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Terry Pratchett – Maurice, der Kater

Der Rattenfänger von Hameln einmal ganz anders: Diese Show leitet ein intelligenter Kater namens Wunder-Maurice. Und die Ratten tanzen auf den Tischen: intelligente Ratten, philosophische Ratten, militärisch organisierte Ratten. Wehe Bad Blintz, dem auserkorenen letzten Auftrittsort!

_Der Autor_

Terry Pratchett und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa zwei Dutzend Bücher erschienen.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden.

„Maurice“ ist jedoch bemerkenswert, weil dies der erste Scheibenwelt-Roman ist, der extra für Kinder ab sechs oder acht Jahren geschrieben wurde. Aufgrund des besonderen Wortwitzes – nicht nur hier, sondern in allen Pratchett-Büchern – ist es interessant zu sehen, was der Übersetzer daraus gemacht hat.

_Handlung_

Jeder kennt die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln. Aber hier wird endlich die Wahrheit verraten.

In Wahrheit ist es so, dass der schlaue Kater Maurice einen Jungen überredet hat, als Rattenfänger aufzutreten und eine Stadt, die von einer Rattenplage heimgesucht wird, gegen Geld davon zu befreien. Das hat bislang auch immer geklappt, denn für die Rattenplage sorgte Maurice selbst. Schließlich ist er ja nicht blöd.

Das Problem sind die Ratten. Bislang haben sie immer gespurt, denn sie wissen ja, dass sie Geld verdienen, das schließlich zu gleichen Teilen zwischen ihnen, Maurice und dem Flöterich Keith aufgeteilt werden wird. Damit wollen sie auswandern und eine utopische Kolonie in der Südsee gründen.

Das ist aber nicht das Problem, denn Maurice wäre immer noch schlauer als sie, schließlich weiß er ja, was sie wollen und kann sie kontrollieren. Das Problem besteht vielmehr darin, dass einige von ihnen INTELLIGENT geworden sind – seit jener Zeit, als die Abfälle der Zauberer-Universität, in denen sie seit Rattengedenken gelebt haben, toxisch-magisch geworden sind. Seitdem ist eine neue Generation schlauer Ratten herangewachsen, die nicht nur Maurice Kopfzerbrechen bereitet, sondern auch dem alten Anführer Gekochter Schinken (engl.: Hamnpork), der sich nun nicht mehr auf seine ERFAHRUNG verlassen kann, um den Führungsanspruch durchzusetzen.

Die neuen Ideen, die besonders der fast blinde, aber enorm philosophische Gefährliche Bohnen alias Dangerous Beans (die Namen stammen von den Etiketten der Lebensmittelpackungen) ausbrütet, führen nicht nur dazu, dass die Ratten Fallen entschärfen und sich neue, unrättische Gesetze ausdenken können, sondern auch Bilder verstehen und schreiben können. Auf diese Rattenschriftsprache brachte sie DAS BUCH:

Das BUCH heißt „Mr. Bunnsy has an Adventure / Herr Schlappohr hat ein Abenteuer“, ein sehr einfaches Kindermärchen über ein Kaninchen, das entdeckt, dass die Welt ungerecht ist: Warum ist der Garten des Nachbars voll leckeren Salats, aber nicht Herrn Schlappohrs Magen? Die einzelnen Abschnitte des BUCHES sind den Kapiteln des Romans vorangestellt, mit einer winzigen Illustration. Was die Ratten so verblüfft hat: Es gibt in Herrn Schlappohrs Welt zwar viele Tiere, aber sie alle bringen einander nicht um, wie es normal wäre, sondern sprechen miteinander und helfen einander. Und sie sind angezogen. Dangerous Beans träumt von einer gerechten, rattengerechteren Welt, in der alle freundlich zueinander sind.

Maurice führt seine intelligenten Ratten zu einem letzten Coup. Im idyllischen Tal liegt mitten im idyllischen Überwald nichts ahnend das Städtchen Bad Blintz, seine Häuser sind schön – es gibt sogar ein „Rat-haus“, seine Felder sind groß… Klarer Fall: Die Stadt ist reif für die Invasion. Maurice verspricht seinen „Mitarbeitern“ reiche Beute.

Doch wider Erwarten erweist sich Bad Blintz als der reinste Alptraum. Noch nie war es so schwer zu überleben. Denn es gibt eine mächtige Konkurrenz. Die macht mit Eindringlingen kurzen Prozess. Und sie läuft nicht nur auf zwei Beinen…

_Mein Eindruck_

Dies ist kein Märchen, auch keine Zirkus-Show-Komödie, sondern etwas ganz anderes. Aber was?

Um seine verschiedenen Botschaften, die in der vielschichtigen Story versteckt sind, unters nichts ahnende Leservolk zu bringen, hat Pratchett mehrere Genres verknüpft und sogar eine Ebene darüber geschichtet. Was also zunächst wie ein recht komische Invasion von der tierische Art aussieht, entpuppt sich alsbald als eine spannende und mitunter witzige Kriegs- und Horrorgeschichte, die – darf ich es verraten? – gut ausgeht. Einerseits.

Andererseits demonstriert der zweite Erzählstrang, wie groß die Macht von Geschichten ist. Von Geschichten wie dem Märchenbuch „Herr Schlappohr hat ein Abenteuer“ und von Fantasyromanen. Maurice stößt in Bad Blintz nämlich bei seiner Erkundung der Lage auf die frühreife Tochter des Bürgermeisters. Die etwa Zwölfjährige trägt den unheilvollen Namen Malicia (von englisch ‚malicious‘: „boshaft“). Das heißt, eigentlich hat sie ihn sich nur zugelegt, weil ihre Großtanten die grimmigen Schwestern Grimm waren und entsprechend grimmige Namen trugen. Denen will sie nacheifern. Sie ist nicht die Intelligenteste. Aber meistens harmlos.

Als sei dies nicht genug, glaubt Malicia an die Fantasyromane, die sie zeit ihres kurzen Lebens gelesen hat, die aber leider nicht das geringste mit dem echten Leben zu tun haben. Maurice hat seine liebe Not, ihr diesen feinen, aber entscheidenden Unterschied beizubringen. Wenigstens hat Malicia in ihre Handtasche alles hineingepackt, was sich in irgendeiner Weise als nützlich erweisen könnte. Sie und Maurice werden es brauchen.

Denn es gibt in der Unterwelt von Bad Blintz ein Monster, das sich anhand seiner eigenen Geschichte von der künftigen Herrschaft ein Reich geschaffen hat, das schon bald die Stadt zu übernehmen droht. Und die Stadt liegt darnieder: Die Bevölkerung hungert, Lebensmittel sind rationiert. Aber warum nur, fragt Maurice Malicia. Weil die professionellen Rattenfänger allen erzählt haben, die Ratten hätten die Lebensmittel weggefressen. Schon wieder eine Geschichte! Ob die wohl wahr ist? Wir dürfen es bezweifeln.

Die schwerstwiegenden Folgen hat ausgerechnet das Märchenbuch auf die intelligenten Ratten, wie bereits erwähnt. Besonders den blinden Philosophen und seine wehrhafte Assistentin hat die Vision einer friedlichen Tiervölkergemeinschaft, sozusagen die Vereinten Nationen der Tiere, tief beeindruckt. Sie haben Schreiben gelernt und Regeln erlassen: das Gegenstück zu den Zehn Geboten und den Menschenrechten. (Mehr Geschichten!) Diese Regeln gelten vor allem für den CLAN, die Gemeinschaft der intelligenten und „human“ gesinnten Ratten. Der Versuch, die neuen Regeln zu befolgen, führt zu wahnwitzigen Diskussionen, so etwa jene, ob eine Ratte eine unsichtbare Seele haben könne. Eines aber sei sicher: Es gibt einen Rattentod! (Pratchettkenner wissen, wer oder was damit gemeint ist.)

Pratchett geht nun ohne Erbarmen für seine Figuren vor und konfrontiert sie mit der bitteren Wahrheit und Wirklichkeit, die im Untergrund von Bad Blintz auf sie lauert. Utopien zerbrechen, Geschichten werden als Lügen entlarvt, Tyrannen stürzen, Helden krepieren, der für dumm gehaltene Flöterich entpuppt sich als Genie der Diplomatie – man kommt sich vor wie im Zweiten Weltkrieg und wundert sich, dass diese Geschichte überhaupt gut ausgeht. Und doch klappt es. Aber das darf ich auf keinen Fall verraten, denn dieses Wunder muss man selbst erfahren.

Und Maurice? Maurice muss sehr, sehr demütig werden, will er nicht die Freundschaft seiner Ratten verlieren. Er muss ihnen seine eigene Geschichte erzählen, die sein größtes – und zugleich peinlichstes – Geheimnis ist: die Geschichte, wie er selbst INTELLIGENT wurde….

_Unterm Strich_

Jede Wette, dass dieses wundervolle Buch für fast alle Leser vordergründig eine spannende Actionkomödie sein wird. Das ist auch keinesfalls ein Irrtum oder gar Fehler. Aber es ist eben nur die Hälfte der Wahrheit.

Denn „Maurice“ ist auch eine Kritik an der Macht der Geschichten. Nicht nur jener erfundenen Storys, die wir in Fantasyromanen, Märchenbüchern und Kinofilmen von Kindesbeinen an vorgesetzt bekommen und verschlingen – insbesondere Kids, die es nicht besser wissen. Sondern es geht auch um jene Geschichten, die man uns in den Medien präsentiert. Wie war das noch mit „Saddams Massenvernichtungswaffen“? Während die eine Hälfte der Welt diese Geschichte der Regierung Bush nicht abkaufte, stieg die andere Hälfte voll drauf ein – Blair & Konsorten.

Nun stellt sich heraus, dass diese Saddam-Geschichte von Anfang bis Ende erlogen war, dass sogar die UNO getäuscht wurde. Und dass die Anhänger Bushs leider Gottes den Preis bezahlen: Bombenanschläge in Istanbul, v.a. auf Briten; Bombenanschläge in Madrid. Ground Zero ist inzwischen überall. Ob uns Geschichten davor bewahren können? Oder doch besser die Wahrheit? Doch die auch die Wahrheit hat einen Preis…

Dies ist nur eine der zahllosen Fragen, die Pratchett mit „Maurice“ anschneidet. Ich habe oben weitere Themen angedeutet, so etwa das Schicksal von Utopien. Je älter und gereifter Pratchett wird, desto tiefschürfender und ernsthafter sind seine Themen – so etwa in „Zeitdieb“, „Die volle Wahrheit“ und „Monstrous Regiment“, welches noch nicht übersetzt wurde. Das Wunder an „Amazing Maurice and his educated rodents“ ist, dass er uns dabei vordergründig bestens zu unterhalten weiß. Selbst Zehnjährige dürften dieses Buch verstehen. Sie werden es lieben.

Der Übersetzer hat die Vorlage kompetent ins Deutsche übertragen, aber bekanntlich erlaubt sich Pratchett den einen oder anderen sprachlichen Spaß. So ist der Witz an dem deutschen Wort „Rathaus“ für Engländer ja der, dass es fast wie „rat house“ ausgesprochen wird. Doch wie will man das angemessen zurück ins Deutsche bringen? Das ist nur ein kleines Beispiel, welche Schwierigkeiten beim Übersetzen von Pratchett zu bewältigen sind. Wer kann, sollte in jedem Fall das Original vorziehen.

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten

[NEWS] Terry Pratchett & Stephen Baxter – Der Lange Kosmos (Die Lange Erde 5)

2070-71: Jahrzehnte nach der Entdeckung des Wechslers, der erstmals das Pendeln zwischen Parallelwelten ermöglichte, floriert auf der Langen Erde eine neue posthumane Gesellschaft. Doch gerät diese in Aufruhr, als eine geheimnisvolle Botschaft aus der Mitte der Galaxie eingeht. Die superintelligenten Next entdecken darin die Baupläne für eine künstliche Intelligenz von gewaltigen Ausmaßen. Einmal gebaut, könnte der Computer nicht nur die Position der Langen Erde im Kosmos für immer verändern, sondern auch die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten. Doch niemand kennt den Sender der Botschaft, und niemand weiß, ob seine Absichten friedlich sind. (Verlagsinfo)


Taschenbuch: 480 Seiten
Goldmann

Terry Pratchett – Trucker (Nomen 1)

Satire mit Witz: Weltuntergang aus der Froschperspektive

Vor langer, langer Zeit landete ein Raumschiff auf der Erde. An Bord: die Nomen. Knapp zehn Zentimeter groß und ebenso neugierig wie eigensinnig, leben sie Jahrtausende später in einzelnen Gruppen, die nichts voneinander wissen. Eines Tages muss eine Gruppe, die am Rand einer Autobahn lebt, auswandern. In einem Kaufhaus treffen sie auf völlig andere Mitglieder ihres Volkes. Das Kaufhaus ist deren Universum. Ein „Draußen“ gibt es nicht. Die Jahreszeiten heißen „Frühjahrsmode“, „Sommerschlussverkauf“, „Winterschlussverkauf“ und „Weihnachten“, im Keller des Universums vermuten sie ein fürchterliches Monster mit dem Namen „Bombenpreise“. Doch dann geschieht etwas wahrhaft Schreckliches. Die Welt geht unter. Und der Untergang hat einen Namen: „Räumungsverkauf“!

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Pratchett, Terry – A Hat Full of Sky / Ein Hut voller Sterne (Tiffany Weh 2)

_Wee Free Men: Bitte zu Tiffanys Rettung!_

An ihrer ersten Lehrstelle lernt die Nachwuchshexe Tiffany Aching in Miss Level eine interessante, aber auch ein wenig enttäuschende Lehrmeisterin kennen. Auch die anderen Junghexen in Tiffanys Gegend sind mit ihrem Los unzufrieden. Tiffanys Leben und das aller in ihrer Umgebung erlebt eine drastische Wendung, als ein unsichtbares Ungeheuer ihr Bewusstsein übernimmt und sie zu einer der mächtigsten Hexen der Region macht, gefürchtet, aber gut gekleidet.

Können die Nach Mac Feegle und Oma Wetterwachs der besessenen Tiffany Einhalt gebieten, bevor sie die Welt zu ihrem Spielball macht?

_Der Autor_

Terry Pratchett und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa drei Dutzend Bücher erschienen.

Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch [„The amazing Maurice and his educated rodents“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219 worauf „The Wee Free Men“ folgte. Die Fortsetzung von „Wee Free Men“ trägt den Titel „A Hatful of Sky“.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden.

_Vorgeschichte: „The Wee Free Men“ / „Die kleinen freien Männer”_

Tiffany Aching ist im Alter von neun Jahren eigentlich ein einfaches Milchmädchen, das auf der Farm seiner Eltern für die Herstellung von allerlei Milchprodukten wie etwa Käse oder Butter zuständig ist. Aber Tiffany hat zwei Vorteile im Überlebenskampf: ein ausgeprägtes Denkvermögen und eine Großmutter, die wohl so etwas wie eine Hexe war.

Tiffany erinnert sich so häufig an die Granny Aching, dass diese zu einer weiteren Hauptfigur wird. Und obwohl Granny nur eine einfache Schäferin war, die in der Region mit dem Namen The Chalk (die Kreide), wo Tiffany lebt, Schafe hütete, war sie wohl auch so etwas wie eine göttliche Instanz: Sie war die Verkörperung des Landes. „The land is in my bones“, pflegte die Omi zu sagen. Und davor hatte selbst der Baron des Landes Respekt.

Tiffanys besondere Freunde sind die Nac Mac Feegle, die titelgebenden Wee Free Men. Sie haben blaue, tätowierte Haut, knallrote Bärte, tragen Kilt und Schwert, reden seltsames Schottisch – und sind ungefähr zehn Zentimeter groß. Als sie gerade eine Hexe suchten, hatten sie sich Tiffany ausgesucht. Warum gerade Tiffany Aching? Sie hatten ihre Heldentat gegen einen Wassergeist beobachtet und sich gedacht: „She’s a hag alright!“ (Schotten sagen offenbar „hag“ statt „witch“.)

Ihr Anführer stellt sich ihr als Rob Anybody Feegle vor und sein Volk als die Nac Mac Feegle. Sie haben keinen König, keine Königin, keinen Herrn – daher sind sie die Wee FREE Men. Sie haben, wie sich später herausstellen soll, nur vor zwei Dingen Angst: vor ihrer früheren Chefin, der grausamen Königin von Feenland, und vor – Anwälten. Tiffany erledigte dann die Königin – und regelte auch das kleine Problem mit ihren Anwälten.

|Die Königin der Nac Mac Feegle|

Die Freundschaft der Nac Mac Feegle erkauft man nicht so einfach, findet Tiffany bald heraus. Geschenke erhalten zwar die Freundschaft, doch wenn es um die Verknüpfung von Schicksalen geht, müssen engere Bande geknüpft werden. Die Nac Mac Feegle haben in ihrem unteridischen Bau eine Art Schwarmkönigin plus Schamanin: die „kelda“. Diese uralte Gnomen-Oma macht Tiffany zu aller Erstaunen zu ihrer zeitweiligen Nachfolgerin, bevor sie in „das letzte Land“ geht. Sie erklärt Tiffany auch ihren keltischen Namen: „Land unter Wasser“ (das wird beim Finale noch wichtig).

Was Tiffany als neue „kelda“ nicht weiß: Sie muss als erste Tat einen Mann heiraten. Natürlich keinen „Bigjob“ (Menschen), sondern einen der Nac Mac Feegles. Doch Bräuche sind dazu da, sie zu befolgen, ganz besonders gilt das für Anführer. Und so wählt Tiffany den wichtigsten Nac Mac Feegle: Rob Anybody. Und weil Tiffany eine Meisterin des Denkens ist, fällt ihr auch ein, wie sie die peinlichen Implikationen der Vermählung umgehen kann (wovon der Polterabend vermutlich die harmloseste ist).

Tiffany ist nur für eine Übergangsphase Königin. Die Feegle finden eine Königin von ihrem eigenen Volk, aus einem anderen Stamm: Jeannie. Zunächst hat die Lady zwar etwas gegen die Vorgängerin und mögliche Nebenbuhlerin, doch sie sieht schließlich ein, dass Tiffany weit mehr ist als nur eine Frau …

_Handlung_

Damals war Tiffany neun Jahre alt, mittlerweile ist sie elf. Miss Tick, die junge Wanderhexe, bringt Tiffany zu ihrer ersten Lehrstelle. Sie soll bei Miss Level, einer vertrauenswürdigen Hexe, in die Lehre und natürlich im Haushalt zur Hand gehen. Leider wird der Lohn gering sein, aber wäre das etwas Neues?

|Das Ungeheuer|

Auf der Reise dorthin fällt Miss Tick ein seltsames Geräusch auf, so als ob ein Schwarm unsichtbarer Bienen hinter ihnen her wäre. Prompt fabriziert Miss Tick aus Bindfäden, Federn und einem frischen Ei eine Art Geisterfalle oder Traumfänger. Oh, das Ei zerplatzt regelmäßig. Sehr merkwürdig. Was sie und Tiffany nicht ahnen, was aber die Nac Mac Feegle zu ihrem Entsetzen entdecken: Ein unsichtbares Ungeheuer, das die Feegle einen „hiver“ nennen (von „hive“: Bienenstock), hat sich Tiffany als seinen nächsten Wirt auserkoren. Warum ausgerechnet sie? Nun ja, sie war wohl auf dem Chalk das einzige intelligente Lebewesen. Schafe können in Sachen Intelligenz sehr frustrierend sein. Wie interessant dieses Wesen namens Hiver ist, wird sich noch zeigen.

|Die Lehrherrin|

Miss Level ist ebenfalls interessant. Sie ist zwei. Nein, nicht zwei Jahre alt, sondern zwei Körper, die sich einen Verstand teilen. Daher irritiert es Tiffany zunächst, wenn sie ein und dieselbe Person an zwei verschiedenen Orten antrifft. Es gibt noch einen Hausbewohner: Oswald ist unsichtbar, räumt aber alles wieder weg. Alles in allem ein höchst interessanter Arbeitsplatz.

