Jennifer Rush – Escape

Vor fünf Jahren hat Anna entdeckt, dass in dem Labor ihres Vaters im Keller vier Jungen eingesperrt sind. Seither hat sie sich nahezu jede Nacht in den Keller geschlichen. Inzwischen betrachtet sie Sam, Trev, Cas und Nick quasi als Teil der Familie.
Doch als die vier eines Tages überraschend abgeholt werden sollen, überschlagen sich die Ereignisse, und plötzlich befindet sich Anna auf der Flucht …!

Salopp könnte man sagen, „Escape“ ist die Jugendvariante der Bourne-Identity. Allerdings muss man auch dazusagen, dass der Text stellenweise für ab 13-Jährige ganz schön starker Tobak ist, zum Beispiel, wenn Annas Gegenüber durch einen Kopfschuss getötet wird, und sich dabei Blut und Hirnmasse auf Annas T-Shirt verteilen.

Aber fangen wir vorne an.

Anna ist um die achtzehn, backt und malt gerne und hat Fernweh. Außerdem vermisst sie ihre Mutter, die sie nie kennen gelernt hat. Klingt nach einem ganz normalen Teenager. Dabei ist Anna alles andere als normal. Sie wird von ihrem Vater unterrichtet und hat außer ihrem Kampftraining und dem Malunterricht keinen Kontakt zur Außenwelt. Zwangsläufig hat sie auch keine Freunde, was ihr aber nichts auszumachen scheint, offenbar genügt ihr der Kontakt zu den Jungs im Keller, zumal sie in Sam verliebt ist. Gleichzeitig findet sie aber überhaupt nichts dabei, an eingesperrten Menschen medizinische Experimente durchzuführen! Zu keiner Zeit kommt ihr der Gedanke, dass die vier wahrscheinlich gar nicht freiwillig daran teilnehmen! Und dass so etwas nicht nur menschenverachtend ist, sondern auch illegal!

Tatsächlich ist Nick der Einzige, der sein Missfallen in Bezug auf seine Situation zeigt. Er ist mürrisch, patzig, zornig und lässt Anna deutlich spüren, dass er sie verabscheut, obwohl er zu keiner Zeit erklärt, warum das so ist. Sam fährt ihm gelegentlich in die Parade, wenn er es zu toll treibt. Denn Sam scheint für die anderen eine Art Anführer zu sein, und obwohl er extrem verschlossen ist, akzeptiert er Annas Anwesenheit. Cas ist ein ausgelassener Kindskopf mit dem Charme eines kleinen Jungen und dem Appetit eines frisch aus dem Winterschlaf erwachten Bären. Trev zu guter Letzt ist sozusagen der Philosoph der vier, der ein Buch nach dem anderen verschlingt und in jeder Lebenslage mit einem passenden Zitat aufwarten kann.

Insgesamt fand ich die Charakterzeichnung ganz in Ordnung. Natürlich bleiben im Hinblick auf die Jungs eine Menge Details extrem vage, schließlich ist das Rätsel um ihre Herkunft ja Gegenstand der Geschichte. Trotzdem hat jeder von ihnen seine Eigenheiten, die ihn zu einer Persönlichkeit machen. Auch Anna hat durchaus eigenes Profil, allerdings störte mich an ihr, mit welcher Selbstverständlichkeit sie ihre Lebenssituation hinnimmt. Sie wundert sich überhaupt nicht darüber, dass ihr Vater geheime Arbeiten, die eigentlich in ein streng abgeschirmtes Gebäude gehören würden, bei sich zu Hause durchführt, wo es auf Dauer unvermeidlich ist, dass seine Tochter von Dingen erfährt, die sie eigentlich nicht wissen darf! Es erscheint ihr nicht mal ungewöhnlich, dass er sie schließlich sogar um Hilfe bittet! Das fand ich dann doch etwas naiv, selbst für jemanden, der so isoliert aufgewachsen ist wie Anna. Und auch wenn sie nicht genau weiß, um was es bei dem Projekt geht, hätte ich bei jemandem, der verliebt ist, mehr erwartet als nur ein wenig Mitleid wegen Eingesperrtseins!

Was den Plot als solchen angeht, so basiert er auf sehr schwammigen und ungenauen Statements. Die Autorin stellt lediglich fest, die Jungs seien genetisch manipuliert worden. Zum Glück geht sie hier nicht ins Detail, den meines Wissens ist es nicht möglich, Genmanipulationen an Halbwüchsigen durchzuführen. Da muss man schon etwas früher anfangen, zu einem Zeitpunkt, zu dem der zukünftige Mensch nicht mehr ist als ein Zellhaufen. Ebenso spekulativ erscheint mir das vollständige Auslöschen oder Ersetzen von persönlichen Erinnerungen per Gehirnwäsche. Gehirnwäsche kann eine menschliche Persönlichkeit brechen, möglicherweise auch Erinnerungen manipulieren, aber ich bezweifle, dass sie sie komplett durch etwas völlig anderes ersetzen kann. Dass Anna Nick unmittelbar vor der Blutabnahme noch Kekse zu essen gibt, hat meine Meinung vom medizinischen Aspekt des Plots nicht gerade verbessert. Jugendlichen mag das nicht auffallen, das macht es aber nicht besser, eher im Gegenteil. Gerade bei Jugendbüchern finde ich es wichtig, dass solche Details ordentlich recherchiert und entsprechend eingebaut werden.

Die Handlung selbst ließ dafür keine Wünsche offen. Sie ist abwechslungsreich und mit viel Tempo erzählt. Annas Schwärmerei für Sam ist spürbar aber unaufdringlich eingebaut und frei von Kitsch. Und mit fortschreitender Entwicklung der Geschichte tauchen auch einige Erkenntnisse auf, die Annas seltsame Lebensumstände erklären. Tatsächlich sind die Antworten auf die Fragen, die sich zunächst gar nicht gestellt haben, die interessantesten. Außerdem hat die Autorin ihrer Geschichte kurz vor Ende des Buches eine überraschende Wendung gegeben, ohne die Logik zu verbiegen.

Bleibt zu sagen, dass ich trotz der etwas zu frei aufgestellten medizinischen Möglichkeiten und dem kleinen Schönheitsfehler in Annas Charakterzeichnung das Buch regelrecht gefressen habe. Und ich habe mich nicht eine Minute gelangweilt. Das sich langsam aufdröselnde Rätsel war gut gemacht, aufgelockert durch gelegentliche Actioneinlagen und durch den absolut entwaffnenden Humor von Cas. Die Geschichte war zu keiner Zeit vorhersehbar, und der Kniff gegen Ende verlieh dem Ganzen zusätzliche Würze. Im Laufe der Ereignisse glättete sich auch Annas Charakter ein wenig.
Wenn es der Autorin nun noch gelingt, im nächsten Band die medizinische Basis ihres Plots so auszubauen, dass er noch die Kurve in Richtung Glaubwürdigkeit nimmt, dann wird das ein fesselnder und spannender Zyklus.

Jennifer Rush lebt mit ihrer Familie, Büchern, Stiften und Marshmallows in Michigan. „Escape“ ist ihr Debutroman, dem noch weitere Bände folgen sollen.

Taschenbuch 319 Seiten
Originaltitel: Altered
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Brauns
ISBN-13: 978-3-785-57516-1

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