Pratchett, Terry – Kleine Freie Männer. Ein Märchen von der Scheibenwelt

_Lehrreiche Rettungs-Expedition ins Feenland_

Nachdem ein Wasserdämon fast ihren kleinen Bruder Willwoll entführt hat, wendet sich das Milchmädchen Tiffany Weh an eine professionelle Hexe. Miss Tick gibt ihr nach vielen neugierigen Fragen einen wertvollen Ratgeber: eine Kröte. Als ihr Bruder aber wirklich entführt wird, braucht Tiffany mächtigere Verbündete.

Da trifft es sich gut, dass die Wir-sind-die-Größten, kleine blauhäutige, saufende, stehlende und kämpfende Gnomen, eine Hexe suchen. Durch ihre Heldentat gegenüber dem Wasserunhold hat sich Tiffany eindeutig als solche qualifiziert und kriegt den Job. Zusammen nehmen sie es mit der grausamen Feenkönigin auf, deren Welt dabei ist, in unsere einzudringen, um Träume zu stehlen.

_Der Autor_

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa drei Dutzend Bücher erschienen, auf Deutsch zuletzt „Weiberregiment“.

Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch [„Maurice, der Kater“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219 („The Amazing Maurice and His Educated Rodents“), worauf „Kleine Freie Männer“ folgte. Die Fortsetzung von „Kleine Freie Männer“ trägt den Titel „A Hatful of Sky“.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden. Mehr Infos unter www.lspace.org (ohne Gewähr).

_Handlung_

Die neunjährige Tiffany Weh ist eigentlich ein einfaches Milchmädchen, das auf der Farm seiner Eltern für die Herstellung von allerlei Milchprodukten wie etwa Käse oder Butter zuständig ist. Aber Tiffany hat zwei Vorteile im Überlebenskampf: ein ausgeprägtes Denkvermögen und eine Großmutter, die wohl so etwas wie eine Hexe war.

Tiffany erinnert sich so häufig an die Granny Weh, dass diese zu einer weiteren Hauptfigur wird. Und obwohl Granny nur eine einfache Schäferin war, die in der Region mit dem Namen Die Kreide, wo Tiffany lebt, Schafe hütete, war sie wohl auch so etwas wie eine göttliche Instanz: Sie war die Verkörperung des Landes. „Das Land ist in meinen Knochen“, pflegte die Omi Weh zu sagen. Und davor hatte selbst der Baron Respekt. Besonders dann, wenn Granny drohte: „Es wird eine Abrrrechnung geben.“ Und ihre zwei Schäferhunde Donner und Blitz knurrten dazu.

Nun liegt Tiffany am Forellenbach und kitzelt Forellen. Eigentlich sollte sie auf ihren kleinen Bruder Willwoll aufpassen, der in der Nähe spielt, aber die Forellen lachen so schön. Bis ein grüner Wasserdämon auftaucht, der ein allzu lebhaftes Interesse an kleinen Babybrüdern zeigt. Tiffany zieht Jenny Grünzahn mit der Bratpfanne eins über, bis der Dämon das Weite sucht.

Diese Heldentat bleibt keineswegs unbeachtet.

|Die Hexe|

Aber was haben Ungeheuer hier zu suchen? Wenige Tage später wandert Tiffany in das nächste Dorf, um zur Schule zu gehen und die Antwort auf diese Frage herauszufinden. Sie hat Glück. Mehrere Wanderlehrer haben am Rande des Marktplatzes ihr Zelt aufgeschlagen, in dem sie Unterricht geben. Bezahlt wird in Naturalien. Doch Tiffany ist weder an „Geokrafie“ noch an Rechtschreibung („Spaß mit Klammern!“) interessiert, sondern sucht eine Hexe. Das winzige Schild an dem Zelt, auf dem steht „Ich kann dich eine Lektion lehren, die du so schnell nicht vergisst“ erscheint ihr vielversprechend.

Sie fragt die Hexe, die sich „Miss Tick“ nennt (wie in „Mystik“), wie sie ebenfalls eine Hexe werden könne. Sie wolle nämlich solche Wasserdämonen, die es nur in Märchenbüchern gibt, loswerden. Wie interessant, denkt Miss Perspicazia Tick. Sie war eine der Personen, die bei Tiffanys Heldentat zugegen waren. Bei ihrer Erforschung des Universums war sie auf eine drohende Gefahr gestoßen: Eine andere Welt kollidierte mit ihrer eigenen und drang in sie ein. Das könnte unangenehm werden. Bemerkenswert, dass ausgerechnet jetzt Tiffany auftauchte.