Das trifft jedoch nicht auf die Arbeit zu. Tiffany hatte gehofft, ein paar Zaubertricks aufzuschnappen, aber bei Miss Level stellt sich die Stellenbeschreibung „Zauberlehrling“ als so etwas wie eine Kombination aus Sozialhelferin, Hebamme und Krankenschwester heraus, die sie in den Weilern und Dörfern der Umgegend zu erledigen hat. Viele alte Knacker freuen sich über ihren Besuch, doch Tiffany ist eher frustriert.

|Der Hexenkreis|

Es gibt zwar viel zu tun, aber ist dies das Richtige für eine junge Hexe? In der Tat nicht, finden die anderen jungen Hexen, deren Treffen Tiffany im Wald besucht. Sie alle sind reichlich unzufrieden mit ihren Lehrherrinnen und sinnen auf Abhilfe. Vor allem die junge Annagramma ist eine penetrante Nörglerin, die es im Handumdrehen schafft, dass alle anderen sich mies und unzulänglich vorkommen. Die arme Petulia: Jeden Satz beginnt sie mit einem zaudernden „um“ im Sinne von „äh, öhm“. Und was hat die liebe Tiffany als Hexentrick vorzuweisen? Ein unsichtbaren Hexenhut, soso. Die anderen lachen sich schlapp. Tiffany beschließt, die Treffen künftig zu meiden. Sie sind irgendwie nicht konstruktiv.

|Tiffanys Übernahme|

Da die Nac Mac Feegle zwar bereits unterwegs sind, um sie vor der Gefahr des Hivers zu schützen, aber es Tiffany unheimlich langweilig ist, hat der Hiver Gelegenheit zur Attacke. Als sie ihren gewohnten Trick ausführt und für eine Sekunde oder zwei aus ihrem Körper schlüpft, um sich von hinten zu betrachten (ein sehr nützlicher Trick, nicht wahr?), bemächtigt sich das Wesen ihres Kopfes und übernimmt ihren Verstand. Jedenfalls 99 Prozent davon, und dem Rest bleibt nur übrig, unauffällig um Hilfe zu flehen.

|Chaos und Vernichtung|

Von dem Hiver gesteuert, verschafft sich Tiffany erst einmal Respekt. Oswald verschwindet, um sich in Sicherheit zu bringen, doch Miss Level ist nett, naiv und ahnungslos: Ihr zweiter Körper muss dran glauben. (Wie sie mit der neuen Lage der Dinge zurechtkommt, werde ich nicht verraten.) Aber sie hat ja noch einen Reservekörper. Sodann besorgt sich Tiffany standesgemäße Klamotten: einen nachtschwarzen Umhang, einen megaspitzen Hut und einen Zauberstab.

Annagramma, die ebenfalls gerade beim Einkaufen ist, staunt nicht schlecht: Diese Seite von Tiffany Aching hat sie noch nicht kennen gelernt. Doch als es ans Bezahlen geht, wundert sie sich ordentlich. Tiffany verlangt nämlich 90 Prozent Rabatt! Mit wem hat es der Ladenbesitzer, Mister Zakzak Stronginthearm, ein braver Zwerg, denn hier zu tun? Mit einer Betrügerin etwa?

Zakzak ruft seinen Hauszauberer Brian zu Hilfe. Brian hat auf der Unsichtbaren Uni studiert und kann sicherlich für Ruhe sorgen. Leider ist Brian der Aufgabe ebensowenig gewachsen wie Annagramma: Er wird von Tiffany in einen Frosch verwandelt. Die überschüssige Menschenmasse, die nicht in einen Frosch passt, stopft Tiffany in einen Ballon aus Menschenhaut. Er ist schön rosa und schwebt unter der Decke.

Annagramma zieht es vor, bei diesem Anblick in Ohnmacht zu fallen, Zakzak zieht es vor, auf alle Waren, die diese Hexe haben will (und zwar jede Menge Waren) großzügig Rabatt zu gewähren. Vielleicht lässt sie ihn sogar am Leben. Tiffany zieht es vor, sofort zu verschwinden und zu Hause ihre neuen Klamotten anzuprobieren.

|Spielverderber|

Tiffany findet, endlich sei das Leben lebenswert. Doch man kann darauf wetten, dass genau dann, wenn es am schönsten ist, garantiert ein Spielverderber auftaucht. In diesem Fall sogar zwei: die Nac Mac Feegle und – Granny Weatherwax.

_Mein Eindruck_

Wird das weitere Schicksal von Tiffany Aching in späteren Bänden weitererzählt werden? Wir wissen es noch nicht, der Autor verrät es noch nicht, aber wir wollen es sehr hoffen. Denn Tiffany ist weit mehr als nur eine junge Hexe, die gar nicht wie eine aussieht. Sie ist ein Gegenentwurf zu Harry Potter, zu der Zauberschule Hogwarts und überhaupt zu der Aufspaltung der Welt zwischen der der Zauberer und der der Muggel.

Tiffanys Welt ist ein Kontinuum, und wenn man nach Westengland wandern würde, sagen wir: nach Wiltshire oder Shropshire, könnte man vielleicht sogar Leute finden, die so oder so ähnlich auf ihren Weilern leben wie die Leute im Buch. (Ein Beispiel: Der durch Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Film bekannt gewordene Art Designer und Illustrator Alan Lee lebte vor dem ganzen Rummel um den Film sehr abgeschieden irgendwo in Südwestengland, und das Jackson-Team musste ihn erst einmal per GPS lokalisieren.) Der Autor lebt selbst in Westengland und beschreibt diese Gegend in seinem Interview (siehe „Anhänge“).

„Witchcraft“ wird von Pratchett völlig anders dargestellt als von J. K. Rowling. Es dreht sich nicht um Macht, Kontrolle und Dinge, auch nicht um Fabeltiere und anderen Kinderkram, sondern um Menschen. Tiffany kann nicht nur ausgezeichneten Käse herstellen und das Wörterbuch rückwärts und vorwärts zitieren, sie lernt auch, wie man sich als Hexe um andere Menschen kümmert und so seinen Lohn erhält, nicht als Obolus in harter Währung, sondern auf dem Wege von Tauschgeschäften. Offensichtlich benötigen Hexen kein Geld.

Wem die junge Hexe nun zu langweilig erscheint, dem sei gesagt, dass sie über mehrere bemerkenswerte Qualitäten verfügt. Zum einen ist da schon das erwähnte Verlassen des eigenen Körpers. Miss Level ist sehr erstaunt darüber – seit Generationen habe keine Hexe mehr über diese Fähigkeit verfügt. Zweitens kann Tiffany ausgezeichnet denken: Sie hat erste, zweite und dritte Gedanken. Das hilft, zur richtigen Entscheidung zu gelangen, sollte man meinen. Tut es meistens auch. Außerdem kann sie ihre Augen zweimal öffnen: einmal für die physische Welt und einmal für die Welt dahinter.

Zudem hat sie keine Angst vor dem Tod. Als sie mit dem Hiver ins Land jenseits des Landes der Lebenden einen kleinen Ausflug unternimmt, begegnet sie dem Sensenmann, der immer in GROSSBUCHSTABEN redet. Sie sagen hallo bzw. HALLO zueinander und gehen ihrer Wege, wobei gesagt werden muss, dass es eher so ist, dass Tod sich vor dem zudringlichen Nac Mac Feegle an Tiffanys Seite in Sicherheit bringt. Schrecken geht bei Pratchett häufig einher mit Komik. Es ist seine Methode, Kindern mit den tieferen, ernsteren Wahrheiten des Lebens vertraut zu machen. Er hat sicherlich nicht vor, Horrorromane unters Volk zu bringen.

|Die Sache mit dem Hut|

Ständig geht es in dem Buch um spitze Hexenhüte. Ja, der Buchtitel selbst dreht sich um einen solchen Hut. In der Art und Weise, wie sich Pratchett des Themas annimmt, wird seine radikale Abkehr von der Harry-Potter-Welt deutlich. Annagramma und ihre Kolleginnen finden spitze Hüte einfach modisch, passend zu einem bodenlangen Kleid aus nachtschwarzer Seide. Beide Accessoires müssen unbedingt auch mit Monden und Sternen bestickt sein, je mehr Silber, desto besser. Die Hexe Mrs. Earwig ist die Inkarnation dieses New-Age-Esoterik-Modetrips.

Sehen wir uns dagegen mal Tiffany an, so könnte man sich glatt schlapplachen. Sie hat – im Normalzustand – lediglich einen unsichtbaren Hut auf, den ihr Granny Weatherwax am Ende von „Wee Free Men“ geschenkt hat. Doch was man nicht mit den ersten Augen sieht, das existiert offenbar nicht. Diese Oberflächlichkeit ist in Pratchetts, äh, Augen ein schwerer Fehler. Er verhindert zum Beispiel die richtige Auseinandersetzung mit Wesen wie dem Hiver.

|Das Ungeheuer|

Als der Hiver die junge Hexe übernimmt, erschließt sich dieser unfreiwillig eine weitere Dimension. Im Hiver – nomen est omen – ist ein ganzer Schwarm von Seelen eingeschlossen. Nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren, die vor Jahrmillionen lebten, beispielsweise von Säbelzahntigern. Auch ein vorwitziger Magier ist hier ein Stammgast: Sensibility Bustle. Der Namen bedeutet so viel wie „Empfindsamkeit Geschäftig sein“, was ja ein seltsamer Widerspruch zu sein scheint. Aber viele von Pratchetts Namen bilden Widersprüche. Das macht sie so interessant.

Tiffany findet heraus, dass das Ungeheuer eigentlich gar nicht böse ist. Es meint nur, es müsse sich wie ein Kontroll-Freak verhalten, weil dies alle übernommenen Wesen so wünschten: Machtausübung durch Angsterzeugung. Doch Tiffany ist die große Ausnahme von der Regel. Sie braucht eine Weile, um dem Hiver das beizubringen. Dann muss sie ihm noch eine Alternative zu diesem falschen Weg zeigen. Deshalb gehen sie zusammen ins Geheime Land, wo sie auf TOD stoßen.

|Mein Leseerlebnis|

Diese Folge von Tiffanys Abenteuern fand ich schwieriger zu lesen als den ersten Band. Erstens ist weniger los, und zweitens tauchen die Feegle nur selten auf – dann aber in so umwerfend komischen Szenen, dass man sich das Lachen nicht verkneifen kann. Leider erfordern ihre Szenen im Original fortgeschrittene Englisch- und Schottischkenntnisse. Man muss auf das Glossar zurückgreifen, um sie zu verstehen und ein wenig die Aussprache berücksichtigen, dann kommt man zurecht.

Darüber hinaus gibt es nur weniges, das wirklich originell genannt zu werden verdient. Dass Hexen nicht wie Hexen aussehen oder handeln müssen – das kannten wir schon aus „Wee Free Men“ und eigentlich, wenn man’s recht bedenkt, schon aus dem allerersten Scheibenwelt-Roman mit Oma Wetterwachs. Und auch jetzt noch bewegen sich Hexen auf Besen als ihrem bevorzugten Vehikel fort.

Originell könnte die Figur des Hiver erscheinen, doch mich erinnerte das Ding immer fatal an gewisse Folgen von „Raumschiff Enterprise“, in denen es Pille, Kirk, Scotty und Spock mit allerlei seltsamen Wesen und Konstrukten zu tun bekamen – das muss in den sechziger Jahren gewesen sein. Deswegen haute mich das „Ungeheuer“ nicht sonderlich um.

|Story vom Pferd|

Bleibt als Einziges noch das Weiße Pferd von Uffington übrig. So heißt es natürlich nicht im Roman, aber man kann diese in die Seite eines Hügels eingelassene urzeitliche – hm, wie soll man’s nennen – Landschaftsskulptur (?) mit der Darstellung eines weißen, rennenden Pferdes im englischen Uffington besichtigen. Das Bemerkenswerte an dieser künstlerischen Darstellung ist, dass es sich keineswegs um eine realistische Wiedergabe des Abbilds eines Pferdes handelt, sondern sozusagen um die künstlerische Interpretation dessen, was ein rennendes Pferd ausmacht – sozusagen seine Essenz oder „horsiness“.

Tiffany erhält zu Beginn ihrer Reise in die Fremde ein silbernes Amulett vom Sohn des Barons geschenkt. Roland hatte sie im Feenland das Leben gerettet. Seitdem ist er nicht bloß ein wenig in sie verschossen. Das Amulett zeigt exakt das laufende Pferd von Uffington (siehe die Abbildung im Anhang des Buches). Im Finale taucht ein weißes Pferd auf – ich hatte es irgendwie erwartet.

Wer will, kann aus diesen Zusammenhängen eine Kunsttheorie à la Terry Pratchett herauslesen. Aber in Wahrheit existiert sie bereits: Es handelt sich um die Übertragung des Prinzips der Höhlenmalerien auf die Welt der magischen Amulette. Diese beschwörenden Amulette sind offenbar von weitaus größerem Wert für magische Handlungen als der ganze Klimbim, mit dem sich beispielsweise Junghexe Petulia zu behängen pflegt, nur um dem Modeideal von Mrs. Earwig zu genügen. Petulia macht sich darin nur lächerlich, weil sie sich regelmäßig in den Ketten verheddert und sich nur mit fremder Hilfe aus dem Wirrwarr (dem Gefängnis der falschen Vorstellungen und Ideale) befreien kann.

Wie man sieht, gibt es jede Menge Ironie, Komik und Horror – eine interessante Mischung, die jugendliche Leser hier vorgesetzt bekommen. Andererseits sind die Gewaltszenen sehr dünn gesät und derart surreal, dass sie keiner ernst nehmen kann. Eltern können beruhigt sein, während ihre Kleinen nach etwas Aufregung in diesem Buch lechzen. Mir war es auch zu brav.

|Die Anhänge etc.|

Die amerikanische Taschenbuchausgabe wartet mit mehreren Goodies auf, die das Buch beträchtlich aufwerten, wie ich finde. Neben der Autorenbiografie und der obligaten Discworld-Bibliografie findet sich hier ein aufschlussreiches Interview – getarnt als „Fragen & Antworten“ – sowie am Anfang ein Glossar. Dieses Wörterverzeichnis übersetzt dem Laien oder Einsteiger die alten schottischen Begriffe, die die Nac Mac Feegle verwenden, in modernes Englisch. Dieses Glossar hätte ich auch in „The Wee Free Men“ sehr nützlich gefunden, als ich dieses Buch gelesen habe.

_Unterm Strich_

Mit Fortsetzungen zu erfolgreichen Romanen ist es ja immer so eine Sache. Wird sie genauso gut sein wie der tolle Erstling? „A Hat Full of Sky“ ist nicht so gut wie „Wee Free Men“, aber das war im Grunde zu erwarten. Es ist anders: tiefgründiger, weiser, noch verdrehter in seiner Denke, als es „Wee Free Men“ schon war. Dass dabei die Action ein wenig auf der Strecke bleibt, muss man billigend in Kauf nehmen. Der Höhepunkt ist sicherlich der Showdown zwischen Tiffany und Hiver im Geheimen Land. Leider kommen danach noch etliche hundert Seiten, die man lediglich als Ausklang qualifizieren kann. Ein sehr langer Ausklang.

Wer aber „Wee Free Men“ oder die Übersetzung „Kleine freie Männer“ genossen hat, der wird auch diese Fortsetzung nicht verpassen wollen.

|Hinweis|

Inzwischen hat Pratchett schon wieder einen neuen Scheibenwelt-Roman für Erwachsene veröffentlicht. „Thud!“ dreht sich um kriegerische Auseinandersetzungen und spielt auf den Irakkrieg bzw. den „Krieg gegen den Terror“ an.

Wahren, Friedel / Simon, Erik (Hg.) / Donaldson / Moorcock / Le Guin / Pratchett / Dunsany u. a. – Tolkiens Erbe – Elfen, Trolle, Weltenschöpfer

_Fantasymenü: Licht und Schatten nah beieinander_

Im Jahr 2001, als diese Fantasy-Anthologie entstand, erschien Tolkien in Sachen Fantasy als das Maß aller Dinge. Kein Wunder: Die Verfilmung durch Peter Jackson brach alle Kassenrekorde und löste einen erneuten Fantasy-Boom aus. (Der letzte lag schon 20 Jahre zurück.) Jeder Verlag, der etwas auf sich hielt, hängte sich an den mit Volldampf fahrenden Fantasy-Zug. Die vorliegende Sammlung unterscheidet sich von den meisten ihrer Art durch ihre Sachkenntnis und die Respektlosigkeit der neueren Autoren gegenüber den Vorvätern des Genres. Zudem bietet sie Gelegenheit, zwei Wegbereiter Tolkiens kennen zu lernen: E. R. Eddison und Lord Dunsany.

_Die Herausgeber_

Friedel Wahren arbeitete mehrere Jahre als Fantasylektorin im |Heyne|-Verlag, wechselte dann zum Münchner |Piper|-Verlag und bekam dort die von |Heyne| angekaufte Fantasyreihe übertragen.

Erik Simon, geboren 1950 in Dresden, las schon mit zehn Jahren Phantastik, als Physikstudent schrieb er die ersten Erzählungen. Nach seiner Mitgliedschaft in einem SF-Klub zu Stanislaw Lem wurde er Verlagslektor. Er hat mehrere Storybände veröffentlicht und arbeitete häufig für den |Heyne|-Verlag als Lektor, Übersetzer und Herausgeber.

_Die Erzählungen_

|1) Lord Dunsany: Die Zwingburg so keiner bezwingt denn Sacnoth das Schwert (1908)|

Die braven Dorfbewohner von Allathurion, das am großen Wald liegt, werden neuerdings des Nachts von üblen Träumen geplagt, Träumen, die von den „aschenen Weiten der Hölle“ erzählen. Entweder schlafen sie schlecht oder gar nicht. Doch wer sendet ihnen diese Träume Satans? Ihr Zaubermeister findet nach langem Suchen die Antwort: Es ist der Hexenmeister Gaznak. Doch Gaznak sei unbesiegbar, außer durch eine einzige Waffe: das Schwert Sacnoth. Allerdings stecke dieses im Rücken des metallenen Drachen Tharagaverrug, der unverwundbar sei.

Mit einem Trick gelingt es dem Freiwilligen Leothric, dem Sohn des Dorfvorstehers, das Schwert zu beschaffen und in den Griff der speziell geschärften Klinge eines der Augen des Drachen einzusetzen. Dieses magische Auge warnt ihn vor unterschiedlichen Gefahren.

