Ernest Haycox – Goldstaub aus Ophir

haycox goldstaub cover kleinDas geschieht:

Ophir ist eine jener kurzlebigen Siedlungen, die im Nordosten des US-Staates Oregon entlang des John Day River entstanden. Recht und Gesetz sind hier, wo Gold aus dem Flusswasser gewaschen wird, besonders fern. Seit einiger Zeit treibt eine Bande ihr Unwesen, die auf weniger mühsame Weise reich werden will. Ihr jüngstes Opfer ist der Postkutschenfahrer Tom Rawson. Einen Monat hat er auf Leben und Tod im fernen Portland gelegen, nachdem man ihn auf seiner letzten Tour vom Kutschbock geschossen hat. Eine Kiste mit Goldstaub verschwand, aber Tom ist wieder da. Er will es den Strolchen heimzahlen.

Toms Rückkehr wird mit gemischten Gefühlen quittiert. Da ist Jack Mulvey, sein Chef und Freund, der sich freut, dass der junge Mann zurück ist, doch nicht grundlos fürchtet, er könnte erneut zur Zielscheibe werden. Das denkt auch Ed Carrico, Leutnant des 3. Kavallerieregiments, der gerade den Lynchmord an einem möglichen Gold-Dieb verhindern musste und weiß, wie gespannt die Situation in Ophir ist. An seiner Seite weiß Tom immerhin die furchtlosen Kutscherkollegen Barney Rheinmiller und Bart Lennon.

Über Toms Genesung mehr als erfreut ist schließlich Evelyn Harvey, eine junge Schneiderin, die sich in Ophir zu behaupten weiß. Seit Tom auf dem Krankenlager litt, weiß sie, dass sie ihn liebt. Abgelenkt von seiner Suche nach Gerechtigkeit (und geschlagen mit der üblichen männlichen Ignoranz gegenüber jenen Signalen, die Frauen nach eigener Auskunft angeblich aussenden) reagiert Tom nur zurückhaltend. Er fragt sich außerdem, wie Evelyn in Beziehung zum Salonbesitzer George Van Stern steht, dem unauffälligen Salonbesitzer, der so gut zuhören kann. Tom, bisher sein Freund, verdächtigt ihn, den Mordanschlag in Auftrag gegeben zu haben. Er beginnt zu ermitteln und macht keinen Hehl daraus. Die provozierten Gauner verlassen erwartungsgemäß ihre Deckung, um den lästigen Schnüffler auszuschalten, was zu einer mörderischen Schlussabrechnung am Mountainhead führt …

Krimi, Abenteuer & Lovestory

Eine gut und klar geplottete, in drei Züge gegliederte Geschichte aus dem Wilden Westen wird uns hier erzählt. Da ist zum einen die an einen Krimi erinnernde Handlung um kriminelle Machenschaften in einem Goldgräbercamp. Ophir wird vom Verfasser als Ort entworfen, der weit abgelegen von der Außenwelt liegt und ausschließlich über eine bestimmte Straße zu erreichen ist, die der Gegner gut überwachen kann. Autor Haycox gibt sich viel Mühe, diese Tatsache zu unterstreichen, indem er Tom Rawson die Gegend erkunden lässt, die auf diese Weise vor dem geistigen Auge des Lesers Gestalt annimmt.

Die Kulisse ist historisch. Ab 1862 wurde Gold aus dem John Day River gewaschen. Zahlreiche Camps und Ortschaften entstanden in den folgenden Jahren; die meisten verschwanden wieder, als der Boom um 1870 abzuflauen begann. Farmer und Rancher rückten nach und nutzten die Region landwirtschaftlich, wie es Tom Rawson bereits voraussieht. Im Zeitfenster 1862 bis 1870 muss sich das Drama um den „Goldstaub aus Ophir“ – das von Haycox zeitlich nicht definiert wird – folglich abspielen.

