Jonathan Swift – Gullivers Reisen

Wundersame Reisen: Idylle des Abenteuers

Der englische Schiffsarzt Lemuel Gulliver sticht 1699 in See. Er strandet zunächst bei den Liliputanern, auf einer zweiten Reisen bei den Riesen von Brobdingnag und schließlich auf der fliegenden Insel Laputa. Enttäuscht von den seltsamen Wesen, denen er begegnet ist, schließt er sich mit Begeisterung den vierbeinigen Bewohnern des Landes der Hoyhnhms an. Wieder zurück in der Heimat, fällt es ihm jahrelang nicht leicht, wieder mit den Yahoos zusammenzuleben …

Der Autor

Jonathan Swift, geboren 1667 in Dublin, war von 1689-1694 Sekretär des Schriftstellers William Temple in England, dann anglikanischer Geistlicher und seit 1713 Dekan von St. Patricks in Dublin. Mit seinen beißenden Satiren kämpfte er gegen kirchliche und gesellschaftliche Missstände. Er starb 1745.

Der Sprecher

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

Die Übersetzerin

Sybil Gräfin Schönfeldt, promovierte Germanistin und Kunstwissenschaftlerin, ist eine der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Für ihre Bücher wurden ihr der Deutsche Jugendliteraturpreis und der Europäische Jugendbuchpreis verliehen. Die gebürtige Österreicherin lebt in Hamburg. (Verlagsinfo)

Handlung

Anders als der Autor Swift ist Lemuel Gulliver waschechter Engländer aus Nottinghamshire. Er erhält eine Ausbildung zum Wundarzt und fährt auf mehreren Schiffen mit, heiratet und zieht Kinder auf. Da aber die wirtschaftliche Situation sich nicht bessert, muss er wieder auf einem Schiff anheuern. Es ist die „Antilope“, die am 16. Mai 1699 in See sticht, um nach Ostindien zu segeln. In einem Sturm südwestlich von Sumatra erleidet Gulliver mit anderen Matrosen Schiffbruch und muss in ein Boot umsteigen. Doch auch dieses kommt nicht weit, und so strandet er an unbekannter Küste.

Am anderen Morgen erwacht er, kann aber nicht aufstehen. Er ist vollständig von dünnen Seilen gefesselt – sogar an den langen Haaren. Bewaffnete kleine Wesen bedrohen ihn mit Pfeilen und Speeren. Sie sind zwar nur sechs Zoll hoch (15,24 cm), doch absolut unerschrocken, und ihre Waffen setzen Gulliver ganz schön zu. Und sie reden natürlich in einer fremden Sprache. Als Arzt kann ihr Gefangener allerdings keine Wesen töten, die so menschenähnlich sind. Obwohl er sich losreißen kann, ergibt er sich über kurz oder lang der Gnade der Bewohner von Liliput. So heißt die Insel. Ein „hurgo“, also ein Lord, heißt ihn im Namen des Kaiser willkommen.

Obwohl man ihm zu essen und zu trinken gibt, heißt das noch lange nicht, dass er auch frei ist. Vielmehr wird er in einem Tempel des Kaisers eingesperrt und angekettet. Für seine Freilassung wird ein ganzer Katalog von Bedingungen aufgestellt, mit denen sich „Der Menschberg“ einverstanden erklären muss. So hat er etwa Transportdienste für die kaiserlichen Kuriere zu leisten. Sodann gehört zu seinen Pflichten, die Kriegsflotte des mit Liliput verfeindeten Kaiserreichs Blefuscu zu entführen und nach Liliput zu bringen.

Als er sich jedoch weigert, die Insel Blefuscu zu erobern und zu einer liliputanischen Provinz zu machen, zieht er sich den geheimen Hass des Kaisers und seiner Minister zu. Nach einer Weile zeigt sich, dass diese Partei es geschafft hat, Gullivers Ruf so schwer zu schädigen, dass eine Verurteilung zum Tode wegen Hochverrats möglich ist. Gnädigerweise will der Kaiser ihm lediglich das Augenlicht nehmen, doch auf diese „Gnade“ verzichtet Gulliver gerne und haut nach Blefuscu ab. Als dort ein Menschenboot strandet, setzt er es wieder in Stand und segelt nach einer staatlichen Abschiedszeremonie davon. Der englische Schiffskapitän, der ihn an Bord nimmt, glaubt seine verrückte Geschichte erst, als Gulliver ihm winzige Rinder, Schafe und Goldmünzen zeigt. Als er am 13. April 1702 wieder in London eintrifft, muss er feststellen, dass die Schiffsratten eines der Schafe gefressen haben.

