Kevin Hearne – Getrickst (Die Chronik des eisernen Druiden 4)

Druiden-Fantasy: Wie man einen Trickster austrickst

Atticus O’Sullivan steht auf der Abschussliste sämtlicher Donnergötter. Um ihrer Rache zu entkommen, lässt sich der Druide auf einen Deal mit Coyote ein, dem Trickstergott der Navajo. Als Gegenleistung erwartet dieser auch nur einen klitzekleinen Gefallen – Ehrenwort. (Verlagsinfo)

Das Buch eignet sich für Jugendliche ab 14-16 Jahren.

Der Autor

Kevin Hearne, geboren 1970, lebt in Arizona und unterrichtet Englisch an der High School, er ist verheiratet und Fan von Games, Rockmusik und Trivialmythen. »Die Chronik des Eisernen Druiden« machte ihn unter Fantasylesern mit einem Schlag weit über die USA hinaus bekannt. (Verlagsinfo) Die ersten sechs Kapitel des ersten Originalbandes „Hounded“ gibt es kostenlos auf der Webseite http://www.kevinhearne.com/ des Autors (ohne Gewähr).

Die Chronik des eisernen Druiden (Iron Druid Chronicles, kurz IDC):

1) Die Hetzjagd / Gehetzt (Hounded, 2011)
2) Verhext (Hexed, 2011)
3) Gehämmert (Hammered, 2011)
4) Getrickst (Tricked, 2012, dt. 2016))
5) Trapped (2012, dt. 2017)
6) Gejagt (Hunted, 2013, dt. 2017)
7) Erschüttert (Shattered, 2014, dt. 2017)
8) Staked (2016)
9) (das letzte geplante Buch des Druiden-Zyklus)

Sowie diverse Kurzgeschichten und Novellen.

Mehr Info: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Iron_Druid_Chronicles

Hintergrund

Auch ein unsterblicher Druide sehnt sich nach 2100 Jahren auf Erden mal nach etwas Ruhe. Deshalb hat der Ire Atticus O’Sullivan im friedlichen Städtchen Tempe in Arizona einen netten kleinen Buchladen aufgemacht – für New-Age-Anhänger und für Genießer etwas speziellerer Teesorten aus eigenem Kräuteranbau.

Merkwürdig, dass ständig Studenten von der Uni bei Atticus auch „medizinisches Marihuana“ kaufen wollen. Davon bekommt sein Assistent Perry einen schamroten Kopf. Hier geht alles legal zu, darauf pocht Atticus. Sein Wolfshund Oberon stimmt ihm telepathisch zu, allerdings mit anderen Prioritäten. Oberon steht auf französische Pudeldamen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Seit einigen Monaten hat Atticus eine Schülerin seiner Kunst: Granuaile. Die rothaarige Schönheit lebte ursprünglich in einem Hexenhaus. Aber warum will sie eigentlich unbedingt Druidin werden?

Handlung

Nach seinen Eskapaden in Asgard hat jeder Donnergott Atticus O’Sullivan auf dem Kieker. Um den Zustand der Todesangst zu beenden, wendet sich der Druide an Coyote, den Trickstergott der Navajo. Diese Ureinwohner leben in Arizona und New Mexico in einem riesigen Reservat. Auch Elementargeister gibt es hier: Sonora, Kaibab und Colorado.

Coyote inszeniert das Ableben des Druiden stilecht und sehr glaubwürdig, nachdem er sich in Atticus verwandelt hat. Allerdings erwartet er jetzt eine kleine Gegenleistung: Auf einem Plateau, unter dem Colorado zu finden ist, soll Atticus eine Goldmine anlegen. Natürlich nicht auf die herkömmliche, zerstörerische Weise, sondern indem er seine erdgebundenen Kräfte spielen lässt, das heißt: das Gold dazu bringt, sich an einem bestimmten Ort zu sammeln.

Coyotes Plan lautet, dass er bzw. sein Navajo-Volk mit dem Gold eine umweltfreundliche Energieversorgung aufbauen kann, das die bestehende, dreckige Kohlenmine nahe Kayenta überflüssig macht. Ein sehr löblicher Plan, findet Atticus und schließt sich dem indianischen Geologen-Team an, um einen Hogan zu errichten, eine Indianerhütte. Die Begegnung mit der nordischen Todesgöttin Hel findet er zwar störend, aber vorerst ohne Belang. Ein schwerer Irrtum.

