Michelle Paver – Torak – Wanderer zwischen den Welten (Chronik der dunklen Wälder 2)

Spannende Vorzeit-Fantasy für Jung und Alt

Die Wälder vor 6000 Jahren erstrecken sich von einem Ende der Welt zum anderen, voller lebendiger Seelen – außer einer … Der 12-jährige Torak, seine Freundin Renn und ein junger Wolf haben die Welt von einem gefährlichen Dämon befreit. Jetzt bedroht eine geheimnisvolle Krankheit die Bewohner des Weiten Waldes. Die Befallenen wirken wie besessen und bringen den Tod – nicht zuletzt auch sich selbst. Torak macht sich auf, um ein Heilmittel zu finden. Sein Weg führt ihn zum Robbenclan an der Westküste.

Die Autorin

Michelle Paver wurde als Tochter einer Belgierin und eines Südafrikaners in Zentralafrika geboren und kam als Kind nach England, wo sie heute in Wimbledon lebt. „Als Kind war ich begeistert von Tieren, Mythen und von Geschichten, wie die Menschen früher überlebten. Ich zog mit Pfeil und Bogen los und wünschte mir nichts sehnlicher als einen eigenen Wolf.“

Nachdem sie zunächst historische Romane für Erwachsene – wie etwa „Sophies Versprechen“ – geschrieben hatte, beschäftigte sie sich erneut mit der Geschichte eines Jungen und eines Wolfes, die sie 20 Jahre zuvor verfasst hatte. Die Geburtsstunde von Torak, dem Helden von „Wolfsbruder“, war gekommen. (Verlagsinfo)

„Wolfsbruder“ ist der erste von sechs Bänden der „Chronik der dunklen Wälder“. Darin werden Toraks Abenteuer im großen Wald und sein Kampf gegen die fünf Seelenesser beschrieben. „Wanderer zwischen den Welten“ ist Band Nr. 2.

Vorgeschichte

6000 Jahre vor unserer Zeit haben sich schon zahlreiche Stämme, die in Clans und Sippen organisiert sind, über die nördlichen Wälder ausgebreitet, die im Westen an das Meer grenzen. Die Jäger und Sammler haben gelernt, den Feuerstein zu einem vielseitig verwendbaren Werkzeug und einer Waffe zu machen. Flintspitzen stecken an gefiederten Pfeilen, an Wurfspeeren und in stabilen Äxten. Das medizinische Wissen steckt in den Köpfen der weiblichen und männlichen Schamanen, in deren Kreise jeder eintreten kann, um sich mit Medizin und Geisterwelt vertraut zu machen. Die Erfindung von Rad und Ackerbau ist jedoch anderen Gesellschaftsformen vorbehalten.

Der 12-jährige Torak vom Wolfsclan verliert seinen Ziehvater Fa, freundet sich mit einem Wolfsjungen an und zieht zum Berg des Weltgeistes, um den Dämon zu vernichten, den ein Zauberer, einer der fünf „Seelenesser“, auf ihn gehetzt hat. Denn Torak verfügt über besondere Kräfte, nur hat er keine Ahnung, welche das sein könnten. Unterwegs nimmt ihn der Rabenclan auf, und er freundet sich mit der gleichaltrigen Renn an. Dem Trio gelingt, woran jeder allein gescheitert wäre: die Vernichtung des Dämons.

Doch die Seelenesser haben bereits neues Ungemach auf die Welt losgelassen …

Handlung

Nach seinem ersten Abenteuer mit dem Geisterbären (vgl. „Wolfsbruder“) will Torak eigentlich den Frieden genießen, doch es kommt anders. Torak lebt jetzt beim Rabenclan, zu dem auch seine Freundin Renn gehört, die der Schamanin Saeunn immer zur Hand geht. Torak beobachtet den erwachsenen Mann Oslak, der nicht nur Pusteln auf der Hand und kahle Stellen hat, sondern sich auch wie besessen benimmt, ganz so, als wolle er Torak ans Leben. Als Oslak ein kleines Kind entführt, muss der Clanführer Fin-Kedinn eingreifen, der das Kind rettet. Oslak wird eingesperrt, kann sich aber befreien und springt von einem hohen Felsen in den Fluss. Er geht unter und ertrinkt.

