Frank Cottrell Boyce – Millionen

Money – what is it good for?

Zugegeben: Es passiert eher selten, dass Geld vom Himmel fällt. Doch eines Abends landen Millionen vor Damians Füßen. Um genau zu sein: 22 Millionen und 937.000 englische Pence, das sind 229.937 Pfund Sterling. Damian glaubt, dass das Geld nur von Gott sein kann, denn schließlich hat er dem gerade gesagt, dass seine Mutter tot ist. Und von seinem großen Bruder Anthony weiß er, dass die Leute einem immer etwas geben, wenn du ihnen erzählst: „Meine Mum ist tot!“ Außerdem: Wer sonst hätte so einen Haufen Geld? Aber es ist nicht immer nur erquicklich, so reich zu sein. Die beiden Brüder, die das Geheimnis des göttlichen Geldgeschenks für sich behalten, haben nur 17 Tage Zeit, es auszugeben. Denn dann wird in England der Euro eingeführt … (abgewandelte Verlagsinformation)

Der Autor

Frank Cottrell Boyce ist keineswegs Millionär, schlägt sich aber laut Verlag als Drehbuchautor durch, u. a. mit Filmen wie „Hilary und Jackie“ und „Welcome to Sarajevo“. „Millionen“ ist sein erster Roman. F. C. Boyce lebt mit seiner Frau und seinen sieben Kindern in Liverpool.

Der Sprecher

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-vorleser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Auffällig ist sein Engagement für Werke, in denen Jungs und Mädchen auf ungewöhnlichen Wegen ihre Identität suchen und finden. Dazu gehören „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell sowie „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Auch Eoin Colfers jugendlichen Helden Artemis Fowl sowie die beinahe ebenbürtige Meg Finn hat er uns bereits zu Gehör gebracht.

Rufus Beck liest die gekürzte Fassung und hat die Musik an Anfang und Ende beigesteuert.

Handlung

Im Mittelpunkt des Geschehens, das rund drei Wochen dauert, stehen die beiden ungleichen Brüder Anthony (der ältere) und Damian Cunningham. Damian erzählt. Und zwar in aller Unschuld. Er muss noch viel lernen.

Nach dem Tod ihrer Mutter ist ihr Vater mit ihnen in eine nette Gegend am Rande von Manchester gezogen. (Die Gegend ist so nett, weil die Preise hier so hoch sind.) Im Internet hat Damian eine Webseite namens www.totallysaints.com gefunden, die er praktisch auswendig gelernt hat. So weiß er nun auch, dass die hl. Anna die Schutzpatronin der Umzüge ist, der Schutzheilige dieser Geschichte ist jedoch Franz von Assisi, der Beschützer der Diebe. Merke: „Heilige sind wie das Fernsehen: Sie sind überall, aber um sie zu sehen, braucht man so etwas wie eine Antenne.“ Nun ist auch sein Lehrer Mr. Quinn davon überzeugt, dass sich Damian total mit Heiligen auskennt. Die lokale Psychologin übrigens auch bald.

Es verwundert seinen Bruder Anthony nicht, als sich Damian aus Umzugskartons eine „Eremitage“, also eine Einsiedlerhöhle, baut. Darin hat er eine kleine Statue vom hl. Joseph. Irgendwie beruhigt der Schutz der Heiligen und Märtyrer Damians Seele: Er trauert sehr um seine Mutter, die lange im Krankenhaus lag und „nun an einem besseren Ort weilt“, wie sein Dad behauptet. Dabei hatte er das beim Krankenhaus auch schon behauptet. Welchen besseren Ort gibt es denn noch?

Gerade betet Damian zu Gott, um für seine Mutter zu bitten, da saust eine schwere Tasche mitten hinein in seine Kartonhöhle. Ist sie aus dem Zug gefallen, der soeben vorbeifuhr? Was für ein tolles Geschenk! Jedenfalls findet Damian jede Menge Geldscheine. Pfundscheine, um genau zu sein. Aber leider wird das Pfund am 17. Dezember ungültig, weil England an diesem Tag den Euro einführt.

Mit seinem Bruder Anthony zählt Damian das Geld: 229.317 Pfund! Sie sollen es geheim halten, sonst müsse Dad es dem Fiskus in den Rachen werfen, meint Anthony – jedenfalls 40 Prozent davon. Es ist klar, dass sie das Geld, das bald ungültig wird, in nur 17 Tagen ausgeben müssen. Das ist leichter gesagt als getan. Und bringt jede Menge Ärger und Verwirrung in ihre kleine Gemeinde.

