Ursula K. Le Guin – Rückkehr nach Erdsee

Im Universum der Erdsee entwickelt sich eine Krise: Die Drachen verbrennen die westlichen Inseln, und die Seelen der Verstorbenen werden nicht mehr erlöst. Die Magier sind wieder gefragt, doch diesmal sind sie auf besondere Hilfe angewiesen: zwei neue Drachen. Dieser bewegende Fantasyroman wurde ausgezeichnet mit dem World Fantasy Award 2002.

Ursula Kroeber Le Guin, geboren 1929 als Tochter des berühmten Anthropologen Kroeber, ist eine bessere Schriftstellerin als C.S. Lewis (was etwa Jugend-Fantasy angeht), mit einem klareren Stil als Alan Garner (GB), origineller als Susan Cooper oder Joy Chant und schreibt flüssiger als alle ihre amerikanischen Nachahmer. Denn „Wizard of Earthsea“ setzte eine hohen, sehr hohen Maßstab. Neben Tolkiens Werk (1954/55), das sich nicht explizit an Jugendliche richtete und mit christlichen Motiven überfrachtet ist, ist „Wizard“ das klassische Fantasy-Abenteuer für junge Leser. Auch die Frauenbewegung in der Fantasy schätzte „Wizard“ und seine Folgebände sehr. Werke wie „Die Traumschlange“ von Vonda McIntyre erinnern daran.

Damit ihr die Handlung des neuesten Erdsee-Romans versteht, muss ich ein wenig von dem bisher Geschehenen erzählen:

„Magier der Erdsee“

Die Inselwelt der Erdsee ist umgeben von Ozean, und hier wächst der junge Ged als Neffe der Dorfhexe zu einem jungen Zauberer heran. Er beeinflußt die Tiere und rettet sein Dorf vor Räubern durch die Steuerung des Wetters. Er erwirbt sich den Gebrauchsnamen Sperber, denn in dieser Welt muss der Wahre Name eines Menschen geheimgehalten werden. Das Wissen um Namen ist der Schlüssel zur Macht eines Zauberers.

Mit 13 zieht Ged bei einem richtigen Magier ein, Ogion. Dieser spürt große Macht in dem Jungen und weiß, dass der schlaksige Junge eines Tages ein großer Erzmagier werden könnte. Doch Ged muss große Geduld erlernen, Geduld als Quelle der Weisheit. Schließlich darf Ged auf die Schule der Magier auf der Insel Rok. Er stellt sich als gelehriger Schüler heraus, doch fällt er in Ungnade, als er sich eifersüchtig in einen Wettstreit mit einem Mitschüler verwickeln läßt. Durch Geds stümperhafte Handhabung von Mächten, die er noch nicht kontrolliert, wird ein Schatten oder gebbeth in die Welt eingelassen, ein Wesen des Bösen.

Von dem gebbeth wird der Junge schwer verwundet, doch man kann ihn wieder heilen. Er verlässt die Insel, um eine Stelle als Dorfmagier anzutreten und so seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er lernt die Drachen kennen und überwindet viele alte Bedrohungen, doch ständig wird er vom gebbeth bedroht, das seine einzigartige Verantwortung und seine geistige Bürde ist.

Allmählich erwirbt er das Wissen, sich dem bösen Schatten zu stellen: Er erfährt dessen Wahren Namen und ist in der Lage, die Welt von diesem Schatten zu befreien, indem er ihn in sich aufnimmt. Beide stellen fest, dass sie ein und derselbe sind; auf diese Weise wird Geds Wesen geheilt und wieder zu einem Ganzen.

„Die Gräber von Atuan“

Die Handlung spielt auf einer der vier Inseln der Kargish, deren Sprache und Bräuche sich von denen der Bewohner des hardischen Archipels unterscheiden. Ein Kind namens Tenar wird seinen Eltern weggenommen, bekommt den Namen Arha, „die Verzehrte“, und wird zur Hohepriesterin der Gräber ausgebildet, einer uralten Zuflucht in der Wüste von Atuan, die nur Frauen und Eunuchen besuchen dürfen. Hier soll Tenar als die Wiedergeburt ihrer Vorgängerin wirken. Sie muss jeden Fußbreit des lichtlosen Labyrinths von Atuan kennenlernen und tastend jeden Ort finden können. Nur sie darf die heiligsten Räume betreten und hat über die Todesart der Opfersklaven zu entscheiden, die in diesen Verliesen schmachten.