Oslaks Selbstmord erschüttert den Clan. Was war das bloß für eine seltsame Krankheit, die Oslak befallen hatte? Wie sich zeigt, gibt es noch weitere Infizierte. Torak berät sich mit Fin-Kedinn und Renn. Eines der anderen Opfer erzählte ihm „Sie kommt. Aus dem Westen.“ Was ist mit „sie“ gemeint? Und von welchem Wesen stammen die seltsamen Klauenabdrücke, die Oslaks Spuren folgten?

Torak beschließt, sich aufzumachen, um einen Heiltrank zu holen, aber alleine, weil er Renn nicht in Gefahr bringen will. Als das Mädchen das entdeckt, ist es natürlich gekränkt und stinksauer. Sie ahnt, dass etwas Unheimliches in den Wäldern lauert und will Torak auf seiner Mission beistehen. Sie klaut von Saeunn Proviant und setzt sich auf Toraks Fährte. Unterwegs stößt sie auf Wolf, Toraks Seelenbruder, der sich nach Torak sehnt. Wolf ist eine große Hilfe, wenn es darum geht, Toraks Spur zu folgen.

Nach einigen unheimlichen Begegnungen mit den Waldbewohnern gelangt Torak ans Meer. An der Küste war er bislang nur einmal in seinem Leben, mit seiner Familie, lange bevor sein Vater vom Geisterbären getötet wurde. Hier gibt es verschiedene Clans, aber auch die könnten krank sein. Aber ob sie den Heiltrank haben, muss er trotzdem herausfinden. Er ruht sich gerade aus und versucht, Fische zu angeln, als ihn drei Jungen überfallen und gefangen nehmen: Er hat in ihren Augen ein Verbrechen begangen. Sie bringen ihn übers Meer zu ihrem Volk, dem Robbenclan. Als Renn dies aus den Spuren herausliest, muss sie sich etwas einfallen lassen, um übers Meer zur Insel zu gelangen.

Der Robbenclan wird von zwei Männern beherrscht. Der Älteste ist Islinn, der auch Recht spricht. Er sagt, da Torak die Meermutter beleidigt habe, solle er auf einer Schäre ausgesetzt werden. Der Junge merkt sofort, dass dies sein sicherer Tod wäre und wendet ein, dass seine Großmutter aus dem Robbenclan stammte. Als Beweis zeigt er das Messer seines Vaters. Der Schamane Tenris, der großen Einfluss auf Islinn hat und mit seiner freundlichen Stimme jeden um den Finger wickelt, spricht daraufhin für Torak. Er soll am Leben bleiben.

Um jedoch die wichtigste Zutat für den Heiltrank zu bekommen, müsse man eine Wurzel vom Felsen, wo die Adler nisten, holen und in der Mittsommernacht zubereiten. Torak meldet sich für diese schwierige Aufgabe sofort freiwillig und darf auch mit den drei Jungen mit, die ihn gefangen genommen hatten. Doch am Adlerfelsen entwickelt sich ein Drama, in dessen Verlauf Torak nicht nur Renn und Wolf wiederfindet, sondern auch die Gefahr erkennt, die ihm auf der Insel droht.

Denn er ist der Seelenwanderer, der sich in das Bewusstsein anderer Wesen versetzen kann. Und die ganze Insel ist eine Falle, um ihn zu fangen. Für einen ganz bestimmten Zweck …

Mein Eindruck

Ich habe diese spannende Vorzeit-Saga von knapp 320 Seiten in nur zwei Tagen gelesen. Die Darstellung ist sehr visuell orientiert und unglaublich detailreich, so dass ich mir die Szenen sehr gut vorstellen konnte. Außerdem bauen sie wie eine lückenlose Kette aufeinander auf, um schließlich in ein spannendes Finale zu münden. Diesmal ist das Finale mit Überraschungen gespickt, so dass es bis zum Schluss spannend bleibt.

Zwei Identifikationsfiguren

Mit Torak und Renn begegnen dem Leser zwei Figuren, mit denen sich Jugendliche beiderlei Geschlechts leicht identifizieren können. Torak ist intelligent und kennt alle Fährten, ist aber nicht gerade vom Glück verfolgt. Renn hingegen ist selbstbewusst und eine phantastische Bogenschützin, doch leider kennt sie sich nicht so gut im Wald aus wie Torak – der Rabenclan bevorzugt die Uferzone von Flüssen. Als Ausgleich hat sie medizinische Kenntnisse, denn sie ging in die „Schamanenschule“. Leider läuft zwischen den beiden in romantischer Hinsicht herzlich wenig. Davon profitiert jedoch die Action. Und da sich Torak weiterentwickelt, muss sich auch Renn darauf einstellen und ihrer Beziehung ein erweitertes Fundament bieten – vielleicht wird sie ja doch noch Schülerin der Schamanin Saeunn.

