Kevin Hearne – Gejagt (Die Chronik des eisernen Druiden 6)

Druidenhatz: Showdown vor Schloss Windsor

Für einen zweitausend Jahre alten Druiden kann Atticus O’Sullivan verdammt schnell rennen. Zum Glück – denn er wird von gleich zwei Jagdgöttinnen durch das heutige Europa gejagt.

Atticus, Granuaile und der Wolfshund Oberon lassen sich, während sie den Pfeilen und Schleudergeschossen der Jägerinnen ausweichen, auf einen aberwitzigen Wettlauf ein. Atticus‘ magischer Kunstgriff, Erdmassen zu verschieben, ist blockiert. Deshalb heißt der Plan statt »Versteckspiel« – »renn um dein Leben«.

Und auf diese Marathonhetze stürzt sich kein anderer als der nordische Gott Loki herab. Atticus zu töten ist alles, was ihm noch fehlt, um Ragnarök – also die Apokalypse – zu entfesseln. Atticus und Granuaile müssen die olympischen Götter überlisten und gleichzeitig den Gott des Unheils in Schach halten, um weiterzuleben. (Verlagsinfo)

Das Buch eignet sich für Jugendliche ab 14-16 Jahren.

Der Autor

Kevin Hearne, geboren 1970, lebt in Arizona und unterrichtet Englisch an der High School. »Die Chronik des Eisernen Druiden« machte ihn unter Fantasylesern mit einem Schlag weit über die USA hinaus bekannt. (Verlagsinfo) Die ersten sechs Kapitel des Originals „Hounded“ gibt es kostenlos auf der Webseite http://www.kevinhearne.com/ des Autors.

Die Chronik des eisernen Druiden (Iron Druid Chronicles, kurz IDC):

1) Die Hetzjagd / Gehetzt (Hounded, 2011)
2) Verhext (Hexed, 2011)
3) Gehämmert (Hammered, 2011)
4) Getrickst (Tricked, 2012, dt. 2016))
5) Erwischt (Trapped 2012, dt. 2017)
6) Gejagt (Hunted, 2013, dt. 2017)
7) Erschüttert (Shattered, 2014, dt. 2017)
8) Aufgespießt (Staked 2016, dt. 2018)
9) Besieged (2017)
10) Oberons blutige Fälle (2018)

Sowie diverse Kurzgeschichten und Novellen.

Mehr Info: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Iron_Druid_Chronicles

Handlung

Nachdem Atticus, der bislang einzige Druide, seine langjährige Schülerin Granuaile zu einer Druidin ausgebildet und sie die Abschlussprüfungen bestanden hat, sehen sie sich ihrer ersten Herausforderung ausgesetzt. Doch wie im Vorgängerband nachzulesen, schaffen sie es, den Gott Bacchus zu besiegen und einzusperren. Jetzt sind die Olympier in Aufruhr: Sie wollen Bacchus wiederhaben.

Fluchthelfer

Schon bald müssen die beiden Druiden und ihr telepathischer Wolfshund Oberon erkennen, dass mit Göttinnen der Jagd nicht zu spaßen ist: Artemis, die griechische, und Diana, die römische Jagdgöttin haben sich auf ihren Streitwagen und mit einer Hundemeute ausgestattet an die Fersen der Druiden geheftet. Atticus‘ Schutzgöttin, die Morrigan, wartet diesbezüglich mit stets hilfreichen Infos auf. Auch Obergott Odin meldet sich: Es sei höchst unterhaltsam, wie die beiden Druiden quer durch Europa gejagt würden. Wie aufmerksam von ihm. Leider verrät er nicht, wer ihnen auf ihrem Weg nach Britannien auflauert.

Fluchtwege

Dummerweise verhindert eine magische Blockade, dass die Gehetzten die Existenzebenen wechseln können. Kurz mal ins Feenland abzutauchen kommt also nicht infrage: Die Morrigan sagt, alle Tore seien entweder versperrt oder bewacht. Auch eine kleine Zeitreise lässt sich nicht einrichten. Notgedrungen schlüpfen die Druiden in die Körper ihrer Totemtiere: Pferd und Hirsch. Sie machen sich selbst sowie Oberon unsichtbar und kommunizieren mit dem jeweils lokalen Erdgeist: Karpatia und Saxonia haben hilfreiche Hinweise parat. Dennoch kommen den Flüchtigen Dunkelelfen in die Quere, doch die haben nichts zu lachen. Als auch noch Loki selbst erscheint, wird die Auseinandersetzung härter. Der Freitod der Morrigan schockt Atticus ganz besonders.