Coyote bringt einen heiligen Mann mit, einen „hataali“. Frank Chischilli beginnt zu Atticus‘ Verwunderung sofort damit, den Hogan mit einem magischen Schutznetz zu versehen. Er singt den „Weg der Segnung“, verbrennt bestimmte Kräuter und legt Sandbilder an. Doch wogegen soll all diese Schutzmagie gerichtet sein?

Welche Gefahr dem Team droht, erweist sich bereits in der ersten gemeinsamen Nacht, die es zusammen in der kuppelförmigen Holzhütte verbringt. Schneidende Schreie gellen durch die Nacht und nähern sich – von zwei Seiten…

Mein Eindruck

Der Autor ist ebenso wie seine Hauptfigur, der Eisendruide, mit zahlreichen Mythologien und Fabelwesen vertraut. Als Ire ist Atticus (nicht sein richtiger Name) naturgemäß bestens mit dem irischen Pantheon (minus eines gewissen Volltrottels namens Aenghus Og) und der Feenwelt Tír na nOg vertraut (siehe auch den Folgeband). Aber als Kosmopolit ist er ganz schön was herumgekommen: Er erzählt von Afrika, von Japan und natürlich von Europa. Die nordische Götterwelt hat er bereits im Vorgängerband heimgesucht. Nun ist seine Heimatregion an der Reihe – irgendwie naheliegend.

Die weiße Welt

Die Navajo habe einen der komplexesten Schöpfungsmythen überhaupt erschaffen. Ins Detail zu gehen, würde zu weit führen, aber es gibt mindestens vier Welten, von denen unsere die weiße genannt wird (es gibt auch noch eine gelbe und eine blaue – hübsch). Coyote, einer der ersten Menschen und somit KEIN Gott, kann einen Druiden per Gestaltwandel durch alle vier Welten tragen. Es ist wichtig, dies zu verstehen, weil sich die Notwendigkeit für genau diese Reise ergibt.

Hinterhalt

Coyote hat Atticus quasi in einen Hinterhalt gelockt. Die Goldmine ist zwar herstellbar, aber nicht an dem bezeichneten Ort. Hier treiben zwei spezielle Dämonen ihr Unwesen und tragen nicht nur zur Dezimierung nichtsahnender Bergsteiger bei. Diese sogenannten Skinwalker bestehen aus einem Toten, seinem unerlösten Geist, einem Dämon und einer Gestaltwandlerhaut, in diesem Fall ist es ein Rotluchs.

Da sie so darauf erpicht sind, die Bekanntschaft des Druiden zu machen, liegt daran, dass sie von der nordischen Todesgöttin Hel mit dem magischen Messer namens Hunger geschnitten worden sind. Der Schnitt liefert sie Hels Wunsch aus, und der richtet sich gegen den Druiden. Sie beginnen, den Hogan in seine Bestandteile zu zerlegen. Nun ist gute Magie gefragt…

Leerlauf und Ablenkung

Die Bekämpfung dieser konkreten Bedrohung aus dem ersten Drittel wird im letzten Drittel actionreich und konsequent inszeniert. Dazwischen aber hatte der Autor eine Menge Seiten mit anderen Geschichten zu füllen. Dazu gehört die Sabotage der alten Kohlenmine ebenso wie das Bezirzen der Auszubildenden Granuaile. Außerdem ist der Vampir Leif mit Atticus‘ Hilfe wieder von den Toten auferstanden und sieht sich nun mächtiger Konkurrenz in seinem Territorium gegenüber: Es droht, ein Vampirkrieg auszubrechen. Das erklärt wohl den Umstand, dass Atticus‘ Trio immer wieder von einer Untoten beschattet wird. Es kommt zu einem Showdown, an dessen Ende Atticus im Krankenhaus landet.

Natürlich darf sich ein erfolgreicher Romanautor solcher Tricks bedienen, um sein Soll zu erfüllen (je nach Vertrag dürfen gewisse deutsche Bestsellerautoren nicht unter 600 Seiten abliefern, wie mir anvertraut wurde). Andererseits kann sich der Leser freuen, wenn er für einen so hohen Buchpreis auch ein Minimum an knapp 400 Seiten Buchumfang geboten bekommt. Dennoch fragte ich mich am Ende der Durststrecke, wann der Autor wieder auf sein eigentliches Thema zurückkommt.