Ohne allzu viel erfahren zu haben, geht Tiffany nach Hause. Doch sie hat von Miss Tick einen Schatz mitbekommen, der sich noch als sehr wertvoll erweisen soll: eine sprechende Kröte. Eine verwunschene Kröte. Eine Kröte, die alle möglichen Dinge weiß und sogar fremde Sprachen übersetzt. Sozusagen ein organischer PDA mit Spracheingabe. Von der Kröte erfährt Tiffany von der bevorstehenden Kollision der Welten.

|Die „Wir-sind-die-Größten“|

Um die Dinge ins Rollen zu bringen, ist aber noch etwas nötig: die titelgebenden Kleinen Freien Männer. Sie haben blaue, weil tätowierte Haut (wie die historischen Pikten), knallrote Bärte, tragen Schottenrock und Schwert, reden seltsames Schottisch (nicht in der Übersetzung, logo) – und sind ungefähr fünfzehn Zentimeter groß. Und da sie gerade eine Hexe suchen, haben sie sich in Tiffanys Molkerei eingefunden. Warum gerade Tiffany Weh? Sie haben ihre Heldentat am Bach beobachtet und sich gedacht: Wir haben unsere Hexe gefunden!

Ihr Anführer stellt sich ihr als Rob Irgendwer Größter (= Rob Anybody Feegle) vor und sein Volk als die Wir-sind-die-Größten. Sie haben keinen König, keine Königin, keinen Herrn – daher sind sie die Kleinen Freien Männer. Sie haben, wie sich später herausstellt, nur vor zwei Dingen Angst: vor ihrer früheren Chefin, der grausamen Königin von Feenland, und vor — Anwälten.

|Das Feenland|

Als Tiffanys Bruder Willwoll wenig später spurlos verschwindet, weiß sie, an wen sie sich um Hilfe wenden kann: die Größten. Rob Irgendwer berichtet ihr, dass es höchstwahrscheinlich die Königin des Feenlandes war, die Willwoll entführt hat. Und es gibt nur einen Weg, in das Feenland zu gelangen: Nur eine echte Hexe kennt die Türen in die andere Dimension, wo die Zeit ein wenig verschoben ist.

Auf der Landschaft namens Die Kreide stehen Megalithen in rauen Mengen herum. Ob sie nun einen König oder einen Schatz beherbergen oder nur zur Beobachtung der Sterne dienten, das ist Tiffany wurscht. Solch ein Megalithentor fällt ihr schon bald auf: Erstens haut es mit dem Verlauf der Zeit nicht richtig hin, als sie es beobachtet. Und zweitens liegt hinter dem Tordurchgang auffällig viel Schnee, während auf dem Kreideland selbst noch Gras grünt. Ist im Feenland immer Winter?

Bewaffnet mit ihrer treuen Bratpfanne und begleitet von den ebenso treuen Größten, macht die Juniorhexe Tiffany Weh den ersten todesmutigen Schritt ins Land der Feenkönigin, um ihren entführten Bruder zurückzuholen.

_Mein Eindruck_

Die Wir-sind-die-Größten sind eine der genialsten Erfindungen des schreibenden Ehepaars Pratchett. Zwar treten auch schon früher in „Die Teppichvölker“ und in der Wühler-Trilogie, der „Bromeliade“, kleine, gnomenähnliche Wesen auf, doch die Wir-sind-die-Größten (im Original die „Nac Mac Feegle“) verleihen diesen Wesen einen unverwechselbaren Charakter. „They’re small. They’re blue. And NOBODY messes with them“, tönt das Titelbild der Originalausgabe anschaulich und prägnant.

Dass sie klein sind, ist schon klar. Dass sie blau sind, ergibt sich aus ihren blauen Tätowierungen, die mit Waid eingefärbt sind. Schon die ollen Römer wussten, um wen es sich handelt: Um die wilden Völker des schottischen Hochlandes, die ständig ihre Wälle und Festungen angriffen. Die „Bemalten“ nannten sie daher Picti, und unter dem Namen Pikten waren sie noch bis ins frühe Mittelalter bekannt, als ihr aktueller König dem König der Schotten, statt ihm eins auf die Rübe zu geben, die Hand schüttelte, um Frieden zu schließen.

