Kevin Hearne – Gehämmert (Die Chronik des eisernen Druiden 3)

Wie man einen Gott erschlägt (und dennoch überlebt)

Thor, der nordische Donnergott, ist nicht nur ein Aufschneider und ein Rüpel, sondern viel schlimmer – er hat viele Leben vernichtet und unzählige Unschuldige auf dem Gewissen. Atticus O’Sullivan, der letzte der Druiden, und sein Anwalt Leif unternehmen alles, um diesen nordischen Albtraum ein für alle Mal loszuwerden. (Verlagsinfo)

Das Buch eignet sich für Jugendliche ab 14-16 Jahren.

Der Autor

Kevin Hearne, geboren 1970, lebt in Arizona und unterrichtet Englisch an der High School. »Die Chronik des Eisernen Druiden« machte ihn unter Fantasylesern mit einem Schlag weit über die USA hinaus bekannt. (Verlagsinfo) Die ersten sechs Kapitel des Orignals „Hounded“ gibt es kostenlos auf der Webseite http://www.kevinhearne.com/ des Autors.

Die Chronik des eisernen Druiden (Iron Druid Chronicles, kurz IDC):

1) Gehetzt (Hounded, 2011)
2) Verhext (Hexed, 2011)
3) Gehämmert (Hammered, 2011)
4) Getrickst (Tricked, 2012)
5) Erwischt (Trapped, 2012)
6) Gejagt (Hunted, 06/2013)
7) Erschüttert (Shattered, dt. 2017)
8) Staked (2016)
9) (das letzte geplante Buch des Druiden-Zyklus)

Sowie diverse Kurzgeschichten und Novellen.

Mehr Info: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Iron_Druid_Chronicles

Hintergrund

Auch ein unsterblicher Druide sehnt sich nach 2100 Jahren auf Erden mal nach etwas Ruhe. Deshalb hat der Ire Atticus O’Sullivan im friedlichen Städtchen Tempe in Arizona einen netten kleinen Buchladen aufgemacht – für New-Age-Anhänger und für Genießer etwas speziellerer Teesorten aus eigenem Kräuteranbau. Hier geht aber alles legal zu, darauf pocht Atticus. Sein Wolfshund Oberon stimmt ihm telepathisch zu, allerdings mit anderen Prioritäten. Oberon steht auf französische Pudeldamen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Seit seinem letzten Abenteuer hat Atticus eine Schülerin seiner Kunst: Granuaile. Sie lebt in einem Hexenhaus…

Handlung

Vorspiel

Atticus hat bei der indischen Hexe Laksha noch eine Schuld abzutragen: Er soll ihr einen der goldenen Äpfel der nordischen Göttin Idun bringen, die Jugend verleihen. Der Haken dabei besteht natürlich darin, dass der Apfelbaum Iduns a) in Asgard wachsen und b) Asgard von der Erde ungefähr so weit weg ist wie Beteigeuze – wenn man so dumm ist, den üblichen Weg zu nehmen. Was Atticus natürlich als Druide zu umgehen weiß: Er reist via Tir Na Nog, das irische Land der ewigen Jugend, auch als Land der Elfen bekannt.

Die Weltenesche Yggdrasil ist ein gigantischer Baum, der bis Asgard reicht, und folglich sind auch die Eichhörnchen etwas überdimensioniert: Ratatosk hat die Ausmaße eines mittleren Elefanten – und seine Zähne sind mindestens genau groß wie Stoßzähne. Der Druide flunkert dem armen Tier vor, er habe Odin, dem Obergott, eine wichtige Warnung vor der Ankunft des römischen Gottes Bacchus zu überbringen. Gerne darf er sich dafür auf Ratatosks Rücken schwingen und ab geht die Post!

Leider Odin seine Augen überall, und zwar in Gestalt seiner zwei Raben Gedanke und Erinnerung. Deshalb versieht sich Atticus mit einem Tarnzauber. Nun gilt es noch ein weiteres Hindernis zu überwinden: die Nornen. Sie haben als Vorauswissende schon das Nahen einer Gefahr erkannt und ihre spezielle Vernichtungsmagie in Stellung gebracht. Der vernichtende Blitzstrahl macht dem Eichhörnchen den Garaus, doch der Druide ist rechtzeitig vorher abgesprungen und macht sich ans Werk, die Nornen unschädlich zu machen. Diese Untat dürfte schon bald für einigen Aufruhr im Reich der Götter sorgen, schätzt er.