Humor

Richtig humorvoll wird die Geschichte erst durch den dritten im Bunde: Wolf. Wolf ist mindestens so schlau und mutig wie Torak, verfügt aber noch über zusätzliche Fähigkeiten. Er sieht nicht nur schärfer, sondern hört auch Frequenzen, die für menschliche Ohren nicht wahrnehmbar sind. Kein Wunder, dass er den idealen Spürhund darstellt, auch wenn sein Verhalten Groß Schwanzlos und Weibchen Schwanzlos immer wieder überrascht.

Er wundert sich zu unserem Amüsement, warum Groß Schwanzlos (= Torak) keine Ahnung hat, dass er ein Seelenwanderer ist. Wolf weiß das schon längst. Dass er selbst noch unerfahren ist, muss er feststellen, als er sich mit den Sturmvögeln anlegt: Sie spucken zurück! Und es ist sehr schwer, ihre stinkende, ölige Spucke wieder loszuwerden …

Authentisch

Wie schmeckt ein Hirschherz? Wie riecht Kiefernharz? Welche Steine liegen am Grund eines Wasserfalls? Welcher Blätter- oder Rindenbrei heilt Blutungen, Fieber und Entzündungen? Alle diese Fragen gilt es zu beantworten, um ein realistisches Bild von der Vorzeit um 4000 vor Christus zu präsentieren. Und nur durch zahlreiche Reisen und ein paar kenntnisreiche Bücher, die die Autorin im Nachwort aufführt, ist es ihr gelungen, diesen Eindruck von Realismus zu vermitteln. Diesmal ging es zu den Jagdgründen der Robben und Schwertwale.

Dies steht nur scheinbar im Widerspruch zu den zahlreichen Praktiken der Religionsausübung durch Raben- und Wolfsclan. Die Menschen können an gute Geister und Totems („Clanhüter“) ebenso glauben wie an böse Geister, also Dämonen. Die Psychologie der Naturreligion ist für beides die gleiche. Es erfordert immer wieder eine Überwindung des eigenen Unglaubens im Leser, wenn er liest, wie sehr sich die verschiedenen Clans als Teil der Natur betrachten. Der Robbenclan etwa fühlt sich von der Gunst der Meermutter abhängig und die Ringelrobbe ist die Clanhüterin, ihr Totem, das sie als heilig verehren.

Über Seelen

Alles in der Natur hat daher eine Seele, auch Bäume. Nur der Mensch jedoch hat drei Seelen: die Namens-, die Clan- und die Weltgeistseele. Fehlt nur eine dieser Seelen, dann erscheint sein Verhalten nicht geheuer, um nicht zusagen, wie das eines Verrückten. Denn sofort fehlt es diesem unvollständigen Menschen an Respekt vor seinen Mitkreaturen, seien es nun Clanmitglieder oder Tiere oder Bäume. Ja, wie bei Oslak kann sich der Wahn dieses „seelisch“ verletzten Menschen gegen ihn selbst richten. Deshalb verbreitet die neuartige Krankheit einen solchen Schrecken unter den Clans.

Nun kann es nach diesen Ausführungen nicht verwundern, dass es gewissenlosen Schamanen, den „Seelenessern“, gelingen kann, auch Kindern eine Seele zu nehmen und sie durch einen Dämon zu ersetzen, also eine bösartige Seele. Diese Dämonen-Kinder werden im Buch „Tokoroth“ genannt und spielen eine ebenso wichtige wie unheimliche Rolle. Würde sich Torak als Seelenwanderer in sie hineinversetzen, könnte das für ihn äußerst gefährlich sein.

Spiritwalker (SPOILER!)

Sicherlich ist der Leser neugierig darauf zu erfahren, was es mit dieser „Seelenwanderung“ auf sich hat. Vorweg sei gesagt, dass es (natürlich) nichts mit dem buddhistischen Glauben an Karma und Wiedergeburt zu tun hat. Es ist viel konkreter gemeint: Empathie. Diese Fähigkeit – manchmal „gesteigerte Intuition“ genannt – versetzt einen derartig begabten Menschen in die Lage, sich in das Bewusstsein eines anderen Wesens hineinzuversetzen.

