Thorsten Nesch – Joyride Ost

Jugendliche Dummheit und ein Quäntchen Pech machen zwei Jugendliche in Thorsten Neschs Jugendroman „Joyride Ost“ zu Fahnenflüchtigen. Fahnenflüchtige in einem BMW mit einer Geisel im Kofferraum …

Tarik liebt Jana, aber Tarik ist ein Türke und Jana eine strenggläubige Baptistin. Keine besonders gute Mischung. Als ihre Eltern herausfinden, dass sich die beiden näher gekommen sind, gibt es Ärger. Frustriert laufen die beiden weg und treffen sich an der Tankstelle ihrer Kleinstadt. Als dort ein Mann vergisst, den Zündschlüssel seines BMWs abzuziehen, als er auf die Toilette geht, nutzen die beiden Jugendlichen die Chance für einen kleinen „Joyride“, wie sie es nennen.

Tarik will nur schnell eine Runde fahren und den Wagen dann wieder abstellen. Aus der Runde wird schließlich eine kleine Reise. Wenig später müssen die beiden nämlich fest stellen, dass sie nicht alleine unterwegs sind. Im Kofferraum der Limousine liegt ein gefesselter Italiener, der behauptet Obsthändler und Opfer der Mafia zu sein, und unter dem Beifahrersitz befindet sich eine Pistole. Weil sie befürchten, dass die Mafia ihnen bereits auf den Fersen ist, setzen sie sich zusammen mit ihrer Geisel Richtung Polen ab. Dummerweise laufen dabei einige Dinge schief …

„Joyride Ost“ ist nicht besonders lang. Die 150 Seiten vergehen wie im Flug, doch das reicht Thorsten Nesch, um die Geschichte zweier Jugendlicher aus ärmeren Verhältnissen zu erzählen, die von einem besseren Leben träumen. Tarik tritt dabei als Ich-Erzähler auf, andere Charaktere kommen in der dritten Perspektive zu Wort. Ohne viel Ballast steigt der Autor direkt in die Geschichte ein und schildert in kurzen, aber prägnanten Textabschnitten, wie Tarik und Jana sich kennen lernen und wer dieser Tarik überhaupt ist. Er lässt dabei vor allem die Ereignisse sprechen. Beschreibungen von Situationen sind knapp gehalten, die Geschichte lebt vor allem durch die Dialoge und kurze Erläuterungen. Dadurch bleibt viel der Fantasie des Lesers überlassen, was diesen wiederum direkt in die rasante Handlung hinein zieht. Diese ist ähnlich lakonisch wie Neschs Schreibstil und spannend aufgebaut. An der einen oder anderen Stelle schlägt der Autor zwar etwas über die Stränge – zum Beispiel wenn er die Beiden an einer Raststelle, die als Schwulentreff dient, anhalten lässt – doch dies sei ihm als Kunstgriff verziehen, passt es doch zu der im Untertitel geführten Bezeichnung „Roadmovie-Roman“. Ähnlich wie in derartigen Filmen rast die Handlung fast so schnell wie der BMW über die Autobahn, ist authentisch und mit der einen oder anderen spannenden Wendung gewürzt.

Die Hauptcharaktere werden ohne sozialromantische Augenwischerei eingeführt. Tarik ist weder Held noch Antiheld. Er ist vorlaut, witzig, nicht auf den Kopf gefallen, hat ständig Ärger am Hals, dabei aber auch einen rauen familiären Hintergrund. Er lässt in der Geschichte kein Fettnäpfchen aus, doch sein sympathisches Mundwerk rettet ihn aus vielen Situationen. Dadurch, dass man als Leser direkten Zugang zu seinen Gedanken und Gefühlen hat, wächst er einem schon nach wenigen Seiten ans Herz. Seine sicherlich nicht immer korrekte Art wird plausibel dargestellt, vor allem am Anfang. Die wenigen Szenen, die in der Schule von Tarik und Jana spielen, lassen den Leser spüren, was es bedeutet, nichtdeutscher Herkunft zu sein. Spöttisch äußert sich der Protagonist beispielsweise über die Lehrerinnen mit den Doppelnamen, die trotz pädagogischer Ausbildung an den Hauptschülern vorbei unterrichten.

Jana sowie auch die anderen Charaktere sieht man zumeist nur durch Tariks Augen. Trotz der Kürze des Texts und der Kargheit der Sprache gelingt es dem Autor, sie klar und ausgewogen zu umreißen. Sie wirken sehr menschlich, von Schwarz-Weiß-Zeichnung keine Spur. Nesch hält sich insgesamt sehr mit einer eigenen Meinung zurück. Das zeigt sich auch in der nüchternen Sprache, die zwar flappsig und einfach ist – und so zum Erzähler passt -, aber dennoch verständlich. Tarik benutzt keinen Gossenslang, klingt aber trotzdem jugendlich. Und dort ist dann auch der einzige Negativpunkt im Buch zu finden: Einige der Ausdrücke klingen ein wenig zu gewollt nach Jugendsprache. Es ist fraglich, ob sie in der Realität überhaupt so vorkommen. Allerdings sind die Begriffe so selten, dass man sie dem ansonsten tollen Jugendbuch gerne nachsieht.

Letztendlich trägt „Joyride Ost“ den Untertitel als Roadmovie-Roman zu Recht. Schnell, ein bisschen chaotisch, gleichzeitig aber sehr intensiv erzählt Thorsten Nesch von der beginnenden Liebe zweier Teenager aus problematischen Verhältnissen. Seine Darstellung der jugendlichen Figuren sowie des Milieus, aus dem sie stammen, gelingt ihm dabei mit Hilfe der nüchternen jugendlichen Sprache sehr gut. Ein Trauerspiel ist der Roman trotzdem nicht. Auch wenn zwischen den Zeilen immer wieder etwas Sozialkritik durch schimmert, ist der Schreibstil humorvoll, ganz wie der sympathische Ich-Erzähler.

Taschenbuch: 150 Seiten
ISBN-13: 978-3-499-21531-5
www.rowohlt.de

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