Endlich ist der Weg frei, um Idun einen Besuch abzustatten. Wie sich herausstellt, hat der Tod der Nornen die Aufhebung eines Fluches zur Folge, der auf Idun und ihrem Liebhaber Bragi lag: Unfruchtbarkeit. Während die beiden dabei sind, das Ende des Fluches auf Tauglichkeit zu testen, stibitzt Atticus den Apfel und verdünnisiert sich. Thor und Odin sind bereits auf dem Weg, dem Weg den Weg abzuschneiden…

Haupthandlung

Das Pflaster in Tempe, Arizona, ist Atticus definitiv zu heiß geworden. Nachdem er Laksha den Apfel übergeben hat, trifft er Vorbereitungen, seine Zelte abzubrechen. Granuaile, seine Azubi, kann mitkommen oder auch nicht. Seinen Laden soll seine Angestellte bald dichtmachen.

Der Grund für weiteres Ungemach in Tempe liegt darin, dass sowohl Leif, der Chef der Vampire, als auch Hauk, der Chef der Werwölfe, beschlossen haben, mit Atticus gegen Thor zu kämpfen. Das machte die jeweilige Nummer zwei ganz schön nervös: Es ist mit landesweiten Revierkämpfen zu rechnen. Na, und?, fragt Atticus zu Recht. Ein kleiner Vampirkrieg hin und wieder, das ist doch nicht so schlimm, oder?

Zusammen mit weiteren unsterblichen Kämpen wie dem russischen Gott Perun und einem chinesischen Alchemisten begibt sich die kleine Kampftruppe durch den Stamm der Weltenesche nach Asgard. Natürlich darf niemand die Truppe sehen, schon gar nicht der Wächter Heimdall. Atticus wirkt einen kleinen Schutzzauber.

Die Asen zählen einige hundert Köpfe stark, wenn man die Wanen mitzählt. Deshalb brauchen die glorreichen sechs eine Art Hilfstruppe vor Ort. Sie wenden sich an die Eisriesen, die schon lange zwei oder drei Hühnchen mit den Asen zu rupfen haben. Und sie sind aus irgendeinem Grund besonders scharf auf die liebliche Idun (siehe oben) und natürlich auf Freya, die Kriegsgöttin.

Um es kurz zu machen: Der Auftakt des Kampfes verläuft nach Atticus‘ Plan, doch als unerwartete Krieger der Asen auftauchen, geht alles schief. Und die Eisriesen sind keine große Hilfe…

Mein Eindruck

Nach dem furiosen Vorspiel in Asgard kehrt erst einmal Ruhe ein. 120 Seiten lang. Das ist etwa ein Drittel des Umfangs. Aber diese Ruhephase hat durchaus ihren Sinn, denn es ist im Grunde der Abschluss von Atticus‘ bisherigem Leben in Tempe und die Vorbereitung auf jenes große Abenteuer, das ja wohl die Jagd auf einen nordischen Gott darstellen dürfte.

Es mangelt nicht an bösen Vorzeichen. Das deutlichste und eindringlichste kommt von Jesus aus Nazareth höchstpersönlich. Nach ein paar guten irischen Whiskeys taut der olle Friedensfürst richtig gut auf und wird zu Atticus‘ bestem Kumpel. Das hindert ihn aber nicht daran, dem Druiden eine Lektion zu erteilen, als die gehässigen Rabbis auftauchen, die sich „Hämmer Gottes“ auftauchen und Anstalten treffen, dem Druiden ein für alle Mal den magischen Garaus zu bereiten.

Nun, Atticus O’Sullivan ist ja nicht auf den Kopf gefallen und lernt seine Lektion gut. Das befreit seinen Kopf aber nicht aus der Schlinge, die der Schwur gegenüber Leif, dem Vampir, und Gunnar, dem Werwolf, darstellt: Er soll ihnen helfen, den Donnergott zu töten. Auf Seite 170 oder 180 kann dieses Abenteuer losgehen. Sie treffen an einem vereinbarten Ort noch drei weitere Leutchen, die Thor, diesem Riesen-Armleuchter, nach dem göttlichen Leben trachten.

