Philip Jolowicz – Das Vermächtnis des Bösen

Als ein Anwalt die Vergangenheit seiner Familie erforscht, stößt er auf die wahre Geschichte von Jack the Ripper und beschwört ein Drama herauf, das in der Gegenwart neue Opfer fordert … – Auf zwei zeitlichen Ebenen spinnt der Autor ein obskures, nur bedingt spannendes Garn, baut seine Geschichte faktenkundig aber nie subtil in die historische Realität des Ripper-Mythos‘ ein und legt eine halbgar wirkende Mischung aus Historienkrimi und Thriller vor.

Das geschieht:

Im London des Jahres 1888 führt Hardy Sholto Lansdown, unehelicher aber finanziell gut gestellter Spross eines alten Adelsgeschlechtes, ein Dasein als Schriftsteller, Kostümmacher und Maler. Die Zweckehe mit Lady Cecilia Fitzpatrick sichert seinen gesellschaftlichen Status, und als geistreicher Zeitgenosse genießt Lansdown den Umgang mit den Reichen und Schönen der oberen Zehntausend.

Doch Lansdown hat eine dunkle, sorgfältig verborgene Seite: Er ist ein Soziopath, der sich am Leiden und Tod seiner Mitmenschen erfreut. Bisher begnügte er sich damit, als Zeuge bei Hinrichtungen zu fungieren, aber dieser Kick genügt ihm nun nicht mehr. Lansdown will morden – je blutiger, desto lieber. Die praktisch rechtsfreien Slums von London sind das ideale Betätigungsfeld für den Mann, den man „Jack the Ripper“ nennen wird …

Mehr als ein Jahrhundert später erfährt in New York Anwalt Tom Cole, dass er von seinem „Vater“ Devlin Cole, der sich gerade anschickt, das Amt des US-Justizministers zu übernehmen, einst als Sohn angenommen wurde. Auch die Mutter hatte ihm stets verschwiegen, dass Devlin eigentlich sein Onkel ist. Ray, Devlins Bruder und Toms leiblicher Vater, war ein im Leben gescheiterter und psychisch kranker Mann, der sich noch vor Toms Geburt in London das Leben genommen hatte.

Verletzt aber neugierig begibt sich Tom auf die Spur seines Vaters. Die Historikerin Juno Wells kann ihm mit ersten Informationen dienen, die zwar nicht erklären, wieso Ray sich ausgerechnet in einer Kirche erhängte, aber deutlich machen, dass ihn ein düsteres Geheimnis in den Tod trieb – ein Geheimnis von solcher Brisanz, dass seine Kenntnis auch für die Coles der Gegenwart ernste Konsequenzen haben wird …

Skandal mit unbeschränkter Lebensdauer?

Was wäre, wenn … ausgerechnet der Justizminister der USA im Geäst des familiären Stammbaums den einzig wahren Jack the Ripper entdecken müsste? Lässt sich aus den Konsequenten ein spannendes Garn spinnen? Philip Jolowicz war sich in dieser Frage offensichtlich unsicher, denn er sicherte seine Geschichte mit einer zeitlich quasi tiefer liegenden Handlungsebene ab, die Jacks Genese zum berühmten Ahnherr seiner mordenden Zunft schildert und dabei Fiktion und historische Realität miteinander verquickt.

Die Handlung springt recht regelmäßig kapitelweise zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Dass die Verbindung zwischen beiden Ebenen letztlich dünn bleibt, und bleiben muss, ist eines der Dilemmas dieses Romans, aber nicht das grundsätzliche Problem, welches immerhin „nur“ den modernen Handlungsstrang betrifft: Könnte die Herkunft wirklich einen Minister zu Fall bringen? Zwar ist in den bigotten USA vieles möglich, doch hier trennt deutlich mehr als ein Jahrhundert Ripper und Regierungsmann. Wer außer den Sensationsmedien würde dem Minister daraus einen Strick drehen?

Weshalb die Ereignisse und vor allem das überdramatische Finale nie wirklich logisch wirken. Darüber hinaus dehnt Jolowicz den Spannungsfaden so lange, bis er ausleiert. Noch der verschnupfteste Leser hat den Ripper-Braten längst gerochen, bevor bei Tom Cole endlich der Groschen fällt. Zuvor walzt Jolowicz lang und breit die Praxis der genealogischen Forschung aus. Der Autor möchte hier auf den Spuren von Dan Brown wandeln, doch dessen Schuhe sind ihm deutlich zu groß.

Mehr als eine Brise Grisham soll außerdem wehen, wenn Tom auf gar düstere Machenschaften in der eigenen, ostentativ ehrenwerten Familie stößt, sich heldenhaft der Gerechtigkeit verschreibt und schließlich selbst auf die Todesliste rutscht, was mäßig aufregende Verfolgungsjagden und ähnlich dramatische, schon für eine Verfilmung angelegte Action-Szenen zur Folge hat. An Toms Seite steht selbstverständlich eine kluge, vor allem aber schöne Frau, die wie alle auftretenden Figuren so vage geschildert wird, dass diese Rolle mit jeder Schauspielerin um die 30 besetzt werden kann.