Es geht um viel Gold, weshalb die Konfrontation zwischen denen, die es transportieren, und den Räubern vorprogrammiert ist. Rawson heckt einen Plan aus, wie er das ihm anvertraute Edelmetall aus dem Camp schaffen und den Räubern ein Schnippchen schlagen kann. Haycox beschreibt, wie er emsig Vorbereitungen trifft, lässt dies aber unkommentiert bzw. weiht uns nicht in alle Details ein, was die Spannung steigen lässt. Außerdem geht selbstverständlich nicht alles glatt. Dies betrifft Rawson ebenso wie seine Gegner, die keine Berufskriminellen, sondern vor allem gierig sind und deshalb planerische Sorgfalt und Disziplin vermissen lassen. So steht Rawson nicht gar zu offensichtlich auf verlorenem Posten, was für einen gewissen Ausgleich im spannenden Ränkespiel sorgt.

Gesetz und Ehrenkodex

Tom Rawson ist ein erstaunlich differenziert geschilderter Charakter. Wie es sich für einen Mann des Westens ziemt, ist er seines eigenen Glückes Schmied. Als Postkutschenfahrer möchte er nicht alt werden; er hat einen Lebensplan, an dessen Verwirklichung er arbeitet. Rawson ist redlich, fleißig und beliebt, doch er hat auch eine dunkle Seite. Das Attentat hat ihn verändert. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihn nicht nur die Sicherung des Goldtransports, sondern auch persönliche Rache motiviert. Als Erklärung stellt er die Position heraus, die ein Mann in der rauen Gesellschaft seiner Zeit einnimmt: Wer sich seiner Haut nicht wehrt, gilt als Feigling und wird mit kollektiver Verachtung gestraft. Allerdings lassen die Reaktionen der Leute, mit denen Rawson zusammentrifft, diese Aussage eher als Vorwand für einen privaten Feldzug wirken: Ein Freund hat ihn verraten, und das kann und will Tom Rawson nicht dulden und ertragen.

„Goldstaub aus Ophir“ entwickelt sich zum persönlichen Duell zweier Männer (wobei der Name des zweiten ungenannt bleibt, um nicht zu viel von der Geschichte zu verraten). Unerbittlich wird der Zweikampf, als sich eine dritte Handlungsebene abzeichnet: Beide Männer sind Rivalen um die Liebe einer schönen Frau. Sie wendet sich Rawson zu, und erst jetzt ist wird sein ehemaliger Freund zum Todfeind.

Als verliebter Mann, der um eine Frau wirbt, gibt Rawson allerdings eine unglückliche Figur ab. Er würde das ‚Vorrecht‘ des Nebenbuhlers akzeptieren und von Evelyn lassen, denn so fordert es sein persönlicher Ehrenkodex. Evelyn müsste ihm schon druckreif ins Gesicht sagen, dass sie sich für ihn entschieden hat, doch das überfordert wiederum sie ein wenig. Auf eher robuste Art versucht sich Tom Klarheit zu verschaffen, indem er Evelyn in einer denkwürdigen Szene ordentlich Whisky einflößt; bei dieser Gelegenheit will er die Geliebte auch gleich daraufhin aushorchen, ob sie für Van Stern spioniert: der ideale Start in eine glückliche Beziehung …

Raue Welt mit eigenen Regeln

Die Frauenrollen im klassischen Western finden oft nicht das Gefallen moderner Leserinnen. Auch hier spielt „Goldstaub aus Ophir“ in einer besonderen Liga. Evelyn Harvey ist nicht der Knochen, um den sich zwei Revolver-Rüden raufen, sondern eine eigenständige und eigenwillige Figur. Beruflich wie privat hat sie ihr Leben in die Hand genommen, und sie ist es, die sich Tom als zukünftigen Lebenspartner aussucht.

Im Wilden Westen handeln Männer wie Frauen pragmatisch; die zivilisierte Welt mit ihren geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen und Regeln ist fern. Deshalb findet Evelyn auch nichts dabei, Umgang mit Betty Easterlin zu pflegen, die ihren Ehemann mit einem schneidigen Soldaten betrügt. Sie urteilt nicht, weil Betty ganz offensichtlich den falschen Mann geheiratet hat und unerfüllte Sehnsucht und ihr Ausleben keine Todsünden sind – eine verblüffende Haltung, die man in einem Genre, das als konservativ bis reaktionär gilt, nicht erwartet hätte.