Gegen Ende ihrer Ausbildung begegnet sie in einem der heiligsten Räume einem Fremden, einem Mann obendrein! Das ist Ged, inzwischen ein mächtiger Zauberer, der die fehlende Hälfte des Ringes von Erreth-Akbe sucht, auf dem die zerbrochene Rune des Friedens eingraviert ist. Es wäre die Pflicht der jungen Priesterin, Ged zu töten.

Aber als sie mit ihrem Gefangenen redet, sieht sie ein, dass auch sie eine Gefangene der Gräber ist, durch ein sinnloses und grausames Ritual gebunden. Ged gibt ihr ihren Wahren Namen zurück: Tenar. So, wie er sie befreit hat, befreit sie ihn: Sie führt ihn aus dem Labyrinth, und die beiden entkommen mit dem wiedervereinten Ring des Friedens. Tenar wird in Havnor geehrt, der Stadt der Könige von Erdsee, aber Ged möchte, dass sie bei Ogion, seinem alten Lehrmeister auf der Insel Gont, lebt und studiert.
Tenars Geschichte wurde fortgesetzt in „Tehanu“. Geds Abenteuer gehen weiter in „Das ferne Ufer“.

„Das ferne Ufer“

Ged, der inzwischen Erzmagier von Rok und der mächtigste Mann des Archipels ist, bricht mit dem jungen Arren, Prinz von Enlad, zu einer Suche auf, bei der er herausfinden will, weshalb die Magie ihre Macht zu verlieren scheint.

Nach seltsamen Abenteuern im fernen Süden werden sie zu den westwärts liegenden Inseln der Drachen geführt; und auf Selidor, der westlichen von ihnen, führt ihre Suche sie ins Reich des Todes, das trockene Land der Dunkelheit. Dort finden sie den Zauberer Cob, der die Steinmauer zwischen Leben und Tod eingerissen hat, um selbst Unsterblichkeit zu erlangen.

Ged beraubt Cob seiner Macht und verschließt die Wunde in der Welt, aber dabei verbraucht er seine gesamte eigene Macht. Arren, der den Thron von Erdsee erben wird, welcher seit 500 Jahren verwaist ist, holt Ged ins Leben zurück. Der Drache Kalessin trägt sie beide nach Rok, wo Ged Arren als den neuen König begrüßt; dann bringt Kalessin Ged nach Hause auf die Insel Gont.

Wie es ihm dort weiter erging, wird in dem Roman „Tehanu“ erzählt, dem „vorletzten Buch von Erdsee“, das 1992 erschien.

An dieser Stelle eine Beurteilung der ersten drei Bände:

Der erste Band ist eine wunderbare Geschichte, poetisch, spannend und doch von großem Tiefgang. Obwohl sich das Buch mit andersweltlicher Magie befasst, besitzt es doch eine heitere, erhabene Einheitlichkeit: die übernatürlichen Einzelheiten werden logisch (und mit Humor) entwickelt. Das Buch fußt auf einem festen Fundament von anthropologischem und psychologischem Realismus.

An dieser spannenden Geschichte beeindruckt auch die tiefgehende Symbolik. Denn es ist ja nicht nur der Friede und die Rune des Friedens auf dem Ring von Erreth-Akbe zerbrochen. Die Kargish haben in Atuan auch die Einheit der Geschlechter zerbrochen, ein grausamer Akt, der die Priesterin Tenar zur Einsamkeit verdammt. Ihr eigener Seelenfriede bedeutet dem Volk nichts. Erst Ged in seiner Weisheit ist in der Lage, zuerst Tenars richtige Identität (ihren Wahren Namen), ihre Freiheit und ihren Frieden wiederherzustellen und dann die Rune des Friedens.

Die Drachen spielen im dritten Band eine tragende Rolle. Dass Kalessin, einer größten und ältesten Drachen, Ged nach Hause bringt, deutet eine Versöhnung zwischen Menschen und Drachen an. (Diese wird in „Tehanu“ weiter ausgebaut.) Einst gab es wohl eine Zeit, in der Menschen und Drachen eins waren, aber nun sind sie seit langem getrennt und verfeindet.

Das angeborene Sprachidiom der Drachen ist die Sprache des Schöpfens, in der allen Dingen ihre Wahren Namen gegeben werden. Diese Sprache zumindest ansatzweise zu beherrschen, ist von entscheidender Bedeutung für die Ausübung der Magie unter Menschen. Obwohl Magie eine Gabe ist, mit der manche schon geboren werden, muss sie doch auch wie eine Kunst oder Wissenschaft gelernt werden. Erst wenn eine Hexe oder ein Magier den Wahren Namen eines Dings lernen, erhalten sie Macht über das Ding oder die Person. Diese Macht jedoch kann man natürlich zum Guten wie zum Bösen verwenden.

