Istanbul – Brief und Siegel

Es ist inzwischen ein ziemlich gesunder Brauch, dass erfolgreiche Spieltitel bereits in der ersten Konzeption genügend zusätzlichen Spielraum lassen, um die Grundidee noch einmal auszubauen und zu erweitern. Inwieweit man sich schließlich auf die neuen Modifikationen einlassen mag, ist schlussendlich jedem selbst überlassen, wobei gerade in den letzten Jahrgängen massig Zusatzmaterial auf den Markt gekommen ist, welches selbst renommierte Spiele noch einmal grundsätzlich verändert und auch nachhaltig verbessert hat.

Im Falle von ISTANBUL, dem Kennerspiel des Jahres 2014, gab es bereits im vergangenen Jahr mit MOKKA & BAKSCHISCH eine weitere Variante, in welcher der Basar des Grundspiele mit weiteren Optionen belegt wurde, bei dem gleichzeitig aber auch die Wege länger wurden, die die entsprechenden Kaufleute zurücklegen mussten. Die Erweiterung des Titels von Rüdiger Dorn fand durchaus Anklang, so dass es wenig überraschend ist, dass der Autor respektive der Pegasus Verlag auch in diesem Jahr weiter nachlegt. BRIEF & SIEGEL ist die zweite Erweiterung zum Erfolgsprodukt ISTANBUL und, das erfährt man bereits in der ersten Spielrunde, definitiv mehr als nur eine materielle Ergänzung zur eigentlichen Spielidee.

Spielmaterial:

* 5 Ortsplättchen
* 24 Kioskplättchen
* 28 Bonuskarten
* 36 Briefplättchen
* 5 Kompagnons
* 1 Kurier
* 10 Rubine
* 1 Stickerbogen
* 1 Übersicht Bonuskarten
* 1 Spielanleitung

Bereits im Grundspiel präsentierte Dorn hochwertiges Spielmaterial, welches auch unabhängig von einem großen Spielplan einen adäquaten Gegenwert für den letztendlichen Kaufpreis bot. Daran ändert sich in der Erweiterung konsequenterweise nichts. Die grafischen Basics wurden selbstverständlich übernommen, die inhaltlich neuen Plättchen und Karten jedoch bieten genügend Eigenheiten, um sie als typisches Charakteristikum für BRIEF & SIEGEL zu etablieren. Wichtig ist jedoch neben der Spielbarkeit vor allem die grundsätzliche Qualität und Stabilität der beigefügten Inhalte – und hier kann man sich einmal mehr auf den Verlag verlassen. Ergo: Schon der erste Eindruck kann begeistern.

Spielvorbereitung:

Bei der Vorbereitung zum erweiterten Spiel knüpft man selbstverständlich an das Grundspiel an. Wurden dort noch jeweils vier Karten in vier verschiedenen Reihen so zusammengelegt, dass ein 4×4-Raster entsteht, wird nun eine zusätzliche Reihe mit vier weiteren Ortsplättchen angereiht, so dass das Spielfeld ein ganzes Stück vergrößert wird. Es ergeben sich folglich längere Wege, aber eben auch neue Optionen auf den einzelnen Orten, wodurch wiederum neue Strategien zum Leben erweckt werden. Die Spielanleitung enthält einen Vorschlag für die erste Zusammensetzung der Ortsplättchen, man kann aber unter Wahrung einzelner Grundregeln auch andere Konstellationen wählen und die Spielfläche in jeder Runde wieder verändern – eine Besonderheit, die schon im Grundspiel beeindruckte.

Die neuen Materialien werden schließlich bereitgelegt bzw. schon in der Startaufstellung berücksichtigt. So kann man entscheiden, ob man lediglich die neuen Bonuskarten wählt bzw. ob man diese mit den Karten des Grundspiels mischt. Zwei neue Figurentypen, der Kurier und der Kompagnon kommen ins Spiel. Erstgenannter wird auf ein beliebiges Feld des Spielplans gestellt und ist mit den bereits bekannten Figuren des Gouverneurs und des Schmugglers vergleichbar. Trifft man den Kurier während des Spiels, übergibt er einen Brief auf Kosten von 2 Lira oder eines bereits vorhandenen Briefes. Ähnlich wie der Gouverneur und der Schmuggler wird er anschließend per Würfelentscheid auf ein anderes Feld bewegt, bleibt aber ständig im Spiel.