Doch wer hat das Geld buchstäblich zum Fenster – dem des Zuges – hinausgeworfen? Und wird derjenige es nicht zurückhaben wollen? Damian vermutet richtig. Eines Tages taucht Glasauge auf. Damian und Anthony, nicht blöd, geben ihm tatsächlich Geld: die Flasche voller Kleingeld, das sie gesammelt haben.

Leider ist Glasauge auch nicht blöd. Schon bald wird bei den Nachbarn, den Mormonen, pardon: den „Heiligen der Letzten Tage“ (Mensch, Damian: richtige Heilige!) eingebrochen …

Mein Eindruck

Dass jedes Ding zwei Seiten hat, ist eine der vielen Lektionen, die die Cunninghams lernen müssen. Reichtum kann beruhigen, aber er bringt auch jede Menge Schwierigkeiten mit ins Haus. Plötzlich verändert sich das Verhalten der Mitmenschen auf dramatische, um nicht zu sagen verdächtige Weise. Aus den „Heiligen der Letzten Tage“, für die Damian quasi St. Nikolaus spielt, werden über Nacht doch sehr weltlich orientierte Sektierer. Das ist zunächst nur auffällig, aber unter gewissen Umständen auch reichlich verdächtig. Woher kommt das Geld, haben sie jemanden überfallen, und wo Reichtum ist, sind bald auch Bittsteller und Neider zur Stelle. Damian lernt viel über „Kollateralschäden“ …

Als der Verdacht, plötzlich reich zu sein, auf die Cunninghams fällt, steht da eine ganze Schlange von Bittstellern vor der Haustür. Der junge Damian bringt es natürlich nicht übers Herz, sie von der Tür zu weisen, aber sein Dad ist da etwas rigoroser. Und was will eigentlich diese junge Frau namens Dorothy von ihnen? Anthony, der Weltweise, ist davon überzeugt, dass sie nur hinter ihrer Knete her ist. Damian findet sie süß, denn schließlich arbeitet sie doch für eine Wohltätigkeitsorganisation namens „Water Aid“, die Brunnen im Sahel finanziert. Oder? Und außerdem bringt sie seinen Dad wieder zum Lachen, nach langer, langer Zeit wieder einmal.

Dorothy ist wirklich keine schlechte Frau, aber auch nur ein Mensch, und als nur noch 22 Stunden bis zum Ablauf der Pfund-Gültigkeit bleiben, kann auch sie sich nicht unverdächtig verhalten, so sehr sie sich auch anstrengt. Es gelingt ihr, mehrere zehntausend Pfund in den Banken Manchesters in die neue Währung umzutauschen, aber dann ist sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Wem kann man überhaupt noch trauen?

Damian ist wohl der Einzige, der die Antwort darauf weiß: den Heiligen natürlich. Ihm sind Josef und der heilige Charles Loanga aus Uganda erschienen. Josef erklärt ihm, wie die Sache mit der biblischen „Speisung der Fünftausend“ wirklich gelaufen ist, und solchen Rat kann Damian jetzt wirklich gut gebrauchen. Leider weicht die Wahrheit, wie Josef sie erklärt, erheblich und in gewissen entscheidenden Details von der Version ab, die im heiligen Buch steht.

Da aber Josef auch der Schutzpatron der Schlüsselmacher ist, gibt er Damian den guten Rat, den Schlüssel zu ihrem alten Haus, wo sie früher wohnten, gut aufzuheben, denn er könnte ihn noch brauchen. Das ist nur zu wahr, denn dort lässt sich Geld sehr gut verstecken, Geld, das Glasauge ganz bestimmt nicht finden wird. Oder?

Nur noch wenige Stunden, und dennoch sind die Menschen hinter dem Zaster her wie der Teufel hinter der armen Seele. Als er auf den Schienen steht, wo die Geldzüge nach London hin- und herbrausen, erscheint Damian endlich auch seine Mutter und er erklärt ihr alles. Dann lernt er seine allerwichtigste Lektion, als sie ihm erklärt, dass es doch gar nicht um das Geld geht, sondern um das Leid, das sein Dad und auch Anthony ertragen müssen, und darum, wie sie alle drei (oder vier, falls Dorothy zurückkommen sollte) damit umgehen. Nun weiß Damian endlich, was getan werden muss …

Doch keine Fantasy

Nun könnte man meinen, wenn die Rede von Visionen und Erscheinungen ist, es handle sich hier um Fantasy oder wenigstens Phantastik. Von Fantasy ist „Millionen“ weit entfernt, doch das Subgenre der Phantastik wird hier durchaus gestreift. Die Phantastik greift Themen und Phänomene auf, die über die gewöhnlichen empirischen Erfahrungen des Menschen hinausgehen, also eben auch Gestalten aus Träumen.