Ob die Pikten reines Hochlandschottisch sprachen wie die Nac Mac Feegle, ist leider nicht überliefert. Das ist in der deutschen Übersetzung aber auch bedeutunglos. Die Größten sprechen Umgangs- und Gaunersprache. Zum Glück hat Tiffany ihren eigenen Dolmetscher dabei: die Kröte, die ihr (und uns!) aus der Verlegenheit hilft. Dass auch Whisky vorkommen muss, dürfte ebenfalls klar sein, doch wird er hier als Granny Wehs „Spezielles Schaf-Einreibemittel“ bezeichnet. Zur inneren Anwendung …

Selbstredend spielen die Größten auch den Dudelsack. Dies ist die Aufgabe des Schlachtenpoeten William, der immer so herrrrlich das R rrrollt. Und so alt er auch sein mag, so hat er doch ein paar Tricks auf Lager, um die „Jagdhunde“ der Feenkönigin in die Flucht zu schlagen.

|Die Königin der „Wir sind die Größten“|

Die Freundschaft der kleinen Riesen erkauft man nicht so einfach, findet Tiffany bald heraus. Geschenke erhalten zwar die Freundschaft, doch wenn es um die Verknüpfung von Schicksalen geht, müssen engere Bande geknüpft werden. Die Kobolde haben in ihrem unteridischen Bau eine Art Schwarmkönigin plus Schamanin: die „kelda“. Diese uralte Gnomen-Oma macht Tiffany zu aller Erstaunen zu ihrer Nachfolgerin, bevor sie in „das letzte Land“ geht. Sie erklärt Tiffany auch ihren keltischen Namen: „Land unter Wasser“ (das wird beim Finale noch wichtig).

Was Tiffany als neue „kelda“ nicht weiß: Sie muss als erste Tat einen Mann heiraten. Natürlich keinen von den „großen Leuten“, sondern einen der kleinen Riesen. Doch Bräuche sind dazu da, sie zu befolgen, ganz besonders gilt das für Anführer. Und so wählt Tiffany den wichtigsten Kobold: Rob Irgendwer. Und weil Tiffany eine Meisterin des Denkens ist, fällt ihr auch ein, wie sie die peinlichen Implikationen der Vermählung umgehen kann (wovon der Polterabend vermutlich die harmloseste ist) …

|Hexensabbat|

Keine Heldentat einer Hexe bleibt unbeachtet, und das gilt umso mehr für die einer Juniorhexe. Am Schluss taucht daher Miss Tick, die Wanderhexe, erneut bei Tiffany auf. Ihre Beifahrer auf dem Hexenbesen sind zwei alte Bekannte: Granny …, pardon: Mistress Weatherwax, und Nanny Ogg. Sie begucken sich die neue Heldin in ihren Reihen und halten mehr oder weniger Gericht über sie.

Sie sind reichlich erstaunt, dass Tiffanys Art der Magie auf dem Kreideland funktioniert, denn die gängige Theorie besagt, dass Hexenkraft harten Stein erfordert, und das Kreideland ist ja aus Kreide gemacht, dem weichsten Stein. Tiffany weist dezent darauf hin, dass in der Kreide etliche Stücke Flint, also Feuerstein, stecken, und das sei ja bekanntlich der härteste Stein. Die Hexen starren sie an, als wäre Tiffany die Verkörperung des Feuersteins, zufällig gefunden in einer weichen Gegend. Und in dieser Eigenschaft kommt Tiffany ihrer Granny gleich, die ja bekanntlich das Land in ihren Knochen hatte.

|Die Wanderschule|

Die Pratchetts haben wieder einige Lehren in ihrer Geschichte untergebracht. Die Kinder, die sie lesen, sollen schließlich aus dem Buch etwas lernen. Herkömmliche Wanderlehrer taugen offensichtlich wenig, die beste Schule scheint das Leben zu sein. Um dessen Schwierigkeiten zu bewältigen, sind aber nicht Träume, Wünsche und Illusionen hilfreich, sondern ein Sinn für die Realität und vor allem Denken.

Tiffany ist eine Meisterin des Denkens, doch selbst sie ist nicht gegen die Macht der Feenkönigin gefeit. Ich möchte nur so viel verraten: Deren Macht liegt in der Anwendung von Träumen und Illusionen als Waffen, um die Kinder, die sie entführt hat, zu versklaven. Darin gleicht sie der Schneekönigin in Andersens Märchen und in C. S. Lewis‘ erstem Narnia-Roman „The lion, the witch and the wardrobe“. Der fiesen Behauptung der Feenkönigin, die Menschen könnten es in ihrem Leben ohne Träume und Wünsche gar nicht aushalten, hat auch Tiffany nichts entgegenzusetzen. Der Krieg der Träume scheint für sie verloren, als sie sich an etwas erinnert, das ganz tief unten in ihrem Sein verborgen ist: Sie ist, wie ihre Granny, auch das Land, und das Land träumt Träume, die mit Menschen nichts zu tun haben.

