Eric Ambler – Topkapi

Tragikomisch: Der Duckmäuser unter Schatzräubern

Athen, Saloniki, Istanbul – das sind die Schauplätze, auf denen eine internationale Bande von Gangstern einen beispiellosen Coup plant. Es geht um nichts Geringeres als einen Raub in der absolut einbruchssicheren, mit modernsten Alarmanlagen ausgestatteten Schatzkammer des Palastmuseums Topkapi (https://de.wikipedia.org/wiki/Topkap%C4%B1-Palast) in Istanbul… (Verlagsinfo)

Eric Ambler erhielt für „Topkapi“ den Edgar-Allan-Poe-Preis. Das Buch wurde von Jules Dassin mit Melina Mercouri und Peter Ustinov verfilmt., siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Topkapi_(Film).

Der Autor

Eric Ambler wurde am 28. Juni 1909 in London geboren. Die Eltern tingelten als Schauspieler, Musikanten und Entertainer durchs Land. Er selbst trat noch Ende der 20er als Komödiant in Music Halls. Ambler studierte Maschinenbau und schloss als Ingenieur ab. Dies half ihm, später in seinen Büchern kompetent technische Zusammenhänge zu beschreiben. Er arbeitete in einer Londoner Werbeagentur, deren Direktor er schließlich wurde. Außerdem schrieb er zu der Zeit Songs und Sketches für die Vaudeville-Bühne.

1937 ging Ambler einige Zeit nach Paris, um sich dem Schreiben zu widmen. In nur fünf Jahren hat Eric Ambler sechs Spionage-Romane geschrieben, die alle zu Klassikern ihres Genres wurden. Dann wird Ambler Kriegsheld. Nach dem Krieg veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Eliot Reed“ gemeinsam mit Charles Rodda fünf Romane. Er arbeitete als Drehbuchautor und ging in den 60ern nach Hollywood. 1969 zog es ihn in die Schweiz, wo er sechzehn Jahre lebte. Eric Ambler verstarb am 22. Oktober 1998 in London. (Quelle: krimicouch.de) Er gilt als einer der Begründer des Thrillers. (Wikipedia.de)

Handlung

Arthur Abdel Simpson, ein fünfzigjähriger Journalist, der in England und Ägypten aufwuchs, schlägt sich Anfang der sechziger Jahre in Athen als Schwindler durch. Er kassiert kleine Provisionen in Bordellen und Restaurants, lässt auch ab und zu mal was mitgehen. Doch bei Harper, den er für einen Amerikaner hält, gerät er an den Falschen. Während er den Ami noch im Bordell wähnt, bedient sich Arthur in dessen Hotelzimmer an den Reiseschecks. Da platzt Harper herein und ertappt Arthur auf frischer Tat. Er erpresst ihn mit einem schriftlichen Geständnis und zwingt ihn, einen Auftrag zu übernehmen.

Der Auftrag

Einen Lincoln Continental von Athen nach Istanbul zu überführen, klingt nach einem einfachen, harmlosen Job, noch dazu, wo lukrative 100 Dollar und eine Rückgabe des Schuldeingeständnisses winken. Doch Arthur hat sich seit seiner Kindheit und Jugend im Internat durchmogeln müssen. Er weiß, dass ihn Harper reinlegen will. Die Frage ist nur, auf welche Weise.

Als erstes untersucht er den amerikanischen Luxusschlitten von vorne bis hinten auf verdächtige Päckchen mit weißem Pulver. Er findet nichts. Dafür finden die türkischen Grenzbeamten umso mehr: In den Hohlräumen der Türen befinden sich sechs Revolver, die Munition dafür sowie eine Menge Granaten. Es fällt Arthur entsprechend schwer, seine Unschuld zu beteuern, zumal obendrein auch noch sein ägyptischer Pass seit drei Monaten abgelaufen ist. Die Türken haben ihn in der Zange.

Die Zange

Major Tufan vom türkischen Geheimdienst wittert die Chance eines Aufstiegs. Er spannt Arthur für seine Zwecke ein: Er soll Harpers Vorhaben auskundschaften. Plant Harper und dieses mysteriöse Fräulein Sill, dem der Wagen gehört, einen Staatsstreich, ein Attentat wie weiland August 14 in Sarajevo? Der einzige Anhaltspunkt, den Arthur hat, ist Harpers angeblicher Agent in Istanbul. Der will natürlich den Wagen abholen, der in der Türkei doppelt soviel wert ist wie in Athen. Doch vorher will Arthur seine 100 Dollar und das Schuldgeständnis.