Der Magier Cob wendet sie zum Bösen, weil er Unsterblichkeit haben will, und dies nur für sich. Unsterblichkeit aber geht über die natürlichen Grenzen der Wesen hinaus. Sein widernatürliches Streben beeinträchtigt das Wirken der Magie, und nicht nur die Magier, sondern auch die Drachen bemerken das. Dankbar für den Sieg über Cob, bringt daher Kalessin Ged nach Hause.

In diesem Band zeigt die Autorin auf, welche Versuchungen sich einem mächtigen Zauberer bieten und was er an Kraft aufbringen muss, um der Versuchung nicht zu erliegen bzw. ihren Schaden wiedergutzumachen. In diesem Roman beeindruckt die Autorin weniger durch Action, als vielmehr durch Philosophie, die in realistische Gedanken und Handlungen umgesetzt wird.

„Tehanu“ (Erdsee 4)

Tenar, die einstige Priesterin aus dem zweiten Band „Die Gräber von Atuan“, ist nicht beim Zauberer Ogion geblieben, sondern hat Flint geheiratet, einen Farmer, zwei Kinder bekommen und zwei Jahre als Farmersfrau gelebt. Der sterbende Ogion lässt sie eines Tages zu sich rufen.

Nach seinem Tod bleibt sie im Haus des alten Magiers. Ihre Adoptivtochter ist bei ihr. Dieses Mädchen, Therru, das von den Männern, die mit seiner Mutter reisten, vergewaltigt und halbverbrannt und als tot liegen gelassen wurde, ist ein schweigsames Kind, voller Furcht, aber auch einer Macht, die es nicht begreift.

Der Drache Kalessin bringt den Magier Ged auf die Insel Gont, wo Tenar lebt. Ged hat eine Reise ins Reich des Todes hinter sich (Band 3: „Das ferne Ufer“) und alle Zaubermacht ist ihm verloren gegangen. Der kranke und ausgelaugte Ged ist voller Scham und verbirgt sich selbst vor König Arren, der ihn besuchen kommt.

Aspen, ein Schüler von Geds Gegner Cob, braut auf Gont böse Magie; Handy, einer der Männer, die das Kind Therru missbraucht hatten, treibt sich in der Nähe herum. Der junge König bringt Tenar unglückseligerweise zurück zur Farm ihres Mannes. Dort versuchen Handy und die anderen, Tenar und das Kind in die Hand zu bekommen. Ged trifft gerade noch rechtzeitig ein, um ihr zu helfen, die Schurken zu vertreiben.

In jenem Winter bleibt Ged bei Tenar auf der Farm, und obwohl er die Macht der Magie verloren hat, findet er endlich seine Erfüllung als sexuelles menschliches Wesen. Im Frühling lockt Aspen Ged und Tenar in Ogions Haus zurück, und da sie keinen Zauber wirken können, sind sie ihm schutzlos ausgeliefert. Er demütigt sie und ist im Begriff, sie zu töten.

Nun findet das verstümmelte, ohnmächtige Kind Therru endlich seinen Wahren Namen, Tehanu („Schwanenherz“, der Polarstern der Erdsee), und seine eigene Macht. In der Sprache der Drachen, der Sprache des Schöpfens, ruft sie den Drachen Kalessin. Der Drache vernichtet Aspen und begrüßt Tehanu als eine Tochter. Sie wird zunächst bei Ged und Tenar leben, später aber bei den Drachen: „Ich gebe euch mein Kind“, sagt Kalessin zu Ged, „so wie ihr mir eures geben werdet.“

LeGuin erzählt von der Würde des Menschen, die immer wieder mit Füßen getreten wird. Von denjenigen, die der Versuchung der Macht, die die Magie verleihen kann, erlegen sind. Und von der Solidarität, die geübt werden kann, selbst von den unwahrscheinlichsten Angehörigen der menschlichen Rasse.

„Drachenkind“

In Robert Silverbergs fabelhafter Fantasy-Anthologie „Der 7. Schrein“ (1998) veröffentlichte Ursula LeGuin mit „Drachenkind“ eine weitere wunderbare Erzählung, die auf der Zaubererinsel Rok spielt, eine geniale – und bis zur allerletzten Seite spannende – Erweiterung des bisherigen Geschehens im Erdsee-Archipel, die nahtlos an „Tehanu“ anschließt.