Auf diese Weise bewaffnet, begibt sich Leothric zur Zwingburg Gaznaks, die sich bis zu den Sternen erhebt. Einzig sein Schwert Sacnoth, wie es die Prophezeiung besagt, ist in der Lage, alle Hindernisse zu beseitigen und den Weg bis zu Gaznak freizuschlagen. Und was für Gezücht da den Weg verlegt: verschlagene Drachen, Riesenspinnen, Vampire, Wölfe und wunderschöne Weiber mit Augen aus Feuer. Doch niemand widersteht Sacnoth, dem Schwert, und dem eisernen Willen seines Trägers. Niemand außer Gaznak selbst, dessen eigenes Schwert in puncto Stärke Sacnoth in nichts nachsteht …

Wie schon an der Überschrift abzulesen ist, liest sich die ganze Story wie ein mittelalterlicher biblisch-heroischer Legendentext. Die sehr symbolische und doch anschauliche Erzählung ist im getragenen und rhythmischen Tonfall des 16. oder 17. Jahrhunderts, insbesondere der James-Bibel gehalten. Diesem Stil ist – auch in der Übersetzung – der Rhythmus der Sätze angepasst, so dass es von Zusammenziehungen wie „Dämm’rung“ oder „finster war’s“ nur so wimmelt. so dass man die volle kosmische Bedeutung dieses Zweikampfes zwischen Gut und Böse erfasst. Kein Wunder, dass sich H.P. Lovecraft davon inspirieren ließ. Es sind einige bahnbrechende Vorstellungen darin versteckt, so etwa jene, dass Gaznak, der Träumer der Hölle, auf einem Kometen aus den Tiefen des Alls gekommen sei. Er könnte somit einer der Großen Alten sein, die bei HPL für so viel Ungemach sorgen.

|2) E. R. Eddison: Zora Rach nam Psarrion (1922, aus [„Der Wurm Ouroboros“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1575 28. Kapitel)|

Krieg herrscht in den vier Landen um das grüne Zimiamvia. Um die Oberhand gegen den König des Hexenlandes zu gewinnen, schickt Königin Sophinisba von Dämonenland ihren Lord Juss auf eine gefahrvolle Mission. Er soll seinen Bruder Lord Goldry Bluszco von den Spitze des Berges der Toten holen, auf dass er erlöst werden könne und sich ihrem Heer anschließe.

Mit einem Flugross gelangt Lord Juss weit nach Westen auf den vereisten Hang des Zora Rach. Der Aufstieg ist entsprechend beschwerlich, doch schlimmer noch sind die vielen Versuchungen, die sich Juss in den Weg legen. Sie sind Verkörperungen von Grauen, Mitleid, Ehre und sogar körperlicher Lust (eine schöne nackte Frau natürlich). Da es ihm nicht gelingt, den erstarrten, tot geglaubten Goldry zu erwecken, schleppt sich Juss bis hinunter zu den Enden des Gletschers und weiter bis zur Königin. Diese heilt den aufgetauten Goldry mit einem Kuss.

Obwohl die Erzählung in Mittelerde spielt, so hat sie doch nicht mit Tolkiens gleichnamiger Welt gemeinsam. „Mittelerde“ ist eine Bezeichnung aus der nordischen Mythologie. Und Eddisons Menschenwelt hat nichts mit den Vorgaben einer bestimmten Religion zu tun. Wie die allegorischen Versuchungen Lord Juss’ zeigen, greift der Autor vielmehr auf mittelalterliche Versepen zurück, die allgemein die Tugenden eines christlichen Ritters lobpreisen. Der kurze Text verrät, wie stilisiert und heroisiert die Figuren Eddisons fühlen, reden und agieren. Mein Geschmack ist das nicht gerade.

|3) Stephen R. Donaldson: Tochter der Könige (1984, ca. 130 Seiten)|

Es geht um eine Staatsaffäre, und entsprechend majestätisch sind die Sprache und der Erzählstil. Der Regent über die drei Königreiche ist tot, es lebe die neue Regentin! Leider gibt es, bevor es dazu kommen kann, ein kleines Problem. Die junge Königin in spe Chrysalis (= Schmetterlingspuppe) muss bei ihrer Thronbesteigung, nein, |durch| die Thronbesteigung beweisen, dass sie Macht über die Magie der Realien besitzt.

Jedes Oberhaupt der drei Königreiche bezweifelt natürlich, dass die junge Dame dazu in der Lage ist, die Magie des Throns zu beherrschen. Insgeheim hoffen sie selbst, auf eben diesen Thron zu gelangen und intrigieren fleißig, u. a. mit einem von ihnen finanzierten Rebellenpack, das die Unfähigkeit des Regenten belegen soll. Doch Chrysalis hat von ihrem Ziehvater, dem Lordmagier Ryzel, nicht umsonst ein paar Kniffe und Ratschläge gezeigt bekommen, wie sie sich durchsetzen kann.

Allerdings hatte ihr Vater sie vor seinem Tod auch davor gewarnt, einem mächtigen Mann wie Ryzel zu vertrauen. Denn Macht korrumpiert schließlich jeden.–

Ich fand diese Novelle unglaublich zäh zu lesen. Die Gedanken und Argumente sind derart verwickelt, dass es keinerlei Spaß, sondern vielmehr eine Menge Mühe macht, dem Gang der Erzählung zu folgen. Rückblenden schreckten mich ebenso ab wie der gestelzte Ton, in dem der Autor erzählt – allenfalls aus dem Blickwinkel der erzählenden Prinzessin zu akzeptieren. Der Übersetzer setzt diesen geschraubten Stil sehr genau um, so dass man sich sofort im 14. Jahrhundert wähnt. Doch so mancher Fantasyfreund der jüngsten Generation dürfte sich daran die Zähne ausbeißen.

Mein Empfehlung daher: Diese Novelle unbedingt erst am Schluss lesen, wenn überhaupt.

|4) Jack Vance: Liane der Wanderer (1950, aus „Die sterbende Erde“)|

Liane ist ein gar kecker Bursche und sehr von sich überzeugt. Er wandert durch den Wald, bringt einen Gewürzhändler um, findet in dessen Grab einen Zauberring und vernimmt von einem Libellenpiloten, dass in den Thamberauen eine goldene Hexe lebe. Flugs marschiert er dorthin, um ihr seine Liebe anzubieten, denn sie sieht wirklich zum Anbeißen aus. Doch dieses Weib ist eigensinnig und belohnt seine zarten Annäherungsversuche mit spitzem Stahl! Bevor sie ihm ihre Gunst gewähre, müsse er ihr dienen, fordert Lith. Was für ein ungewöhnliches Frauenzimmer, wundert sich Liane, willigt aber trotzdem in den Handel ein.

Der Dienst besteht darin, dass er ihr die fehlende Hälfte eines Gobelins zurückbringt, den ihr Chun der Unvermeidliche gestohlen habe, wie sie sagt. Der Wandteppich zeigt eine schöne Landschaft – vielleicht Liths Heimat. Aber nun macht sich Liane frohgemut auf zu Chun dem Unvermeidlichen. Was hat er schon zu fürchten? Hat er doch einen Zauberring, der ihn unsichtbar machen kann! – Leider kommt für ihn alles viel schlimmer als erwartet. Denn Chun heißt nicht umsonst „der Unvermeidliche“ …

Die Story ist Teil des Episodenromans „Die sterbende Erde“, in dem sich die Erde in einem fantastisch anmutenden Endstadium ihrer Existenz befindet – kein Wunder, denn fünf Jahre zuvor ging die Welt schon zweimal durch die Atombombe unter. Endzeitvisionen lagen voll im Trend. „Nirgends rührte sich etwas. Der Sonnenschein verlieh den Ruinen eine unheimlich anmutende Pracht. Auf allen Seiten erstreckte sich eine Landschaft aus geborstenem Stein, eine Wüste aus tausenden von eingestürzten Gebäuden.“ (S. 202). In dieser Vision von Hiroshima könnte man sich Chun als Symbol der Radioaktivität sehr gut vorstellen.

Doch Vance hat ein romantisches, abenteuerlustiges Temperament. Genauso sind seine Figuren, so wie Liane. Doch Liane hat einen gravierenden Fehler: seine Selbsttäuschung durch übersteigertes Selbstbewusstsein. Er denkt, der jungen Hexe hätte nichts Besseres passieren können als eine Begegnung mit ihm, dem grünberockten Helden mit der roten Feder am Hut und den roten Schuhen. Er erinnert an Errol Flynn in seinem Robin-Hood-Film: randvoll mit kecker Kühnheit. Umso weniger ist Liane gewillt, die Gefahr durch Chun den Unvermeidlichen ernst zu nehmen. Bis es zu spät ist. Doch die goldene Hexe wird einen weiteren Dummen finden, denn sie hat einen guten Grund dafür … Die Story ist randvoll mit tragischer Ironie und endet mit einer schockierenden Pointe.

|5) Andrzey Sapkowski: Die Grenze des Möglichen (1992; aus „Das Schwert der Vorsehung“, 100 Seiten)|

Geralt der Hexer macht die angenehme Bekanntschaft des Ritters Borch Drei Dohlen und dessen beiden Amazonen Tea und Vea. Das Gespräch kommt auf das Thema Drachen, denn Geralt behauptet, es gebe weder weiße noch goldene Drachen, sondern höchstens die normalen roten, blauen und grünen. Dies seien die Grenzen des Möglichen.

An der Grenze zu Barfeld erfahren sie vom Troubadour Rittersporn, dass es hier in der Gegend eine Drachenjagd gebe und sich allerlei Volk einfinde, um dem Drachen seinen Schatz abzunehmen. Der König Niedamir habe die Grenze geschlossen, um selbst den Kopf des Drachen als Brautgabe zu erringen, denn er wolle die Tochter seines Nachbarn zur Frau nehmen, auf dass er dessen Reich erbe. Mit etwas alkoholischer „Überredung“ können sie den Grenzposten passieren.

Das Lager in der Nähe des Drachenhorts ist in der Tat schon ziemlich voll: mit Geralt sind es bereits drei Zauberer (zwei männliche, ein weiblicher), und dazu kommen noch diverse Ritter, der König selbst und eine Handvoll Zwerge, die ihm helfen sollen. Natürlich werden Drache und Hort bereits vorher verteilt, was für einigen Unmut sorgt. Wie sich herausstellt, ist die Zauberin Yennefer eine frühere Geliebte Geralts, doch leider klappt es mit der Wiedervereinigung (noch) nicht so ganz.

Nach einer kleinen Steinlawine, die die meisten überleben, stehen die Drachenjäger leibhaftig ihrer Beute gegenüber. Und dieser Drache ist wunderschön, von der Schnauze bis zur Schwanzspitze völlig golden. Und er kann sprechen …

Die „Grenzen des Möglichen“ verschieben sich fortwährend in dieser Erzählung, so dass für jede Menge Überraschungen gesorgt ist – bis zur letzten Seite. Daher ist es ein wahres Vergnügen, die Novelle des polnischen Schriftstellers zu lesen, der sich als wahrer Könner entpuppt. Erik Simon, der Übersetzer und Herausgeber, hat hiermit einen guten Anreiz geliefert, Sapkowskis gesamten Zyklus um Geralt den Hexer zu lesen. Der Zyklus ist als Sammelband seinerzeit bei |Heyne| erschienen, allerdings nach Band zwei nicht mehr übersetzt worden, obwohl es sieben Bände gibt.

|6) Michael Moorcock: Könige in Dunkelheit (1962; aus „Im Banne des Schwarzen Schwertes“)|

Elric, der verbannte Albino-Zaubererkönig, und sein Freund, der kleine Mondmatt, befinden sich auf der Flucht vor aufgebrachten Bettlern, setzen über einen Fluss und müssen notgedrungen in den verfluchten Wald von Troos vordringen, um ihre Verfolger abzuhängen. Der Wald soll von Angehörigen des Volkes der Verdammten aus Org bevölkert sein, doch alles, was sie vorfinden, ist eine schöne 17-jährige Prinzessin, die sich verirrt hat. Zarozinias Begleiter wurden von den Leuten aus Org überfallen und nur sie überlebte durch Flucht.

Elric ahnt, dass es mit ihr eine besondere Bewandtnis hat und verliebt sich in das Mädchen. Sie hat überhaupt keine Angst vor seinem Schicksal noch vor seiner seelenfressenden Runenklinge Sturmbringer. Doch ermattet vom Liebesspiel vergisst er zu wachen, und so gelingt es den Kriegern aus Org, die kleine Gruppe zu überfallen. Sie können die Angreifer zurückschlagen, doch bei der Flucht müssen sie ihre Schätze zurücklassen.

Deshalb dringen sie in die Zitadelle des Königs von Org ein, unter dem Vorwand, Sendboten der Götter zu sein. Ein Angriff erweist, dass die beiden Männer tatsächlich unverwundbar sind (Elric hat einen Zaubertrank hergestellt). Doch Gutheran, sein blinder Bruder Veerkad und sein Sohn Hurd wollen einen fiesen Plan in die Tat umsetzen, um einen uralten Fluch, der auf dem Volk der Verdammten liegt, abzuwenden. Und der Plan sieht die Opferung Elrics vor …

Dies ist typische Sword-&-Sorcery-Kost, also Schwertkampf & Hexerei, die hier wie bei Robert E. Howards |Conan|-Erzählungen mit einfachsten Mitteln eingesetzt werden. Die Opfer kommen stets unter absonderlichsten Umständen ums Leben, und einer der Könige stirbt sogar an Folgen eines „Krampfes“, bei dem es sich wohl um eine Herzattacke handelt. Die Helden sind stets stark, die Maiden gar lieblich. Doch Elric ist eine bedeutende Abweichung vom Schema F: Er ist zur Selbstvernichtung verdammt, symbiotisch mit seinem Runenschwert verbunden und ein Günstling des Donnergottes Arioch. Die sechsbändige Ur-Saga um Elric wurde daher vom Autor zu einem großen Zyklus ausgebaut.

|7) Tanith Lee: Die Tochter des Magiers (1987; aus „Nächtliche Zauber“, ca. 100 Seiten)|

Es war einmal vor langer Zeit auf der Flachen Erde, dass die schöne Shemsin die Aufmerksamkeit des Zauberers Rashak mit dem Dunklen Gehirn erregte. Statt sie in einen Tempel bringen zu lassen, verlangte er, dass ihr Vater sie ihm zur Frau gebe. Dies wurde gewährt, und Shemsin reiste in den unheimliche Burgpalast des Zauberers, der mitten in einem Phosphorsumpf lag. Als Shemsin das Antlitz des Magiers zum ersten Mal gewahrt, fällt sie ob solcher Schönheit schier in Ohnmacht. Sie ahnt nicht, dass es sich nur um ein Trugbild handelt, das er für sie aufgesetzt hat. Deshalb ist sie ihm gerne zu Willen und empfängt schon beim ersten Beischlaf sein Kind.

Doch Rashak verfolgt dunkle Pläne mit diesem Kind. Da es seine Seele erst kurz vor der Geburt erhalten wird, will er ihm die Seele von Azhriaz, der Göttin der Nacht, einpflanzen. Doch mehrere Götter der Flachen Erde, darunter ein Abgesandter des Todesgottes, warnen ihn, dass in seinem Plan ein Fehler stecke. Er lässt sich nicht davon abhalten. Doch als Shemsin einen Monat vor ihrer Niederkunft steht, taucht eine geheimnisvolle Hebamme auf, die verschleiert ist. Diese will Shemsin die wahre Identität ihres Gebieters enthüllen. Der entsetzliche Anblick der Wahrheit verwandelt ihre Leibesfrucht: Shemsin gebiert einen Krüppel.

Da Rashak seine Geliebte (die nur eine unter vielen ist) ohnmächtig am Fuße seiner Treppe gefunden hat, weiß er, dass etwas Unrechtes geschehen ist. Er lässt Shemsin und ihre Hebamme einmauern und gibt das missgebildete Kind einer Kreatur aus den finsteren Tiefen des Palastes zur Aufzucht. Während es dem Herrn der Illusionen gelingt, Shemsin und ihre Gefährtin zu entführen, wächst in den unteren Ebenen seines Palastes die kleine Ezail heran. Schließlich bricht sie zu eigenen Abenteuern auf …

Schade, dass Rashak nicht seine verdiente Strafe erhält, so geht es nun mal auf der Flachen Erde der Autorin zu. Sie interessiert viel mehr, wie die Mächtigen mit den Sterblichen umspringen und was sich daraus an sinnlichen und ungewöhnlichen Geschichten entspinnen lässt. Ungewöhnlich ist auch, dass der Herr des Wahnsinns, Chuz, nur am Rande vorkommt, dann aber im Finale eine tragende Rolle spielt. Auf diese Weise lässt sich der Verlauf einer Story von Tanith Lee nie vorhersagen. Sicher ist nur, dass der Leser neben Horror und Abenteuer auch eine Menge Humor und Sinnlichkeit erwarten darf.

|8) Barrington J. Bayley: Das Schiff des Unheils (1965)|

Die Elfen haben die Seeschlacht gegen die Trolle verloren, und Kapitän Elen-Gelith ist mit seiner Galeere geflohen. Kein Wunder, dass er stinksauer ist und gleich das nächstbeste Menschenschiff versenken lässt. Doch es gibt einen Überlebenden, Kelgynn und den lässt Elen-Gelith gleich an den Ruderriemen ketten und malochen – neben den anderen Trollen.

Doch der junge Mann merkt schnell, dass an Bord nicht alles zum Besten bestellt ist. Die Trollruderer bekommen nur verfaultes Fleisch zu essen, von dem ihm schlecht wird, und sonst gibt’s nur Elfenbrot, eine Art Manna immerhin. Allmählich bekommt er Oberwasser und bietet dem Käptn an, Fische zu angeln. Diese jedoch sehen sehr seltsam, beinahe intelligent aus, und man lässt sie in die See zurückwerfen. Diese gebärdet sich zudem sehr sonderbar und formt aus eigenem Antrieb traumhafte Gebilde. Allmählich wird dem Menschen klar, was mit Elfen und Trollen nicht stimmt, und sagt dem Kapitän, dass die Zukunft nur den Menschen gehören werde …

Ähnlich wie Poul Andersons Roman [„Das zerbrochene Schwert“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1127 erscheinen die Elfen als selbstsüchtige, kriegerische Rasse, die in beständigem Kampf mit den Trollen liegt und auf die Menschen als „Tiere“ verächtlich herabsieht. Aber den Elfen ist seit langem nichts Konstruktives mehr eingefallen, und alles was ihnen geblieben ist, ist die Rache. Kelgynn hat eine ökologisch anmutende Botschaft für den Kapitän (und das schon anno 1965!): Da die Elfen und Trolle der Mutter Erde nichts mehr zurückgeben, gibt diese auch ihnen nichts mehr. Die Nahrungsquellen beider Rassen versiegen. Nur die Menschen werden übrig bleiben und ihr Erbe antreten. Na, dann sollten die Leser sich an die eigene Nase fassen und es heute nicht wie die Elfen machen!

|9) Ursula K. Le Guin: Drachenmädchen (1998), ca. 80 Seiten|

Eine geniale und bis zur allerletzten Seite spannende Erweiterung des bisherigen Geschehens im [Erdsee-Archipel,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=146 die nahtlos an „Tehanu“, den vierten Erdsee-Roman, anschließt. –

Die junge Bauerstochter Illian, deren Mutter unbekannt ist, will Rok, die Insel der Weisen und Magier, besuchen, um herauszufinden, wer oder was sie ist. Doch Damenbesuch ist im Kloster der Magier inzwischen wieder streng verboten (das war früher ganz anders!). Der Erzmagier Thorion will Illian verjagen, doch eine ältere und mächtigere Magie, als er sie besitzt, tötet ihn: Illian ist ein Drache!