Die weiteren drei Teile schildern Gullivers Erlebnisse auf seinen drei Reisen, die er bis zum Jahr 1717 unternahm, wovon er jedoch etliche Jahre bei den diversen Bewohnern von Brobdingnag, Laputa, Balnibarbi, Luggnagg, Japan und im Land der Houyhnhms (drei Jahre!) verbrachte.

Mein Eindruck

Zu gern setzen ahnungslose Eltern ihren ahnungslosen Sprösslingen dieses wunder-volle Werk als entsprechend gekürztes und zurechtgestutztes Kinderbuch vor. Aber wer einmal auf die zahlreichen politischen und philosophischen Anspielungen achtet, wird verdutzt feststellen, dass es sich zumindest beim ersten Teil um eine handfeste Politsatire auf die Anfangsjahre des 18. Jahrhunderts in England handelt.

Und deshalb wollte der Autor auch um keinen Preis als Verfasser in Erscheinung treten, denn die Folge wäre seine soziopolitische Vernichtung gewesen. Vielmehr hinterlegte im Jahre 1726 ein Bote bei Nacht und Nebel in London das Manuskript vor der Haustür des Verlegers. „Ein vorgeschobener Mittelsmann handelte die Drucklegung aus“, berichtet Eberhard Lämmert. „Wie weit der Text gekürzt oder bearbeitet erschien, bleibt nach dem fiktiven Herausgeberbrief schwer auszumachen. Artistische Finesse oder Schutzbedürfnis? Gerade die Ununterscheidbarkeit macht den Reiz aus.“ Noch 1896, also 170 Jahre später, erschienen weitere Fragmente des Buches, die beide in der Revision von 1735 gestrichen worden waren.

Swifts Vorsicht kam nicht von ungefähr. Er wurde steckbrieflich gesucht, und eine Belohnung von 300 Pfund – eine astronomische Summe für die armen Iren – für seine Festnahme ausgesetzt. Der Drucker seiner anonym publizierten „Tuchhändlerbriefe“ war da schon verhaftet. Mit diesen Dokumenten hatte Swift eine Finanzmanipulation abgewendet, die Irland – nur 60 Jahre zuvor von Cromwells Truppen verheert – in noch tiefere Anhängigkeit von der englischen Krone gebracht hätte.

Liliput, das kleine Reich des großen Kaisers

In Liliput gibt es im Parlament zwei Parteien, die stark den Whigs und Tories Englands ähneln. Sie unterscheiden sich nur durch die Höhe ihrer Absätze. Die Minister qualifizieren sich für ihr Amt nach der Höhe, in der sie über ein Seil springen können. Der Sturz des Finanzministers ist eine ätzende Anspielung auf den Fall Walpoles von 1717, bei dem eine – allerdings königliche – Mätresse eine Rolle spielte. Der Prinz von Wales (Thronerbe von 1727), so suggeriert Swift, laviert sich hindurch und hat davon einen hinkenden Gang.

Der Krieg zwischen Liliput und dem Nachbarreich Blefuscu ist um die Frage entbrannt, an welchem Ende das Ei aufzuschlagen sei: am stumpfen oder spitzen? Einstmals gab es ein einig Volk von Stumpfendern, doch dann gab es eine Revolution, die die Spitzender in Liliput an die Macht brachte. 11.000 Stumpfender starben lieber, als das Ei am falschen Ende aufzuschlagen. Der reale Hintergrund ist natürlich der Dauerkrieg zwischen England und Frankreich, der protestantischen und der katholischen Nation. Swift stellt sich auf die Seite der Anglikaner und erklärt: „Alle wahren Gläubigen schlagen das Ei am passenden Ende auf.“

Brobdingnag, ein dubioses Utopia

Das Land der Riesen lehrt unseren Helden wahre Demut. Waren in Liliput die Fremden die Zwerge, so ist er nun selbst Zwerg und doppelt fremd. Doch nachdem er sich einmal in die Position eines Babys gefügt hat, das allen möglichen Bedrohungen und Zärtlichkeiten (darunter einem wogenden Busen) wehrlos ausgesetzt ist, so gelingt es ihm allmählich, die Vorzüge des Staatswesens auf Brobdingnag zu erkennen und zu achten. So kommen zum Beispiel alle Kinder je nach Stand in ein staatliches Internat, so dass sie nicht von ihren Eltern misshandelt werden können. Sitten und Wissenschaften dienen ohne Umschweife nützlichen Lebensvorrichtungen.