Die junge Bauerntochter Irian, deren Mutter unbekannt ist, will Rok, die Insel der Weisen und Magier, besuchen, um herauszufinden, wer oder was sie ist. Doch Damenbesuch ist im Kloster der Magier verboten. Der Erzmagier Thorion will sie verjagen, doch eine ältere und mächtigere Magie, als er sie besitzt, tötet ihn: Irian ist ein Drache!

„Rückkehr nach Erdsee“

Der junge Dorfhexer Erle ist untröstlich, als er sich auf den Weg zu Sperber macht, dem früheren Erzmagier der Erdsee. Von Sperber, dessen Wahrer Name Ged lautet, erhofft Erle sich Erlösung oder zumindest Rat für seine Misere. Der einsam auf seinem kleinen Gehöft auf der Insel Gont lebende Sperber lässt sich von Erle geduldig seine Geschichte erzählen.

Nacht für Nacht nämlich plagen ihn Albträume und tagsüber Illusionen, in denen er in ein düsteres, trockenes Land geht, bis er auf einen kahlen Hang gelangt, an dessen Fuße eine Steinmauer verläuft. Und auf der anderen Seite dieser Mauer wird Erles Seele von Lily, seiner dahingeschiedenen Liebe, gerufen. Er möge sie befreien. Als er sie küsst, trägt er schwarze Flecken davon, und als sie seinen Unterarm umklammert, bilden sich auch dort dunkle Flecken. Doch auf der anderen Seite der Mauer, im trockenen Land, das einst auch Ged besuchte, sieht Erle noch viele andere Seelen wie Lily, die um Befreiung flehen. Doch als er Lily bei ihrem Wahren Namen ruft, antwortet sie, dies sei nicht ihr Name.

Was mag dieser wiederkehrende Alptraum seiner schlaflosen Nächte wohl bedeuten, fragt Erle. Nun, vorerst schenkt ihm Ged ein kleines Kätzchen, das Erle im Schlaf Gesellschaft leistet. Fortan ist sein Schlaf tief und traumlos. Doch ist das Kätzchen mal weg, kehren die Traumbilder wieder. Ged schickt ihn nach Havnor, zu König Lebannen, der früher Arren hieß.

In Havnor, der Hauptstadt des Inneren Inselreiches, steht der Königspalast in all seiner Pracht, und Erle, der Ärmste, braucht einen halben Tag, bis er zum König vorgelassen wird, dem er Grüße von Ged, seinem Lebensretter, ausrichtet. Lebannen ist selbstverständlich ganz Ohr für das, was Erle zu berichten hat. Könnte ein Zusammenhang bestehen mit den schlimmen Nachrichten, die ihn von den Inseln im Westen Havnors erreicht haben? Dass Drachen die Ernten der Bauern vernichten, sie von ihren Gehöften vertreiben und ihre Länder zurückhaben wollen?

Nun soll ein Drachenrat der Magier, Kanzler, Würdenträger usw. Licht in die neue Lage bringen. Niemand lacht über Erle, niemand lacht über Tenar und ihre Ziehtochter Tehanu und schon gar nicht lacht jemand über den großen goldenen Drachen, den Lebannen aus dem Westen hat rufen lassen: Irian.

Nun steht die Drachentochter in menschlicher Gestalt neben des Königs Thron und erzählt von uralten Dingen, vom Anbeginn aller Dinge in der Erdsee. Dass nämlich einst Drachen und Menschen eins waren, sich dann aber in drei Völker trennten: in Drachen, Kargish und hardische Menschen. Die Drachen entsagten damals Besitz und Technik, sondern entschieden sich für die Alte Sprache, die Sprache des Schöpfens, und für das Fliegen auf dem Anderen Wind (vgl. Originaltitel). Folglich ist ihr Leben potenziell ewig.

Die Menschen aber wollten Dinge, Besitz und eigene Kreativität, verloren dafür aber die Alte Sprache und wurden sterblich. (Einzige Ausnahme: die Magier auf Rok.) Die Kargish bewahrten sich die Erinnerung an beides, doch die Drachen kannten sie nur als kleine Echsen, denen sie einmal im Jahr Ehre erwiesen, und Magier duldeten sie überhaupt keine. (Eine Kargish-Prinzessin weilt am Hofe des Königs, sie soll seine Frau werden. Tenar, ihrer Kargish-Freundin, erzählte sie von diesen geheimen Dingen.)

Erles Alptraum beweist, dass eine künstliche Trennung, jene Steinmauer, die Seelen der menschlichen Toten daran hindert, in das allumfassende Nichts zu gehen, um mit der Schöpfung wieder vereint zu werden. Sie sind zu ewigem Nichtleben und Untod verdammt.