Die übrigen neuen Materialien werden auf bzw. neben dem Spielfeld bereitgelegt. Die Kioskplättchen werden in zwei Stapeln auf das neue Ortsplättchen mit dem Kiosk gelegt und können im Laufe des Spiels dort erworben werden. Die Briefe werden ebenfalls gemischt und schließlich verdeckt neben das Feld gelegt. Sie kommen zu gegebenem Zeitpunkt dann von dort ins Spiel und zu den Spielern.
Sobald nun altes und neues Material bereitgestellt wurde, kann das Spiel beginnen.

Spielziel:

Auch mit der neuen Erweiterung hat sich am Ziel von ISTANBUL nichts verändert. Die Spieler versuchen mit ihren Kaufleuten Waren und Geld einzusammeln, sie clever zu tauschen und sie schließlich so gewinnbringend zu verwerten, dass sie als erste sechs Rubine eingesammelt haben. Wem dies zuerst gelingt, darf sich zum Sieger der Partie küren.

Spielverlauf:

Auch der Ablauf ist in BRIEF & SIEGEL im Wesentlichen dem Grundspiel gleich. Man bewegt seinen Kaufmann über die nun schon etwas größere Spielfläche und versucht, sich immer neue Vorteile zu verschaffen und den Warenhandel gewiefter zu betreiben als die Mitspieler. Der Glücksfaktor ist diesmal noch wesentlich geringer, weil es keine zusätzlichen Orte mit Würfelentscheidungen gibt und man stattdessen mit den neuen Materialien zusätzliche Wege finden muss, sich möglichst schnell zu bereichern und die anderen auszustechen. Eine dieser Möglichkeiten besteht darin, Briefe einzusammeln und sie je nach Wertigkeit später gegen Bonuszüge oder sogar Rubine einzutauschen. Jeder Brief muss an einem bestimmten Ort abgelegt werden und erhält danach einen größeren Wert. Sollte man also im Auftrag des Kuriers oder der Botschaft (oder durch Bonuskarten) Briefe annehmen und die darauf befindlichen Aufträge erfüllen, sammelt man Siegel, die mit wachsender Summe immer wertvoller werden – und somit ein Schlüssel zum Erfolg sind.

Doch auch die Bewegungsabläufe sind nunmehr vielschichtiger. Mit dem Kompagnon erhält man einen wichtigen Gefährten, der zwar immer nur von Feld zu Feld ziehen kann (und somit keine größeren Schritte unternimmt), der aber dafür nicht darauf angewiesen ist, mit Gefolgsleuten über den Basar zu ziehen. Ist der Kompagnon im Spiel, kann man Zug für Zug neu entscheiden, ob man ihn für seine Aktionen verwendet oder doch lieber ganz klassisch den Kaufmann. Auch hier ergeben sich neue Optionen, die den taktischen Gehalt des Spiels nochmal verschärfen.

Zuletzt bleiben noch die neuen Orte mit ihren individuell doch sehr erfrischenden Handlungsmöglichkeiten. Im Kiosk deckt man jedes Mal ein Kioskplättchen mehr auf, als Spieler teilnehmen. Dies bedeutet, dass der Besucher des Kiosks am Ende zwei Plättchen einheimst, die anderen Spieler jedoch auch ihren Profit von dieser Aktion haben werden. Dies klingt zwar immer noch nach einem entscheidenden Vorteil, kann jedoch auch schon mal nach hinten losgehen, wenn ein Konkurrent genau das Plättchen erwirbt, was ihn deutlich voranbringt. Und auch im Auktionshaus kann man anderen Spielern einen Vorteil gewähren. Man erhält zwar zunächst eine beliebige Ware, jedoch muss man anschließend auch noch zwei Bonuskärtchen versteigern. Und auch wenn man das letzte Gebot in der Auktion auf seiner Seite hat, kann dieser Spaß teuer werden – egal ob man die Auktion für sich entscheidet, oder aus finanzieller Beklemmung eine wichtige Karte dem Gegner überlassen muss. Wesentlich weniger Risiko geht man in der Botschaft und beim Geheimbund ein.

Die Botschaft schenkt dem aktiven Spieler zwei Briefe, die man später je nach Belieben verwerten kann. Und im Geheimbund können Briefe mit einem Siegelwert in Höhe von 6 später gegen Rubine eingetauscht werden, was als zusätzliche Komponente schließlich auch das spielentscheidende Zünglein an der Waage sein kann!

