Ralf Isau – Die Masken des Morpheus

Der siebzehnjährige Waisenjunge Arian arbeitet in der Spektakelschau seines Ziehvaters als Artist und Puppenspieler. Seine ungewöhnlichen Fähigkeiten kommen ihm dabei zugute. Allerdings besitzt er außer denjenigen, die er regelmäßig nutzt, auch noch ein paar, von denen er nichts weiß. Und diese letzteren sind der Grund, warum an einem schönen Sommertag die Begegnung mit einem alten Franzosen Arians Leben vollkommen durcheinanderbringt …

Wie der Leser es von Ralf Isau gewohnt ist, hat der Autor sehr gründlich recherchiert. Historischer Hintergrund ist die französische Revolution, doch obwohl die Ereignisse dort eine nicht unerhebliche Rolle spielen, findet die Handlung nur teilweise in Frankreich statt. Durch seine Erzählung hat der Autor den historischen Ereignissen eine ganz eigene Interpretation gegeben, was einen großen Teil ihres Charmes ausmacht.

Der andere Teil, der fasziniert, ist das phantastische Grundgerüst.

Morpheus, in der griechischen Mythologie Sohn der Nacht und des Schlafes und Gott der Träume, besitzt die Fähigkeit, jegliche Gestalt anzunehmen. Ralf Isau hat dies umgearbeitet in die Fähigkeit, mit anderen Geschöpfen den Körper zu tauschen. Dies schließt auch Tiere ein und eröffnet damit nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, zumal Morpheus nicht der Einzige ist, der über dieses Können verfügt. Dazu kommt noch, dass die sogenannten Körpertauscher nicht nur in der Lage sind, einen fremden Körper zu übernehmen, sie können auch die darin lebende Seele vereinnahmen. Das ist der Grund, warum Arian sie als Seelendiebe bezeichnet.

Unnötig zu erwähnen, dass solche Fähigkeiten nicht nur eine immense Machtfülle bedeuten, sondern auch eine unbegrenzte Lebensspanne für den Körpertauscher, sofern er nicht durch Einwirkung von Gewalt zu Tode kommt, ehe er in einen anderen Körper wechseln kann.


Natürlich ist das Körpertauschen oder Swappen nicht das einzige phantastische Element. Arians Gaben sind ebenfalls ungewöhnlich bis phantastisch, spielen aber keine ganz so große Rolle. Ralf Isau hat vor allem das Swappen ausgiebig für die Entwicklung seiner Handlung genutzt. Fast ein wenig zu ausgiebig für meinen Geschmack. Auf den ersten 170 Seiten wechselt allein Arian fünf Mal den Körper! Obwohl es nicht allzu schwierig ist, der Handlung trotzdem weiterhin zu folgen, entsteht dadurch doch ein recht hektischer, unruhiger Gesamteindruck, der mich zunehmend störte.

Dass die Handlung außerdem zu einem recht großen Teil daraus besteht, dass Arian bei fast allem, was er tut, von Leuten gestört wird, die ihn fangen wollen, und es infolgedessen unentwegt zu Kämpfen oder Fluchten kommt, verstärkte diesen Eindruck noch. Spätestens im Wald bei Crespin fing es an, mir auf die Nerven zu gehen. Erst nach den Ereignissen auf Phobetor wurde es vorübergehend etwas besser, die Szene im Tempel der Bruderschaft kam zur Abwechslung mal nicht durch Flucht und Verfolgung zustande. Aber schon unmittelbar danach fällt die Handlung zurück in den alten Trott: Eingefangen werden und wieder entwischen! Selbst die Szene im Zusammenhang mit der Guillotine konnte sich nicht wirklich daraus lösen, weil ihre Auflösung – zumindest für mich – vorhersehbar und unvermeidlich war. Tatsächlich zieht sich das Schema durch das gesamte Buch bis hin zum vorletzten Kapitel. Da die Kapitel insgesamt recht kurz sind, bleibt nicht mehr viel übrig, was Abwechslung ins Geschehen bringt.