Der Drachenrat beschließt, die Magier auf Rok um Rat zu fragen. Irian ist ebenso begeistert davon wie Tenar, und mehrere Magier freuen sich mit ihnen, endlich den Immanenten Hain besuchen zu dürfen, den magischen Wald der Erdsee. Und wahrhaftig: Dort entscheidet sich das Schicksal der Welt, der Friede aller Seelen …

Erles magische Kunst bestand darin, zerbrochene Dinge wieder ganz machen zu können. Obwohl er es nicht ahnt, fügt er die Grundfesten der Erdsee wieder zusammen. Und er ist wieder mit Lily vereint.

Obwohl es lange Zeit nicht so aussieht, geht es in diesem Erdsee-Roman doch um die letzten Dinge: um Leben und Tod und alles, was dazwischen liegt. Um Schöpfung und Frevel, um die Vereinigung verschiedenster Gegensätze. Was für gewöhnliche Leute: Ged ist ein einfacher Eremit auf seinem Hof, Erle lediglich ein besserer Kesselflicker, Tenar eine ehemalige Bauersfrau und ihre Pflegetochter Tehanu eine entstellte Frau, halb Schönheit, halb grauenhaft entstellt.

Bedeutsam wird die Geschichte erst mit König Lebannen, seinem Hof, der kargischen Prinzessin und natürlich dem goldenen Drachen Irian. Vollends transzendent wird die Geschichte aber erst auf den letzten 50 Seiten. Im Immanenten Hain, einem wahren „Mythago Wood“ wie von Robert Holdstock, finden die wichtigen Ereignisse nur noch auf einer geistig-seelischen Ebene statt. Dass es dabei um die Heilung der Welt geht und um Verwandlung – etwa Tehanus -, macht die Sache für die Beteiligten keineswegs ungefährlicher. Wie man vielleicht meiner Inhaltsangabe entnehmen konnte, ist die Schilderung dieser Ereignisse sehr bewegend – umso mehr, je besser man die Figuren aus den vorhergehenden Romanen kennt.

Die Hauptfiguren der letzten Erdsee-Geschichten, Tehanu und Irian, aber auch Lebannen und Tenar, sie finden ihre jeweilige Bestimmung und ihre Erfüllung. Am Ende steht eine Hochzeit im Königshaus an, ganz so, wie sich das für eine schöne Fantasygeschichte gehört. Insofern ist dieser fünfte Erdsee-Roman ein Versuch, alle losen und angefangenen Fäden zu einem glücklichen Ende zu bringen. Und dies gelingt der Autorin zur vollsten Zufriedenheit des Lesers, ohne dass man denken würde, dies wirke irgendwie konstruiert oder aufgesetzt. Bei einem zweiten Lesen mag man durchaus noch auf ein paar offene Fragen stoßen, aber sie sind sehr unbedeutend.

Was bereits für den ersten Band galt, gilt auch weiterhin für den letzten Band: „Obwohl sich das Buch mit andersweltlicher Magie befasst, besitzt es doch eine heitere, erhabene Einheitlichkeit: die übernatürlichen Einzelheiten werden logisch und mit viel ironischem Humor entwickelt. Das Buch fußt auf einem festen Fundament von anthropologischem und psychologischem Realismus.“ Freunde von Erdsee werden das Buch lieben und nicht mehr aus ihrer Sammlung weggeben.

Zur Übersetzung: Joachim Pente hat das Original in einer höchst passenden Weise ins Deutsche übertragen, die zunächst recht ungewöhnlich erscheint. Er verwendet nämlich die erzählende Sprache, die man wohl um 1830 verwendete, die aber klingt wie die erste „Herr der Ringe“-Übersetzung durch Margaret Carroux: ein wenig antiquiert, aber recht anschaulich. Die Wörter wirken dadurch unmittelbarer auf die Vorstellungskraft der Lesers, hinterlassen einen stärkeren Eindruck. So manches Wort wie etwa „hold“ dürfte auf hochgezogene Augenbrauen und grinsende Mundwinkel stoßen, doch nach einer Weile gewöhnt man sich an diesen Ton einer Mär, einer Fabel, einer Geschichte aus fernster Vergangenheit, die nur noch raunend zu uns dringt.

Pente ist nur ein einziger Fehler unterlaufen: Auf Seite 252 schreibt er in der 1. Zeile „Tenar“ statt „Tehanu“. Da kann man schon mal durcheinander kommen, zumal so kurz vor Schluss.

Nur das Titelbild bringt mich ins Grübeln. Der Ozean, auf dem die Galeone im Vordergrund segelt, hat nämlich zwei Etagen …

Taschenbuch: 282 Seiten
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