Die Übersetzung

Die Übersetzung von Friedrich Mader ist sehr flüssig zu lesen, denn der deutsche Stil wirkt nicht aufgesetzt, sondern ironisch, und selbst wenn sich Götter mal hochgestochen ausdrücken, so merkt man das doch gleich. Die Cops und Anwälte reden ganz anders, ebenso die die Vampire.

Die Sprache, die Atticus und Oberon benutzen (Granuaile ist diesbezüglich ernsthafter), ist von moderner Ironie geprägt, die der Amerikaner „tongue-in-cheek“ nennt, also Sarkasmus light. Das sorgt zusammen mit modernen Redewendungen für eine sehr unterhaltsame Lektüre. Ich konnte mir jedenfalls ein dämliches Dauergrinsen nicht verkneifen.

Die Namen von Göttern etc. findet man im Text großgeschrieben vor. Allerdings gilt umgekehrt nicht das gleiche: Die großgeschriebenen Begriffe wie etwa Götternamen werden nicht HIER erklärt, sondern viele im ersten Band der Reihe, „Gehetzt“, und im fünften, „Erwischt“. Im Glossar finden sich erfreulicherweise alle relevanten Navajo-Begriffe erklärt und mit einer Aussprachehilfe versehen. Vorbildlich.

S. 190: „wandelndende“ – etwas zuviel des Guten. „wandelnde“ reicht völlig.

S. 322: „Frühjahrtraini[n]g“. Das N fehlt.

S. 337: „so gute Chancen wie ein Schlange bei einem Tippwettbewerb“. Ich stehe ja total auf sprachliche Bilder mit Aussagekraft, aber dieses Bild hat sich mir nicht erschlossen. Was wird hier getippt, und warum ist das für Schlangen gefährlich?

S. 353: „E[R]STER MANN“. Das R fehlt.

Unterm Strich

Coyote hat Atticus ausgetrickst – glaubt er zumindest. Nun sitzen Atticus und seine Schutzbefohlenen auf einem windigen Plateau in einem klapprigen Hogan fest und werden von zwei wütenden Dämonen angegriffen. Diese Skinwalker sind die Ausgeburt einer Mordtat, so dass sie in ihrer vielschichtigen Struktur auf unerlösten Totengeistern basieren. Sie zu beseitigen, ist daher langwierig und erfordert Kreativität.

Atticus und Granuaile müssen allerlei Zubehör wie etwa metallene Krähenfüße, Atropingift, das Feenschwert Moralltach, Benzinkanister und natürlich das obligatorische Feuerzeug aufbieten, um die Dämonen abzuwehren. Aber als Coyote selbst zu Werke geht, überschätzt er seine Fähigkeiten. Es kommt zu einer fatalen Kettenreaktion…

Notwendiges Wissen

Zum Glück bin ich als Fan der Navajo-Krimis von Tony Hillerman bereits mit dem Begriff des Skinwalkers vertraut. Auch die Begriffe „hataali“ (Medizinmann), „Weg der Segnung“ und Chiindii (Totengeist) sagten mir bereits etwas, als ich mir der Lektüre von „Getrickst“ begann. Vielleicht war das ein unfairer Vorsprung, aber ich kann den Leser beruhigen: Alle diese Begriffe und ihre Bedeutung werden haarklein erklärt, so dass keiner meckern kann, er habe nix kapiert. Im Glossar taucht die Erklärung nochmals etwas knapper formuliert auf.

Humor und Erotik

Das Beste, das mir an diesem vierten Roman über den Eisendruiden in Erinnerung geblieben ist, sind der wunderbare Humor, die diesen transportierenden Sprache und die flirtende Erotik zwischen Atticus, dem Lehrmeister, und seiner Auszubildenden, die ihn lieber „Sensei“ nennt. Oberon, der telepathisch mit Atticus, aber nicht mit Granuaile verbunden ist, gibt ein paar saftige Kommentare dazu ab. Diese sollte man lieber selbst lesen. Ebenso was es mit Blindverkostung und der Wurstwette auf sich hat.

Paperback: 385 Seiten
Info: Tricked, 2012
Aus dem US-Englischen von Friedrich Mader
www.klett-cotta.de

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