_Unterm Strich_

Auch wenn das Buch „Kleine Freie Männer“ offensichtlich für Kinder ab neun oder zwölf Jahren geschrieben wurde (die Heldin ist neun), so kommen dabei doch Themen zur Sprache, die alle Menschen ansprechen. Da wäre zum einen die Macht der Träume, Wünsche und besonders der Geschichten. Beispielsweise solche aus Büchern.

|Die Macht von Träumen und Geschichten|

Tiffany kennt exakt drei Bücher, nämlich ein Wörterbuch, ein Märchenbuch und das Erbstück ihrer Oma, in dem die Behandlung von Schafkrankheiten beschrieben ist. Alle drei Bücher werden verwendet, erprobt und für gut oder schlecht befunden. Der Prüfstein dafür ist a) die Realität, b) das Abenteuer im Feenland und c) Tiffanys Denken. Ob ihr Denken allerdings logisch ist, sei einmal dahingestellt. Dies ist zumindest, äh, interessant. Ihr beim Denken zu folgen, ist teils faszinierend, teils amüsant. Die meisten Bücher, besonders die mit den Lügen darin, kommen schlecht weg.

|Identität|

Ein weiteres wichtiges Thema ist Identität. Tiffany denkt zunächst, sie wüsste, wer sie ist: Tochter Nummer 3 der Weh-Familie, ein gewöhnliches Milchmädchen. Je mehr sie sich aber in die Abenteuer mit den Kobolden und der Feenkönigin verstrickt, desto weniger sicher wird sie sich ihrer selbst. Ist die Begegnung mit saufenden, kämpfenden und vor allem stehlenden Gnomen noch relativ lustig, so hört der Spaß spätestens beim Showdown mit der Feenkönigin auf. Erst spät, fast zu spät fällt Tiffany die richtige Antwort ein. Das verändert nicht nur sie, sondern alles um sie herum.

|Spaß mit Klammern|

Wie schon Pratchetts wunderbares Kinderbuch „The Amazing Maurice and His Educated Rodents“ übt „Kleine Freie Männer“ nicht nur Kritik an modernen Phänomenen, sondern macht auch eine ganze Menge Spaß. Das Lesen ist im Original umso vergnüglicher, als eine ganze Menge schwer übersetzbarer Wortspiele den Spaß an der Sprache erhöhen. Es wäre etwas ermüdend, alle Beispiel dafür anzuführen.

|Die Übersetzung|

In meinem Text habe ich fast alle Namen und Bezeichnungen des Originals durch diejenigen Entsprechungen ersetzt, die der Übersetzer verwendet. Diese Übertragung ist keine große Sache, sondern der übliche Job. Etwas mehr anstrengen musste sich Brandhorst jedoch beim Jargon, dessen sich die Kobolde, die Nac Mac Feegle bedienen. Statt „Crivens!“ heißt es nun allerdings „Potz Blitz!“, und ich das hat ja nun nichts mit einem bestimmten Dialekt zu tun. Eine bessere Entsprechung wäre wohl das bayerische „Zefixluja!“ oder „Kruzitürken!“ gewesen. Leider versteht das aber nicht jeder Leser, schon gar nicht junge. Insofern bildet die verbreitete – und antiquierte – Variante einen guten Kompromiss.

Wie viel vom Wortwitz des Originals verloren geht, lässt sich an der Übersetzung des Gnomennamens Rob Anybody Feegle ablesen. Die Übersetzung hat nun „Rob Irgendwer Größter“ daraus gemacht, was leider nur den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt und zudem noch jämmerliches Deutsch. Der größte Verlust ist eigentlich, dass „Rob Anybody“ natürlich im Englischen „Raube jeden Beliebigen aus“ bedeutet – das ist der Witz dabei, und außerdem eine ironisch-spöttische Anspielung auf den heroischen Schottenfilm „Rob Roy“. Ich konnte dessen Highlander-Romantik auch noch nie ertragen.

„Feegle“ bezeichnet lediglich seine Zugehörigkeit zum Volk der (Nac Mac) Feegle, die in der Übersetzung nun die „Größten“ bzw. „Wir sind die Größten“ heißen. Ob diese Übersetzung des Schottischen stimmt, kann ich als Nichtschottischsprecher nicht beurteilen.

|Originaltitel: The Wee Free Men, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Brandhorst|

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