Diese wundervoll erzählte Geschichte war bereits in R. Silverbergs Anthologie „Der siebte Schrein / Legenden“ zu lesen und findet sich auch in „Das Vermächtnis von Erdsee“ unter dem Titel „Schwebender Drache“ wieder.

|10) Beard & Kenney: Die Brücke über den Gallweinfluss (1969; aus dem 4. Kap. von „Der Herr der Augenringe“)|

Frito, Spam und ihre Gefährten sind auf dem Weg, den Stapfer sie vom Auenland nach Brüchigtal führt. Doch vor der Brücke über den Gallweinfluss haben die neun Nozdruls, die auf ihren Säuen reiten, sie eingeholt. Spam zieht beim Losen den Kürzeren und soll die Nozdruls ablenken, doch er hält Petzen für den klügeren Teil der Tapferkeit und zeigt den Schwarzen Reitern, wohin Frito mit dem Ring verschwunden ist. Frito schafft es gerade noch über die Brücke, als ein Zollbeamter die Verfolger aufhält. Zoll oder es kracht! —

Diese Parodie aus dem Jahr 1969 schafft es immer noch, den Leser durch ihre zahllosen Respektlosigkeiten zu verblüffen. Doch das Verfahren, mit dem die beiden Autoren das Vorbild „Der Herr der Ringe“ durch den Kakao ziehen, ist durchaus durchdacht. Sie haben Tolkiens Stileigenheiten genau angesehen und äffen sie nach, natürlich auf ihre parodistische Weise. Recht vergnüglicher Quatsch.

|11) Esther M. Friesner: Grausputz (1996)|

Der Grausige Herrscher hat die Elfenprinzessin Minuriel gefangen und will sie unbedingt zu seinem Eigentum machen. Also muss er sie heiraten. Aber sie will nicht, was bedeutet, dass sie mit geeigneter Erpressung „überredet“ werden muss. Das gelingt ohne weiteres. Doch sie ist mindestens so schlau wie seine grausige Majestät. Bevor sie ihr Ja-Wort gibt, steht es ihr wie jeder Elfenmaid frei, eine „Gabe“ zu verlangen. Die kann er ihr nicht verweigern. Sie verlangt eine neue Inneneinrichtung des Schlösses Düsterwacht. Zu diesem Behuf zaubert sie einen blonden, blauäugigen und erotisch säuselnden Innendekorateur herbei, der den schönen Namen Selvagio Napp trägt und sofort das Kommando übernimmt. Seine grausige Majestät ahnt noch nicht, dass er binnen weniger Monate sein Schloss nicht mehr wiedererkennen wird.

Hinter der Parodie auf Sauron versteckt sich eine weitere Parodie: auf New Yorker jüdische Prinzessinnen. Wehe, man lässt ihnen freie Hand, dann krempeln sie einem das ganze Leben um. Und bei der Heirat kriegt man auch noch einen Hausdrachen obendrein. Die Story ist sehr anschaulich, vergnüglich und mit absonderlichen Figuren und Einfällen gespickt.

|12) Terry Pratchett: Der Zauber des Wyrmbergs (1983; aus „Die Farben der Magie“)|

„Die Farben der Magie“ (The Colour of Magic, 1983) ist Pratchetts erster Scheibenwelt-Roman. Widerwillig begleitet hier der junge Unterzauberer Rincewind den ahnungslosen Zweiblum, den ersten Touristen auf der Scheibenwelt, und dessen ebenso vielbeiniges wie psychopathisches Gepäckstück Truhe. Ein kriegerischer Barbar namens Hrun schließt sich ihnen an.

Diesmal geraten die Abenteurer in den magischen Bannkreis des Wyrmbergs. Dieser steht in seiner Magiezone auf dem Kopf, ist innen hohl und beherbergt wie in einem Taubenschlag 88 Drachen und deren Reiter. Kommandiert werden sie derzeit von einer amazonenhaften Reiterin namens Liessa. Nach einem Überfall, bei dem seine Gefährten von Drachen entführt werden, findet Rincewind in einem Ast das magische Schwert Kring, das Hrun verloren hat. Es hat einen eigenen Willen und eine wahrhaft arthurische Geschichte. Er besiegt damit einen Drachenreiter und lässt sich von ihm zum Wyrmberg fliegen, um seine Gefährten zu befreien. Damit gerät er vom Regen in die Traufe.

Die Parodie in „Farben der Magie“ dient Pratchett dazu, die Fantasy durch den Kakao zu ziehen, vom Genre der Schwerter-und-Zauberei von Fritz Leiber und Michael Moorcock (Elric), über H. P. Lovecraft bis hin zu den Drachenepen von Anne Caffrey. Einmal stürzt Rincewind mit Zweiblum sogar in unsere Dimension, mitten in ein Passagierflugzeug. Da er den Entführer entwaffnet, ist ihm der Dank der Besatzung und Fluggäste sicher – er selbst hat keine Ahnung, was er hier soll und kehrt zurück in die Scheibenwelt. Pratchett ist selten wieder so ausgelassen und grenzüberschreitend gewesen. Man merkt, dass er zuvor noch Science-Fiction geschrieben hatte („Strata“).

_Mein Eindruck_

Eine recht kostengünstige Anthologie für den |Heyne|- bzw. |Piper|-Verlag: Bis auf eine deutsche Erstveröffentlichung und zwei Storys des |Insel|- (Dunsany) bzw. |Goldmann|-Verlags besaß der |Heyne|-Verlag bereits alle Rechte an diesen Übersetzungen.

Einige der ausgewählten Texte zählen zu den bekannteren Romanen der Fantasy, so etwa der Pratchett, der Jack Vance, die HdR-Parodie („Bored of the Rings“) und natürlich der Klassiker „Der Wurm Ouroboros“. Hingegen kannte selbst ich als langjähriger Leser manche Texte noch nicht: Tanith Lees „Die Tochter des Magiers“ oder Bayleys „Das Schiff des Unheils“. Zu den Standards gehören natürlich Le Guins Erdsee-Story und Moorcocks Elric-Story.

So mancher Leser mag sich nun fragen, was denn aus Merlin, Artus und ihren Rittern geworden ist. Sie kommen hier gar nicht vor. Die Herausgeber gehen auf diese Frage nicht ein. Dafür kann es mehrere Gründe geben: Artus/Merlin ist zu viel Historie und zu wenig Fantasy. Oder |Heyne| hatte keinen einzigen Artus-Roman verlegt. Oder einen wie weiland H. Warner Munns Klassiker „Merlins Ring“, aber die Rechte daran inzwischen verloren. Manchmal läuft es eben dumm.

Ich persönlich hätte an dieser Stelle noch einen Auszug aus einem der fünf „Mathemagie“-Romane um Harold Shea eingebracht, die in den 1950ern von L. Sprague de Camp und Fletcher Pratt so hintergründig-humorvoll verfasst wurden. Allerdings haben sie herzlich wenig mit Tolkien zu tun.

_Unterm Strich_

Insgesamt bietet die Anthologie eine gute Gelegenheit, sich mit der Vielfalt der Fantasy bekannt zu machen. Anders als vielleicht noch vor 15 Jahren finden heutzutage auch witzige und parodistische Texte Eingang in solche Sammlungen. Das finde ich sehr zu begrüßen.

Die Übersetzungen sind durchweg gelungen. Zu beachten: Zu „Der Wurm Ouroboros“ hat Helmut Pesch eine alternative, kommentierte Übersetzung angefertigt.

Als Einziges bedaure ich an dem Buch, dass es keine Innenillustrationen gibt. Aber das hätte natürlich den Preis erhöht.

http://www.piper.de

Pratchett, Terry – Wühler (Nomen 2)

_Satire mit Witz: Aufstand der Winzlinge_

Vor langer, langer Zeit landete ein Raumschiff auf der Erde. An Bord: die Nomen. Knapp zehn Zentimeter groß und ebenso neugierig wie eigensinnig, leben sie Jahrtausende später in einzelnen Gruppen, die nichts voneinander wissen. Eines Tages muss eine Gruppe, die am Rand einer Autobahn lebt, auswandern. In einem Kaufhaus treffen sie auf völlig andere Mitglieder ihres Volkes. Das Kaufhaus ist deren Universum. Doch dann geschieht etwas wahrhaft Schreckliches. Die Welt geht unter. Und der Untergang hat einen Namen: „Räumungsverkauf“!

In harter Arbeit und unter Überwindung unglaublicher Hindernisse gelingt den Nomen der rechtzeitige Exodus in einen Steinbruch. Zu allem Überfluss kehren auch noch Menschen in den Steinbruch zurück. Die Lage eskaliert …

_Der Autor_

Terry Pratchett und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Ihre Bücher wurden weltweit über 40 Millionen Mal verkauft. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa drei Dutzend Bücher erschienen. Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch [„The Amazing Maurice and His Educated Rodents“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219 worauf „The Wee Free Men“ und „A Hat Full of Sky“ folgte. Die |Wee Free Men|-Trilogie ist mit „Wintersmith“ (2006) komplett.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Nomen lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Nomen-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden.

Die Nomen-Trilogie besteht aus den drei Bänden:

1) [Trucker]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2998
2) Wühler
3) Flügel

Hier gibt’s eine Hörprobe:
http://www.patmos.de/title/23/349191218/mode/quick/singleBook.htm

_Der Sprecher_

Rufus Beck, Jahrgang 1957, studierte Islamwissenschaften, Ethnologie und Philosophie. 1979 ging er als Schauspiel-Eleve an die Städtischen Bühnen Heidelberg. Nach diversen Stationen u. a. in Tübingen, Frankfurt und Köln, wurde er 1989 von „Theater Heute“ als Nachwuchsschauspieler des Jahres ausgezeichnet. Von 1989 bis 1994 war er am Bayerischen Staatsschauspiel München engagiert und arbeitete als Gast u.a. an den Münchner Kammerspielen, dem Bayerischen Staatsschauspiel und dem Berliner Ensemble. Im Kino war er u. a. erfolgreich mit Sönke Wortmanns „Der bewegte Mann“.

Als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher hat er mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“. Als Interpret lyrischer Texte überzeugte er u. a. mit den von Joachim Sartorius herausgegebenen „Nachrichten von der Poesie“.

Beck liest den ungekürzten Text. Regie führte Thomas Krüger, den Ton steuerte Christoph Panizza, die Abmischung erfolgte bei Sonic Yard Studio, Düsseldorf. Das Umschlagbild malte Josh Kirby.

_Handlung_

Die Nomen haben den Exodus aus dem brennenden Kaufhaus von Arnold Bros. (gegr. 1905) geschafft und in einem Steinbruch ein neues Domizil gefunden, doch die Gedanken ihrer Führer Masklin und Gurder sind auf die Sterne gerichtet, denn dort wartet ihre wahre Heimat. Allerlei Fährnisse haben sie tapfer bestanden, und Masklin, ihr Moses, hat sich bewährt. Allerdings wären die Nomen nicht Nomen, wenn nicht ständig ihr Eigensinn für neue Abenteuer sorgen würde.

Als sie eines Tages im beginnenden Winter in einer herbeigewehten Zeitung lesen, dass der Enkel, 39, von Arnold Bros. sich auf den Weg nach Florida gemacht hat, um einen Telekommunikationssatelliten ins All zu schießen, wird lange grübelt und gestritten, was dies für sie bedeute. Sollen sie sich weiterhin, wie seit jeher, auf den Schutz von Arnold Bros. verlassen, wie es der Abt behauptet? Oder sollen sie sich um sich selbst kümmern, wie der tapfere Angalo fordert, da es ja überhaupt keinen Arnold Bros. mehr gebe?

Masklin stellt sich auf keine Seite, sondern befragt sein DING, jenen mysteriösen sprechenden Kasten, der an ihn über die Generationen vererbt worden ist. Das DING erwacht zum Leben, wenn man es in die Nähe von elektrischen Strömen bringt. Die gibt es in der Hütte des Verwalters des Steinbruchs. Das DING erklärt Masklin, was ein Satellit ist und dass diese Maschine in eine solche Höhe fliegen könne wie jene, in der das Raumschiff der Nomen auf ihre Rückkehr warte. Davon hat Masklin schon gehört, und endlich sieht er auch einen Weg, wie sie dorthin gelangen können. Sie müssen in diesem Satelliten mitfliegen!

Es ist sehr hilfreich, dass Abt Gurder, das geistliche Oberhaupt der 2000 Nomen, es für den Willen von Arnold Bros. erkennt, dass sie seinen Enkel, 39, suchen sollen, um ihn zu bitten, die Menschen von ihrem Steinbruch fernzuhalten. Masklin hat kein Problem damit, den Abt und Angalo zu begleiten, denn seine Freundin Grimma hat sich geweigert, seinen Heiratsantrag anzunehmen. Sie hat einfach zu viele, seltsame Ideen in ihrem Kopf, seit sie das Lesen gelernt hat. Das Trio macht sich rasch auf den Weg zum nächsten Flughafen.

Schon nach drei Tagen – die Nomen leben zehnmal schneller als Menschen – beginnt die Lage im Nomen-Lager kritisch zu werden. Der vernünftige Ingenieur Dorcas, der eigentlich Masklin vertreten soll, verliert seine Macht an den Gehilfen des Abtes, Nisodemus. Nisodemus ist ein Gehilfe der reaktionären Kräfte der alten Familienhierarchie, wie sie im Kaufhaus herrschte. Immerhin stachelt er die Nomen zum Widerstand auf und lässt sie Schilder malen, um Menschen draußen zu halten. Leider werden die Schilder ebenso missachtet wie der Draht, der das Tor verschließen soll. Selbst die stabile Kette, die Dorcas angebracht hat, wird von den Menschen einfach geknackt. Und als Gipfel der Aggression überfahren sie mit ihrem Laster den protestierenden Nisodemus einfach. Die Überlebenden trösten sich mit dem Gedanken, dass Nisodemus jetzt sicherlich im Nomenhimmel weilt.

Dorcas ergreift die Initiative wieder und führt die Attacke gegen den LKW an. Allerdings landet die Maschine nach einem kurzen führerlosen Rollen mitten auf den Gleisen der Eisenbahn. Der Zug kann die Kollision nicht mehr vermeiden. Das resultierende Aufsehen beim Polizeieinsatz führt nur dazu, dass noch mehr Menschen den Steinbruch umkrempeln. Die Nahrung wird knapp, und Gift wird den Nomen um ein Haar zum Verhängnis.

Sobald Dorcas und seine Gefährten von ihrem katastrophalen Ausflug zurückgekehrt sind, offenbart Dorcas der klügsten Frau der Nomen, Grimma, sein Geheimnis: Jecub. Jecub steht im Schuppen am anderen Ende des Steinbruchs, verborgen unter einer Plane, doch gepflegt und topfit. Und groß wie ein Drache!

Jecub ist eine Kombination aus Bulldozer und Schaufelbagger, kurzum: ein Wühler. Los geht’s!

_Mein Eindruck_

Ein guter Erzähler muss eines wirklich optimal beherrschen: eine bislang unbekannte Welt so glaubwürdig zu schildern, dass es dem Leser nicht schwerfällt, seinen latenten Unglauben zu vergessen und in die neue Welt einzutauchen. Doch der Trick bei Terry Pratchetts Welten – sei es die der Nomen, der Teppichvölker oder der Scheibenwelt – ist der, dass der Leser nur allzu oft seine eigene Welt darin erkennt und mit der Nase mehr oder weniger sanft auf Verhältnisse und Phänomene gestoßen wird, die in seiner eigenen Welt auftreten.

|Phantastische Satiren|

Dies ist das Verfahren der satirischen Phantastik, das mit [„Gullivers Reisen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1076 von Jonathan Swift am bekanntesten, aber beleibe nicht zum ersten Mal angewendet worden ist. (Tatsächlich taucht in der Geschichte ein namenloses Buch auf, in dem kleine Menschlein einen Riesen fesseln. Das gibt Grimma die zündende Idee.) Schon der antike griechische Schriftsteller Lukian von Samosata bediente sich eines phantastischen Plots, einer Mondreise, um allzu irdische Verhältnisse kritisieren zu können, ohne dafür gleich an den Pranger gestellt zu werden.

In seiner Nomen-Satire übt Terry Pratchett nicht nur politische, sondern auch religiöse und philosophische Kritik. Das klingt vielleicht Furcht einflößend, erweist sich aber in der Umsetzung als sehr unterhaltsam. In der religiösen Debatte, ob es den schützenden Geist bzw. Gott namens Arnold Bros. (gegr. 1905) wirklich gibt, manifestiert sich einerseits die rückwärtsgewandte Sicht auf die alten, gesicherten Zustände, in denen die auch die Machtverhältnisse klar geklärt waren.

Doch im Steinbruch, nach dem Exodus, ist von Herzögen und Prinzessinnen keine Rede mehr. Alle sind gleich, und die Jungen sind die Einzigen, die an die neuen Lebensbedingungen angepasst sind. Der rund 70-jährige Dorcas beispielsweise bekommt beim Anblick von „weiten Feldern“ einen Schwindelanfall, bei dem er sich fühlt, als falle er in den Himmel. Die Jungen sind hingegen begierig darauf, es den Pionieren der „Langen Fahrt“ nachzutun und wieder auf große Fahrt zu gehen. Sie haben deshalb auch keine Schwierigkeiten, sich mit einem Ungetüm wie Jecub anzufreunden und die Maschine zu bedienen. War es nicht schon immer so?

Die stilistische Finte, ein „Buch der Nomen“ mit Kapitel und Vers zitieren zu lassen, ist eine Parodie auf die Bibel, besonders auf das Buch Genesis mit seinem Exodus aus Ägypten. Es gibt sogar ein Gelobtes Land: Es liegt im Himmel und wird von den Sternen dargestellt. Ein Raumschiff wartet auf die Nomen, um sie in die Heimat zu bringen.

|Nichts ist unmöööglich!|

Der Exodus der Nomen zeigt, dass dem Einfallsreichen nichts unmöglich ist. Das heißt, solange er oder sie auf die Mithilfe seiner oder ihrer Weggefährten zählen kann. Als Masklin, dieser Mosesverschnitt, einmal verzagt, weil das DING, sein Ratgeber, verstummt ist, gibt ihm Grimma, seine Gefährtin, einen verbalen Tritt in den Hintern, anstatt sich trostspendend zu ihm zu setzen und zu jammern, wie schlecht die Welt doch zu den Nomen sei. Grimma ist ein junges Abbild von Oma Morkie. Überhaupt zeigen Frauen mehr Initiative als die Männer, und das legt den Verdacht nahe, dass Lynn Pratchett mehr als nur einen unterstützenden Anteil als dieser Geschichte hatte.

Allerdings sorgen in „Wühler“ die Frauen für Probleme. Grimma ist zwar eine Wundertüte an Ideen, aber da diese völlig unsortiert und ohne Bezug sind, sorgt sie mehr für Chaos als Hilfe. Ihr symbolischer Vergleich mit den seltsamen Fröschen, die ihr ganzes Leben lang nur in einer Blume leben, kommt bei Masklin überhaupt nicht an – er weiß nicht, wovon sie redet. Und Oma Morkie weiß zwar sehr viel über Winter, Schnee und Füchse, aber was sie als Aufmunterung aufgefasst wissen will, ist alles andere als dies: Es sind für die ahnungslosen und verwöhnten Kaufhaus-Nomen Horrorgeschichten. Guter Rat muss eben auch in der richtigen Sprache vermittelt werden.

|Eine Sache der Verständigung|

In diesem Band wird erstmals die Kommunikation mit den Menschen versucht. Sie scheitert kläglich. Denn erstens können Nomen die tiefe Sprachfrequenz der Riesen nicht verstehen und zweitens sind Menschen zu dumm, um Nomen zu sehen, geschweige denn sie zu hören oder gar zu respektieren. Schilder halten sie nicht fern und sogar Todesdrohungen überzeugen sie nicht. Erst als die Nomen den Gullivertrick der Liliputaner anwenden und einen der Verwalter fesseln, kann Grimma dem Gefangenen eine Botschaft vor die Nase halten. Es nützt natürlich ebenfalls nichts. Der Typ will bloß seinen Steinbruch zurück.

|Der Sprecher|

Wie es die Kunst und Eigenart von Rufus Beck ist, verleiht er jeder wichtigeren Figur ihre eigene stimmliche Charakteristik. So klingt Masklin recht normal, es sei denn, er weiß nicht mehr weiter, dann klingt er eher zögerlich und kleinlaut. Grimma klingt ebenfalls ziemlich normal, kann sich aber auch durchsetzen. Ihr steht Nisodemus gegenüber, der sich polemisch und sarkastisch äußert. Der Sprecher zeichnet ihn stimmlich als intriganten Widerling, obwohl Nisodemus ja eine ernst zu nehmende politische Strömung vertritt: die der konservative Reaktionäre. Kurzum: Nisodemus ist ein klassischer Demagoge. Sein Ende ist zwar kläglich, aber verdient.

