Wolfgang Hohlbein – Infinity: Der Turm

Die Handlung:

Der Turm, ein gewaltiges, äonenaltes Bauwerk, ist die letzte Bastion auf einer sterbenden Welt. Niemand kann mehr sagen, wer den Turm erbaut hat und welches Schicksal er für seine Bewohner bereithält. Der Turm ist allwissend, übermächtig und bedrohlich – auch für Prinzessin Arion, die Herrscherin über die Menschen und seltsamen Geschöpfe, die im Turm Zuflucht gefunden haben. Doch von außen droht Gefahr. Denn die Rebellen um den ungestümen Anführer Craiden, die abseits des Turms in einer archaischen Welt ihr Dasein fristen müssen, sind im Besitz einer Superwaffe. Mit deren Hilfe könnte nicht nur Arions Herrschaft gestürzt werden, sondern auch der Turm fallen. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Laut Verlag trug Wolfgang Hohlbein diese Geschichte 30 Jahre im Kopf mit sich herum, bis er endlich damit anfing, sie aufzuschreiben. Klingt episch, wenn er den Roman als „sein Schlüsselwerk“ ansieht und dramatisch, wenn er sagt, dass er „im Zentrum seines Schaffens stehen wird“. Wenn ich mir den Titel, das Cover und all diese Aussagen betrachte, werde ich irgendwie an Stephen King erinnert, dessen Dark Tower-Romane ja auch eine sehr lange Zeit in der Mache gewesen sind und für King einen ähnlichen Stellenwert haben.

Verwirrt und verwundert war ich … eigentlich von Anfang bis Ende. „Infinity – Der Turm“, von wegen. Infinity ist nicht der Name des Turms. Es ist der Name der Prinzessin, die in dem Turm wohnt, aber eigentlich heißt sie Arion, vielleicht aber auch Gea, denn darauf deutet einer der Handlungsfäden irgendwie hin, ohne das aber aufzulösen. Und der Turm heißt R’Achernon und ist eigentlich kein echter Turm, sondern ein großer Compter, der telepathisch begabt ist … unter anderem. Ist das nun Fantasy, Sciencefiction oder Belletristik?

Erst freute ich mich darüber, dass es ohne viel Gerede direkt zur Sache geht und ich mitten in die Handlung geworfen werde. Aber irgendwie fühlte es sich an, als hätte jemand gleich zu Anfang ein Foto gemacht und würde dann Kapitel für Kapitel die einzelnen auf dem Bild gezeigten Personen erklären. Das bremst die Handlung ungemein, denn, bis endlich mal alle durcherzählt waren und der Fokus endlich wieder auf jemanden zurückkommt, an den man sich noch erinnert, hat man die Hälfte schon fast wieder vergessen … wenn man die Geschichte nicht am Stück hört … was bei einer Länge von über 23 Stunden wohl nur die wenigsten tun werden.

Bei einem Buch kann man Seiten querlesen, wenn die Geschichte nicht genug Dampf hat, bei einem Hörbuch ist man in diesem Fall dem Tempo des Sprechers ausgeliefert. Und wenn der nicht viel Spannendes zu berichten hat und ständig die Perspektive wechselt, dann kämpft man verwirrt mit dem Schlaf. Schlecht, wenn man dann beim Hören grad im Auto auf dem Weg zur Arbeit sitzt.

Ganze 17 Personen und Wesen werden im beiliegenden Booklet kurz vorgestellt, das gibt einen Hinweis darauf, wie das Verhältnis zwischen Charakteren und Handlung ist. Nach dem großen Atombombenangriff, mit dem Craiden am Anfang Infinitys/Arions/Geas? Turm eigentlich vernichten wollte, passiert erstmal zu lange nicht mehr umwerfend viel. Und das wird auch noch sehr stark in die Länge gezogen. Davon ab, dass der Autor die Charaktere wirklich viel reden und nicht wirklich viel handeln lässt.

Leider wird man am Ende des Buches auch nicht mit der großen Erleuchtung und Auflösung aller angehäuften Fragen beschenkt, sondern mit einem ungläubigen „Wie jetzt? Das wars?“ zurückgelassen. Ob es eine Fortsetzung geben wird, ist nicht bekannt, wie viele Leser eine solche lesen würden, auch nicht. Wenn Hohlbein den „Stephen King“ machen möchte mit diesem „zentralen Werk seines Schaffens“, dann werden sicher noch so einige Bücher folgen. Hätte der Autor im Vorfeld angekündigt, dass dies der Auftakt einer Serie ist, so hätte der Leser/Hörer das Ende verzeihen können, aber so … werden nicht wenige verärgert sein.

