Mo Hayder – Die Behandlung

Nichts für schwache Mägen oder Nerven

Spannung, Horror und Action verbindet Mo Hayder erneut in ihrem zweiten Thriller, der quasi die Geschichte von „Der Vogelmann“ fortsetzt. Angesichts der Detailkenntnisse, die sie über die Polizeiarbeit und die Verbrecherszene im Londoner Stadtteil Brixton an den Tag legt, kann man ihr unbedenklich vertrauen, wenn sie uns hier eine Geschichte erzählt, in der es um Kindesmissbrauch in allen Spielarten geht.

Handlung

Der etwa 30-jährige Detective Jack Caffery hat in seinen Jahren bei der Londoner Mordkommission schon viel gesehen. Er war an der Aufklärung der „Vogelmann“-Morde beteiligt – darauf weist die Erzählerin des Öfteren hin, und es kann nicht schaden, diesen exzellenten Thriller gelesen zu haben, bevor man „Die Behandlung“ anfängt.

Aber was er über das erfährt, was sich im Haus der Familie Peach im Stadtteil Brixton abgespielt hat, schockt selbst Caffery: Ein offenbar wahnsinniger Fremder hat die Peachs und ihren achtjährigen Sohn Rory überfallen, misshandelt und solange gefangen gehalten, dass sie fast verdurstet wären. Und was man dabei unter „Misshandlung“ zu verstehen hat, übersteigt alle Vorstellungskraft.

Als der Täter nach drei Tagen des Terrors wieder verschwand, nahm er den kleinen Rory mit. Doch die schwer verletzten Eltern können keine genauen Angaben machen, oder sie wollen nicht über die Einzelheiten reden. Jedenfalls wird Rory im nahen Park zu spät gefunden, um ihn zu retten, und das auch nur, weil Caffery einem Kindergerücht Glauben schenkt: Ein Troll mache die Gegend unsicher, der zu Kindern ins Zimmer steigt, auch wenn dieses im ersten oder zweiten Stock liegt. Wie sich zeigt, ist das kein Gerücht, sondern die reine Wahrheit. Die Polizei will es bloß nicht glauben.

Schon hat der „Troll“ – es gibt sogar einen Datenbankvermerk aus dem Jahr 1989 über ihn – seine nächsten Opfer ausgesucht: die Churches. Hal und Benedictine und ihr kleiner Goldschatz Josh wollen nach Cornwall fahren – niemand wird sie vorerst vermissen …

Doch Jack Caffery ist ganz und gar nicht objektiv, was diese Verbrechen angeht. Der Fall Rory ruft Erinnerungen an seinen Bruder Ewan wach, der eines Tages als Kind verschwand und wahrscheinlich einem Verbrechen zum Opfer fiel. Seit seiner Kindheit verdächtigt Jack seinen Nachbarn, den Polen Penderecki, schuld an Ewans Verschwinden zu sein.

Visionen voll Hass und Angst suchen Jack heim, bringen ihn zum Trinken und belasten seine Beziehung zu Rebecca, seiner Lebensgefährtin, erheblich. Die hat als Opfer des „Vogelmannes“ auch so ihre psychischen Probleme und bekommt zunehmend Angst vor Jacks Annäherungsversuchen.

Jack stößt im Laufe seiner Ermittlungen auf mehr und mehr Verbindungen zwischen der Vergangenheit und dem aktuellen Geschehen. Weitere Opfer des „Trolls“ tauchen auf und werden vernommen. Als Penderecki stirbt, „vererbt“ er Jack seine sämtlichen Kinderpornos. Auf einem der ekelhaften Videos sieht Jack eine Frau mit einem auffälligen Tattoo – und ein Autokennzeichen. Wie sich herausstellt, hat diese Tracey Lamb sehr viel mit Kinderpornos zu tun. Und was Jack nicht ahnt (wir aber mitgeteilt bekommen): Sie hält Jacks Bruder immer noch gefangen.