Es sind interessanterweise die älteren Herrschaften, die die markantesten Stimmen besitzen. Oma Morkie verfügt über ein durchdringendes Organ, das sich überall durchzusetzen weiß. Und der nach Nomenmaßstäben 70 Jahre „alte“ Ingenieur Dorcas klingt müde, nachdenklich und mitunter sogar resignativ.

Das DING hat als Computer natürlich keine menschliche Stimme, sondern klingt etwas blechern und sehr langsam, irgendwie mechanisch. Durch einen einfachen Filter lässt sich dieser Effekt herbeizaubern. Der Auftritt des DINGs ist stets mit irgendwelchen elektronischen Geräuschen verbunden.

|Geräusche|

Die Geschichte ist streng strukturiert, so dass jedes Kapitel gleich anfängt. Wir hören ein Windgeräusch. Dann beginnt der Sprecher das obligate Zitat aus dem BUCH DER NOMEN, das dem Alten Testament des Volkes Israel entspricht („Genesis“ und „Exodus“ bzw. „Deuteronomium“), doch seine Stimme ist mit viel Hall versehen. Der Eindruck, dass eine große Autorität spricht, ist volle Absicht. Ebenso die parodistische Diskrepanz zwischen diesem Stil des Auftritts und der Banalität des Gesprochenen, z. B. „Ähm“.

|Die Musik …|

… ist meist im Hintergrund zu hören, drängt sich zuweilen aber auch sehr in den Vordergrund. Sie ist meistens peppig und heiter, häufig von hohem Tempo, um die Dynamik eines Aufbruchs der Nomen zu illustrieren. Dies kann bis zu flotter Marschmusik reichen, doch als die Nomen mit dem Monsterfahrzeug losdonnern, wird ordentlich fetzige Rockmusik eingesetzt.

Besonders im Gedächtnis blieb mir der Moment der Offenbarung, als Dorcas erst Grimma und dann dem restlichen Volk Jecub vorstellt. Die majestätisch-dramatischen Orgelklänge von Bachs „Toccata“ erklingen. Und zwar nicht bloß einmal, sondern dreimal, bis der ganze Anfang des bekannten Bachstückes absolviert ist.

|Das Booklet|

… ist diesmal nur noch halb so lang wie im Hörbuch zum ersten Teil: statt zwölf sind es nur sechs Seiten. Nach der Tracklist und den Credits folgen auf jeweils einer Seite ein Inhaltsabriss, eine (sehr interessante und informative) Biografie von Terry Pratchett, O.B.E., und schließlich von Rufus Beck, dem eigentlich auch längst ein Bundesverdienstkreuz gebührt.

_Unterm Strich_

Die Story des mittleren Teils der Nomen-Trilogie mag vielleicht nicht so dramatisch und lustig wie die des ersten Teils anmuten. Andererseits steht das Volk hier kurz vor der Ausrottung. Was könnte dramatischer sein? Höhepunkt ist sicherlich der Exodus auf Yecub, der im Grunde den Exodus aus dem 1. Teil wiederholt und variiert, diesmal aber von Grimma kommandiert. (Es grenzt für Nomen an ein Wunder, dass durch diese Anstrengung nicht ihr Gehirn überhitzt und explodiert.) Die Rettung der „Israeliten“ ist ziemlich wundersam, aber was wäre eine Fantasy ohne eine wundersame Wendung? Die Erklärung des Mirakels folgt dann im dritten Teil „Flügel“.

Am Anfang des Hörbuchs steht eine Rekapitulation der Vorgeschichte. Auf diese Weise braucht kein Hörer das Gefühl zu haben, dass ihm etwas entgangen sei. Das ist natürlich durchaus der Fall, denn die [„Trucker“-Story]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2998 sollte man sich nicht entgehen lassen.

Rufus Beck setzt die Dialoge auf seine übliche beeindruckende Weise um und erweckt die einzelnen Figuren zum Leben, wie er es schon bei Harry Schotter (oder war’s [Barry Trotter?)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1211 getan hat. Seine Dialoge, die besonders bei Kindern Anklang finden dürften, werden von dezent eingesetzten Geräuschen und einer ab und zu akzentuierend erklingenden Musik begleitet. Das Hörbuch ist im Gegensatz zum 1. Teil nicht für Kinder geeignet, sondern mehr für Jugendliche ab zehn bis zwölf Jahren. Erwachsenen liefert das sechsseitige Booklet eine Menge Informationen über Autor, Werk und Sprecher – eine runde Sache.

|Originaltitel: Digger, 1990
Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Brandhorst
308 Minuten auf 4 CDs|
http://www.patmos.de

Terry Pratchett – Wintersmith / Der Winterschmied. Ein Märchen von der Scheibenwelt (Tiffany Weh 3)

Hexenromanze mit dem Winter

Tiffany Weh ist eine Hexe in Ausbildung und im besten Teenageralter. Da sie sich ungern etwas verbieten lässt, schon gar nicht das Tanzen, kann sie sich auch bei der Feier, die den Übergang vom Sommer zum Winter markiert, nicht zurückhalten. Und so passiert das Unvermeidliche – der Winterschmied selbst, Herr über Eis und Schnee, wird auf Tiffany aufmerksam und verliebt sich in sie.

Von Stund‘ an überschüttet er sie mit Schneeflocken, und Tiffany muss sich schnell etwas einfallen lassen, wenn es jemals wieder Frühling werden soll auf der Scheibenwelt … (Verlagsinfo)

Tiffany ist mittlerweile dreizehn Jahre alt. Ihre Hexenkräfte sind bereits recht beträchtlich, findet ihr Vater, besonders in der Schafzucht. Aber kann sie das LAND von dem schlimmsten Winter seit Menschengedenken befreien? Als sie sich in die Sommerkönigin zu verwandeln beginnt, ist guter Hexenrat teuer!
Terry Pratchett – Wintersmith / Der Winterschmied. Ein Märchen von der Scheibenwelt (Tiffany Weh 3) weiterlesen

Pratchett, Terry – Pyramiden

_Assassinen, Konkubinen und wandelnde Götter_

Prinz Teppic von Djelibebi hat den erfolgreichen Abschluss seiner Ausbildung zum Assassinen in Ankh-Morpork gerade mit einem grandiosen Besäufnis begossen, als ihn der Ruf in die heimatliche Wüste ereilt. Er muss nach dem Tod seines Vaters Teppicymon XXVII. dessen Nachfolge antreten. Allerdings bekommt er es in der Heimat, einem engen Flusstal von 150 Meilen Länge, mit dem Hohepriester und Premierminister Dios zu tun, der seine eigenen Vorstellungen von einem funktionierenden Staatswesen hat. Nun soll Teppic zu Ehren seines Vaters die größte Pyramide errichten, die Djelibebi je gesehen hat – und damit den Staatshaushalt zugrunde richten …

_Der Autor_

Terry Pratchett und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa drei Dutzend Bücher erschienen. Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch “ The amazing Maurice and his educated rodents“, worauf „The Wee Free Men“ folgte.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden.

|Terry Pratchett bei Buchwurm.info| (Auswahl):

[„Gefährliche Possen und andere Erzählungen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3406 (Audio)
[„Lords und Ladies“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3160 (Audio)
[„Trucker“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2998 (Nomen 1, Audio)
[„Kleine Freie Männer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2310 (Audio)
[„Ab die Post“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2122
[„A Hat full of Sky“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1842
[„Wachen! Wachen!“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=787 (Audio)
[„Maurice, der Kater“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

Erzähler: Ludwig Schütze
Teppic: Matthias Albold
Dios: Helmut Schüschner
Ptraci: Sylvia Garatti
Teppicymon XXVII.: Klaus Knuth
Schelter: Pascal Holzer
Arthur, Alfons: Martin Ostermeier
Du Mistvieh; größtes Mathegenie der Scheibenwelt: Markus Signer
Sechster Priester: Marcel Reif (Sportkommentator)
Und viele andere.

Die Regie führte wie bei den Terry-Pratchett-Vertonungen Raphael Burri, der auch den Text bearbeitet hat. Aufnahmeleitung und Regieassistenz übernahm Ralf Grunwald. Booklet- und CD-Illustrationen stammen wie stets von Josh Kirby. Für den guten Ton sorgten Olifr Maurmann, Gavin Maitland und andere vom |StarTrack|-Tonstudio Schaffhausen. Das Hörspiel entstand im Jahr 2005.

Mehr Infos und Hörproben gibt es unter http://www.bookonear.com. (ohne Gewähr)

_Die Musik_

Zitat aus dem Booklet:

»Warnung! Auch in diesem Bookonear-Hörspiel wird Musik der Gruppe Tritonus verwendet! Wenn auch nicht in jenem Ausmaß wie in dem Hörspiel „Wachen! Wachen!“ und dann auch nur im Umfeld jener Szenen, welche in Ankh-Morpork spielen, also im ersten Viertel.

Das Königreich Djelibebi verlangt natürlich nach Musik, die zur Anlehnung ans alte Ägypten passt. Ali Jihad Racy ist Außerordentlicher Professor für Musikethnologie und hat altägyptische Musik rekonstruiert, die er selbst auf traditionellen Instrumenten spielt. Die Macher des Hörspiels haben sich „schamlos“, wie sie sagen, aus seiner CD „Ancient Egypt“ bedient – weil es eben passt.«

_Handlung_

Morgengrauen in Djelibebi. Wieder einmal entladen die großen Pyramiden, für die das Land am Djel berühmt ist, ihr blaues Feuer in die Nachtluft. Es heißt, die Pyramiden akkumulierten aufgrund ihrer besonderen Bauweise Zeit. Wer weiß, wozu das noch führen kann … Der Hohepriester Dios, der gerade erwacht, macht sich jedenfalls kein Kopfzerbrechen wegen der Pharaonengrabmäler, sondern vielmehr darüber, ob Pharao Teppicymon XXVII wie jeden Morgen die Sonnenkugel aufgehen lassen wird, wie es seine Pflicht ist.

Unterdessen ist es im mittewärts gelegenen Ankh-Morpork noch Mitternacht. Der Sohn des Pharaos, Prinz Teppic, hat etwas Vernünftiges gelernt und bereit sich nun auf seine Abschlussprüfung als ausgebildeter Assassine vor. Als er endlich alle seine Ausrüstungsgegenstände verstaut hat, kippt er um. Sie sind einfach zu schwer. Nachdem er sich wieder aufgerappelt hat, begibt er sich zu seinem Prüfer Meriset, der ihm eine Menge Fragen stellt, die Teppic, bis auf die letzte, einwandfrei beantworten kann. Dann geht’s auf zur praktischen Prüfung. Dabei stürzt Teppic ab.

Aber nicht weit. Mit den Fingerspitzen hängt er an einer Dachrinne. Wenig später dringt er vom Dach her in ein Haus ein. Es ist ihm völlig klar, dass dies eine Todesfalle ist. Nach dem Beseitigen der ersten Hindernisse zieht Teppic eiserne Überschuhe an und schreitet rasch ins Zimmer. Meriset, sein Prüfer, grüßt ihn fröhlich und fordert ihn auf, den im Bett Liegenden zu inhumieren. Damit hat Teppic wider Erwarten ein Problem.

Denn erstens bedeutet „inhumieren“ so viel wie „töten“ und zweitens könnte es sich bei dem Unbekannten, der im Bett liegt, um einen Klassenkameraden handeln, vielleicht um Schelter oder Käseweis oder Arthur, den Orniten. Sie alle sind ihm im Verlauf seiner jahrelangen Ausbildung in Ankh-Morpork gewissermaßen ans Herz gewachsen. Dennoch hebt er die Armbrust …

|Unterdessen in Djelibebi|

Während Teppic noch zögert, stellt sich sein Vater in Djelibebi auf die Terrasse seines Hauses, um die Sonne aufgehen zu lassen. Sie erscheint nicht, und der Pharao, entsetzt über diesen Anfall von Impotenz, erleidet eine Herzattacke. Das ist natürlich NICHT sein Ende, versteht sich. Die Seele unseres braven Teppicymon XXVII. begegnet dem TOD, der ihr einige tröstende Worte spendet, bevor er auf Binkie wieder davonreitet, dem nächsten Auftrag entgegen. Der Pharao hat viele Ideen, erlebt aber auch viele Desillusionen. So etwa jene, als zwei Einbalsamierer ihm die Gedärme und das Hirn herausreißen …

Durch die mystische Übertragung der göttlichen Kraft des Pharao gerät Teppic in Ankh-Morpork – er hat natürlich bestanden – bald in eine peinliche Lage: Gras sprießt unter seinen Füßen, Brotlaibe schwellen an und platzen auf, sogar der Fluss schwillt an und droht, über die Ufer zu treten. Die Anzeichen sind überdeutlich. Sein Vater ist tot und es ist höchste Zeit, seinen Platz einzunehmen.

Hohepriester und Premierminister Dios empfiehlt Teppic als Erstes, seine Tante zu heiraten, denn Schwestern habe er ja schließlich nicht. Als sich Teppic von diesem Schrecken wieder erholt hat, bekommt er eine goldene Maske verpasst, aus der seine Stimme nur noch hohl klingt. Dios, der vorgibt, seinen göttlichen Willen zu verkünden, befiehlt stets genau das Gegenteil dessen, was Teppic will. So behauptet er, der verstorbene Pharao habe befohlen, die größte jemals in Djelibebi gebaute Pyramide zu bauen. Teppic ist überzeugt, dass dieses Monstrum sein Reich zugrunde richten werde, von seinen unberechenbaren physikalischen Eigenschaften ganz zu schweigen.

Als Dios schließlich auch noch die Lieblingskonkubine seines Vaters, Ptraci, zum Tode verurteilt, läuft für Teppic das Fass über. Er beschließt zu rebellieren. Seine Taten haben jedoch unabsehbare Konsequenzen, die er sich nicht im mindesten hätte träumen lassen. Djelibebi verschwindet in einer Zeitspalte …

_Mein Eindruck_

Dieses Abenteuer auf der Scheibenwelt lässt sich losgelöst von den meisten anderen Episoden genießen. Der Autor ist nie wieder in die Welt der Pyramiden zurückgekehrt, das tun dafür andere, so etwa den fränkische Autor Georg Herm in [„Der Nomadengott“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2638 Das Land am Nil bzw. Djel ist so vielbesucht, dass sich ein Autor schon eine Menge ungewöhnliche Dinge einfallen lassen muss, um das Aufsehen des Publikums zu wecken und aufrechtzuerhalten.

Die üblichen altägyptischen Bizarrerien wie etwa Mumifizierung, Pharaonengräber, Inzest und so weiter mal beiseite gelassen, entwickelt die Geschichte von „Pyramiden“ ihren eigenen Charme. Allerdings muss man den verschiedenen Handlungssträngen aufmerksam folgen, um durch die eigene Kombinationsgabe so etwas wie faszinierte Spannung zu erspüren.

Dios und der frühere Pharao sind Nebenfiguren im Spiel von Prinz Teppic, das sich nun entfaltet. Leider ist der Autor in der Mitte des Buches auf die Idee verfallen, Teppic mit Ptraci desertieren zu lassen und ihn nach Palästina und zu den Griechen zu schicken. Das ist nicht sonderlich originell. Unterdessen geht es in Djelibebi in der Zeitspalte mehr oder weniger drunter und drüber, als die Götter durch den Unfug, den Dios und die neue Riesenpyramide anrichten, auf die Erde geholt werden. In diesen Szenen gerät die Geschichte zur herrlichen Satire auf die Religion, nach dem Motto: Hüte dich davor, was du dir wünschst, denn es könnte Wirklichkeit werden!

Wunderbar gefielen mir die drei Pyramidenbauer, Taklusp und seine beiden Söhne 2A und 2B. Sie müssen nicht nur den Bau der größten Pyramide aller Zeiten in knapp drei Monaten planen, organisieren und fertigstellen, sondern haben auch noch mit den Anomalien zu kämpfen, die durch die Zeitverschiebungen an der Riesenpyramide entstehen. So existieren plötzlich 38.000 Doppelgänger ihrer Arbeiter. Das klingt zwar billig bei der Lohnzahlung, aber es ist eher verwirrend bei der Arbeitszuweisung.

Ebenso nett fand ich den Einfall mit den beiden Einbalsamierern Gern und Dill, denen die Seele des toten Pharao so ungern bei der Arbeit zusieht. Allerdings spielen sie nur eine Nebenrolle, ebenso wie Ptraci, die sich ohne ihre klirrenden Armreife ganz nackt vorkommt – was sie in der Tat auch fast ist. Aber der Humor kann mitunter auch in Klamauk abrutschen, so etwa wenn ketzerische Priester ruckzuck im Rachen der Krokodile landen. Die Armeen der Nachbarländer Djelibebis stehen sich nun unvermittelt direkt gegenüber, nachdem der Pyramidenstaat verschwunden ist. Flugs verstecken sich alle Soldaten in Trojanischen Pferden, was ja auch nicht superintelligent ist.

Hintersinnig ist der Einfall, das Kamel „Du Mistvieh!“ zum größten mathematischen Genie der Scheibenwelt zu machen. Hoffentlich ist dies keine versteckte Anspielung auf Stephen Hawking oder gar eine Beleidigung der Kamele.

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

Von dem Schweizer Studio „Bookonear“ habe ich bislang schon „Wachen! Wachen!“ und „Lords und Ladies“ gehört. Die Produktion, die es mit „Pyramiden“ vorgelegt hat, ist ebenfalls in vielerlei Hinsicht professionell zu nennen. Die Sprecher, die bei uns fast alle – bis auf Sportkommentator Marcel Reif – unbekannt sind, legen eine bühnenreife Darbietung hin. Ich könnte jedoch keinen besonders hervorheben, noch nicht einmal Du Mistvieh! Auf jeden Fall sind alle Sprecher kompetent und manche sogar als Könner ihres Faches zu bezeichnen. Besonders die Szene des griechischen Symposions ist mir im Gedächtnis geblieben, vermutlich deshalb, weil sie die witzigste Szene der gesamte Handlung ist.

|Geräusche und Musik|

Zur Musik sei noch einmal das Booklet zitiert: „Das Königreich Djelibebi verlangt natürlich nach Musik, die zur Anlehnung ans alte Ägypten passt. Ali Jihad Racy ist Außerordentlicher Professor für Musikethnologie und hat altägyptische Musik rekonstruiert, die er selbst auf traditionellen Instrumenten spielt. Die Macher des Hörspiels haben sich ’schamlos‘, wie sie sagen, aus seiner CD ‚Ancient Egypt‘ bedient.“

Die Musik ist also durchaus passend zu nennen und verleiht der Handlung die entsprechende Stimmung. Sie wird ausschließlich in den Pausen zwischen den Szenen sowie als In- und Outro eingesetzt. An keiner Stelle überlagert sie auf störende Weise den Dialog.

Die Geräusche sind für das Verständnis einer Szene wider Erwarten von höchster Wichtigkeit. Da der Humor des Autors auf Andeutungen setzt, wird keineswegs alles ausgesprochen, was witzig und außergewöhnlich sein könnte. So genügt beispielsweise, einfach nur ein klirrendes Scheppern ertönen zu lassen, um dem Hörer zu verstehen zu geben, dass Teppic wegen seiner schweren Ausrüstung umgefallen ist. Es ist nicht nötig, dies auch noch zu sagen.