Das Hör-Erlebnis

Eine ungekürzte Lesung bekommt der geneigte Käufer selten angeboten, es sei denn, es handelt sich um exklusive Lesungen eines bekannten Downloadportals, „Harry Potter“ oder „Perry Rhodan“. Hier muss der Osterwold Audio Verlag von Sprecher, Autor und Geschichte schon sehr überzeugt gewesen sein, um das Risiko einer ungekürzten Lesung auf CD einzugehen.

Gert Heidenreich macht seinen Job ordentlich. Dass die Story ziemlich gestreckt und durch die ständigen Wechsel der handelnden Charaktere im Kopf nicht leicht aktuell zu halten ist, ist nicht seine Schuld. Heidenreich gibt jedem Charakter, so gut es eben bei der Masse an Figuren geht, einen Wiedererkennungswert, was ihm auch gut gelingt. Ob er nun den Turm selbst spricht, die Prinzessin oder ihren Berater in Mausform, immer spielt er mit seiner Stimmfarbe, sodass der Unterschied klar zu hören, aber nie nervig ist.

Auch die Stimmungen und Gefühle der Charaktere transportiert er gut ins Ohr des Hörers, wobei er hier manchmal zwischen zu ruhig erzählendem Märchenonkel und engagiertem Synchronsprecher hin- und herwechselt. Nie aber kommt das Gefühl auf, dass er hier nur seinen Job macht, weil er dafür bezahlt wird und ihm die Geschichte eigentlich egal ist.

Einer ungekürzten Lesung kann man am besten folgen, wenn es wenige Charaktere gibt, die viel erleben. Hier ist es leider genau andersrum. Wer also nicht viele Stunden am Stück hören kann oder möchte, der hat es jedes Mal wieder schwer, in die eigentliche Story zurückzufinden. Mit einem Blick ins Booklet weiß der Hörer zwar schnell wieder, wer hier wer ist, aber wo er ist und was er grad macht …

Da nützt auch die gute Leistung des Sprechers nichts, eine gekürzte Lesung hätte hier eine Menge Gutes tun können. Für die Spannung und Straffung der Handlung und die Entspannung und das Interesse des Hörers.

Der Sprecher

Gert Heidenreich ist ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Radiosprecher. Im Fantasy-Bereich ist bereits als Sprecher der „Herr der Ringe“-Trilogie aufgetreten. Auch den „Hobbit“ hat er komplett eingelesen. Des Weiteren hat er „Die Tränen der Wüste“, „Die Hexe von Portobello“ und „Handbuch des Kriegers des Lichts“ von Paulo Coelho gesprochen.

Die Ausstattung

Die 19 CDs stecken einzeln in weißen handelsüblichen Papierhüllen mit Sichtfenster, sind mit schlichtem Schwarz bedruckt und mit weißem Titel beschriftet. Eingeschweißt sind sie in einer Pappdeckel-Klappbox. Auf CD Nummer 2 meiner Ausgabe waren Fingerabdrücke und auch die Papierhülle dieser CD war leicht eingerissen.

Auch ein Booklet liegt der Box bei. Sechsseitig zum Auseinanderklappen bekommt der Hörer hier Kurzbeschreibungen zu wichtigen Personen und Wesen des Romans sowie Infos zu Autor und Sprecher.

Jeder der im Schnitt 19 Tracks pro CD ist etwa vier Minuten lang und als Bonus ist als letzter Track auf der letzten CD das Lied „Geas Traum“ der Gruppe SCHANDMAUL enthalten. Der Sänger der Band ist nach eigener Aussage ein langjähriger Fan von Wolfgang Hohlbein und hat sich bei seinen Texten schon öfter von ihm inspirieren lassen. Dieser Song soll nicht die letzte Zusammenarbeit der Band und Hohlbein sein.

Zusätzlich liegt der Box ein kurzes Verlagsprogramm bei.

Mein Fazit:

Episch ist dieses Hörbuch allemal, allein von der Länge her. Gert Heidenreich liest gut und bindet den Hörer über viele Stunden. Leider ist es nicht einfach, beim Hören den Überblick zu behalten, wenn so viel hin- und hergesprungen und ständig auf die Handlungsbremse getreten wird.

Für Freunde von Hohlbeins ausschweifendem Stil, die wissen, was auf sie zukommen kann, sicher empfehlenswert. Unbedarfte Hörer, die spannende und kurzweilige 23 Stunden verbringen möchten, könnten hier oftmals verwirrt werden und am Ende verärgert sein.

Ungekürzte Lesung auf 19 Audio-CDs
Gesamtspielzeit: ca. 23:14 h
Aufgeteilt auf 354 Tracks
Gelesen von Gert Heidenreich
ISBN-13: 978-3869520797

www.osterwold-audio.de

Der Autor vergibt: (3/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 3,50 von 5)