Wird es dem Detective gelingen, seinen Bruder zu finden und zugleich den neuesten Überfall des „Trolls“ zu stoppen, der die Familie Church in seiner Gewalt hat?

Mein Eindruck

Wie in „Das Schweigen der Lämmer“geht es vordergründig um die Verbrechen eines geisteskranken Serienkillers (der Troll ist schizophren). Wie in Harris‘ Roman richtet sich das Augenmerk auf die Aufklärung eines Verbrechens und die Verhinderung weiterer Untaten. Doch bei Hayder ist der Detective ganz auf sich allein gestellt, er hat keinen Mentor – allenfalls seine lesbische Chefin Souness, die aber keine Tipps zur Psyche des Täters gibt, sondern Caffery den Rücken frei- und die Presse vom Leib hält.

Cafferys Hartnäckigkeit, die aufgrund der Ewan-Geschichte an Obsession grenzt, ist es schließlich, die die entscheidenden Hinweise liefert. Schon glaubt er, Mr. Peach als Täter dingfest gemacht zu haben, da stellt sich dieser als Opfer heraus. Zu früh gefreut: Der Täter ist weitaus gewiefter und verrückter, als Jack ahnt. So wundert er sich zwar, warum sich dessen Opfer vor der Tat über merkwürdige Gerüche in ihrer jeweiligen Wohnung beschwerten, doch ging er diesem Phänomen nicht nach. Erst als er das – am Schluss des Buches abgedruckte – Notizbuch des Trolls findet, wird ihm alles klar: Der Troll empfindet weibliche Hormone, Prolaktine, als Gefahr für seine sexuelle Potenz und neutralisiert diese durch seinen eigenen Urin. Dies führt zu einigen grotesken Verdächtigungen von Hunden und Kindern in den betroffenen Haushalten. Eigentlich ist es aber reichlich ekelerregend.

Mo Hayder hat ihr Buch hervorragend konstruiert. Wir bekommen daher nicht nur die Perspektive von Jack Caffery zu sehen, sondern auch die vieler weiterer Nebenfiguren, nicht zuletzt der Opfer. Was aber wirklich perfide ist, ist die Perspektive des Täters. Das habe ich erst nachträglich verstanden: Da der Täter schizophren ist, wundert er sich im „Normalzustand“ über gewisse Fundstücke. Eine Fotokamera ist davon am wichtigsten. Tagelang müht er sich ab, den darin befindlichen Film zu Bildern zu machen, nicht ahnend, dass er diese Fotos selbst bei den Peachs gemacht hat!

Der ständige Wechsel der Perspektive führt dazu, dass das Buch sehr abwechslungsreich zu lesen hin. Der sorgfältige Erzählungsaufbau lässt keine Langeweile aufkommen und führt schließlich zu atemloser Spannung. Ich habe das Buch in zwei Tagen gelesen, denn ich konnte es, einmal angefangen, einfach nicht mehr aus der Hand legen.

Bei aller Sorgfalt ist Hayder doch ein Fehler unterlaufen. Sie bezeichnet an einer Stelle Piranhas, die es im Amazons gibt, als „Barrakudas“, die es nur im Ozean gibt.

Der Titel bezieht sich auf das Vorgehen des „Trolls“, der sein Treiben als Selbsttherapie, als Behandlung, auffasst und damit ganze Familien zerstört.

Fazit

Nichts für schwache Nerven oder gar schwache Mägen, aber sonst ein vorzüglicher Thriller, der Spannung, Horror und Action verbindet. Natürlich kann Hayder hier noch nicht Jeffery Deaver das Wasser reichen – dafür ist ihre Story zu vorhersehbar, aber sie ist auf dem besten Weg in den Krimi-Olymp. Und dies war ja erst ihr zweites Buch!

Taschenbuch: 512 Seiten
Originaltitel: The Treatment, 2001
Aus dem Englischen übertragen von Christian Quatmann