Am schönsten – und wohl noch heute gerne dem Bundespräsidenten Köhler im Hinterkopf – ist diese Idee: Die Gesetze sind kurz, und einen Kommentar zu irgendeinem Gesetz zu schreiben, ist ein Kapitalverbrechen.

Brobdingnag ist das Gegenteil der Satire, nämlich eine Utopie. Gulliver selbst ist hier allerdings ein Freak, und so stellt ihn seine neunjährige Hüterin Klumdalglitch auch aus: auf dem Jahrmarkt in der Freakshow. Und wieder kann er dem König nicht einleuchtend klarmachen, worin der Sinn der Whigs und Tories, von Generälen und Steuern liegt. Recht hat der Mann!

„Grilldrich“, wie man Gulliver nennt, ist froh, lebend von der Insel herunterzukommen. Die Rückkehr in die Zivilisation der „Normalen“ ist wieder ein Fiasko. Hier wendet sich der Erzähler an uns: Dies alles zeige die Macht von Gewohnheit und Vorurteilen. Eine moderne Relativitätstheorie.

Laputa: verrückte Wissenschaftler

Die fliegende Insel ist eine zwiespältige Sache: Hier haben wir ein (im eigentlichen Sinne) aufgeklärtes Staatswesen, das sich den mathematischen und astronomischen Wissenschaften verschrieben hat. Sie machen sich Gedanken über Schicksal und Ende von Sonne und Erde, lange bevor H. G. Wells dieses Ende in seiner „Time Machine“ in düstersten Farben malte.

Die Leute, pardon, also die Männer denken derart viel, dass man sie zum Essen wecken muss, wofür wiederum spezielle Bedienstete nötig sind. Mit Hilfe einer magnetischen Vorrichtung lässt sich die Insel steuern. Derartige Hightech gibt es bis heute noch nicht, oder hat schon jemand einen Antigrav-Antrieb gesehen? Und wie niederschmetternd zu erfahren, dass der König von Laputa nichts Besseres zu tun hat, als anderen Inseln mit seiner eigenen das Sonnenlicht wegzunehmen, um sie zu Abgaben zu zwingen. Die Technik ist eben stets ein zweischneidiges Schwert, und so etwas wie „freie Wissenschaft“ existiert nicht.

Nekromanten

Ein in der Fassung von Rufus Beck unterdrückter Abschnitt beschreibt Magier, die Menschen aus vergangenen Jahrhunderten erwecken können. In diesem Kapitel kommen Huren, Staatsräte und Syphilis vor – offensichtlich Dinge, die als nicht geeignet für Kinderohren angesehen werden. Ich hätte diesbezüglich auch meine Zweifel.

Unsterbliche

Sehr wichtig und entsprechend breit gewürdigt sind hingegen die Strulldbruggs auf Luggnagg. Die Strulldbruggs sind Kinder mit einem Stirnmal, die für unsterblich gehalten werden. (Deren Kinder sind jedoch wieder sterblich.) Gulliver findet diese Wesen einfach wundervoll. Er soll darlegen, wie er als Strulldbrugg leben würde. Er würde Reichtum, Wissen und Weisheit erwerben, die Gesellschaft beobachten und lernen. Als weiser Mentor würde er die Jugend lehren, den rechten Weg einzuschlagen.

Wie niederschmetternd jedoch ist – wieder einmal – die Wahrheit über die echten Strulldbruggs! Dieser Plan sei unvernünftig, da nicht die Jugend, sondern das Alter die vorherrschende Existenzform wäre, wenn alle Leute Strulldbruggs wären. Die existenten Unsterblichen benehmen sich bis zum 30. Lebensjahr recht manierlich, danach aber entwickeln sie einen Neid auf die Jugend ebenso wie auf den Tod, der ihnen verwehrt ist. Ihre Melancholie vergällt ihnen sowohl das Vergnügen wie auch die Ruhe des Leibes und des Geistes. Sie sind allesamt unglücklich, außer den kindisch Gewordenen. Daher werde die Ehe eines Strulldbruggs von Staats wegen im 80. Lebensjahr geschieden und er für tot erklärt und enterbt. So hätte wenigstens die Jugend etwas von ihrem Besitz. Die Strulldbruggs, die Gulliver besucht, sind Fremde in ihrer eigenen Heimat, sie zeigen weder Anteilnahme noch Neugier. Was für ein trauriges Schicksal, unsterblich zu sein.

All die klugen Pferde

Im Land der klugen Pferde, der Houyhnhms, wird Gulliver als ein naher Verwandter der nackten und schmutzstarrenden Yahoos enttarnt. Er kommt sich selbst eklig und abscheulich vor, wohingegen er die klugen und vernünftigen Pferde maßlos bewundert. Zum Glück wird sein Geheimnis, das er unter der langsam zerfallenden Kleidung so lange wie möglich zu verbergen sucht, von seinem Herrn und Meister respektiert und behütet. Doch ach, die Nacht bringt es an den Tag: Er hat sich im Schlaf selbst entblößt. Peinlich!

Fortan gelingt es ihm nicht mehr zu lügen. Für ihn ist Wahrheit gleich Vernunft gleich Tugend. (Man ahnt schon, dass er dadurch zu Hause in massive Schwierigkeiten geraten dürfte.) Auch an Gesundheit und Poesie übertreffen die perfekten Pferde Gullivers Artgenossen. Sie kennen die vollkommene seelische Ruhe. Aus Dankbarkeit lehrt Gulliver sie das Geheimnis des Kastrierens von Hengsten, nur eben diesmal angewandt auf die jüngeren Yahoos, auf dass die ganze garstige Gattung allmählich und schonend aus der Welt geschafft werde. (Dieser Passus fehlt in der gekürzten Fassung!) Das Boot, mit dem er gezwungenermaßen in See sticht, ist ein mit Menschenhäuten bespanntes Kanu, dessen Segel ebenfalls aus diesem Material besteht. (Ebenfalls gestrichen.)

Hochnotpeinlich ist die Rückkehr in die Zivilisation: Als ihn ein Portugiese auffischt, will er lieber wieder über Bord springen als unter Yahoos leben. Während er also Kapitän Mendes Bericht erstattet, liegt er in Ketten. Seine Heimkehr in den Schoß der Familie ist ein Albtraum des Grauens: Vor Ekel, Hass und Abscheu vor dem Kontakt mit diesen Yahoos fällt er in Ohnmacht.

Von seinem ersten Geld für seinen Bericht kauft er sich zwei schöne Pferde und schläft bei ihnen im Stall: Ihr Geruch beruhigt seine Nerven, und die Konversation mit diesen klugen Wesen erquickt sein Herz. Er braucht lange Jahre, bis er sich wieder zu seinem Eheweib legen kann.

Er fleht die britische Regierung an, nicht zu versuchen, die Länder, die ihr durch seinen Kontakt damit von Rechts wegen zustünden, zu erobern. Das ist eine harsche Kritik an den Praktiken des Kolonialismus, der nur zu oft mit der Ausrottung der davon „Beglückten“ endete.

Der Lebenszyklus des Weltbürgers

Gulliver wagt sich anfangs in die Welt als gewissenhafter, belesener und unternehmungsfroher Bürger seines Landes, der es auf einer Insel ohne Weiteres mit einem Robinson Crusoe aufnehmen könnte. Er bietet Majestäten bereitwillig seine Dienste an, doch als er ein anderes Volk – das von Blefuscu – unterjochen helfen soll, erwacht sein Bürgerstolz und er weigert sich. In der Hand (buchstäblich!) der Riesen erfährt schmerzlich und lächerlich genug die Grenzen seiner neu erworbenen bürgerlichen Selbstbestimmung. Traurigerweise verblasst damit auch sein moralisches Urteilsvermögen.

Die Selbstbefreiung zu Vernunft und technischer Intelligenz, die die „Aufklärung“ bringt, erweist sich auf Laputa als wahnsinnige Verstiegenheit, die aber nur desto mehr genutzt werden kann, um andere Menschen sicherer zu unterdrücken. Rationale Konstruktionen wie die angestrebte Demokratie erweisen sich als Instrumente neuer Inhumanität und machen den Menschen selbst inhuman. Bis er sich herabentwickelt hat zu einem von den Yahoos, die das Denken und die Regierung den großen Pferden überlassen müssen. Er verliert seine Menschennatur, wird ein Alien.

Doch aus diesem Paradies der Unmündigkeit wird er ebenfalls verstoßen, und die Unsicherheit des modernen Einzelgängers erfüllt ihn. Er hat seine Grenzen ausgelotet und schließlich den Schwund seiner Maßstäbe erkannt. Er kann keine Utopien mehr entwerfen, denn die Zeitgeschichte ist nunmehr eine Periode des gesellschaftlichen Zerfalls, des moralischen Verfalls, an dessen Ende das Außenseitertum und der Zustand als barbarisches Herdenwesen, als Yahoo, steht. Immerhin hat der Autor die Kraft zum Perspektivenwechsel und lässt Hoffnung zu: Vom Anti-Yahoo entwickelt sich Gulliver wieder zurück zu einem halbwegs menschlich zu nennenden Bürger.

Der Sprecher

Rufus Beck ist ja am bekanntesten dafür, über mindestens 125 Stimmen zu verfügen. (Wahrscheinlich eine Untertreibung.) Anders als in seinen Lesungen von Harry-Potter- und Artemis-Fowl-Büchern hält er sich bei Jonathan Swift etwas zurück. Das ist auch kein Problem, denn es gibt im Grunde nur zwei Erzähler: Gulliver als Ich-Erzähler und ein Er-Erzähler, der wohl die Stimme des Autors ist.

Am besten gefielen mir die Passagen, in denen Beck wie ein Pferd wiehern muss, um als glaubwürdiger Houyhnhm durchgehen zu können.

Musik

Sehr angenehm und häufig tritt die Musik in Erscheinung. Dabei handelt es sich um sanfte Harfen- und Flötenklänge, die in wohlgesetzten Kadenzen des frühen 18. Jahrhunderts die einzelnen Kapitel und Unterabschnitte voneinander abgrenzen. Sie hat kaum einmal die Aufgabe, im Hintergrund zur Untermalung zu dienen. Der Hörer muss sich diese höfische Musik als Untermalung des zahlreichen Szenen an den Fürstenhöfen der fremden Länder vorstellen.

Unterm Strich

„Gullivers Reisen“ ist ein satirischer Reiseroman mit utopischen und anti-utopischen Zügen. Selbst in den – wie hier – gekürzten Jugendbuchfassungen bleibt noch genügend Substanz übrig, um das Buch durch seine Vielseitigkeit jeden Leser ansprechen zu lassen. Für Jugendliche sind die putzigen Wesen interessant, so etwa Liliputaner und Riesen, wohingegen Erwachsene nicht umhin können, die soziopolitische Kritik des Autors an diversen Zuständen zu registrieren.

Swift kritisiert nicht nur die britische Regierung um 1717/20, sondern weitet seine Perspektive auf den – mehr oder weniger „aufgeklärten“ – Menschen der Neuzeit als solchen aus. Dessen ungeachtet rührt uns noch heute Gullivers Schicksal, als er wieder unter den menschlichen Yahoos angelangt ist. Nicht unwichtig sind die Dinge, die ihm von Kapitänen, Piraten und Meuterern angetan werden und ihn aus seinen gewohnten normalen – oder nach einer Reise: unnormalen – Verhältnissen reißen. Ständig werden seine Maßstäbe zerrtümmert. Allein schon sein Versuch, nach dem mehrjährigen Aufenhalt in einem fremden Land wieder in die – anfangs nur größenmäßigen – Verhältnisse der Menschen zurückzufinden, ist sowohl komisch als auch traurig.

Der Einfluss dieses Werkes auf die phantastische Literatur und auf diverse Gattungen wie Satire, Parodie, Komödie usw. kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Noch heute ist seine subversive Kraft ungebrochen. Das ist allein schon an der Tatsache ablesbar, dass wieder einmal nur eine gekürzte – ich will nicht „zensierte“ sagen – Fassung den Weg in die Buchläden findet. Noch immer sind den vollständigen Fassungen Schilderungen über Huren, Syphilis und Kastration vorbehalten.

Immerhin erzählt uns Rufus Beck von einem Gulliver, der mit seinem Urinstrahl halb Liliput unter Wasser setzt und später damit auch einen Palastbrand löscht (wofür ihm leider wenig Dank zukommt). Solche geringen Tabubrüche bringen die Jugend zum Kichern. Sie dürfte wenig Gefallen an Booten finden, deren Segel aus Menschenhaut gemacht sind, als kämen sie aus Ausschwitz.

Wohlan denn, so sei es: Rufus Beck erfreut die Jugend mit seiner Sprachkunst, und die passende Musik unterhält den Hörer, dass er sich direkt im 18. Jahrhundert wähnt, in einer Idylle des Abenteuers.

218 Minuten auf 3 CDs
Originaltitel: Travels into Several Remote Nations of the World in Four Parts… by Lemuel Gulliver, 1726, überarbeitet 1735
Besprochene Auflage: März 2005

Aus dem Englischen von Sybil Gräfin Schönfeldt

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