Die Gangster

Die Dinge werden kompliziert, als ein Herr Hans Jakob Fischer auftaucht, angeblich ein „Fabrikant“, der den Wagen abholen will. Nichts geht, wird ihm von Arthur beschieden. Also wird Simpson in eine feudale Villa am Bosporus geleitet, wo er nicht nur Harper und Fischer wiedersieht, sondern auch das bezaubernde „Fräulein Sill“ kennenlernt, angeblich eine Studentin. Von da an werden die Dinge wirklich interessant: Sind diese Leute wirklich politische Attentäter, wie der Geheimdienst glaubt, oder planen sie etwas ganz anderes?

Mein Eindruck

Die Sache mit dem Schatzraub aus dem Topkapi-Palast ist eigentlich völlig Nebensache. Sie findet auf nur 40 Seiten statt, inklusive anschließender Verfolgungsjagd. Diese für Action-Fans enttäuschende Erkenntnis kann nicht über die übrigen 300 Seiten hinwegtrösten. Hier muss sich also die eigentliche Aussage des Romans verborgen halten. Doch worin könnte sie bestehen?

Jedermann in Nöten

Wie so häufig bei Eric Ambler gerät ein kleiner Jedermann mit einer nicht ganz so weißen Weste in das Getriebe einer großen Sache, die Akteure auf nationaler Ebene auf den Plan ruft. Er versucht, sich nicht unterkriegen zu lassen und ein- oder sogar zweimal „Nein“ zu sagen, ja, am Ende sogar die Initiative zu ergreifen. Arthur Simpson ist von Kindesbeinen an auf Duckmäusertum programmiert worden, und wenn er dann doch einmal aus der Reihe tanzte, zahlte er die Strafe nur heimlich heim – aber niemals öffentlich. Einmal fiel er, ohne es zu ahnen, sogar einem pädophilen Schwimmlehrer in die Hände. Sein Diffamierungsbrief warnte den Täter bloß, statt ihn zu entlarven – dumm gelaufen.

Tragische Komik

Und jetzt auch noch Höhenangst! Auf dem Dach des Topkapi-Palastes einen Schwindelanfall zu bekommen, ist eine ganz schlechte Idee, findet sein Rivale Hans Fischer. Der soll bloß die Klappe halten – nachdem er sich mit dem Koch, Arthurs Freund, angelegt hatte, rammte ihm dieser tapfere Kerl ein Hackebeil in die Schulter. So kommt es, dass Arthur für Fischer einspringen muss, als ob das Schicksal nichts Besseres zu tun hätte. Sein Magen rebelliert sowieso schon die ganze Zeit. Nein, für nächtliche Raubzüge auf Palastdächern ist Arthur Simpson wirklich nicht geschaffen.

Auf diese tragikomische Weise geht es weiter und weiter. Malheur reiht sich an Malheur, so dass der Leser nicht mehr weiß, ob er lachen oder weinen soll. Am besten nimmt man es philosophisch, so wie das Leben auch. Arthur hofft ja auch immer, dass sein Augenblick des Ruhms und der Selbstbehauptung kommen wird. Und tatsächlich: Er sieht seine Chance kommen und tut alles dafür, dem Glück nachzuhelfen. Ob der Plan klappt, darf hier nicht verraten werden.

Nationalität, was ist das?

Neben diesen schönen Szenen hält der Roman immer wieder fest, wie sehr sich Arthur im Niemandsland der Nationalitäten verheddert. Was schließlich ist eine „Nationalität“? Er hat keinen britischen Pass, aber dafür einen ägyptischen. Leider ist der abgelaufen, so dass er ein türkisches Visum braucht, neben seiner griechischen Aufenthaltsgenehmigung. Alle Existenz ist sozusagen vorläufig, bis auf Widerruf. Ganz am Schluss klärt uns Arthur darüber auf, was es mit seinem Britisch-Sein auf sich hat: Es existieret immer fort, solange es der Brite nicht aktiv widerruft. Ein schöner Gedanke, allein die Wirklichkeit – sie sieht ganz anders aus. Ein Glück, dass wir in Europa offene Grenzen haben. Obwohl das sicher auch nur wieder was Vorläufiges ist – bis auf Widerruf.

Die Türken haben’s gut: Der Autor klärt uns darüber auf, was sie alles in ihrer Geschichte von 1453 bis 1962, also 511 Jahre, erlebt haben: Das Innere der diversen Paläste, die in diesem Roman beschrieben werden, gibt etliche Bildmotive her, und auch Major Tufan hat etwas zu erzählen. Merke: Es mag zwar eine türkische „Nationalität“ geben, aber an der Spitze des Staates war doch ein ständiges Kommen und Gehen zu verzeichnen. Alles ist also auch hier nur vorläufig.

