Ursula K. Le Guin – Tehanu. Das letzte Buch von Erdsee (Erdsee 4)

Erdsee 4: Trautes Heim, Glück allein?

Die Handlung von „Tehanu“ schließt sich fast unmittelbar an „Das ferne Ufer“ an. Tenar (aus „Die Gräber von Atuan“) hatte sich in Gont niedergelassen, geheiratet und zwei Kinder bekommen, die inzwischen erwachsen sind. Nach dem Tod ihres Mannes fühlt sie sich einsam und unsicher über ihre eigene Identität. Sie adoptiert Therru, ein Mädchen, das von ihrem Vater verstümmelt und missbraucht wurde.

Ged, der einstige Erzmagier, nach „Das ferne Ufer“ seiner magischen Kräfte beraubt, kehrt nach Gont zurück, schließt sich der Dorfgemeinschaft an und heiratet schließlich Tenar. Gemeinsam sorgen sie für Therru und versuchen, sie und sich vor ihrem Vater und dem frauenfeindlichen Zauberer Aspen zu schützen. Zugleich müssen sie einen Ort und eine Identität nicht nur für sich selbst, sondern auch für Therru suchen. Am Ende stellt sich heraus, dass Therru viel mehr ist, als sie zu sein scheint… (Wikipedia)

Mit ihrer Erdsee-Trilogie schuf Ursula LeGuin Ende der sechziger Jahre ein Meisterwerk der Fantasy. Die Trilogie um den Erzzauberer Ged besteht aus den 1979 erschienenen Bänden „A Wizard of Earthsea“, „The Tombs of Atuan“ und „The Farthest Shore“. „Tehanu“ schließt direkt an das Ende des dritten Buches an. „Die Geschichten sind maßgeblich von der Philosophie des Daoismus beeinflusst. Das Gleichgewicht der Dinge und das Prinzip des Nicht-Handelns spielen in den Romanen eine wesentliche Rolle.“ (Wikipedia)

Die Autorin

Ursula Kroeber Le Guin, geboren 1929 als Tochter des berühmten Anthropologen Kroeber, ist eine bessere Schriftstellerin als C.S. Lewis (was etwa Jugend-Fantasy angeht), mit einem klareren Stil als Alan Garner (GB), origineller als Susan Cooper oder Joy Chant und schreibt flüssiger als alle ihre amerikanischen Nachahmer.
Am bekanntesten wurde sie durch ihren – kürzlich verfilmten – Erdsee-Zyklus, in dessen Universum sie immer neue Romane spielen lässt. Aber da sie von Haus aus einen anthropologischen Hintergrund hat (s.o.), spielen ihre frühen SF-Geschichten verschiedene Szenarien für die Weiterentwicklung des Menschen oder von alternativen Kulturen durch.

Dazu gehört der frühe Hainish-Zyklus, der Roman „Die Geißel des Himmels“ und die preisgekrönten Romane „Die linke Hand der Dunkelheit“ (1969) sowie „Der Planet der Habenichtse“ (1974). In „Linke Hand“ beschreibt sie eine Kultur, die nicht von zwei verschiedenen Geschlechtern und deren determinierter Sexualität beherrscht wird. „Habenichtse“ entwirft die große Utopie der Anarchisten: keine Herrschaft, keine sozialen Unterschiede, nur Nächstenliebe und Freiheit – in Armut.

In zahlreichen Storysammlungen hat sich Le Guin sowohl in der Fantasy wie auch in Mainstream und SF als scharfsinnige Theoretikerin und Beobachterin erwiesen. Zu diesen Collections gehören besonders „Die zwölf Striche der Windrose“, „Die Kompassrose“, „Ein Fischer des Binnenmeeres“, „Four Ways to Forgiveness“ und zuletzt „Changing Planes“ (2005).

Le Guin hat auch Gedichte und Kinderbücher geschrieben, mit der Norton Anthologie zur Science Fiction erwies sie sich als wichtigste – und umstrittene – Initiatorin weiblicher Science Fiction in den siebziger Jahren. Eine interessante und aktuelle Würdigung ihres Werks findet sich in Thomas M. Dischs Sachbuch „The dreams our stuff is made of. How science fiction conquered the world“ (1998). Diese kritischen und kenntnisreichen Essays werden sukzessive im „Heyne SF Jahr“ veröffentlicht. Relevant zu Le Guin sind die Kapitel „Can girls play too? Feminizing science fiction“ und „The third world and other alien nations“.

Die Erdsee-Romane

A Wizard of Earthsea. 1968 (Der Magier der Erdsee. 1979)
The Tombs of Atuan. 1970 (Die Gräber von Atuan. 1979)
The Farthest Shore. 1972 (Das ferne Ufer. 1979)
Tehanu: The Last Book of Earthsea. 1990 (Tehanu. 1992)
The Other Wind, 2001 (Rückkehr nach Erdsee. 2003)

Kurzgeschichten

The Word of Unbinding. 1964 (Das lösende Wort. In: Die zwölf Striche der Windrose. 1980)
The Rule of Names. 1964 (Die Namensregel. In: Die zwölf Striche der Windrose. 1980)
Dragonfly. 1997 (Schwebender Drache. In: Das Vermächtnis von Erdsee. 2001)
Darkrose and Diamond. 1999 (Schattenrose und Diamant. In: Das Vermächtnis von Erdsee. 2001)
The Finder. 2001 (Der Finder. In: Das Vermächtnis von Erdsee. 2001)
The Bones of the Earth. 2001 (Die Gebeine der Erde. In: Das Vermächtnis von Erdsee. 2001)
On The High Marsh. 2001 (Im Hochmoor. In: Das Vermächtnis von Erdsee. 2001)
The Daughter of Odren. 2014 (Die Tochter des Fürsten von Odren. In: Erdsee: Die illustrierte Gesamtausgabe. 2018) Inhalt
Firelight. 2018 (Feuerschein. In: Erdsee: Die illustrierte Gesamtausgabe. 2018)

