Robert Corvus – Drachenmahr

Einst zwang die Glasbläserin Josefa einen mächtigen Drachen unter ihre Herrschaft und bewahrte so die Stadt Koda vor der Vernichtung. Seitdem sind Jahrzehnte vergangen und noch immer halten starke Ketten das Monstrum in der Kathedrale. Das Leidende Land schottet die Stadt von der Außenwelt ab, Geister von Tausenden Erschlagener streifen auf der Suche nach Lebenden um ihre Mauern. Niemand entkommt den Albträumen, die die Kinder des Drachen säen. Als die junge Zarria aufsteigt, wird sie zur Figur im Lügen- und Intrigenspiel der Patrizier. Doch Zarria vertraut nicht auf Schmeicheleien, sondern auf ihren Verstand, und so erkundet sie die dunklen Geheimnisse der Stadt, die zu Füßen des Drachen liegt … (Verlagsinfo)

Nach »Grauwacht« ist dies schon der zweite Roman aus der Rabenfeder, der dieses Jahr erschien. Und im Gegensatz zu seiner Reihe um die »Schatten« stehen die beiden diesjährigen Bücher jeweils ihren eigenen Mann – oder im Fall des Drachen seine eigene Frau, denn das ist es, was die Protagonistin Zarria entgegen aller Regeln und Erwartungen tut. Sie kämpft einen ungleichen Kampf gegen die Bündnisse und die Macht der großen Häuser der Stadt, findet sich von alten Gefährten verraten und benutzt ihrerseits Respekt und Zuneigung anderer, um ihre Ziele zu erreichen. Und nicht zuletzt ist es die eifersüchtige Drachenmeisterin Josefa, der sie die Stirn bietet.

Robert Corvus ist ein bisher vor allem durch Fantasyromane aufgefallener deutscher Schriftsteller, der sich auf vielfältigen Wegen in die Herzen seiner Leserschaft schreibt: Düstere Romane sind sein Markenzeichen, doch seit einiger Zeit erringt er ein immer größeres Publikum auch auf Seiten der Science-Fiction-Leserschaft, fasst er doch zunehmend Fuß bei der größten Science-Fiction-Serie Perry Rhodan und begeistert die Leser der Serie regelmäßig mit seinen Beiträgen. In naher Zukunft erwarten wir von ihm ein Zusammenarbeitsprojekt mit Bernhard Hennen für Das Schwarze Auge, weitere Perry-Rhodan-Romane, einen neuen Fantasy-Mehrteiler bei Piper sowie einen ebendort positionierten SF-Roman in der hauseigenen frischen SF-Reihe.

Mit Drachenmahr beschreitet er erneut neue Wege seiner Arbeit, was ihn als Autor sicherlich interessant macht. War Grauwacht zuletzt rasant, rätselhaft und allumfassend, konzentriert sich Drachenmahr auf das Innenleben der Protagonistin, ihre Entwicklung, die intriganten Verwirrungen der Stadtpolitik sowie das eine große Geheimnis, das die Stadt überschattet: Der Drache. Woher kommt er? Wie zwang ihn Josefa unter ihre Macht – eine Frage, die Corvus gleich im Prolog aufwirft, in dem Josefa noch als kleines Mädchen mit hehren Zielen auftritt. Die völlige Abschottung der Stadt durch das Leidende Land verursacht zunächst einen unglaubwürdigen Zwischenton, doch auch hierfür findet Corvus eine Erklärung.

Der Roman gestaltet sich trotz seines angenehm überschaubaren Umfangs anfangs etwas zäh und über weite Strecken träge, da die Hauptfigur sich nicht gerade intelligent anstellt, noch die Geschehnisse sie deutlich als Sympathieträger bezeichnen. Die Geschehnisse selbst deuten anfangs auf einen intriganten Fantasy-Krimi hin und können ihrerseits kein stärkeres Interesse erzeugen, und auch das Umfeld, die Stadt mit ihrer Abschottung, die Geister, die Bewohner der Stadt und ihre Familien – nichts regt energisch und fordernd zum Weiterlesen an. Bis zur Hälfte des Romans (freundlich geschätzt) lässt Corvus das Setting sich entfalten und fordert seinen Lesern viel Geduld ab, was er sich nur im Rückblick auf seine starken letzten Romane erlauben darf und nicht wiederholen sollte. Möglich, dass diese Ruhe dem einen oder anderen Leser angenehm ist, dem Verhältnis zu interessantem Inhalt ist sie jedoch nicht angemessen.

Es ist schwer zu sagen, an welcher Stelle der Umschwung zu verzeichnen ist. Schleichend entführt Corvus den treuen Leser in das eigentliche Geschehen, die Revolution, deckt die Zusammenhänge auf und schockiert mit einigen Seiten seiner Welt, die man sich so im Verlauf nicht hat vorstellen können. Geheimnisse der Drachenhaltung und der Abschottung der Stadt sind es, die schließlich dem großen Ganzen einen typischen Stempel aufdrücken. Die Verbindung der Zarria mit dem Drachen und die daraus erzielte Fokussierung auf das Wohl der Stadt und der Menschen, übergeordnet dem persönlichen Wohl von Freunden, Mitstreitern und Vertrauten – ja, sich selbst -, charakterisiert die Protagonistin doch noch zu einem Streiter für das Recht, doch ihr Schicksal schließlich schildert Corvus geschickt knapp und zwiespältig.

Einzig das Schicksal ihres Partners wünschte man sich zum Schluss noch näher beleuchtet, und so verbleibt der Eindruck von einem schleichenden, beinahe zu ruhigen Einstieg in die Geschichte gegen ein rasantes, doch beinahe zu abruptes Ende.

Im Vergleich bleibt Drachenmahr ein interessantes Stück Genreliteratur, dessen Einfallsreichtum es auf alle Fälle zu einer Leseempfehlung macht – gegen den Jahresmitbewerber Grauwacht fällt es jedoch deutlich an Spannung und Stilistik ab.

Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN-13: 9783492280150
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Piper-Verlag
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