Die alte Übersetzung

Elsbeth Herlins Übersetzung aus dem Jahr 1969 wirkt auf mich altertümlich, denn ihre Ausdrucksweise, wiewohl stilistisch perfekt, ist mittlerweile, nach fast 50 Jahren, relativ veraltet! Obwohl der Text also (fast) ohne Druckfehler daherkommt, entzieht sich so manches Wort dem Verständnis des Lesers, zumal des jugendlichen.

Was ist beispielsweise ein „Carnet“? Es wird heute in Deutschland als „Fahrzeugschein“ bezeichnet und muss im Auto mitgeführt werden. Dass eine „Garage“ kein Abstellplatz für Fahrzeuge ist, sondern eine Reparaturwerkstatt, kann man mit Müh und Not noch nachvollziehen. Ein „Radio“, mit dem senden kann, wird hingegen hierzulande als „Funkgerät“ bezeichnet. Und so geht es fort. Was ein „Kaik“ ist, will ich schon gar nicht mehr wissen. Als Entschädigung klärt uns der Autor höchstselbst darüber auf, dass ein „Serail“ keineswegs ein Haremsflügel ist, sondern ein ganzer Palast und nichts weniger.

Laut Wikipedia gibt es eine Neuübersetzung von Nikolaus Stingl, die bei Diogenes 1996 erschien (ISBN 3-257-20536-8). Sie dürfte sehr zu empfehlen sein.

Unterm Strich

Ich hatte einen Actionthriller erwartet, doch was ich bekam, war die Tragikomödie eines kleinen Mannes, der sich gegen internationale Gangster zu behaupten versucht. Wie es Jules Dassin gelang, aus diesem Stoff ein zweites „Rififi“ zu machen, ist mir ein Rätsel. Die Action findet nur auf 40 Seiten gegen Romanende statt, und das auch ohne jede Auseinandersetzung. Wenn man nicht wüsste, dass es gar nicht um die Action, sondern um etwas ganz anderes geht, würde man das Buch spätestens nach 50 Seiten in die Ecke feuern. Es passiert einfach nichts Weltbewegendes.

Befreiungskampf

Die einzige spannende Frage lautet: Wird es Arthur Simpson, dem Kleingauner ohne Nationalität, gelingen, sich aus der Umklammerung der Gangster und des türkischen Geheimdienstes zu befreien? Es ist sein eigener, kleiner Befreiungskampf, der hier beschrieben wird. Mich erinnerte das Buch immer wieder an Johannes Mario Simmels Antiheldenroman „Es muss nicht immer Kaviar sein“, den heute wohl nur noch die ältere Generation kennt, der aber immerhin mit O.W. Fischer in der Hauptrolle verfilmt wurde. manchmal erinnert der Plot auch einfach an den „Der Schatzinsel“: Der kleine Jim Hawkins ist unter die Piraten gefallen und muss lernen, sich zu behaupten. Harper entspricht hierbei dem zwielichtigen Piraten Long John Silver.

Die Botschaft?

Der Weg, auf dem sich Arthur Simpson, der klassische Duckmäuser und verkappte Rebell, durchmogelt, dient dem Autor lediglich dazu, die Zerrissenheit der nationalen Identitäten aufzuzeigen. In immer absurder werdenden Szenen wirkt Simpson wie König Sisyphus, der den schweren Fels der Identität den Berg der Nationalität hinaufrollen muss – bis er es einfach bleiben lässt und endlich mal „Nein!“ sagt.

Wer nun glaubt, mittlerweile seien alle diese Probleme ja mit der Europäischen Union gelöst, lügt sich nur selbst in die Tasche. Je überfremdeter sich die jeweiligen Landesbewohner fühlen, desto mehr wächst ihre Angst um die eigene Identität. Diese Angst führt entweder zur Absage an die Ideale der Union oder zur innenpolitischen Gewalt – oder zu beidem. Insofern wirkt „Topkapi“, dieser vermeintliche Actionthriller, heute aktueller denn je.

Hinweis: Mit „Eine schmutzige Geschichte“ erzählte Ambler 1967 die weiteren „Abenteuer“ von Arthur Abdel Simpson.

Taschenbuch: 348 Seiten
Info: The Light of Day, 1962
Aus dem Englischen von Elsbeth Herlin
www.diogenes.ch

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