Angestaubter als die zeitlose Story ist die deutsche Übersetzung, die sich mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung oft steif liest und durch ungewohnte Wortwahl auffällt. Sie ist Zeuge einer Zeit, in der ein solcher Stil zum Alltag gehörte. Man gewöhnt sich freilich rasch daran – und sollte es auch, denn mit einer Neuveröffentlichung von „Goldstaub aus Ophir“ ist hierzulande nicht zu rechnen, während sich Ernest Haycox und sein Werk in den USA weiterhin großer Beliebtheit erfreuen.

Anmerkung

„Ophir“ ist der Name eines sagenhaften Goldlandes, das u. a. im Alten Testament Erwähnung findet. König Salomon soll von hier das Gold für seinen sagenhaften Schatz bezogen haben. In Oregon existierte zur Zeit des Goldrausches am Ochoco Creek die „Ophir Mayflower-Mine“, die zu den größten der Region gehörte; womöglich hat sich Haycox hiervon inspirieren lassen.

Autor

Ernest James Haycox wurde am 1. Oktober 1899 in Portland, Oregon, als Sohn eines Feuerwehrmanns geboren. Bertha, seine Mutter, eine Köchin und Kantinenwirtin, war die Tochter von Einwanderern aus dem damals preußischen Berlin. Die Eltern trennten sich 1908, und Ernest wurde bei diversen Verwandten untergebracht. Ab 1913 besuchte er kurzzeitig das College und stürzte sich 1915 ins Berufsleben. In den nächsten Jahren versuchte er sich in zahlreichen Jobs. Unter Angabe eines falschen Geburtsdatums ließ sich Haycox von der Oregon National Guard anwerben und leistete Dienst an der Grenze zum aufständischen Mexiko. In den letzten Monaten des I. Weltkriegs wurde er als Militärpolizist nach Frankreich versetzt.

Anschließend studierte er Journalismus und schrieb für zahlreiche Zeitungen. Ab 1921 erschienen Kurzgeschichten in den „Pulp“-Magazinen dieser Ära. Haycox schrieb Abenteuerstorys und spezialisierte sich später auf Romane und Geschichten aus dem Westen. Ab 1930 konnte er seine Werke auch außerhalb der Pulps veröffentlichen. Haycox arbeitete nun sorgfältiger und recherchierte für seine Bücher, deren Handlungen oft in ihr jeweiliges historisches Umfeld eingepasst wurden. Sein literarischer Ehrgeiz wuchs, seine Romane wurden zunehmend vielschichtiger. Hollywood wurde aufmerksam; Filmklassiker wie „Stagecoach“ (dt. „Ringo“/„Höllenfahrt nach Santá Fe“) oder „Union Pacific“ (dt. „Union Pacific“/„Diese Frau gehört mir“) gingen auf Vorlagen von Haycox zurück.

Für den aktiven Dienst im II. Weltkrieg zu alt, engagierte sich Haycox an der Heimatfront. Ende der 1940er Jahre erkrankte der Autor an Krebs. Ernest Haycox starb am 13. Oktober 1950 im Alter von 51 Jahren. Sein reiches Werk (25 Romane, ca. 250 Kurzgeschichten) blieb auf dem US-Buchmarkt präsent. Im Mai 1969 eröffnete die University of Oregon eine „Ernest Haycox Memorial Library“, die Bücher, Manuskripte und andere Relikte seiner Arbeit ausstellt. 2005 wählten die „Western Writers of America“ Haycox unter die 24 besten Western-Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. (Diese Vita stützt sich auf eine ausführliche Biografie, die Ernest Haycox, jr. verfasste; im Internet findet man sie hier. Eine informative Ausstellung genannter Bibliothek wird hier präsentiert.)

Taschenbuch: 190 Seiten
Originaltitel: Head of the Mountain (New York : Popular Library, Inc. 1952)
Übersetzung: Hansheinz Werner

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