Böser Mann mit blödem Plan

Die Geschehnisse des Jahres 1888 ziehen den Leser besser in ihren Bann. In diesem Umfeld kann Jolowics von seinem Drang zur Ausführlichkeit profitieren, denn die Vergangenheit muss näher beschrieben werden, da sie längst verschwunden und ihr Alltag unbekannt geworden ist. Hardy Lansdown ist zudem ein Charakter, dessen effekthascherischen Macken vor dem viktorianischen Hintergrund sogar Wirkung zeigen. Jolowicz kann sich hier auf einschlägige Klischees stützen; oben schwelgt der Adel, unten darbt elend das Volk, und beides lässt sich kühl oder drastisch in Szene setzen. Folgerichtig kann sich Lansdown u. a. seinen Schmollwinkel in einem unterirdischen Beinhaus aus dem Mittelalter einrichten, ohne dass der Leser ob solchen Geisterbahn-Grusels frustriert aufschreit.

Irgendwann wird Lansdown allerdings zum Ripper. Dies ist der Moment, an dem die Geschichte ins Stolpern gerät. Jack the Ripper war ein psychotischer Serienmörder. Dies ist Jolowics als Motiv nicht eindrucksvoll genug. Er konstruiert Lansdown einen Mordimpuls, der Irrsinn mit verletztem Stolz mischt. Auch das könnte plausibel sein, wäre Lansdowns Intrige nicht gar so überkompliziert. Was er da einfädelt, ist von so vielen Zufallsfaktoren abhängig, dass ein Gelingen eher Zufall wird.

Unklar bleibt darüber der Bruch zwischen Lansdown, dem Exzentriker, und Lansdown, dem Ripper. Von einem Augenblick zum anderen wird er zur Mordmaschine. Jolowics hakt nun Punkt für Punkt die sattsam bekannte Ripper-Historie ab. Er verlässt die eigene Handlung, verliert sich in gruseligen aber wenig relevanten Details, entlehnt der realen Geschichte neue Figuren, die er kurz darauf spurlos verschwinden lässt.

Während der moderne Ereignisstrang zwar nach Schema F aber wenigstens deutlich endet, bricht Jolowics den historisierenden Teil abrupt ab. Wieder einmal muss Wahnsinn, die letzte Rettung des ratlosen Schriftstellers, den Knoten schürzen. Dieses Finale lässt den Leser unzufrieden weil unbefriedigt zurück – ein Gefühl, das sich auf die gesamte Lektüre eines Romans überträgt, dessen Verfasser offenbar Gewaltiges plante, ohne es entsprechend umsetzen zu können.

Zur Verteidigung des Rezensenten

Bis in „Das Vermächtnis des Bösen“ der Name „Jack the Ripper“ fällt, vergehen viele Romanseiten, denn Autor Philip Jolowicz hält ihn zurück, bis er meint, seine Bombe zünden zu können, um möglichst viele erstaunte Leser seine Opfer nennen zu dürfen. Der Rezensent enthüllt das „Geheimnis“ beinahe umgehend – wie rücksichtslos und gemein, sollte man meinen.

Bei näherer Betrachtung löst sich dieser Vorwurf jedoch in Luft auf. Ein kultivierter aber perverser Mann mit ärztlichen Grundkenntnissen schlitzt mit dem Skalpell Prostituierte auf; dies geschieht 1888 in London und dort in einem Viertel, das diesem Roman seinen Originaltitel gibt: Whitechapel.

Selbst der historische Laie vermag diese Fakten auf drei Wörter zu verdichten: Jack the Ripper. Eine Überraschung, die der Autor selbst so ungeschickt hütet, genießt jedoch keinen Bestandsschutz. Der Rezensent enttarnt nur das Offensichtliche und ist deshalb vom Vorwurf des Verrates freizusprechen.

Anmerkung: Für „Whitechapel“ lässt sich keine englische oder US-amerikanische Originalausgabe identifizieren. Offenkundig erscheint dieser zwar in England entstandene Roman als deutsche Erstausgabe.

Autor

Der 1959 geborene Philip Jolowicz ist als Schriftsteller ein „Spätberufener“. Als er seinen ersten Roman veröffentlichte, lag eine veritable erste Karriere im Bankfach hinter ihm. Jolowicz arbeitete als Investmentbanker und Wirtschaftsjurist in London, New York und Hongkong. Später stieg er zum Leiter der Rechtsabteilung in der Londoner Zentrale von Merrill Lynch International auf, wo ihm zahlreiche Mitarbeiter unterstanden.

Eine beinahe verunglückte Transaktion inspirierte Jolowicz zu seinem ersten Wirtschafts-Thriller. „Wall of Silence“ (dt. „Kartell des Schweigens“) verband 2002 Insiderwissen mit einem Gespür für spannende Handlung und eine überzeugende Figurenzeichnung. Jolowicz gab seinen Banker-Job auf und wurde Vollzeit-Schriftsteller. Nach einem zweiten Roman wurde es allerdings lange still um den Verfasser, der mit seiner Familie in Buckinghamshire lebt.

Taschenbuch: 476 Seiten
Originaltitel: Whitechapel
Übersetzung: Dietmar Schmidt
http://www.luebbe.de

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