer“ – man spricht vielleicht besser von „historisierender“, d. h. die Welt der Vergangenheit mit den Mitteln der Jetztzeit so realitätsnah wie möglich beschreibender – Roman eine gewisse Kenntnis der Materie sowie schriftstellerisches Talent. Die Mehrzahl derer, die solche Romane verfassen, scheut das eine und lassen das andere schmerzlich vermissen. Der ‚gute‘ Autor lässt sich an seiner Ausgewogenheit erkennen. Er respektiert und berücksichtigt zumindest grundsätzliche Phänomene der gewählten Epoche – allzu große Detailversessenheit ist gar nicht notwendig – und lässt diese in die (hoffentlich spannende) Handlung einfließen.

Die Kraft der Vergangenheit

Frederick Busch gelingt dieses Kunststück in geradezu exemplarischer Manier. Das beginnt bereits mit der Wahl des Schauplatzes. Die großen Städte des 19. Jahrhunderts sind durchaus beliebte Schauplatz historischer Romane, doch meist handelt es sich um das (pseudo-) viktorianische London, durch das der Geist von Charles Dickens – der einen ergreifend-ironischen Gastauftritt in einem der Schlusskapitel des „Nachtinspektors“ hat – spukt.

Der echte Herman Melville (1819-1891) hat natürlich niemals an der Seite eines geheimnisvollen Kriegsveteranen Sklavenkinder befreit. Dennoch lässt sich „Der Nachtinspektor“ sowohl als Annäherung an den zeitgenössischen Menschen Melville, als auch als Hommage an den zu Lebzeiten verkannten Schriftsteller betrachten. Nach einem vielversprechenden Start in den 1840er Jahren und der Veröffentlichung des Monumental-Werkes „Der Wal“ (1851, erst später als „Moby Dick“ betitelt) waren seine späteren Bücher auf Ablehnung gestoßen. Deshalb musste Melville froh sein, dass er die Stelle eines unterbezahlten Zollinspektors übernehmen konnte. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens veröffentlichte er kaum mehr etwas. Erst viel später wurde er wiederentdeckt und gilt heute als ein früher Meister der modernen Literatur.

Mit „Der Nachtinspektor“ wagt Busch den Versuch, eine spannende Geschichte farbig zu erzählen, ohne von seinen hohen literarischen Idealen abzuweichen; eine schwierige Gradwanderung, die aber gelungen ist. Dies ist nicht ‚nur‘ eine wunderbare Geschichte, sondern gleichzeitig ein kritischer Blick auf eine Vergangenheit, die gerade in den USA gern verklärt wird.

Neue Welt, alte Probleme, ewige Schwächen

Unangenehme Aspekte rücken dagegen in den Hintergrund: Als der Bürgerkrieg 1865 endete, dauerte es Jahre, bis sich jene, die daran teilgenommen hatten, öffentlich äußerten. In den Mittelpunkt rückten dabei primär Erinnerungen an Feldzüge und Schlachten. Kaum Berücksichtigung fand dagegen die Tatsache, dass sich die Fronten 1865 keinesfalls aufgelöst hatten. Mit dem Elend derer, die den Krieg zwar überlebt hatten, an Leib und Seele jedoch zerbrochen waren, wollte sich erst recht niemand auseinandersetzen.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts sahen in den Vereinigten Staaten zudem den ungehinderten Aufstieg brutaler Wirtschafts-Magnaten, die sich ohne jede Rücksicht nahmen, was ihren Reichtum mehrte, ohne sich um die Folgen zu scheren. „Alles, was nicht festgenagelt ist, gehört mir, und was sich losbrechen lässt, ist nicht festgenagelt“, fasste es Eisenbahn-Tycoon Collis P. Huntington (1821-1900) ebenso deutlich wie drastisch in Worte. Unter dem Eindruck solcher Erfahrungen ist es logisch, dass der Kriegsveteran William Bartholomew die Welt als Ort sieht, an dem nur der Stärkste überlebt.

Auch die Jahre des Bürgerkriegs und die pathetischen Parolen jener, die ihn – egal auf welcher Seite – geführt haben, weiß er inzwischen nüchtern einzuschätzen: „Er [= der Krieg] wird nicht wegen der Sklaverei geführt … Es geht um Geld. Um die Wirtschaft. Landwirte brauchen Sklavenarbeit. Industrielle brauchen billige Arbeit … Wenn wir die Sklaven von den Rebellen befreien, wird der Norden die Neger auf jede mögliche Weise benutzen. Wir kämpfen dafür, dass Geschäftsleute, Fabrikanten auf schwarze Männer, Juden und breitschultrige Mädchen ihre Hände legen können.“ (S. 259)

Ein schrecklich konsequentes Ende

Doch Bartholomew hat trotz seiner Erlebnisse – Erinnerungen an die quälend brutalen Kriegseinsätze des ehemaligen Scharfschützen lässt Busch immer wieder einfließen – und des zur Schau gestellten Zynismus‘ seine Ideale nicht wirklich verloren. Die Befreiung der Sklavenkinder soll auch ihn (und zu einem gewissen Grad seine Gefährten) aus seiner Erstarrung befreien. Doch Erlösung gibt es nicht für Bartholomew und seine vom Leben gezeichneten Gefährten.

Trotz des Grundtons fatalistischer Traurigkeit, der den gesamten Text durchzieht, bietet das intensive, weil ungeschminkt düstere, ja grausame Finale noch einmal eine echte Überraschung. Bartholomew muss erneut eine bittere Lektion lernen: Zwischen den schwarzen Mitbürgern der nun wieder Vereinigten Staaten gibt es trotz des gemeinsam erlittenen Unrechts kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Zu ihrem persönlichen wirtschaftlichen Vorteil können sich ehemalige Sklaven durchaus mit ihren früheren Herren zusammen tun. Die angeblich befreiten Kinder hatten in Wahrheit niemals die Chance, die Freiheit zu erlangen – ein eindrucksvolles Schlussbild für einen außergewöhnlichen Roman, dessen Erzählkunst – ein Lob auch der deutschen Übersetzung – und Tiefe die oft allzu engen Grenzen des typischen Historienkrimis weit hinter sich lässt.

Autor

Frederick Busch wurde am 1. August 1941 in Brooklyn, New York City geboren. Er studierte am Muhlenberg College in Allentown, US-Staat Pennsylvania, sowie an der Colgate University in Hamilton, US-Staat New York. Hier lehrte Busch zwischen 1976 und 2003 Literatur. Außerdem engagierte er sich in verschiedenen Workshops für Nachwuchs-Autoren. Selbst schrieb Busch mehr als zwei Dutzend Bücher, für die er mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurde.

Am 23. Februar 2006 erlitt Frederick Busch in Manhattan, New York City, einen tödlichen Herzinfarkt.

Taschenbuch: 368 Seiten
Originaltitel: The Night Inspector (Nevada City/Kalifornien : Harmony Books 1999)
Übersetzung: Barbara Schaden
www.piper.de/berlin-verlag

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