Magie in Erdsee

„Wichtiges Element der Welt von Erdsee ist die Magie. Die Ausübung der Magie liegt bei den Menschen, die mit magischen Kräften geboren werden. Wer offiziell Magier werden möchte, absolviert oft ein Studium an der Zauberschule auf Rok, eine Art Universität. Neben den Magiern gibt es auch Frauen mit magischen Kräften. Da sie jedoch aufgrund der patriarchalischen Gesellschaftsstruktur der Welt nicht zu Magierinnen ausgebildet werden, können sie lediglich Hexen mit geringeren Fähigkeiten und noch geringerem Ansehen in der Bevölkerung werden.

Zusätzlich gibt es auch Zauberer, die, anders als die Magier, keine vollständige Ausbildung hinter sich brachten und somit an Macht nie einem Magier nahekommen könnten. Hauptkriterium der Magie ist, dass jedes Objekt einen wahren Namen in der Ursprache hat, der sich von dem Namen in der Umgangssprache unterscheidet. Wer den wahren Namen eines Objektes kennt, kann dieses beeinflussen. Den wahren Namen, den ein jeder Mensch selbst erhalten hat, hält dieser geheim, denn seine Kenntnis bedeutet Macht über seinen Träger. Ihn jemandem mitzuteilen, gilt als großer Vertrauensbeweis.“ (Wikipedia)

Handlung

Tenar, die einstige Priesterin aus dem zweiten Band „Die Gräber von Atuan“, ist nicht beim Zauberer Ogion geblieben, sondern hat Flint geheiratet, einen Farmer, zwei Kinder bekommen und zwei Jahre als Farmersfrau gelebt. Der sterbende Ogion läßt sie zu sich rufen. Nach seinem Tod bleibt sie im Haus des alten Magiers. Ihre Adoptivtochter ist bei ihr. Dieses Mädchen, Therru, die von den Männern, die mit ihrer Mutter reisten, vergewaltigt und verbrannt und als tot liegen gelassen wurde, ist ein schweigsames Kind, voller Furcht, aber auch einer Macht, die sie nicht begreift.

Der Drache Kalessin bringt den Magier Ged auf die Insel Gont, wo Tenar lebt. Ged hat eine Reise ins Reich des Todes hinter sich und alle Zaubermacht ist ihm verloren gegangen. Der kranke und ausgelaugte Ged ist voller Scham und verbirgt sich selbst vor König Arren, der ihn besuchen kommt.

Aspen, ein Schüler von Geds Gegner Cob, braut auf Gont böse Magie; Handy, einer der Männer, die das Kind Therru mißbraucht hatten, treibt sich in der Nähe herum. Der junge König bringt Tenar zurück zur Farm ihres Mannes. Dort versuchen handy und die anderen, Tenar und das Kind in die hand zu bekommen; Ged trifft gerade noch rechtzeitig ein, um ihr zu helfen, sie zu vertreiben.

In jenem Winter bleibt Ged bei Tenar auf der Farm, und obwohl er die Macht der Magie verloren hat, findet er endlich seine Erfüllung als sexuelles menschliches Wesen. Im Frühling lockt Aspen Ged und Tenar in Ogions Haus zurück, und da sie keinen Zauber wirken können, sind sie ihm schutzlos ausgeliefert. Er demütigt sie und ist im Begriff, sie zu töten. Nun findet das verstümmelte, ohnmächtige Kind Therru endlich seinen wahren Namen, tehanu, und ihre eigene Macht. In der Sprache der Drachen, der Sprache des Schöpfens, ruft sie den Drachen Kalessin. Der Drache vernichtet Aspen und begrüßt Therru als eine Tochter. Sie wird zunächst bei Ged und tenar leben, später aber bei den Drachen: „Ich gebe euch mein Kind“, sagt Kalessin zu Ged, „so wie ihr mir eures geben werdet.“

Mein Eindruck

LeGuin erzählt in Tehanu von der Würde des Menschen, die immer wieder mit Füßen getreten wird. Von denjenigen, die der Versuchung der Macht, die die Magie verleihen kann, erlegen sind. Und von der Solidarität, die geübt werden kann, selbst von den unwahrscheinlichsten Angehörigen der menschlichen Rasse.

„Tehanu“ ist ein würdiger, literarischer und den Leser fordernder Abschluss für einen großartigen Zyklus. Aber dann folgten noch ZWEI Bände mit Erdsee-Erzählungen!

Hinweis

1992 und 2001 erschienen mit „Tehanu“ und „Rückkehr nach Erdsee“ Fortsetzungen des Erdsee-Zyklus, aber noch lange nicht die letzten Geschichten. In Robert Silverbergs Fantasy-Anthologie „Der 7. Schrein“ (1998) veröffentlichte Ursula LeGuin mit „Drachenkind“ eine weitere wunderbare Erzählung, die auf der Zaubererinsel Roke spielt. Sie ist in der Sammlung „Das Vermächtnis von Erdsee“ (2001) enthalten.

Die Erdsee-Trilogie gibt es auch bei S. Fischer, Piper und Carlsen in sehr schönen Ausgaben (und als E-Book). Die „illustrierte Gesamtausgabe“ bei Tor/Fischer ist um zwei neue ERDSEE-Erzählungen erweitert worden.

Taschenbuch: 252 Seiten
Originaltitel: Tehanu. The Last Book of Earthsea, 1990
Aus dem Englischen von Hilde Linnert
ISBN-13: 9783453062337

www.heyne.de

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