Powers, Tim – Tore zu Anubis Reich, Die

_Magische Abenteuer in Londons Untergrund_

Ein Zeitreisender ins London des Jahres 1810 – das ist schon schlimm genug. Aber er will auch noch Unsterblichkeit von einem Hexenmeister erlangen. Das dürfte wohl nicht gut gehen. Turbulente und kriminelle Abenteuer in der düster-romantischen Hauptstadt des British Empire sind die Folge, nicht nur über, sondern auch häufig unter der Erde.

_Der Autor_

Tim Powers wurde 1952 in Buffalo nahe den Niagarafällen geboren. Er zählt mittlerweile zu den bekanntesten Autoren anspruchsvoller Phantastik. Er wurde mehrfach mit dem |Philip K. Dick Award| ausgezeichnet – u. a. für „The Anubis Gates“ – und mit dem |World Fantasy Award|. Er lebt mit seiner Frau Serena in Kalifornien.

Der Durchbruch gelang ihm mit dem Roman „The Drawing of the Dark“, in dem er die geheime Geschichte der türkischen Belagerung Wiens im 16. Jahrhundert schildert.

Weitere Romane: Die Tore zu Anubis Reich (1983; Heyne 06/4473 und 9305); Zu Tisch in Deviants Palast (Heyne 06/4582); In fremderen Gezeiten (On Stranger Tides, Heyne 06/4632); Die kalte Braut (The stress of her regard, Heyne 06/4816); Dionysos erwacht (Earthquake Weather #1, 06/9172), Der Fischerkönig (Earthquake Weather, 06/9173).

Der phantastische Spionage-Thriller [„Declare“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=978 für den Powers mit dem |World Fantasy Award| ausgezeichnet wurde, erschien im Dezember 2004 bei |Festa|.

_Das Vorwort_

Einer seiner ersten Weggefährten und engsten Freunde ist der ebenfalls bekannte Phantastik-Autor James P. Blaylock, der das Vorwort zu der vorliegenden Neuausgabe schrieb. Er erzählt, wie sie als Studenten Anfang der 1970er Jahre einen romantischen Dichter namens William Ashbless erfanden, um nicht nur ihre Kommilitonen, sondern auch das Uni-Magazin zu veralbern. Die meisten scheinen auf den düster-morbiden Nonsens, den „Ashbless“ von sich gab, hereingefallen zu sein.

In der Tat erwies sich Ashbless als derart unsterblich, dass er nicht nur das wichtige Gedicht am Anfang von „The Anubis Gates“ verfasste, sondern bis auf den heutigen Tag zugange ist – mit dem „William Ashbless Memorial Cookbook“.

_Hintergrund: Steampunk-SF_

„The Anubis Gates“, eine seltsame Mischung aus Zeitreise, mystischer Fantasy, Alternativwelt und viktorianischer Räuberpistole, läutete die allzu kurze Ära des Steampunk Mitte der 80er Jahre ein. Ihre Hauptvertreter sind Powers und seine Busenfreunde K.W. Jeter (es gibt eine „Jeter Lane“ in diesem Roman) und James Blaylock. Steampunk war eine Art Cyberpunk, dessen Handlung in der Zeit der Dampfeisenbahn stattfand, meist in Merry Old England. Diese Art Cyberpunk hatte aber herzlich wenig mit Computern am Hut (außer in [„Die Differenzmaschine“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1339 von W. Gibson/B. Sterling) – die Absonderlichkeiten fanden eher auf der Ebene mittelalterlicher Alchimie statt: Homunkuli, Experimente mit Körper und Psyche, Telefon per magischer Lichtübertragung, Werwölfe, versteinerte Frauen usw. – ein Panoptikum, das dieses Literaturgenre mit Leben ausstattete und zur Kulisse erhob.