Es ist nun jedem Spieler selbst überlassen, inwieweit er die vertrauten Optionen mit denen der Erweiterung mischt. Doch im Vergleich zum Grundspiel wird man nicht mehr mehrere Strategien gleichzeitig und somit auch das Glück entscheiden lassen. BRIEF & SIEGEL erfordert wesentlich mehr Entscheidungen, und das schon zu einem frühen Zeitpunkt. Wer nämlich zu lange pokert und das weitere Vorgehen offenlässt, wird meistens empfindlich bestraft.

Wer neben dem Grundspiel bereits die erste Erweiterung besitzt, kann außerdem auch die Variante ‚Der große Basar‘ spielen. Hier werden dann alle 25 Orte aus allen drei Paketen zusammengelegt und kombiniert. Allerdings empfiehlt sich, erst einmal mit einer Erweiterung zu beginnen, da das Spiel sonst im ersten Anlauf viel zu verzwickt erscheint.

Persönlicher Eindruck:

Als großer Liebhaber des Grundspiels war es mir natürlich ein Vergnügen, die nächste Erweiterung aus der vertrauten Welt von ISTANBUL kennenzulernen und schließlich auch zu testen. Und schon in der ersten Partie konnte man als zwischenzeitliches Resümee festhalten, dass BRIEF & SIEGEL nicht nur viele interessante Elemente ergänzt, sondern auch das Spieltempo noch einmal maßgeblich beschleunigt, so dass man gerade im Spiel mit vier oder fünf Beteiligten auf der Hut sein muss. Die zusätzlichen Möglichkeiten, Rubine zu erlangen und Bonusmaterial in den eigenen Vorrat zu legen, sorgt auch im passiven Spielverlauf für viele Grübeleien, zumal die Aktionen auf dem Spielfeld lebendiger werden und man zwischen zwei eigenen Spielzügen noch mehr kontraproduktive Züge seitens der Gegner zu befürchten hat. Entgegen anderer Meinungen ist auch der Glücksfaktor noch besser ausgehebelt worden, da man bei neuen Orten wie dem Kiosk oder dem Auktionshaus weitestgehend selbst bestimmen kann, was man zulässt und wie man im Wettstreit mit den Kontrahenten agiert. Und da wäre dann ja auch noch der Kompagnon, der plötzlich auftaucht, neue Wege öffnet und den eigenen Spielzug kaum mehr vorhersehbar macht. Diese Figur ist eine wichtige Errungenschaft dieser Erweiterung.

Das zentrale Element, das schließlich auch die Geschwindigkeit erhöht, ist aber der Umgang mit den Briefen und den Siegeln – im Titel ja auch treffend formuliert. Man kann die neue Errungenschaft von ISTANBUL nicht ignorieren, muss sich aber dennoch entscheiden, welche Priorität man ihr zukommen lässt. Ein guter Mix aus vertrauten und neuen Gedankenzügen mag in der Theorie einfach umzusetzen sein; praktisch erscheint er aber oftmals als Herausforderung, die diesem Spiel auch den wohl wichtigsten Reiz verpasst.

Insofern ist es Rüdiger Dorn nicht nur gelungen, seinem Erfolgstitel weitere Impulse zu verleihen, sondern auch wertvolle Akzente zu setzen, die bei der wiederkehrenden Frage nach der Berechtigung einer erneuten Erweiterung ja immer wieder die Argumentation stützen. BRIEF & SIEGEL ist ein Gewinn für das bekannte Spielprinzip – und genau das hatte man ja auch gehofft!

Fazit:

Eigentlich wurde das Resümee ja schon vorweggenommen, sei hier aber noch einmal auf den Punkt gebracht. Die neue Erweiterung zum Kennerspiel des Jahres 2014 ist ein dringendes Muss für bekennende ISTANBUL-Fans, aber eben auch ein weiterer Grund, sich mit diesem tollen Titel zu beschäftigen. Kombiniert mit dem grafisch wie qualitativ sehr schönen Material ist BRIEF & SIEGEL eine absolute Bereicherung!

Autor: Rüdiger Dorn
Verlag: Pegasus Spiele
ASIN: B01GWIT9DC
empfohlenes Alter: ab 10 Jahre
Anzahl Spieler: 2-5 Spieler
www.pegasus.de

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