Denn schließlich besteht nur ein winziger Unterschied darin, ob das, was das Ich wahrnimmt, sich außerhalb des eigenen Körpers befindet oder nur in seinem Bewusstsein. Und daher konnten zahlreiche große Schriftsteller wie etwa Hermann Hesse oder Franz Kafka phantastisch anmutende Gestalten und Szenen entwerfen, ohne sich vorwerfen lassen zu müssen, sie seien komplett verrückt. Ist es verrückt, einmal anzunehmen, was passieren würde, wenn die Briten den Euro einführen würden? Sicher nicht.

Also hat auch der Autor Boyce die Lizenz zum Träumen und Phantasieren – in der Figur seines Damian. Damian ist ein unschuldiger Candide, dessen Erfahrungswelt sich plötzlich durch das, was er für ein Geschenk des Himmels hält, radikal verändert. Nicht immer zum Besseren, wie uns diese moralische Fabel auf verschmitzte Weise vor Augen führt. Aber manchmal eben schon. Und das ist am Ende das Schöne daran.

Der Sprecher

Rufus Beck hat diesmal nicht die Aufgabe, ein Dutzend verschiedener Figuren stimmlich zu charakterisieren. Es treten auch keine Zauberlehrlinge oder Wundertiere auf. Diesmal darf er im Gegenteil nur mit einer Stimme sprechen, und dies möglichst einfühlsam. Die heikelsten Stellen sind beim Vorlesen immer die leisen. Hier kann der Sprecher alles vermasseln. Beck hingegen spricht auch hier so souverän wie sonst auch, aber natürlich nicht im Plauderton, sondern sehr zärtlich, um die kindlich-unschuldige Sprache, derer sich der Autor bedient, zur Geltung kommen zu lassen.

Unterm Strich

„Money – what is it good for?“ So könnte wohl eine in aller Unschuld von Damian gestellte Frage lauten. Sein größerer Bruder ist über dieses Stadium, sich zu wundern, schon längst hinaus, und sein Dad – na ja, der sieht vor lauter roten Zahlen kaum noch in die Welt hinaus, und verpasst so die besten Gelegenheiten, sich aus dem Schlamassel zu helfen. Beispielsweise indem er sein Leid mit jemandem teilt, den er lieben kann. Wie etwa Dorothy.

What is it good for? Nun, offensichtlich widerlegen Damians Erlebnisse in Manchester die Behauptung, dass Geld nicht glücklich mache, aber ungemein beruhigend wirke. In der Tat: Durch das „Geschenk des Himmels“ wird Damians Schmerz, der durch den Tod seiner Mutter verursachte wurde, in keiner Weise gelindert. Und von Beruhigung kann schon gleich gar nicht die Rede sein, denn seine Nachbarschaft ist schließlich durch seine Geldgaben in hellen Aufruhr geraten.

Das Szenario der Handlung bietet dem Autor Gelegenheit, diese seine Botschaft an den Mann und die Frau zu bringen, und was das Szenario wirklich zeitgemäß macht, ist die Idee, sich vorzustellen, was passieren würde, wenn die Briten das Pfund durch den Euro ersetzen würden. Damian & Co. sehen sich urplözlich einem enormen Zeitdruck ausgesetzt: Nur noch 17 Tage ist das Pfund gültig, also muss das „Himmelsgeschenk“ schleunigst ausgegeben werden!

Das Problem liegt natürlich in der Methode und dem Zweck. Ähnlich wie in Dickens weltbekannter „Weihnachtsgeschichte“ lässt sich aus der Antwort auf diese zwei einfachen Fragen eine anrührende Geschichte als Antwort entwickeln. In Verbindung mit einem spannenden und witzigen Plot wird daraus großartige Unterhaltung für junge Heranwachsende.

Das hat auch Danny Boyle erkannt, der Regisseur von Filmen über junge Erwachsene wie etwa „Trainspotting“, „The Beach“ und „28 Days“. „Millionen“ wird also demnächst – wohl zu Weihnachten – in unseren Kinos zu besichtigen sein. Es könnte sich lohnen.

231 Minuten auf 3 CDs
Übersetzt von Salah Naoura
www.hoerbuch-hamburg.de