Heckenschütze

In einem deutschen Moor befindet sich ein Tor durch die Dimensionen. Sie haben es bereits auf keltisch-magische Manier zweimal umrundet, als eine stark beschleunigte Kugel Blei Atticus‘ Schädel durchschlägt. Granuaile und Oberon sind bestürzt: Jemand hat ihren wichtigsten Gefährten aus dem Hinterhalt erschossen. Und er sieht mausetot aus. Zwar gelingt es Granuaile, den Schützen zur Strecke zu bringen, doch sie verfügt nicht über die macht, einen Toten ins Leben zurückzubringen. Sie bittet den Elementargeist Saxonia, Atticus‘ Körper in der Erde aufzunehmen. Die Leiche versinkt mit dem Schwert Fragarach bedeckt ins Erdreich.

Als Artemis und Diana die beiden Überlebenden in Holland stellen, erleben alle jedoch eine gehörige Überraschung…

Mein Eindruck

Diesmal scheinen alle hinter Atticus und seinen Gefährten her zu sein. Das sorgt natürlich für einen relativ vorhersehbaren Verlauf der Handlung. Aber der Autor wäre nicht der Schöpfer eines 2000 Jahre alten Druiden, wenn er sich nicht etliche Tricks einfallen ließe. So wie etwa den Tod seines Serienhelden. Das ist eine Sache, die man als Serienautor einfach nicht tut. Es sei denn, man wäre wirklich sehr mutig, einfallsreich und der Schöpfer eines 2000 Jahre alten Druiden. Druiden werden nur so alt, wenn sie einige Tricks auf Lager haben. So wie Atticus (nicht sein richtiger Name).

Der Tod ist nicht also nicht das Ende unseres liebsten Serienhelden, sondern nur eine Zwischenstation, wenn auch eine lästige. Denn Granuaile ist noch längst die perfekte Nachfolgerin, und bei dem irischen Wolfshund Oberon herrscht eher die Priorität vor, französische Pudeldamen aufzureißen und möglichst viele Würste als Leckerlis zu erhaschen. Daher kommt es zu einem Gefecht, in dem der Sieger von vornherein festzustehen scheint: Artemis, Diana und ihre Jagdhunden (von denen nichtsahnende Opfer wie Aktäon und andere zerrissen wurden).

Höchste Zeit also, an den tieferen Ursachen für die permanente, lästige Verfolgung zu arbeiten, findet Atticus. Angeblich sind die Olympier verärgert darüber, dass er den Gott Bacchus alias Faunus in eine Zeitinsel weggesperrt hat. Aber so sind Götter nun mal: Sie können es nicht leiden, wenn ihnen Sterbliche den Finger zeigen. Nachdem Diana und Artemis den Kürzeren gezogen haben, tauchen die beiden Götterboten Hermes & Merkur auf, mit einer ultimativen Forderung: Bacchus her oder es gibt Zoff! Wie langweilig. Über kurz oder lang müssen sich auch Zeus (der unter schwerem Priapismus leidet) und Jupiter herbequemen, um mit Atticus zu verhandeln. Doch wenn man vom Teufel spricht… Die Unterredung wird von jenem Bösewicht gestört, vor dem Atticus die Olympier warnt: Loki, der Feuergott. Begleitet wird er von seiner Mutter Hel, deren eine Körperhälfte schön wie der Tag, die andere hingegen hässlich wie die Nacht ist. Natürlich fährt der perverse Zeus voll auf die morbide Totengöttin ab, deren Zombiescharen nun ebenfalls auf den Plan treten…

Sobald es Atticus gelungen ist, die Olympier von der Gefahr der anbrechenden Götterdämmerung zu überzeugen, die schon bald alle Gottesanbeter hinwegfegen dürfte, muss sich Loki aus dem Staub machen. Das löst aber noch nicht das eigentliche Problem: Atticus muss sein Versprechen einlösen und den wahnsinnigen (und ziemlich wütenden) Gott Bacchus freilassen…

Windsor Park

Diese Szene passiert nicht irgendwo, sondern mitten im Park von Schloss Windsor. Während die Antiterroreinheiten ausschwärmen, um den Herd der Explosionen und Feuersbrünste aufzuspüren, weiß sich Atticus beschützt: Der Waldgott Herne alias Cernunnos sorgt für Ordnung und beschützt die Bäume. Die Bäume sind für Druiden äußerst wichtig, nicht nur als Energiequelle, sondern als Durchgangstor zu anderen Gefilden. Zu diesen zählen Göttergefilde wie der Olymp oder Asgard, sondern auch Tir Nan Og, das feeische Land der ewigen Jugend.

Im Leichenhaus

Dorthin muss sich Atticus begeben, um herauszufinden, wer ihm ständig Verfolger aller Couleur und Monster aller Art auf den Hals geschickt hat. Wer sandte die Heckenschützen in jenes deutsche Moor, wo es Atticus erwischte? Der Druide hat verschiedene Verdächtige im Visier. Als er sich jedoch in den Palast des Hauptverdächtigen Eintritt verschafft (von unten her, denn alle oberirdischen Zugänge sind schwer bewacht), empfängt ihn nur die unheilvolle Stille des Todes – und eine Reihe von Leichen. Er hat zudem das untrügliche Gefühl, in eine unsichtbare Falle zu laufen…

Die Übersetzung

Die Übersetzung ist sehr flüssig zu lesen, denn der deutsche Stil wirkt nicht aufgesetzt, sondern ist der heutigen Umgangssprache angenähert. Selbst wenn sich Götter wie Herne mal hochgestochen oder altertümlich wie ein Skalde ausdrücken, so merkt man das doch gleich. Die Cops und Anwälte reden ganz anders, ebenso die Hexen.