_Handlung_

So auch in „The Anubis Gates“. Schauplatz ist meistens das London der Romantik um 1810 – hier wirken Coleridge und, wenn er nicht gerade für die griechische Freiheit kämpft, Lord Byron. Professor Brendan Doyle aus unserer Zeit sind sie alle geläufig. Doch seine Spezialität ist ein fast unbekannter Dichter namens William Ashbless. Er hätte nicht gedacht, dass er selbst Ashbless werden könnte, als er zusagte, bei einer Zeitexpedition eines reichen Unternehmers und Spekulanten mitzumachen. Er lernt zwar Coleridge kennen, wird aber von Zigeunern entführt, bevor er planmäßig wieder in unsere Zeit zurückkehren kann. Der Anführer der Zigeuner ist ein Magier namens Romany, der im Auftrag seines geheimnisvollen ägyptischen Meisters daran arbeitet, die britische Regierung zu stürzen und einen Golem auf den Thron zu setzen, der – von wem wohl? – ferngesteuert wird.

Nachdem Doyle den Klauen Romanys entkommen ist, macht er intensive Bekanntschaft mit der Londoner Bettlerschaft. Die ist in zwei Banden gespalten, wobei die schlimmere mit Romany zusammenarbeitet. Zum Glück landet Doyle bei der anderen, wo ihm ein junger Mann dabei hilft, wieder auf die Beine zu kommen und einen ehrlichen Job als Bettler zu erhalten. Der „junge Mann“ erweist sich schließlich als junge Dame, die darauf aus ist, einen gewissen Dichter namens William Ashbless zu töten, weil er ihren Verlobten auf dem Gewissen haben soll.

Die Irrungen und Wirrungen nehmen zu, je weiter Doyle Bekanntschaft mit der Londoner Unterwelt macht. Alle seine Bemühungen, ins 20. Jahrhundert zurückzukehren, werden vereitelt. Vielmehr wird er von einem Werwolf gebissen und verwandelt sich in einen sehr haarigen Zeitgenossen, der auf der Flucht vor den Werwolfjägern und Dr. Romany ist. Er ist nun der „historische“ Ashbless, wie er erkennt und obliegt seiner Pflicht, den bekannten Ashbless zu verkörpern. So schreibt er etwa dessen berühmtestes Gedicht aus dem Gedächtnis auf und lässt es veröffentlichen. Schließlich gipfeln seine Aktionen darin, Lord Byron zu befreien, Romany und dessen Bande zu töten und nach Ägypten zu reisen, um dort dessen Meister zur Strecke zu bringen. Und so kann er endlich die junge Dame heiraten, die ihm nach dem Leben trachtete, ihren Sinn aber inzwischen geändert hat. Boy meets „girl“, boy gets girl!

|Also Ende gut, alles gut?|

Nicht doch! Doyle weiß aus Ashbless’ Biographie, dass er eines Tages auf den Uferwiesen der Themse von einem Unbekannten umgebracht wurde/wird. Eine kleine Überraschung für den Leser folgt, die hier aber nicht verraten werden soll.

_Mein Eindruck_

Dieses Feuerwerk von bizarren Ideen erhielt 1983 den |Philip K. Dick Award| für das beste Erstlingswerk im Taschenbuch. Es ist pure Unterhaltung im Gewande historischer Fantasy.

Doch zugleich enthält der Roman etliche Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb und seine Heroen, zum Beispiel Lord Byron, der zu Lebzeiten ein rechter Lüstling und Lebemensch war, bevor er 1827 im griechischen Freiheitskampf am Fieber starb.

Erstaunlich ist zudem, dass die englische Romantik überhaupt entstehen konnte, wenn man sich das historische London um 1810 ähnlich existenzgefährdend vorstellt, wie Powers es dargestellt hat. Er muss dazu eine Menge Stadtpläne und historische Folianten gewälzt haben, um die Lokalität so authentisch schildern zu können, wie es in „Anubis Gates“ zu lesen ist.

_Unterm Strich_

„Die Tore zu Anubis Reich“ bietet kurzweilige Lektüre für Leute mit Sinn für das Unwahrscheinliche im Leben und das magische Abenteuer.

|Originaltitel: The Anubis Gates, 1983
Aus dem US-Englischen übersetzt von Walter Brumm
Überarbeitet und ergänzt von Hannes Riffel
Vorwort übersetzt von Bernhard Kempen|

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