Dabei hat der Autor sich wirklich Mühe gegeben, seinen Lesern die Aufbruchstimmung jener Zeit zu vermitteln. Details wie der Flügeltelegraph und das Luftschiff der Brüder Montgolfier verleihen dem Buch fast schon einen Touch von Steampunk-Flair. Im Wust der ständigen Verfolgungsjagden und Bäumchen-Wechsel-dich-Sprünge sowie der doch sehr stark dominierenden Grande Terreur und der damit verbundenen umfangreichen Intrige des Morpheus geht dieser Hauch jedoch leider ebenso verloren wie die Ausstrahlung von Personen wie Casanova und Madame Grosholtz, oder wie die Sage von der Loreley, die eigentlich auf recht gelungene Weise eingebettet wurde.

Selbst die Hauptfiguren wurden an den Rand gedrängt. Über Arian gibt es nicht viel mehr zu sagen, als dass aus einem aufrechten, anständigen und unschuldigen jungen Mann im Laufe der Geschichte ein aufrechter, anständiger, nur nicht mehr ganz so unschuldiger junger Mann wird. Und Mira ist von Anfang bis Ende klug, schön und ausgesprochen beharrlich. Beide sind sie nicht unsympathisch, aber es fehlte ihnen das innere Feuer, das einer Figur Leben und Farbe verleiht.

Dazu kommen einige Unstimmigkeiten, über die ich gestolpert bin. Eine davon spricht der Autor sogar selbst an: Wie ist es Mira gelungen, unbemerkt in den Hamam von Turtleneck einzudringen? Der Autor lässt Turtleneck selbst danach fragen, gibt aber keine Antwort.

Und wenn ein Körper ohne Seele nach kurzer Zeit stirbt, wie kann Morpheus dann mehrere Körper vorrätig haben, in die er bei Bedarf schlüpfen kann? Was hält diese leeren Körper am Leben, solange er in einem anderen steckt?

Ich muß sagen, unterm Strich war ich enttäuscht. Zugegeben, die Geschichte ist rasant und temporeich erzählt. Wer es lebhaft, ja turbulent mag, ist deshalb hier sicherlich nicht falsch. Ich persönlich hatte mir jedoch mehr erhofft. Zumindest etwas mehr Abwechslung innerhalb der Handlung wäre nett gewesen, die ständigen Fehlschläge auf beiden Seiten durch stets dieselbe Art von Entkommen waren auf Dauer ermüdend und führten letztlich zu Überdruss. Vor allem aber fehlte es meines Erachtens an Substanz rund um die Hektik herum. In seinem Beitrag zu den Legenden von Phantásien, der „geheimen Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“, hat Ralf Isau bewiesen, dass er sehr wohl in der Lage ist, stimmungsvolle Szenarien und plastische Charaktere mit Tiefe darzustellen. In diesem Buch hab ich davon nichts gefunden. Dabei war die Idee so vielversprechend. Überaus schade.

Ralf Isau hat nicht nur ein Faible für phantastische Geschichten, sondern auch für Naturwissenschaft und Technik. Er arbeitete im Bereich der EDV, ehe ein Verlag ihm völlig unerwartet anbot, sein erstes Kinderbuch „Der Drache Gertrud“ zu veröffentlichen. Seither ist er so sehr mit Schreiben beschäftigt, daß er 2002 die EDV an den Nagel gehängt hat. Aus seiner Feder stammen neben der „Geheimen Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ vor allem die Neschan-Trilogie, die Zyklen Der Kreis der Dämmerung und Die zerbrochene Welt sowie viele weitere Zyklen und Einzelromane sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene. Der Autor lebt und arbeitet in der Nähe von Stuttgart.

Gebundene Ausgabe 544 Seiten
ISBN-13: 978-3-570-13835-9

www.randomhouse.de/cbjugendbuch/index.jsp
www.isau.de/index.html

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