Die Namen von Göttern etc. findet man im Text großgeschrieben vor. Sie werden im Glossar erklärt und mit einer Aussprachehilfe versehen. In Band 5 fand der Atticus-Fan erstmals die korrekte Aussprache des Namens GRANUAILE. Sie wird hier nicht wiederholt. Deshalb ist es ratsam, alle Vorgängerbände aufzubewahren, bis die Serie mit Band 9 (siehe oben) beendet worden ist.

S. 31: „Ich konnte nicht fassen, dass ich mich gerade selbst gerickrollt hatte.“ Die Bedeutung dieser Vokabel erschließt sich nicht jedem Leser, aber es gibt Hoffnung. Die Wikipedia erklärt das Internetphänomen in allen schrägen Details: https://de.wikipedia.org/wiki/Rickrolling.

S. 32: „die undurchdringlich[e] Finsternis…“ Das E fehlt.

S. 258: „von meine[r] Seite weichen…“ Das R fehlt.

S. 273: „Göttin[n]en“. Das zweite N fehlt.

S. 310: „Tuahta Dé Danann“ enthält einen Buchstabendreher. Korrekt heißt das irische Göttervolk Tuatha Dé Danann.

Unterm Strich

Die Grundstruktur der Hetzjagd sorgt für ständige Anspannung im gesamten Roman. Kaum eine Verschnaufpause ist dem Helden und seinen Gefährten vergönnt, nicht der kleinste Quickie. Die Olympier, gewisse Asen, diverse Vampire und Dunkelelfen, ja, sogar ein veritabler Lebenszehrer namens Werner Drasche – sie alle haben es auf Atticus & Co. abgesehen. Und das alles nur wegen eines unwichtigen Gottes aus Griechenland? Unwahrscheinlich. Ein etwas größerer Plan muss dahinterstecken, vermutet Atticus.

Zwar verfügen Atticus und seine Gefährten über gewisse Abwehrmittel wie etwa Schutz-Tattoos, Amulette, Talismane und Bannsprüche, zudem diverse magische Waffen. Doch nach ein paar Wochen oder so wird die Hetzjagd doch ziemlich lästig. Der Showdown findet dann vor Schloss Windsor statt, was für erhebliche Unterhaltung und Kurzweil sorgt. Diverse Gottheiten tauchen hier auf und verschwinden wieder, als handle es sich um eine versenkbare Hebebühne in einem modernen Theater. Immerhin muss Atticus dringend sämtliche Götter davon überzeugen, dass es eine äußerst schlechte Idee wäre, die Götterdämmerung, die Loki und Hel anzetteln wollen, zuzulassen.

Tragik und Humor

Dabei kommen weder Tragik noch Humor zu kurz. Den dunklen Hintergrund, vor dem der Humor umso heller scheint, bildet der mysteriöse Freitod der Morrigan. Als Todes- und Schlachtengöttin war sie Atticus seit Band 1 eine ständige Begleiterin. Aber ihr Bekenntnis, dass sie sich in ihn verliebt habe, haut ihn dann doch ein wenig um. Er ist ja schon vergeben, und zwar an die liebliche Granuaile, die obendrein seine graduierte Schülerin ist. Wie sehr die Todesgöttin ihn liebte, wird ihm – und uns -erst auf der letzten Seite verdeutlicht: Sie hat ihm ein „Geschenk“ hinterlassen…

Sidekick

Oberon sorgt ebenso wie Atticus für eine Menge ironische Kommentare. Der Wolfshund kann es sich als Tier jedoch leisten, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er kommentiert gerne mal einen Quickie – oder was er dafür hält. Seine Kommentare zu sexuellen Betätigungen seiner menschlichen Begleiter waren im Vorgängerband allerdings noch viel schlüpfriger. Aber er ist ein lieber Kerl. Als ihm daher seine Gefährten eine Wolfshunddame mit dem schönen Namen Orlaith im Tierheim besorgen, ist er vor Freude hin und weg.

Ausblick

Der Schluss hält zwar eine Überraschung bereit, indem das „Geschenk“ der Morrigan enthüllt wird, doch wie in jeder spannenden Krimihandlung bleiben wichtige Fragen offen: Wer hat es wirklich auf Atticus abgesehen und was kann man gegen diese Gottheit unternehmen? Um die Antworten zu erhalten, sollte man sich gleich die Fortsetzung besorgen.

Paperback & E-Book: 364 Seiten
Originaltitel: Hunted, 2013
Aus dem Englischen von Friedrich Mader
ISBN-13: 978-3608961362

www.klett-cotta.de

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