Diese drei Typen sind ebenfalls recht interessante Charaktere, und der Autor gibt allen sechs Helden auf 60 Seiten genügend Platz, ihren Groll gegen Thor ausführlich zu begründen. Da ist der russische Donnergott Perun, da ist der mythische Helde Väinämöinen aus dem finnischen Epos „Kalevala“ und schließlich der chinesische Magier Zhao Guo Lao, ein Weiser vom Kaliber eines Mai Pei, wie er in „Kill Bill Volume 2“ auftaucht.

Es bleiben noch gut 90 Seiten übrig, um die Begegnung mit Thor zu schildern – falls es überhaupt dazu kommt. Denn hat Jesus der Friedensfürst Atticus nicht eindringlich davor gewarnt, welcher Ungemach der Mord über ihn, seine Lieben und den Rest der Welt bringen würde? Und die Morrigan, die irische Kriegs- und Todesgöttin, die Atticus sonst stets die Stange hält, warnt vor seinem vorzeitigen Ableben. Na, solche Ratgeber hat man gerne.

Die Übersetzung

Die Übersetzung ist sehr flüssig zu lesen, denn der deutsche Stil wirkt nicht aufgesetzt und selbst wenn sich Götter mal hochgestochen ausdrücken, so merkt man das doch gleich. Die Cops und Anwälte reden ganz anders, ebenso die Hexen. Die Namen von Göttern etc. findet man im Text großgeschrieben vor. Allerdings gilt umgekehrt nicht das gleiche: Die großgeschriebenen Begriffe werden nicht HIER erklärt, sondern viele im ersten Band der Reihe, „Gehetzt“.

S. 136: „seine Beine steckten in weit geschnitten[en] Jeans…“ Darunter hat man sich wohl Schlaghosen oder Glocken-Jeans vorzustellen. Das „en“ fehlt.

S. 229: „nicht etwa[s] aus Misanthropie“. Das S ist überflüssig. Notabene: In diesem Buch wirft der Autor mit allerlei Fremdwörtern um sich!

Eine sehr nützliche Karte von Asgard findet der Leser auf Seite 103.

Unterm Strich

Atticus mutet diesmal wie eine Art widerwilliger Odysseus an, der, um eine Pflicht zu erfüllen, diverse Krieger nolens volens in den Kampf gegen die nordischen Götter führt. Eigentlich will er sich ja rechtzeitig verdünnisieren, doch wieder mal kommt alles anders als geplant.

Die schönste Sequenz, abgesehen vom witzigen, actionreichen Vorspiel, sind die fünf Geschichten, die außer Atticus von den glorreichen Sechs erzählt werden. Die jeweilige Geschichte begründet, warum Thor sterben muss. Das ist doch recht einfallsreich gestaltet und kann mitunter recht anrührend auf den Leser wirken.

Und vor allem auf die Leserin. Das macht das Buch, dessen Reihe bislang mit Action, Witz und Horror aufzuwarten wusste, nunmehr sehr interessant für ein weibliches Publikum. Tatsächlich hätte der Held ohne weibliche Unterstützerinnen schon längst den Abgang in die ewigen Jagdgründe gemacht.

Ansonsten unterscheidet sich dieser Band grundlegend von den Vorgängern, und Fans der Reihe sollten bereit sein, sich ein wenig umzustellen. Die Unterschiede habe ich hoffentlich oben deutlich machen können. Aber Wandel muss nicht schlecht sein. Der Autor wird die Reihe nicht ewig weiterführen – siehe oben: Nach dem neunten Band soll Feierabend sein. Dann ist die Reihe ein „abgeschlossenes Sammelgebiet“, wie der Philatelist sagt – und somit hochbegehrt.

Taschenbuch: 366 Seiten
Info: Hammered, 2011
Aus dem US-Englischen von Alexander Wagner und Friedrich Mader
www.klett-cotta.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

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