Doch Torak kann dies nur in höchster Not, in Lebensgefahr, tun, und selbst dann bereitet es ihm stets einen heftigen inneren Schmerz. Es ist also klar, dass Seelenwanderung wenig als Spielerei geeignet, sondern im Gegenteil eine ziemlich ernste Sache ist. Wenn sich einer der „Seelenesser“ diese Fähigkeit aneignen könnte – auf welche Weise auch immer –, so würde dies für ihn einen großen Machtzuwachs bedeuten …

(SPOILER ENDE)

Illustrationen

Jedem Kapitel ist eine Vignette vorangestellt. So nennt man kleine Zeichnungen, die ein einzelnes Motiv aus dem folgenden Inhalt darstellen. Der Illustrator John Fordham hat es nicht nur durch reine Strichzeichnung fabelhaft geschafft, Wesen wie einen Eichelhäher oder Wolfswelpen zum Leben zu erwecken, sondern sie auch noch dreidimensional – also mit Licht, Schatten und Zweigen etc. – in ihrer Umgebung zu präsentieren. Diesmal kommen auch die Tiere des Meeres und der Küste hinzu.

Die Übersetzung

… von Katharina Orgaß und Gerald Jung, die schon für die „Hermux Tantamoq“-Trilogie verantwortlich zeichneten, ist ausgezeichnet gelungen. Viele Ausdrücke, wie etwa „Klamm“ statt „Schlucht“ verraten Fachkenntnis. Das trifft besonders auch für die Namen der zahlreichen Pflanzen zu, etwa für Multebeeren und viele andere.

Nicht alles wurde komplett übersetzt. Was denn ein „Eisfluss“ ist, kann sich der Leser aber leicht aus dem Geschehen und der Beschreibung erschließen: ein Gletscher. Doch dieses Wort benutzten die Menschen damals nicht und wohl auch nicht die Autorin. Deshalb fanden die Übersetzer es besser, bei „Eisfluss“ zu bleiben. Ist ja auch anschaulicher als „Gletscher“ und macht zudem das Bezeichnete zu etwas mit einer Seele und einem Willen: In allen Flüssen leben Geister, ebenso wie in Bäumen. Daher ist beispielsweise auch die Rede von „Baumblut“ statt von Harz. Die Bäume besitzen ebenso Seelen wie die Menschen.

Die Landkarten

… auf den vorderen und hinteren Cover-Innenseiten erleichtern stark die Orientierung. Zudem sind hier die Lebensräume und Lagerstandorte der zahlreichen Clans eingezeichnet. Wer die Namen mit der Geschichte in Beziehung setzt, kann leicht dem Weg folgen, den Torak & Co. nehmen. Der Weg selbst ist nicht eingezeichnet. Das würde wohl eher verwirren als helfen, weil der Weg so verschlungen ist.

Diesmal zeigen die Vorsatzseiten eine neue Karte: die Robbeninseln. Auch hier stellte ich eine kleine Ungereimtheit fest: Alle Namen wurden eingedeutscht, nur die Richtungsangabe Osten eben nicht: E steht weiterhin für das englische Wort „East“, und zwar in beiden Karten.

Unterm Strich

Für mich steht fest, dass ich die gesamte Saga über die Dunklen Wälder lesen werde. Erstens ist es nun erwiesen, dass die Autorin ihre Qualität konstant aufrechterhalten kann – und der Verlag unterstützt sie darin nach Kräften, wie die Buchausstattung zeigt. Und zweitens zeichnet sich nun eine komplexe Konfliktsituation für die Hauptfigur Torak ab. Die Seelenesser sind sieben Schamanen, und sein verstorbener Vater war einer von ihnen, wie Torak geschockt erfährt.

Nun erfährt er auch noch, dass er die seltene Fähigkeit des Seelenwanderns hat. Diese wird von den machthungrigen Seelenessern heiß begehrt. Doch wird sich Torak dieser Fähigkeit als würdig erweisen – oder wird er sie selbst missbrauchen? Es ist wie mit dem Einen Ring, der Frodo ständig in Versuchung geführt hat. Drücken wir also Torak die Daumen, dass es Renn und Wolf gelingt, ihn sein Talent nutz- und heilbringend einsetzen zu lassen.

Von mir bekommt das Buch, wie schon „Wolfsbruder“, die volle Punktzahl.

Originaltitel: Chronicles of Ancient Darkness: Spiritwalker, 2005
Taschenbuch: 318 Seiten
Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung