Montgomery, L. M. – Anne auf Green Gables. Folge 1: Die Ankunft (Hörspiel)

_Aufregender, vielversprechender Serienauftakt_

Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. Das ältere Geschwisterpaar Marilla und Matthew Cuthbert hat sich entschlossen, einen Waisenjungen aufzunehmen, der Matthew bei der Arbeit auf der Farm unterstützen soll. Versehentlich schickt das Waisenhaus jedoch ein Mädchen nach Prince Edward Island – die quicklebendige und sehr mitteilsame Anne Shirley. Als Anne Green Gables, das schöne Farmhaus der Cuthberts, erblickt, ist sie sich sicher, dass dies der Platz ist, an dem sie für immer bleiben möchte … (Verlagsinfo)

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders durch ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die erste Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: Die Ankunft
Folge 2: Verwandte Seelen
Folge 3: Jede Menge Missgeschicke
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die 2. Staffel: Anne auf Avonlea (ab Herbst 2008)

Folgen 5 bis 8

Die 3. Staffel: Anne in Kingsport (Frühjahr 2009)

Folgen 9 bis 12

_Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

Erzähler: Lutz Mackensy (Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Marilla Cuthbert: Dagmar von Kurmin (Bühnenschauspielerin, Hörspiel-Regisseurin für |Europa|, Stammsprecherin für |Titania Medien|)
Matthew Cuthbert: Jochen Schröder (James Cromwell, Lionel ‚Max‘ Stander, Lloyd Bridges)
Rachel Lynde: Regina Lemnitz (Whoopi Goldberg, Kathy Bates, Diane Keaton)
Thomas Lynde: Wilfried Herbst (Charles Hawtrey, Barney ‚Morty Seinfeld‘ Martin)
Mrs. Spencer: Arianne Borbach (Diane Lane, Catherine Zeta-Jones, Emily Watson)
Mrs. Blewett: Heidrun Bartholomäus (Frances McDormand, Kim Delaney)
Stationsvorsteher: Lutz Riedel (Timothy Dalton)

Regie und Aufnahmeleitung lagen in den Händen von Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Tontechnik betreuten Martin Wittstock und Kazuya. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Mrs. Rachel Lyndes Haus steht auf einer Anhöhe und gewährt seiner Bewohnerin einen Überblick über alle Dinge, die auf der Straße in die Stadt Avonlea auftauchen. Diese befindet sich auf der kanadischen Prince-Edward-Insel. Im Juni 1876 späht die Frau wieder mal auf die Straße und sieht um 14:30 Uhr Matthew Cuthbert auf seiner Kutsche vorbeirollen. Sehr ungewöhnlich. Was mag auf Green Gables, dem Haus der Cuthberts, passiert sein? Matthews Schwester Marilla wird es ihr bestimmt verraten.

Auf Marillas Tisch ist für drei gedeckt. Wird ein Gast erwartet? Marilla verrät, dass Matthew zum Bahnhof in Brightriver gefahren sei, um einen Jungen abzuholen, der auf der Farm helfen soll. Sie haben einen Waisenjungen aus Nova Scotia erbeten. Natürlich würden sie ihn auf die Schule schicken. Rachel Lynde befürchtet das Schlimmste für das Glück der Cuthberts, eilt aber fort, um die Sensation jedem zu erzählen, der es hören will.

|Am Bahnhof|

Auf dem Bahnhof von Brightriver sieht Matthew aber keinen Jungen, sondern bloß ein Mädchen. Sie trägt alte, abgerissene Kleidung, ihre Haare sind – omeingott! – feuerrot, und sie hat ein lustiges, offenes Gesicht. Sie ist tatsächlich die erbetene Haushaltshilfe.

Kaum hat er sie in die Kutsche gelassen, fängt sie an zu plappern und hört nicht wieder auf. Sie heiße Anne Shirley, würde aber viel lieber Cordelia heißen. Sie sei vier Monate im Waisenheim gewesen, das war eine schlimme Zeit nach ihren zwei Pflegefamilien, die sie aufzogen. Sie sei zwar hässlich wie die Nacht, wolle aber dereinst auch mal einen Mann heiraten. Sie findet die Landschaft wunderschön, denn jetzt im Juni blühen die Kirschbäume und sehen aus wie ein weißes Brautkleid auf dem Land. Matthew kommt gar nicht dazu, Anne wegen dieses blühenden Unsinns zurechtzuweisen, denn sie gibt ihm gar keine Gelegenheit dazu.

|Auf Green Gables|

Marilla ist entsetzt, als ihr Bruder ein Mädchen anschleppt statt eines Jungen. Anne – mit E – antwortet tränenerstickt, wie sie heißt, und wird vorerst im Ostflügel untergebracht. Das Zimmer ist karg, durch die Ritzen summt ständig der Wind, und Anne ist unglücklich. Am Abend verkündet Marilla Cuthbert, dass sie wieder gehen müsse, aber Matthew, der offenbar einen Narren an Anne gefressen hat, will, dass sie bleibt, wenigstens bis zum nächsten Tag.

Als Anne am nächsten Morgen erwacht, kann sie die Vögel zwitschern hören und wie die Brandung an der nahen Felsenküste braust. Nach dem Frühstück soll Anne abreisen, und sie ist verständlicherweise sehr traurig, redet von einem „Friedhof begrabener Hoffnungen“. Marilla seufzt. Herrje, das Mädchen redet immer so romantisch und geschwollen, gibt sogar gewöhnlichen Geranien einen Namen wie „Bonnie“! Sie will mehr über Anne erfahren. Anne ist seit März elf Jahre alt, sie erzählt ihre Lebensgeschichte. Sie besuchte kaum je die Schule, kann aber eine Menge romantischer Gedichte aufsagen. Das hat Marilla schon gemerkt.

|Abschiebung|

Marilla bringt Anne zu Mrs. Spencer, bei der sie einen Jungen angefordert hatte. Als Mrs. Spencer sagt, dass Mrs. Blewitt eine hart arbeitende und brav gehorchende Haushalfshilfe suche, ändert Marilla ihre Meinung. Wer weiß, was Anne noch bei Mrs. Blewitt blüht. Soll sie noch mehr Elend und Prügel ertragen, das arme Ding? Marilla beruft sich einfach auf Matthew und nimmt Anne wieder mit.

Wieder auf Green Gables, ist Marilla schockiert zu erfahren, dass Anne noch nie gebetet hat. Und das erste Gebet, das Anne improvisiert, hat nichts mit etwas zu tun, was Marilla je im Leben gehört hat: Anne zeichnet ihre Ansprache an Gott „mit vorzüglicher Hochachtung“. Marilla meint, sie solle fortan lieber „Amen“ sagen. Und am nächsten Tag verkündet sie, Anne dürfe bleiben – wenn sich Matthew nicht in ihre Erziehung einmische.

|Busenfreundin|

In zwei Wochen beginnen die Sommerferien, es hat also keinen Zweck, Anne zur Schule zu schicken. Anne sucht eine „Busenfreundin“. Nanu, was soll das denn sein? Bisher hatte Anne nur eine „Fensterfreundin“, jenes Mädchen, das erschien, wenn sich Annes Gesicht im Fenster spiegelte. Marilla empfiehlt ihr Diana Barry, die Tochter des Ehepaars Barry, das auf dem Gut Orchard Slope wohne. Dann stellt sie Anne ihrer Freundin Rachel Lynde vor.

|Stubenarrest|

Rachel Lynde hat eine schwere Grippe hinter sich und ist noch nicht ganz im Reinen mit der Welt. Sie macht Anne herunter: ungehobelt, ungezogen – und rothaarig! Anne antwortet heftig, rücksichtslos und laut. Rachel Lynde ist sprachlos und rauscht dann beleidigt ab. Oh je, dafür gibt es Stubenarrest. Wird Anne jemals lernen, ein gutes, braves Mädchen zu sein und die Klappe zu halten? Vermutlich nicht.

_Mein Eindruck_

Man kann sich leicht vorstellen, warum dieses Buch aus dem Jahr 1908 – aha, hundertjähriges Jubiläum! – stets so beliebt war. Die Heldin muss eine ganze Menge über die Welt und die Menschen lernen. Da bleibt es angesichts ihrer Ahnungslosigkeit nicht aus, dass sie aneckt und auf allen möglichen Unsinn verfällt. Immerhin ist Anne Shirley aber ein ungeschliffener Rohdiamant. An ihr kann die Kultur Kanadas demonstrieren, was sich aus einem abgerissenen armen Waisenmädchen machen lässt: nämlich ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Es fragt sich allerdings, welche Bedingungen dafür vorhanden sein müssen.

Das geistige Klima und die wirtschaftlichen Gegebenheiten sind nicht gerade förderlich für Anne Shirleys Aufstieg. Kinder wie sie werden stets ausgebeutet, je ärmer sie sind, desto übler. Ihre eigene Geschichte, die ich hier ausgespart habe, belegt das am besten. Stets war sie als billige – wenn sie überhaupt bezahlt wurde – Hilfskraft willkommen, doch an Bildung gab man ihr praktisch nichts mit. Vielleicht aus Angst, sie könnte auf dumme Gedanken kommen, wie etwa den, einen Lohn zu fordern?

Dass die Cuthberts sie behalten, ist extrem ungewöhnlich. Erst wird sie anstelle eines Farmgehilfen aufgenommen, dann zusätzlich zu ihm, was doch auf ein gutes Einkommen der Cuthberts schließen lässt. Wenn dem nicht so wäre, dann wäre die Autorin eine ebenso romantische Seele wie Anne Shirley selbst. Das würde aber gar nicht zur ständigen Romantikkritik passen, welche die Autorin fortwährend indirekt übt, indem sie Annes Versponnenheit den Kommentaren diverser Spötter aussetzt. Diese humorvollen Einlagen haben aber, bei genauerem Hinsehen, auch einen ernsteren Hintergrund – siehe oben.

Andererseits darf man sich nicht zu viel erhoffen: Die Autorin ist keine Sozialdemokratin, die nach der Gründung einer Gewerkschaft ruft, und erst recht keine Kommunistin, die die Verstaatlichung der Produktionsmittel fordert. Nein, hier bleibt alles im Rahmen der bestehenden Verhältnisse. Anne darf demonstrieren, dass mit Liebe, Verständnis, Kunst (sie trägt Gedichte vor) und vor allem Bildung (Schulen) aus ihr ein nützliches Mitglied der Gemeinschaft wird. Hier wird nicht auf Revolution, sondern auch Evolution gesetzt. Spannend wäre natürlich die Frage, ob neue soziale und politische Ideen wie etwa das Wahlrecht der Frauen angeschnitten werden. Dafür ist es aber in Episode eins, als Anne gerade mal elf Lenze zählt, definitiv noch zu früh.

_Die Inszenierung_

|Sprecher|

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die elfjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich kindlich. Später, sobald Anne älter ist, darf sie auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen.

In Episode eins überschlägt sich Annes Wortflut geradezu. Das fand ich sehr sympathisch und charmant. Den Cuthberts, so ist anzunehmen, muss es wohl ähnlich ergangen sein. Dagmar von Kurmin und Jochen Schröder klingen sehr sympathisch und ihrem fiktiven Alter entsprechend.

Sehr passend fand ich die Stimme der Nachbarin Rachel Lynde, gesprochen von Regina Lemnitz, der Stimmbandvertretung von Whoopi Goldberg. Wenn Rachel und Anne aufeinandertreffen, fliegen die Fetzen, und Anne darf sie schon mal anschreien. Sie ist ja in diesem Frühstadium ihrer Domestizierung noch sehr ungehobelt. Weitere Rollen gibt es nur sehr wenige.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1876, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Wenn gleichzeitig die Vögel sängen, die Brandung rauschte UND noch eine Kutsche ratterte, würde das als etwas zu viel des Guten empfunden werden. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Hinzu kommt ja noch die Musik.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Ebenso wie mit den Geräuschen darf man es nicht übertreiben.

Am Schluss erklingt als Outro die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Das Hörspiel hat mir wider Erwarten Spaß gemacht. Ich dachte, das würde so eine romantische Schmonzette à la „Hanni und Nanni“ oder sogar „Heidi“ sein, aber die Umsetzung lässt nicht nur eine Menge Humor und ernste menschliche Probleme durchblicken, wie man sie in jedem alten Jugendroman findet, sondern legt auch einen Sinn für die ernsten wirtschaftlichen Hintergründe an den Tag.

Allerdings beschritt die Autorin den idealistischen Weg, um die gravierenden gesellschaftlichen Probleme der viktorianischen Epoche zu lösen: Statt wirtschaftlicher und politischer Reformen setzt sie auf die uramerikanische Tugend der Selbstverbesserung, ermöglicht durch Liebe, Bildung und Verantwortungsgefühl. Der Hörer darf sich auf das Aufblühen der Heldin freuen. Ihre Abenteuer sind stets leicht zu verstehen, dienen aber immer wieder der Bewältigung von mehr oder weniger ernsten Schwierigkeiten, auf die Anne Shirley stößt.

Besonderes Vergnügen bereitet auch die akustische Umsetzung des Buches. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, das man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den Spider-Man-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln. Diese Entwicklung ist zwar in Episode eins kaum zu bemerken, aber da kommt noch einiges auf den treuen Hörer zu.

Fazit: Da ich mir nichts vorstellen kann, womit sich dieses teils romantische, teils realistische Hörspiel verbessern ließe – allenfalls etwas mehr Spannung -, verdient es eine Bestnote in der Bewertung.

|Originaltitel: Anne of Green Gables, 1908
65 Minuten auf 1 CD|
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