In praktisch allen Szenen muss der Hörer daher auch auf die Geräusche achten. Wenn Teppic plötzlich hohl klingt, dann deswegen, weil Dios ihm eine Maske aufgesetzt hat – die trägt schließlich jeder Gottkönig. Ich glaube, das Prinzip ist hiermit deutlich geworden. Um alle Feinheiten mitzubekommen, bietet es sich an – will heißen: es ist ratsam, sich das Hörspiel zweimal anzuhören. Da steckt noch eine Menge Musik bzw. Überraschungen drin.

Geräusche tragen nicht nur Pointen bei, sie charakterisieren auch, wie es sich eben für eine realistische Darstellung gehört. Nur, dass dieses Hörspiel keinen Realismus will, sondern eine dramatische Überspitzung darstellt. Wie lässt man zum Beispiel einen Gott ertönen? Sagen wir mal, einen schakalköpfigen Anubis oder einen mit Krokodilskopf? Das ist etwas kniffliger als einen Detektivroman akustisch auszustatten und verlangt einen gewissen Einfallsreichtum. Langer Rede kurzer Sinn: Ich halte die Charakterisierungen durchaus für gelungen, aber ich erwarte auch keinen Realismus von einer Fantasy wie dieser. Hauptsache, die Geräusche klingen nicht abstrus und überzogen.

|Das Booklet|

Das Beiheft ist liebevoll gestaltet und einer so von Liebhabern der Scheibenwelt gestalteten Produktion angemessen. Da findet sich ein Lebenslauf des Autors ebenso wie Hintergrundinfos über die Musik, die Gestalter und sämtliche Sprecher. Am schönsten aber sind zwei weitere Elemente: die detaillierte Tracklist für jede einzelne CD, von denen jede einen eigenen Titel trägt. Und natürlich die knuddeligen Zeichnungen Josh Kirby, die allesamt der doppelseitigen Titelillustration entnommen sind. Auch die Cover der einzelnen CDs wie auch die Einsteckplätze der CDs im Karton sind damit geschmückt.

|Abspann|

Am Schluss der letzten CD werden alle Sprechrollen noch einmal mit Zitaten bzw. Klangproben vorgestellt und ihrem Sprecher oder ihrer Sprecherin zugewiesen. Von der Crew sind lediglich die Techniker und der Regisseur genannt.

_Unterm Strich_

„Pyramiden“ ist einer der wenigen Romane Pratchetts, die sich eigenständig lesen lassen, ohne dass der Leser irgendwelches Wissen über die phantastische Scheibenwelt mitbringen muss. Daher eignet sich das Buch ideal als Einstieg und Zugang zu Pratchetts Universum und seiner ganz speziellen Art des Humors. In literarischer Hinsicht ist das Buch sicherlich kein Glanzpunkt in der Karriere des Autors, aber herrje, wer mehr als 100 Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft hat, ist eh schon jenseits von Gut und Böse.

Das Hörspiel setzt die Vorgabe nach seinen eigenen Gesetzen um. Das bedeutet, dass hier Szenen umgestellt und eventuell Personal gekürzt wurden. Das wird aber durch eine dramatisch geglücktere Präsentation ausgeglichen: Sprecher, Geräusche und Musik bilden eine harmonische Einheit, um den Hörer bestmöglich zu unterhalten. Sicher hätte die Geschichte noch straffer, spannender und actionreicher sein können, aber wenn die Vorlage nicht mehr hergibt, kann man nicht einfach etwas hinzuerfinden – das könnte sich Hollywood erlauben, aber nicht ein Tonstudio.

Man sollte also nicht den Fehler machen, das Hörspiel schon für das Buch zu halten. Aber es kann eine Menge Appetit auf den Roman, die Scheibenwelt und Pratchetts sonstiges Werk machen. Insbesondere haben mir die Jugendromane um Tiffany Weh und Kater Maurice gefallen.

|Originaltitel: Pyramids, 1989
Aus dem Englischen übertragen von Andreas Brandhorst 1991
Mit von Josh Kirby illustriertem Booklet
307 Minuten auf 4 CDs|
http://www.bookonear.com
http://www.luebbe-audio.de

[NEWS] Terry Pratchett – Die Nomen. Die komplette Saga

Schon lange leben die kleinen Nomen friedlich im Kaufhaus »Arnold Bros«. Die Jahreszeiten Winterschlussverkauf, Frühjahrsmode, Sommerschlussverkauf und Weihnachten kommen und gehen – bis plötzlich andere Nomen auftauchen und von einem »Draußen« erzählen. Und als die Parole »Räumungsverkauf« ausgerufen wird, muss schleunigst ein Plan her, um in dieses »Draußen« zu gelangen. Ein Lastwagen scheint die Rettung zu sein – und mit vereinten Kräften schaffen es doch auch Winzlinge, ein solches Gefährt zu steuern, oder?! Aber auch ihr neues Zuhause »Steinbruch« wird bald bedroht. Da hilft nur noch die Rückkehr in ihre wahre Heimat. Doch dafür müssen die Nomen erst das Raumschiff »Schwan« finden, das sie zurück ins All bringt, von wo sie einst herkamen. (Verlagsinfo)


Taschenbuch: 480 Seiten
Piper

Terry Pratchett , Paul Kidby – Wahre Helden

Mit Cohen dem Barbaren begegnet der Pratchett-Fan einem alten Bekannten aus den frühen Rincewind-Romanen. Unser verehrter Unfähiger taucht natürlich ebenfalls auf, dito seine Truhe und einige Mentoren von der Unsichtbaren Uni. Diesmal betätigt sich Rincewind als „Space Cowboy“! Houston, bitte… – pardon: Ankh-Morpork, bitte kommen!

Handlung

Terry Pratchett , Paul Kidby – Wahre Helden weiterlesen

Terry Pratchett & Stephen Baxter – Die Lange Erde

Unendlich viele Welten: Hoffnung oder Horror?

Es gibt unendlich viele Welten zu entdecken. Sie sind nur einen kleinen Schritt entfernt … Ein kleiner, angekokelter Plastikkasten, ein paar Drähte, ein Schalter, eine Kartoffel … Als die Polizistin Monica im Jahr 2015 in den verkohlten Ruinen eines Hauses auf diese eher zweifelhafte Apparatur stößt, ahnt sie nicht, dass der Prototyp einer bahnbrechenden Erfindung vor ihr steht.

Denn der kleine Kasten ist ein Wechsler, mit dem es von nun an möglich sein wird, in die ,,Lange Erde“ hinauszutreten: eine unendliche Abfolge von parallelen Welten, von Menschen unbewohnt. Schon bald setzt auf der alten Erde ein wilder Goldrausch ein. Denn die Lange Erde birgt unendliche Möglichkeiten – und unendliche Gefahren … (Verlagsinfo)

Terry Pratchett & Stephen Baxter – Die Lange Erde weiterlesen

Pratchett, Terry – Gevatter Tod

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynda haben mit dem Scheibenwelt-Zyklus einen phänomenalen Erfolg gehabt, der dazu führte, dass bereits 1996 mindestens ein Prozent aller im Vereinigten Königreich verkauften Bücher von ihnen stammten! Inzwischen gibt es nach zahlreichen Romanen auch PC-Spiele sowie Comics, die auf der Discworld basieren.

„Mort“ ist der erste der TOD-Romane: Danach folgten „Reaper Man“ (1991, „Alles Sense!“), „Soul Music“ (1994, „Rollende Steine“) und „Hogfather“ (1997, „Schweinsgalopp“).

Dies ist die Geschichte von der Scheibenwelt, die von einer riesigen Schildkröte durchs Universum getragen wird. Der junge Mort findet keine Lehrstelle. Bis ihn Gevatter Tod als Azubi in seine Dienste nimmt. Fortan begleitet Mort die Seelen Verstorbener ins Jenseits. Als Prinzessin Keli hinterrücks gemeuchelt werden soll, fällt Mort dem Attentäter in den Arm und tötet ihn sogar – völlig gegen alle Vorschriften.

Das Universum reagiert höchst ungnädig auf die Geschichtsverfälschung: Es ignoriert Kelis Existenz und quetscht sie an den Rand der Realität. Im verzweifelten Kampf um das Leben der Angebeteten wird Mort seinem Meister immer ähnlicher, bis er eines Tages sogar IN GROSSBUCHSTABEN REDET…

Der TOD ist wunderbar. Humorlos, stets grimmig, mit einem Pokergesicht und doch mit einer gewissen Sympathie für das Menschengeschlecht. Sein Pathos rührt von seiner Unfähigkeit her, solche Launen wie menschliche Gefühle zu begreifen. In „Gevatter Tod“, dem ersten Scheibenwelt-Roman mit einer vollständig in sich geschlossenen Handlung, geht er auf Urlaub. Doch während die Katze fort ist, tanzen bekanntlich die Mäuse auf dem Tisch – bis die Katastrophe nicht mehr ausbleibt.

_Michael Matzer_ © 1999ff

Pratchett, Terry – MacBest

Shakespeare auf der Scheibenwelt – da ist natürlich so einiges anders als beim alten englischen Barden. Die Hauptpersonen, wie kann es auch anders sein: drei Hexen, ein Dolch, ein gemeuchelter König (siehe Dolch), ein Thronräuber (siehe König), ein schüchterner Monolith, ein ernster Narr, ein dichtender Zwerg und ein Kronprinz im Schauspielerexil – kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor? Lachen oder nicht lachen, das ist hier die Frage.

König Verence wird hinterrücks erdolcht, der kronprinzliche Säugling zusammen mit der Reichskrone von Getreuen gerettet und den drei Hexen (den „Wyrd Sisters“ des Originaltitels) anvertraut. Die bereits aus [„Equal Rites“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=218 (ein Wortspiel mit „equal rights“ – Gleichberechtigung, das hier aber „gleiche Riten“ bedeutet) bekannte Oma Wetterwachs, die alte, allem Weltlichen aufgeschlossene Nanny Ogg (die mit dem berühmt-berüchtigten Kochbuch) und die junge, etwas flippige Magrat Garlick wissen zunächst nicht, wohin mit dem Wickelkind.

Ihnen fällt nichts Besseres ein, als den Kronprinzen einer fahrenden Schauspielertruppe inkognito anzuvertrauen – schließlich mischen sich Hexen grundsätzlich nicht in weltliche Angelegenheiten ein. Doch auch sie müssen feststellen, dass erstens alles meist anders kommt, und zweitens, als man es sich vorgestellt hat. Vorhang auf also für den großen Dornröschenschlafzauber der Hexen für das gesamte Reich. Zumindest so lange, bis Kleinprinzlein erwachsen geworden ist und als Held den Thronräuber verjagt – allerdings ist Prinz Tomjon mit Leib und Seele Schauspieler und denkt überhaupt nicht daran, das verantwortungsvolle Amt eines hochoffiziellen Helden außerhalb der Bühne anzustreben. Guter Rat ist da selbst für so gewiefte Hexen wie unser infernalisches Trio teuer…

In der sechsten deutschen Auflage der Scheibenwelt beweist Pratchett seinen enormen Einfallsreichtum und hintergründigen Humor. Wie kaum ein anderer – vielleicht mit Ausnahme von Tom Holt – versteht es Pratchetts Fantasyvariante, Anspruch und intelligenten Humor miteinander zu verknüpfen.

Im Gegensatz zu seinen Autorenkollegen klebt er nicht an einer Hauptperson (etwa in Aprins „Myth“-Serie oder in Gordons „Drachenritter“-Zyklus) oder einem längst ausgelutschten Schauplatz (etwa Anthonys „Xanth“), sondern sucht sich immer wieder neue Freiräume, neue für ihn und seine Leser interessante Figuren und Konstellationen und sorgt auf diese Weise für scheinbar immerwährende Frische und Pepp in seinen Scheibenweltromanen.

Nicht etwa, dass er hierbei darauf verzichtet, altbekannte Figuren (u.a. der Literatur) bei Gelegenheit wieder auftreten zu lassen: Der Primaten-Bibliothekar der Unsichtbaren Universität erscheint in fast jedem der ersten Bände, und das Hexentrio mischt sogar noch den zwölften Band („Witches abroad“) auf. Aber dabei kommt nie Langeweile auf, wirken die Protagonisten nie abgegriffen und und altbekannt. Wieder einmal ist für prächtige Unterhaltung gesorgt.

_Michael Matzer_ © 2002ff

Pratchett, Terry – Erbe des Zauberers, Das

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynda haben mit dem Scheibenwelt-Zyklus einen phänomenalen Erfolg gehabt, der dazu führte, dass bereits 1996 mindestens ein Prozent aller im Vereinigten Königreich verkauften Bücher von ihnen stammten! Inzwischen gibt es nach zahlreichen Romanen auch PC-Spiele sowie Comics, die auf der Discworld basieren.

„Equal Rites“ ist Pratchetts dritter Scheibenwelt-Roman, insgesamt sein sechster nach „Die Teppichvölker“ (1971/1992), „Die dunkle Seite der Sonne“ und „Strata“ (1981).

Dies ist die Geschichte der Scheibenwelt, die von einer riesigen Schildkröte durchs Universum getragen wird. Ein alter Magier fühlt das Ende nahen und übergibt seinen machtvollen Zauberstab dem ungeborenen achten Sohn eines achten Sohnes (Acht ist die Glückszahl auf der Scheibenwelt). Doch als das Kind das Licht der Welt erblickt, stellt man erschrocken fest, dass es ein Mädchen ist – und Mädchen dürfen die Zauberkunst nicht ausüben.

Als die magischen Talente der kleinen Eskarina bedrohliche Ausmaße annehmen, reist die resolute Dorfhexe mit ihr zur Unsichtbaren Universität, um der Kleinen mit allen Mitteln einen Studienplatz zu verschaffen und sie zur ersten staatlich geprüften Zauberin der Scheibenwelt zu machen.

Als sie sich mit dem Erzmagier und seinem ebenso genialen wie pickligen Zauberlehrling zusammentut, ahnt keiner, dass die Kräfte der jungen Leute eine hochbrisante Mischung ergeben, die die Scheibenwelt zum Einsturz bringen könnte.

Granny Wetterwachs, die resolute Hexe mit dem eisernen Willen, fürchtet nichts – nicht einmal die Aufnahmestelle der Unsichtbaren Universität. Hier bekämpft und überwindet sie die geschlechtsspezifischen Vorurteile ihrer männlichen, organisierten Zunftkollegen. Granny ist unwiderstehlich, auch für den Leser!

_Michael Matzer_ © 2000ff

Pratchett, Terry – Licht der Phantasie, Das

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynda haben mit dem Scheibenwelt-Zyklus einen phänomenalen Erfolg gehabt, der dazu führte, dass bereits 1996 mindestens ein Prozent aller im Vereinigten Königreich verkauften Bücher von ihnen stammten! Inzwischen gibt es nach zahlreichen Romanen auch PC-Spiele sowie Comics, die auf der Discworld basieren.
„Das Licht der Phantasie“ ist Pratchetts zweiter Scheibenwelt-Roman. Der erste war „Die Farben der Magie“ (The Colour of Magic, 1983) und erschien auf Deutsch zuerst bei Goldmann.

Dies ist die Geschichte der Scheibenwelt, die von einer riesigen Schildkröte durchs Universum getragen wird und die sich auf Kollisionskurs befindet: einem Roten Stern entgegen. Die Sprüche des Zauberbuchs „Octavo“ (octo = Acht ist die Glückszahl auf der Scheibenwelt!) könnten die Katastrophe verhindern; doch ausgerechnet der schusselige Zauberer Rincewind hat den wichtigsten Spruch im Kopf. Während die Kollegen von der Unsichtbaren Universität ihn auszuspüren versuchen, macht sich Rincewind in Begleitung des Touristen Zweiblum und dessen laufender Reisetruhe aus dem Staub.
Da stiehlt ein verrückt gewordener Magier das Buch „Octavo“ und ist drauf und dran, die Scheibenwelt dem Untergang preiszugeben. Rincewind muss sich entscheiden…

Rincewind ist ein lächerlicher Charakter, der Pratchett dazu dient, das Genre der Schwerter-und-Zauberei von Fritz Leiber über H.P. Lovecraft bis zu Anne Caffrey auf die Schippe zu nehmen. Rincewind, feige und völlig inkompetent, flieht vor der Zauberei. Widerwillig begleitet er den ersten Touristen auf der Scheibenwelt und dessen psychopathisches Gepäckstück. In diesem Band treten erstmals auf: Ankh-Morpork, die übel riechende Metropole, und ihre Unsichtbare Universität.
Die Zielscheibe von Pratchetts Parodie sind Astrologie, Druiden, Zwerge, Heroische Fantasy (durch den neunzigjährigen Barbaren Cohen), magische Läden, Zaubersprüche, Trolle und anderes Genre-Inventar.

_Michael Matzer_ © 1999ff

Pratchett, Terry – Kleine Freie Männer. Ein Märchen von der Scheibenwelt (Tiffany Weh 1)

_Lehrreiche Rettungs-Expedition ins Feenland_

Nachdem ein Wasserdämon fast ihren kleinen Bruder Willwoll entführt hat, wendet sich das Milchmädchen Tiffany Weh an eine professionelle Hexe. Miss Tick gibt ihr nach vielen neugierigen Fragen einen wertvollen Ratgeber: eine Kröte. Als ihr Bruder aber wirklich entführt wird, braucht Tiffany mächtigere Verbündete.

Da trifft es sich gut, dass die Wir-sind-die-Größten, kleine blauhäutige, saufende, stehlende und kämpfende Gnomen, eine Hexe suchen. Durch ihre Heldentat gegenüber dem Wasserunhold hat sich Tiffany eindeutig als solche qualifiziert und kriegt den Job. Zusammen nehmen sie es mit der grausamen Feenkönigin auf, deren Welt dabei ist, in unsere einzudringen, um Träume zu stehlen.

_Der Autor_

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa drei Dutzend Bücher erschienen, auf Deutsch zuletzt „Weiberregiment“.

Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch [„Maurice, der Kater“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219 („The Amazing Maurice and His Educated Rodents“), worauf „Kleine Freie Männer“ folgte. Die Fortsetzung von „Kleine Freie Männer“ trägt den Titel „A Hatful of Sky“.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden. Mehr Infos unter www.lspace.org (ohne Gewähr).

_Handlung_

Die neunjährige Tiffany Weh ist eigentlich ein einfaches Milchmädchen, das auf der Farm seiner Eltern für die Herstellung von allerlei Milchprodukten wie etwa Käse oder Butter zuständig ist. Aber Tiffany hat zwei Vorteile im Überlebenskampf: ein ausgeprägtes Denkvermögen und eine Großmutter, die wohl so etwas wie eine Hexe war.

Tiffany erinnert sich so häufig an die Granny Weh, dass diese zu einer weiteren Hauptfigur wird. Und obwohl Granny nur eine einfache Schäferin war, die in der Region mit dem Namen Die Kreide, wo Tiffany lebt, Schafe hütete, war sie wohl auch so etwas wie eine göttliche Instanz: Sie war die Verkörperung des Landes. „Das Land ist in meinen Knochen“, pflegte die Omi Weh zu sagen. Und davor hatte selbst der Baron Respekt. Besonders dann, wenn Granny drohte: „Es wird eine Abrrrechnung geben.“ Und ihre zwei Schäferhunde Donner und Blitz knurrten dazu.

Nun liegt Tiffany am Forellenbach und kitzelt Forellen. Eigentlich sollte sie auf ihren kleinen Bruder Willwoll aufpassen, der in der Nähe spielt, aber die Forellen lachen so schön. Bis ein grüner Wasserdämon auftaucht, der ein allzu lebhaftes Interesse an kleinen Babybrüdern zeigt. Tiffany zieht Jenny Grünzahn mit der Bratpfanne eins über, bis der Dämon das Weite sucht.

Diese Heldentat bleibt keineswegs unbeachtet.

|Die Hexe|

Aber was haben Ungeheuer hier zu suchen? Wenige Tage später wandert Tiffany in das nächste Dorf, um zur Schule zu gehen und die Antwort auf diese Frage herauszufinden. Sie hat Glück. Mehrere Wanderlehrer haben am Rande des Marktplatzes ihr Zelt aufgeschlagen, in dem sie Unterricht geben. Bezahlt wird in Naturalien. Doch Tiffany ist weder an „Geokrafie“ noch an Rechtschreibung („Spaß mit Klammern!“) interessiert, sondern sucht eine Hexe. Das winzige Schild an dem Zelt, auf dem steht „Ich kann dich eine Lektion lehren, die du so schnell nicht vergisst“ erscheint ihr vielversprechend.

Sie fragt die Hexe, die sich „Miss Tick“ nennt (wie in „Mystik“), wie sie ebenfalls eine Hexe werden könne. Sie wolle nämlich solche Wasserdämonen, die es nur in Märchenbüchern gibt, loswerden. Wie interessant, denkt Miss Perspicazia Tick. Sie war eine der Personen, die bei Tiffanys Heldentat zugegen waren. Bei ihrer Erforschung des Universums war sie auf eine drohende Gefahr gestoßen: Eine andere Welt kollidierte mit ihrer eigenen und drang in sie ein. Das könnte unangenehm werden. Bemerkenswert, dass ausgerechnet jetzt Tiffany auftauchte.

Ohne allzu viel erfahren zu haben, geht Tiffany nach Hause. Doch sie hat von Miss Tick einen Schatz mitbekommen, der sich noch als sehr wertvoll erweisen soll: eine sprechende Kröte. Eine verwunschene Kröte. Eine Kröte, die alle möglichen Dinge weiß und sogar fremde Sprachen übersetzt. Sozusagen ein organischer PDA mit Spracheingabe. Von der Kröte erfährt Tiffany von der bevorstehenden Kollision der Welten.

|Die „Wir-sind-die-Größten“|

Um die Dinge ins Rollen zu bringen, ist aber noch etwas nötig: die titelgebenden Kleinen Freien Männer. Sie haben blaue, weil tätowierte Haut (wie die historischen Pikten), knallrote Bärte, tragen Schottenrock und Schwert, reden seltsames Schottisch (nicht in der Übersetzung, logo) – und sind ungefähr fünfzehn Zentimeter groß. Und da sie gerade eine Hexe suchen, haben sie sich in Tiffanys Molkerei eingefunden. Warum gerade Tiffany Weh? Sie haben ihre Heldentat am Bach beobachtet und sich gedacht: Wir haben unsere Hexe gefunden!

Ihr Anführer stellt sich ihr als Rob Irgendwer Größter (= Rob Anybody Feegle) vor und sein Volk als die Wir-sind-die-Größten. Sie haben keinen König, keine Königin, keinen Herrn – daher sind sie die Kleinen Freien Männer. Sie haben, wie sich später herausstellt, nur vor zwei Dingen Angst: vor ihrer früheren Chefin, der grausamen Königin von Feenland, und vor — Anwälten.

|Das Feenland|

Als Tiffanys Bruder Willwoll wenig später spurlos verschwindet, weiß sie, an wen sie sich um Hilfe wenden kann: die Größten. Rob Irgendwer berichtet ihr, dass es höchstwahrscheinlich die Königin des Feenlandes war, die Willwoll entführt hat. Und es gibt nur einen Weg, in das Feenland zu gelangen: Nur eine echte Hexe kennt die Türen in die andere Dimension, wo die Zeit ein wenig verschoben ist.

Auf der Landschaft namens Die Kreide stehen Megalithen in rauen Mengen herum. Ob sie nun einen König oder einen Schatz beherbergen oder nur zur Beobachtung der Sterne dienten, das ist Tiffany wurscht. Solch ein Megalithentor fällt ihr schon bald auf: Erstens haut es mit dem Verlauf der Zeit nicht richtig hin, als sie es beobachtet. Und zweitens liegt hinter dem Tordurchgang auffällig viel Schnee, während auf dem Kreideland selbst noch Gras grünt. Ist im Feenland immer Winter?

Bewaffnet mit ihrer treuen Bratpfanne und begleitet von den ebenso treuen Größten, macht die Juniorhexe Tiffany Weh den ersten todesmutigen Schritt ins Land der Feenkönigin, um ihren entführten Bruder zurückzuholen.

_Mein Eindruck_

Die Wir-sind-die-Größten sind eine der genialsten Erfindungen des schreibenden Ehepaars Pratchett. Zwar treten auch schon früher in „Die Teppichvölker“ und in der Wühler-Trilogie, der „Bromeliade“, kleine, gnomenähnliche Wesen auf, doch die Wir-sind-die-Größten (im Original die „Nac Mac Feegle“) verleihen diesen Wesen einen unverwechselbaren Charakter. „They’re small. They’re blue. And NOBODY messes with them“, tönt das Titelbild der Originalausgabe anschaulich und prägnant.

Dass sie klein sind, ist schon klar. Dass sie blau sind, ergibt sich aus ihren blauen Tätowierungen, die mit Waid eingefärbt sind. Schon die ollen Römer wussten, um wen es sich handelt: Um die wilden Völker des schottischen Hochlandes, die ständig ihre Wälle und Festungen angriffen. Die „Bemalten“ nannten sie daher Picti, und unter dem Namen Pikten waren sie noch bis ins frühe Mittelalter bekannt, als ihr aktueller König dem König der Schotten, statt ihm eins auf die Rübe zu geben, die Hand schüttelte, um Frieden zu schließen.

Ob die Pikten reines Hochlandschottisch sprachen wie die Nac Mac Feegle, ist leider nicht überliefert. Das ist in der deutschen Übersetzung aber auch bedeutunglos. Die Größten sprechen Umgangs- und Gaunersprache. Zum Glück hat Tiffany ihren eigenen Dolmetscher dabei: die Kröte, die ihr (und uns!) aus der Verlegenheit hilft. Dass auch Whisky vorkommen muss, dürfte ebenfalls klar sein, doch wird er hier als Granny Wehs „Spezielles Schaf-Einreibemittel“ bezeichnet. Zur inneren Anwendung …

Selbstredend spielen die Größten auch den Dudelsack. Dies ist die Aufgabe des Schlachtenpoeten William, der immer so herrrrlich das R rrrollt. Und so alt er auch sein mag, so hat er doch ein paar Tricks auf Lager, um die „Jagdhunde“ der Feenkönigin in die Flucht zu schlagen.

|Die Königin der „Wir sind die Größten“|

Die Freundschaft der kleinen Riesen erkauft man nicht so einfach, findet Tiffany bald heraus. Geschenke erhalten zwar die Freundschaft, doch wenn es um die Verknüpfung von Schicksalen geht, müssen engere Bande geknüpft werden. Die Kobolde haben in ihrem unteridischen Bau eine Art Schwarmkönigin plus Schamanin: die „kelda“. Diese uralte Gnomen-Oma macht Tiffany zu aller Erstaunen zu ihrer Nachfolgerin, bevor sie in „das letzte Land“ geht. Sie erklärt Tiffany auch ihren keltischen Namen: „Land unter Wasser“ (das wird beim Finale noch wichtig).

Was Tiffany als neue „kelda“ nicht weiß: Sie muss als erste Tat einen Mann heiraten. Natürlich keinen von den „großen Leuten“, sondern einen der kleinen Riesen. Doch Bräuche sind dazu da, sie zu befolgen, ganz besonders gilt das für Anführer. Und so wählt Tiffany den wichtigsten Kobold: Rob Irgendwer. Und weil Tiffany eine Meisterin des Denkens ist, fällt ihr auch ein, wie sie die peinlichen Implikationen der Vermählung umgehen kann (wovon der Polterabend vermutlich die harmloseste ist) …

|Hexensabbat|

Keine Heldentat einer Hexe bleibt unbeachtet, und das gilt umso mehr für die einer Juniorhexe. Am Schluss taucht daher Miss Tick, die Wanderhexe, erneut bei Tiffany auf. Ihre Beifahrer auf dem Hexenbesen sind zwei alte Bekannte: Granny …, pardon: Mistress Weatherwax, und Nanny Ogg. Sie begucken sich die neue Heldin in ihren Reihen und halten mehr oder weniger Gericht über sie.

Sie sind reichlich erstaunt, dass Tiffanys Art der Magie auf dem Kreideland funktioniert, denn die gängige Theorie besagt, dass Hexenkraft harten Stein erfordert, und das Kreideland ist ja aus Kreide gemacht, dem weichsten Stein. Tiffany weist dezent darauf hin, dass in der Kreide etliche Stücke Flint, also Feuerstein, stecken, und das sei ja bekanntlich der härteste Stein. Die Hexen starren sie an, als wäre Tiffany die Verkörperung des Feuersteins, zufällig gefunden in einer weichen Gegend. Und in dieser Eigenschaft kommt Tiffany ihrer Granny gleich, die ja bekanntlich das Land in ihren Knochen hatte.

|Die Wanderschule|

Die Pratchetts haben wieder einige Lehren in ihrer Geschichte untergebracht. Die Kinder, die sie lesen, sollen schließlich aus dem Buch etwas lernen. Herkömmliche Wanderlehrer taugen offensichtlich wenig, die beste Schule scheint das Leben zu sein. Um dessen Schwierigkeiten zu bewältigen, sind aber nicht Träume, Wünsche und Illusionen hilfreich, sondern ein Sinn für die Realität und vor allem Denken.

Tiffany ist eine Meisterin des Denkens, doch selbst sie ist nicht gegen die Macht der Feenkönigin gefeit. Ich möchte nur so viel verraten: Deren Macht liegt in der Anwendung von Träumen und Illusionen als Waffen, um die Kinder, die sie entführt hat, zu versklaven. Darin gleicht sie der Schneekönigin in Andersens Märchen und in C. S. Lewis‘ erstem Narnia-Roman „The lion, the witch and the wardrobe“. Der fiesen Behauptung der Feenkönigin, die Menschen könnten es in ihrem Leben ohne Träume und Wünsche gar nicht aushalten, hat auch Tiffany nichts entgegenzusetzen. Der Krieg der Träume scheint für sie verloren, als sie sich an etwas erinnert, das ganz tief unten in ihrem Sein verborgen ist: Sie ist, wie ihre Granny, auch das Land, und das Land träumt Träume, die mit Menschen nichts zu tun haben.

_Unterm Strich_

Auch wenn das Buch „Kleine Freie Männer“ offensichtlich für Kinder ab neun oder zwölf Jahren geschrieben wurde (die Heldin ist neun), so kommen dabei doch Themen zur Sprache, die alle Menschen ansprechen. Da wäre zum einen die Macht der Träume, Wünsche und besonders der Geschichten. Beispielsweise solche aus Büchern.

|Die Macht von Träumen und Geschichten|

Tiffany kennt exakt drei Bücher, nämlich ein Wörterbuch, ein Märchenbuch und das Erbstück ihrer Oma, in dem die Behandlung von Schafkrankheiten beschrieben ist. Alle drei Bücher werden verwendet, erprobt und für gut oder schlecht befunden. Der Prüfstein dafür ist a) die Realität, b) das Abenteuer im Feenland und c) Tiffanys Denken. Ob ihr Denken allerdings logisch ist, sei einmal dahingestellt. Dies ist zumindest, äh, interessant. Ihr beim Denken zu folgen, ist teils faszinierend, teils amüsant. Die meisten Bücher, besonders die mit den Lügen darin, kommen schlecht weg.

|Identität|

Ein weiteres wichtiges Thema ist Identität. Tiffany denkt zunächst, sie wüsste, wer sie ist: Tochter Nummer 3 der Weh-Familie, ein gewöhnliches Milchmädchen. Je mehr sie sich aber in die Abenteuer mit den Kobolden und der Feenkönigin verstrickt, desto weniger sicher wird sie sich ihrer selbst. Ist die Begegnung mit saufenden, kämpfenden und vor allem stehlenden Gnomen noch relativ lustig, so hört der Spaß spätestens beim Showdown mit der Feenkönigin auf. Erst spät, fast zu spät fällt Tiffany die richtige Antwort ein. Das verändert nicht nur sie, sondern alles um sie herum.

|Spaß mit Klammern|

Wie schon Pratchetts wunderbares Kinderbuch „The Amazing Maurice and His Educated Rodents“ übt „Kleine Freie Männer“ nicht nur Kritik an modernen Phänomenen, sondern macht auch eine ganze Menge Spaß. Das Lesen ist im Original umso vergnüglicher, als eine ganze Menge schwer übersetzbarer Wortspiele den Spaß an der Sprache erhöhen. Es wäre etwas ermüdend, alle Beispiel dafür anzuführen.

|Die Übersetzung|

In meinem Text habe ich fast alle Namen und Bezeichnungen des Originals durch diejenigen Entsprechungen ersetzt, die der Übersetzer verwendet. Diese Übertragung ist keine große Sache, sondern der übliche Job. Etwas mehr anstrengen musste sich Brandhorst jedoch beim Jargon, dessen sich die Kobolde, die Nac Mac Feegle bedienen. Statt „Crivens!“ heißt es nun allerdings „Potz Blitz!“, und ich das hat ja nun nichts mit einem bestimmten Dialekt zu tun. Eine bessere Entsprechung wäre wohl das bayerische „Zefixluja!“ oder „Kruzitürken!“ gewesen. Leider versteht das aber nicht jeder Leser, schon gar nicht junge. Insofern bildet die verbreitete – und antiquierte – Variante einen guten Kompromiss.

Wie viel vom Wortwitz des Originals verloren geht, lässt sich an der Übersetzung des Gnomennamens Rob Anybody Feegle ablesen. Die Übersetzung hat nun „Rob Irgendwer Größter“ daraus gemacht, was leider nur den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt und zudem noch jämmerliches Deutsch. Der größte Verlust ist eigentlich, dass „Rob Anybody“ natürlich im Englischen „Raube jeden Beliebigen aus“ bedeutet – das ist der Witz dabei, und außerdem eine ironisch-spöttische Anspielung auf den heroischen Schottenfilm „Rob Roy“. Ich konnte dessen Highlander-Romantik auch noch nie ertragen.

„Feegle“ bezeichnet lediglich seine Zugehörigkeit zum Volk der (Nac Mac) Feegle, die in der Übersetzung nun die „Größten“ bzw. „Wir sind die Größten“ heißen. Ob diese Übersetzung des Schottischen stimmt, kann ich als Nichtschottischsprecher nicht beurteilen.

|Originaltitel: The Wee Free Men, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Brandhorst|

Pratchett, Terry – Kleine freie Männer

_Disney-mäßig: Rettungs-Expedition ins Feenland_

Nachdem ein Wasserdämon um ein Haar fast seinen kleinen Bruder Willwoll entführt hat, wendet sich das Milchmädchen Tiffany Weh an eine professionelle Hexe. Miss Tick gibt ihr nach vielen neugierigen Fragen einen wertvollen Ratgeber: eine sprechende Kröte. Als ihr Bruder aber wirklich von der Feenkönigin entführt wird, braucht Tiffany mächtigere Verbündete.

Da trifft es sich gut, dass die Wir-sind-die-Größten, kleine blauhäutige, saufende, stehlende und kämpfende Gnomen, eine Hexe suchen. Durch ihre Heldentat gegenüber dem Wasserunhold hat sich Tiffany eindeutig als solche qualifiziert und kriegt den Job. Zusammen nehmen sie es mit der grausamen Feenkönigin auf, deren Welt dabei ist, in unsere einzudringen, um Träume zu stehlen.

Doch die Rettungsaktion erweist sich als schwieriger als gedacht: Das Reich der Märchen ist längst nicht so schön, wie es uns die Geschichten immer weisgemacht haben, sondern kalt und voller Gefahren. Tiffany und ihre Truppe „kleiner freier Männer“ geraten von einer heiklen Situation in die nächste.

_Der Autor_

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa drei Dutzend Bücher erschienen, auf Deutsch zuletzt „Weiberregiment“.

Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch [„Maurice, der Kater“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219 („The Amazing Maurice and His Educated Rodents“), worauf „Kleine freie Männer“ folgte.
Die Fortsetzung von „Kleine freie Männer“ trägt den Titel [„A Hatful of Sky“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1842 („Ein Hut voller Sterne“; Buch & Audio auf Deutsch im Februar & März 2006 erschienen).

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden. Mehr Infos unter www.lspace.org (ohne Gewähr).

_Der Sprecher_

Der in Berlin Charlottenburg geborene Schauspieler Boris Aljinovic wollte ursprünglich Comic-Zeichner werden. Er absolvierte aber von 1991 bis 1994 die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Danach folgten Engagements am Theater der Stadt Cottbus, am Staatstheater Schwerin und am Berliner Renaissance-Theater. Seit 2001 ist er der neue Berliner „Tatort“-Ermittler Felix Stark an der Seite von Dominic Raacke. Daneben hat er sich mit zahlreichen anderen Fernseh- und Filmproduktionen sowie als Hörbuchsprecher einen Namen gemacht.

Regie führte Produzent Oliver Versch. Das „Sound-Design“ stammt von David Braun, und die Aufnahmeleitung oblag Michael Hübbeker.

Boris Aljinovic liest die gekürzte Fassung, die Karin Weingart anfertigte.

_Handlung_

Die neunjährige Tiffany Weh ist eigentlich ein einfaches Milchmädchen, das auf der Farm seiner Eltern für die Herstellung von allerlei Milchprodukten wie etwa Käse oder Butter zuständig ist. Aber Tiffany hat zwei Vorteile im Überlebenskampf: ein ausgeprägtes Denkvermögen und eine Großmutter, die wohl so etwas wie eine Hexe war.

Tiffany erinnert sich so häufig an die Granny Weh, dass diese zu einer weiteren Hauptfigur wird. Und obwohl Granny nur eine einfache Schäferin war, die in der Region mit dem Namen Die Kreide, wo Tiffany lebt, Schafe hütete, war sie wohl auch so etwas wie eine göttliche Instanz: Sie war die Verkörperung des Landes. „Das Land ist in meinen Knochen“, pflegte die Omi Weh zu sagen. Und davor hatte selbst der Baron Respekt. Besonders dann, wenn Granny drohte: „Es wird eine Abrrrechnung geben.“ Und ihre zwei Schäferhunde Donner und Blitz knurrten dazu.

Nun liegt Tiffany am Forellenbach und kitzelt Forellen. Eigentlich sollte sie auf ihren kleinen Bruder Willwoll aufpassen, der in der Nähe spielt, aber die Forellen lachen so schön. Bis ein grüner Wasserdämon auftaucht, der ein allzu lebhaftes Interesse an kleinen Babybrüdern zeigt. Tiffany zieht Jenny Grünzahn mit der Bratpfanne eins über, bis der Dämon das Weite sucht.

Diese Heldentat bleibt keineswegs unbeachtet.

|Die Hexe|

Aber was haben Ungeheuer hier zu suchen? Wenige Tage später wandert Tiffany in das nächste Dorf, um zur Schule zu gehen und die Antwort auf diese Frage herauszufinden. Sie hat Glück. Mehrere Wanderlehrer haben am Rande des Marktplatzes ihr Zelt aufgeschlagen, in dem sie Unterricht geben. Bezahlt wird in Naturalien. Doch Tiffany ist weder an „Geokrafie“ noch an Rechtschreibung („Spaß mit Klammern!“) interessiert, sondern sucht eine Hexe. Das winzige Schild an dem Zelt, auf dem steht „Ich kann dich eine Lektion lehren, die du so schnell nicht vergisst“ erscheint ihr vielversprechend.

Sie fragt die Hexe, die sich „Miss Tick“ nennt (wie in „Mystik“), wie sie ebenfalls eine Hexe werden könne. Sie wolle nämlich solche Wasserdämonen, die es nur in Märchenbüchern gibt, loswerden. Wie interessant, denkt Miss Perspicazia Tick. Sie war eine der Personen, die bei Tiffanys Heldentat zugegen waren. Bei ihrer Erforschung des Universums war sie auf eine drohende Gefahr gestoßen: Eine andere Welt kollidierte mit ihrer eigenen und drang in sie ein. Das könnte unangenehm werden. Bemerkenswert, dass ausgerechnet jetzt Tiffany auftauchte.

Ohne allzu viel erfahren zu haben, geht Tiffany nach Hause. Doch sie hat von Miss Tick einen Schatz mitbekommen, der sich noch als sehr wertvoll erweisen soll: eine sprechende Kröte. Eine verwunschene Kröte. Eine Kröte, die alle möglichen Dinge weiß und sogar fremde Sprachen übersetzt. Sozusagen ein organischer PDA mit Spracheingabe. Von der Kröte erfährt Tiffany von der bevorstehenden Kollision der Welten.

|Die „Wir-sind-die-Größten“|

Um die Dinge ins Rollen zu bringen, ist aber noch etwas nötig: die titelgebenden Kleinen freien Männer. Sie haben blaue, weil tätowierte Haut (wie die historischen Pikten), knallrote Bärte, tragen Schottenrock und Schwert, reden seltsames Schottisch (nicht in der Übersetzung, logo) – und sind ungefähr fünfzehn Zentimeter groß. Und da sie gerade eine Hexe suchen, haben sie sich in Tiffanys Molkerei eingefunden. Warum gerade Tiffany Weh? Sie haben ihre Heldentat am Bach beobachtet und sich gedacht: Wir haben unsere Hexe gefunden!

Ihr Anführer stellt sich ihr als Rob Irgendwer Größter (= Rob Anybody Feegle) vor und sein Volk als die Wir-sind-die-Größten. Sie haben keinen König, keine Königin, keinen Herrn – daher sind sie die Kleinen Freien Männer. Sie haben, wie sich später herausstellt, nur vor zwei Dingen Angst: vor ihrer früheren Chefin, der grausamen Königin von Feenland, und vor — Anwälten.

|Das Feenland|

Als Tiffanys Bruder Willwoll wenig später spurlos verschwindet, weiß sie, an wen sie sich um Hilfe wenden kann: die Größten. Rob Irgendwer berichtet ihr, dass es höchstwahrscheinlich die Königin des Feenlandes war, die Willwoll entführt hat. Und es gibt nur einen Weg, in das Feenland zu gelangen: Nur eine echte Hexe kennt die Türen in die andere Dimension, wo die Zeit ein wenig verschoben ist.

Auf der Landschaft namens Die Kreide stehen Megalithen in rauen Mengen herum. Ob sie nun einen König oder einen Schatz beherbergen oder nur zur Beobachtung der Sterne dienten, das ist Tiffany wurscht. Solch ein Megalithentor fällt ihr schon bald auf: Erstens haut es mit dem Verlauf der Zeit nicht richtig hin, als sie es beobachtet. Und zweitens liegt hinter dem Tordurchgang auffällig viel Schnee, während auf dem Kreideland selbst noch Gras grünt. Ist im Feenland immer Winter?

Bewaffnet mit ihrer treuen Bratpfanne und begleitet von den ebenso treuen Größten, macht die Juniorhexe Tiffany Weh den ersten todesmutigen Schritt ins Land der Feenkönigin, um ihren entführten Bruder zurückzuholen.

_Mein Eindruck_

Die Wir-sind-die-Größten sind eine der genialsten Erfindungen des schreibenden Ehepaars Pratchett. Zwar treten auch schon früher in „Die Teppichvölker“ und in der Wühler-Trilogie, der „Bromeliade“, kleine, gnomenähnliche Wesen auf, doch die Wir-sind-die-Größten (im Original die „Nac Mac Feegle“) verleihen diesen Wesen einen unverwechselbaren Charakter. „They’re small. They’re blue. And NOBODY messes with them“, tönt das Titelbild der Originalausgabe anschaulich und prägnant.

Dass sie klein sind, ist schon klar. Dass sie blau sind, ergibt sich aus ihren blauen Tätowierungen, die mit Waid eingefärbt sind. Schon die ollen Römer wussten, um wen es sich handelt: Um die wilden Völker des schottischen Hochlandes, die ständig ihre Wälle und Festungen angriffen. Die „Bemalten“ nannten sie daher Picti, und unter dem Namen Pikten waren sie noch bis ins frühe Mittelalter bekannt, als ihr aktueller König dem König der Schotten, statt ihm eins auf die Rübe zu geben, die Hand schüttelte, um Frieden zu schließen.

Ob die Pikten reines Hochlandschottisch sprachen wie die Nac Mac Feegle, ist leider nicht überliefert. Das ist in der deutschen Übersetzung aber auch bedeutunglos. Die Größten sprechen Umgangs- und Gaunersprache. Zum Glück hat Tiffany ihren eigenen Dolmetscher dabei: die Kröte, die ihr (und uns!) aus der Verlegenheit hilft. Dass auch Whisky vorkommen muss, dürfte ebenfalls klar sein, doch wird er hier als Granny Wehs „Spezielles Schaf-Einreibemittel“ bezeichnet. Zur inneren Anwendung …

Selbstredend spielen die Größten auch den Dudelsack. Dies ist die Aufgabe des Schlachtenpoeten William, der immer so herrrrlich das R rrrollt. Und so alt er auch sein mag, so hat er doch ein paar Tricks auf Lager, um die „Jagdhunde“ der Feenkönigin in die Flucht zu schlagen.

|Die Königin der „Wir sind die Größten“|

Die Freundschaft der kleinen Riesen erkauft man nicht so einfach, findet Tiffany bald heraus. Geschenke erhalten zwar die Freundschaft, doch wenn es um die Verknüpfung von Schicksalen geht, müssen engere Bande geknüpft werden. Die Kobolde haben in ihrem unteridischen Bau eine Art Schwarmkönigin plus Schamanin: die „kelda“. Diese uralte Gnomen-Oma macht Tiffany zu aller Erstaunen zu ihrer Nachfolgerin, bevor sie in „das letzte Land“ geht. Sie erklärt Tiffany auch ihren keltischen Namen: „Land unter Wasser“ (das wird beim Finale noch wichtig).

Was Tiffany als neue „kelda“ nicht weiß: Sie muss als erste Tat einen Mann heiraten. Natürlich keinen von den „großen Leuten“, sondern einen der kleinen Riesen. Doch Bräuche sind dazu da, sie zu befolgen, ganz besonders gilt das für Anführer. Und so wählt Tiffany den wichtigsten Kobold: Rob Irgendwer. Und weil Tiffany eine Meisterin des Denkens ist, fällt ihr auch ein, wie sie die peinlichen Implikationen der Vermählung umgehen kann (wovon der Polterabend vermutlich die harmloseste ist) …

|Hexensabbat|

Keine Heldentat einer Hexe bleibt unbeachtet, und das gilt umso mehr für die einer Juniorhexe. Am Schluss taucht daher Miss Tick, die Wanderhexe, erneut bei Tiffany auf. Ihre Beifahrer auf dem Hexenbesen sind zwei alte Bekannte: Granny …, pardon: Mistress Weatherwax, und Nanny Ogg. Sie begucken sich die neue Heldin in ihren Reihen und halten mehr oder weniger Gericht über sie.

Sie sind reichlich erstaunt, dass Tiffanys Art der Magie auf dem Kreideland funktioniert, denn die gängige Theorie besagt, dass Hexenkraft harten Stein erfordert, und das Kreideland ist ja aus Kreide gemacht, dem weichsten Stein. Tiffany weist dezent darauf hin, dass in der Kreide etliche Stücke Flint, also Feuerstein, stecken, und das sei ja bekanntlich der härteste Stein. Die Hexen starren sie an, als wäre Tiffany die Verkörperung des Feuersteins, zufällig gefunden in einer weichen Gegend. Und in dieser Eigenschaft kommt Tiffany ihrer Granny gleich, die ja bekanntlich das Land in ihren Knochen hatte.

|Die Wanderschule|

Die Pratchetts haben wieder einige Lehren in ihrer Geschichte untergebracht. Die Kinder, die sie lesen, sollen schließlich aus dem Buch etwas lernen. Herkömmliche Wanderlehrer taugen offensichtlich wenig, die beste Schule scheint das Leben zu sein. Um dessen Schwierigkeiten zu bewältigen, sind aber nicht Träume, Wünsche und Illusionen hilfreich, sondern ein Sinn für die Realität und vor allem Denken.

Tiffany ist eine Meisterin des Denkens, doch selbst sie ist nicht gegen die Macht der Feenkönigin gefeit. Ich möchte nur so viel verraten: Deren Macht liegt in der Anwendung von Träumen und Illusionen als Waffen, um die Kinder, die sie entführt hat, zu versklaven. Darin gleicht sie der Schneekönigin in Andersens Märchen und in C. S. Lewis‘ erstem Narnia-Roman „The lion, the witch and the wardrobe“. Der fiesen Behauptung der Feenkönigin, die Menschen könnten es in ihrem Leben ohne Träume und Wünsche gar nicht aushalten, hat auch Tiffany nichts entgegenzusetzen. Der Krieg der Träume scheint für sie verloren, als sie sich an etwas erinnert, das ganz tief unten in ihrem Sein verborgen ist: Sie ist, wie ihre Granny, auch das Land, und das Land träumt Träume, die mit Menschen nichts zu tun haben …

_Der Sprecher_

Boris Aljinovics Stimme klingt zunächst ganz normal, eben männlich tiefer gelegt. Doch schon in den ersten Szenen mit Miss Perspicacia Tick, der Wanderhexe, erleben wir eine Überraschung. Fräulein Tick selbst verfügt eine höhere, sanfte Stimme, aber ihre Kröte – die leider durchweg namenlos bleibt, obwohl sie in einem früheren Leben ein Anwalt war – erstaunt immer wieder mit einer knarzigen, gequetscht klingenden und leicht näselnden Stimme, die einem solchen Amphibienviech gut ansteht. Und zu einem nervenden Besserwisser.

Am meisten gespannt war ich natürlich auf die Stimmen der Kobolde, der Königin und natürlich der Hauptfigur: Tiffany Weh. Wie bei jedem Stamm mit vielen Mitgliedern gibt es auch unter den „Größten“ ziemlich viele unterschiedliche Charaktere. Das macht ja gerade den Reiz der Geschichte und hörbar auch den des Hörbuchs aus. Ihr Anführer ist Rob Irgendwer, der mit seinem Kampfgeschrei jeden Angriff einleitet. Man kann sich seine Stimme, wenn sie erhoben wird, als gedämpften Schrei eines kauzigen Käptns vorstellen; wenn sie leise wird, als die eines sanften Helden. Mit Rob Roy hat er dennoch nix am Hut. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck. Und denken kann er auch (!).

Sein komplettes Gegenteil sind „der doowe Wullie“ mit seiner langsamen, tiefen Stimme und der Schlachtendudler William, der ein derart martialisch rrrollendes R aus der Kehle aufsteigen lässt, dass wir ihm seinen Mut durchaus abnehmen. Die Größten haben auch einen Flieger: Hamish. Er fliegt mit den Bussarden und landet per Fallschirm, wenn auch meist mit dem Kopf im Boden. Er ist an seinem eigenen Akzent einigermaßen gut von den anderen Durchschnittskobolden zu unterscheiden.

Daneben gibt es noch zwei Kategorien von Wesen: Kinder und Erwachsene. Während die neunjährige Tiffany ähnlich sanft wie Fräulein Tick spricht, aber immerhin mit ihren „dritten Gedanken“ sehr scharfsinnig wirkt, ist ihr kleiner Bruder Willwoll eher das Gegenteil: Er will bloß Süßigkeiten, und kriegt er keine, plärrt er. Als er aber die Kobolde sieht, fängt er an zu kichern und fröhlich „kleine Männer“ zu lallen. Der Baronssohn Roland ist nicht viel besser erzogen, aber mit seinen zwölf Jahren doch schon halbwegs vernünftig.

Bevor die Heldin auf ihre Widersacherin, die Königin der Elfen, trifft, muss sie erst eine Menge Bekanntschaften mit den Erwachsenen hinter sich bringen, sozusagen als Vorbereitung auf den äußerst langgezogenen Showdown mit ihrer Widersacherin, die ihren Bruder entführt hat. Hochnäsig und besserwisserisch klingen die Lehrer, die drei auftauchenden Anwälte, ihre Mutter, der Baron sowieso, aber keinesfalls ihre Oma Weh. Die sagt zwar ohnehin nur das Allernötigste, aber was sie sagt, ist nie hochnäsig. Auch nicht gegenüber dem Baron, mit dem sie einen Streit wegen seines wildernden Hundes hatte, der ihre Schafe riss.

Die Königin zu bezwingen, stellt sich auch akustisch als recht schwierig dar. Zunächst ist die Elfin nur arrogant und verschlagen, aber langmütig, so wie man es gegenüber einem dummen Kind ist, das nicht weiß, was es tut. Als aber Tiffany immer mehr Fähigkeiten an den Tag legt, verliert die Königin allmählich ihre Geduld. Alle ihre Trome, die Traumerzeuger, hat Tiffany ausgetrickst. Sogar das ihr eingetrichterte Schuldgefühl wegen des im Stich gelassenen Bruders überwindet die kleine Heldin. Als auch der Versuch fehlschlägt, sie mit den Anwälten von ihren Gefährten, den Kobolden, zu trennen, wird die Königin ernsthaft wütend. Sie lässt sowohl die Anwälte als auch die Größten mit einer Handbewegung verschwinden. Was jetzt? Doch Tiffany findet die Kraft, der Königin ein blaues Auge zu verpassen.

Alle diese Verwandlungen bewältigt der Sprecher bravourös und erinnert an die Leistungen von Rufus Beck und Philipp Schepmann. Allerdings kann ich mich nicht mit seiner Aussprache des Namens Oma Weh anfreunden. Was im Original „Granny Aching“ heißt, sollte das auch in der Übersetzung ausdrücken: nämlich Weh. Das tut Aljinovic aber nicht. Er sagt vielmehr „Oma Wieh“, und entsprechend auch „Tiffany Wieh“. Was das nun soll? Vielleicht soll es weniger |Weh|-leidig klingen als die Übersetzung, die Andreas Brandhorst geliefert hat.

_Musik und Geräusche_

Um die Qualität der Geräusche und der Musik zu beschreiben, könnte eigentlich ein Wort genügen: filmreif. Die Geräusche stelle man sich einfach so passend wie möglich vor: Wenn es regnet, rauscht es. Im Sommer zwitschern die Vögel, am Meer schreien die Möwen und BOING! macht Tiffanys Bratpfanne am Schädel des Wasserkobolds.

Man muss schon lange suchen, bis man auf ein ungewöhnliches Geräusch stößt. Gilt ein erstaunt „Mäh!“ machendes Schaf, das gerade von den Kobolden rückwärts weggetragen wird, als Geräusch? Gilt das Knurren von Todeshunden als außergewöhnlich? Immerhin insofern, als dieses Knurren keinem lebenden und natürlichen Hund gleicht – es ist elektronisch verzerrt worden. Ein Lob an den Sound-Designer.

Die Musik ist sehr vielfältig, und ich konnte feststellen, dass sich die Produktionsgesellschaft „the spotting image“ ziemlich ins Zeug gelegt hat, um einen ansprechenden Score zu erstellen. Von heiteren Weisen reicht die Palette über eine Art fröhlicher Zirkusmusik bis zu „Schlachtengemälden“, Dramatik und Melancholie. Ein richtiges Requiem ist allein Oma Wehs Begräbnis gewidmet. Wer sich auf die Musik einlässt, hat viel mehr vom Hörbuch, denn es wird dadurch fast zu einem Film für die Ohren. Kinder werden sich wie in einem Disneyfilm vorkommen.

_Unterm Strich_

Auch wenn das Buch „Kleine Freie Männer“ offensichtlich für Kinder ab neun oder zwölf Jahren geschrieben wurde (die Heldin ist neun), so kommen dabei doch Themen zur Sprache, die alle Menschen ansprechen. Da wäre zum einen die Macht der Träume, Wünsche und besonders der Geschichten. Beispielsweise solche aus Büchern.

|Die Macht von Träumen und Geschichten|

Tiffany kennt exakt drei Bücher, nämlich ein Wörterbuch, ein Märchenbuch und das Erbstück ihrer Oma, in dem die Behandlung von Schafkrankheiten beschrieben ist. Alle drei Bücher werden verwendet, erprobt und für gut oder schlecht befunden. Der Prüfstein dafür ist a) die Realität, b) das Abenteuer im Feenland und c) Tiffanys Denken. Ob ihr Denken allerdings logisch ist, sei einmal dahingestellt. Dies ist zumindest, äh, interessant. Ihr beim Denken zu folgen, ist teils faszinierend, teils amüsant. Die meisten Bücher, besonders die mit den Lügen darin, kommen schlecht weg.

|Identität|

Ein weiteres wichtiges Thema ist Identität. Tiffany denkt zunächst, sie wüsste, wer sie ist: Tochter Nummer 3 der Weh-Familie, ein gewöhnliches Milchmädchen. Je mehr sie sich aber in die Abenteuer mit den Kobolden und der Feenkönigin verstrickt, desto weniger sicher wird sie sich ihrer selbst. Ist die Begegnung mit saufenden, kämpfenden und vor allem stehlenden Gnomen noch relativ lustig, so hört der Spaß spätestens beim Showdown mit der Feenkönigin auf. Erst spät, fast zu spät fällt Tiffany die richtige Antwort ein. Das verändert nicht nur sie, sondern alles um sie herum.

|Das Hörbuch|

Wie schon gesagt, sind Geräusche und Musik-Score praktisch filmreif – wenn damit ein Disney-Film gemeint ist. Der Sprecher Boris Aljinovic erweist sich als sehr wandlungsfähig. Ich frage mich immer noch, wie er wohl die Stimme der Kröte hingekriegt hat.

Alles in allem macht das Hörbuch richtig Spaß, besonders dann, wenn man sich die Mühe macht, etwas genauer hinzuhören – es sind lauter kleine Weisheiten darin versteckt, die man in ähnlichen Kinderbüchern lange suchen kann. Ob wohl Tiffany Weh eines Tages Harry Schotter Konkurrenz machen wird? Sie tut es ja bereits, und statt eines Besenstiels braucht sie nur eine Bratpfanne.

|Originaltitel: The wee free men, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Brandhorst
280 Minuten auf 4 CDs|

[NEWS] Terry Pratchett – Ein gutes Omen

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[NEWS] Terry Pratchett – Die Farben der Magie. Eric (Zwei Scheibenweltromane)

Der Magier Rincewind packt nicht oft etwas an, aber wenn er es tut, dann geht es schief. In »Die Farben der Magie« versucht er sich als Fremdenführer für den ersten Touristen auf der Scheibenwelt – und natürlich verläuft die Reise der beiden alles andere als geplant … In »Eric« wird Rincewind von einem Bann erlöst. Doch nur, um dann mit Eric, dem jüngsten Dämonologen des Planeten, auf einen absoluten Höllentrip zu geraten. (Verlagsinfo)

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