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Jungstedt, Mari – Den du nicht siehst (Hörbuch)

_Ferieninselhorror: der Rachezug des Axtmörders_

Die schwedische Ferieninsel Gotland bereitet sich auf den Mittsommer vor, die Hochsaison für den Tourismus. Helena und Per haben Freunde zum Fest eingeladen, doch die Party endet in bitterem Streit. Im Morgengrauen bricht Helena zu einem Spaziergang am Meer auf. Stunden später wird ihre Leiche gefunden. Sie wurde mit einer Axt erschlagen und mit ihrer Unterwäsche geknebelt, ihr Hund liegt enthauptet daneben.

Alles sieht nach einem Eifersuchtsdrama aus, und Hauptkommissar Robert Anders nimmt Per in Haft. Doch die Ruhe ist trügerisch. Als auf dem Friedhof des Hauptortes Visby eine auf gleiche Weise ermordete Frau gefunden wird, ahnt Anders, dass er es mit einem Serienmörder zu tun hat. Verzweifelt sucht er nach einer Verbindung. Nur wenn er den Plan des Mörders kennt, kann er weitere Morde verhindern. Doch Politik und Presse setzen ihn zunehmend unter Druck.

_Die Autorin_

Mari Jungstedt, geboren 1962 in Stockholm, arbeitet als Radio- und TV-Journalistin und steht zurzeit für das schwedische Fernsehen als Nachrichtensprecherin vor der Kamera. Nach „Den du nicht siehst“ folgte mit „Näher als du denkst“ ihr zweiter Krimi um Kommissar Robert Anders.

HINWEIS des Verlages: Im Original heißt der Kommissar nicht Robert Anders, sondern Anders Knutas. Aber im Hörbuch wurde der Name dem in der ZDF-Verfilmung (s. u.) angeglichen. „Alle weiteren Handlungen und Namen entsprechen der Buchausgabe.“

Mari Jungstedt auf |Buchwurm.info|:

[„Den du nicht siehst“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1344 (Buchausgabe)
[„Näher als du denkst“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1312 (Buchausgabe)
[„Näher als du denkst“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5245 (Hörbuch)

_Der Sprecher_

Walter Sittler, 1952 in Chicago geboren, arbeitet in Mannheim und Stuttgart am Theater. Dem TV-Publikum ist er durch seine zahlreichen Serienrollen, u. a. in „Girl Friends“ und „Nikola“ bekannt. Sittler spielt den Kommissar Robert Anders in der ZDF-Verfilmung der Mari-Jungstedt-Krimis, so auch in „Näher als du denkst“, dem anderen Hörbuch dieser Reihe, das er vorgelesen hat.

Regie führte Margit Osterwold, die Aufnahme fand im Mai 2007 im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg, statt.

_Handlung_

Das Pfingstwochenende nähert sich am 4. Juni seinem Ende, als es auf Helenas Party zu einem hässlichen Zwischenfall kommt. In ihrem Ferienhaus auf Gotland tanzt sie gerade mit ihrem alten Schulfreund Kristian, als sich ihr Lebensgefährte Per in rasender Eifersucht wütend auf Helena stürzt und sie auf der Terrasse zur Rede stellt. Sie kratzt ihm wutentbrannt fast die Augen aus, er pfeffert ihr eine, so dass sie heulend ins Klo eilt. Als Kristian mit Per reden will, fängt er sich einen Fausthieb auf die Nase ein, dass er blutet wie ein Schwein. Natürlich ist diese Party zu Ende.

Am nächsten Morgen erwacht Per und erwartet, dass Helena neben ihm liegt. Das ist überraschenderweise nicht der Fall. Sie ist bereits mit ihrem treuen Wachhund Spencer zum Strand gegangen. Dort liegt dichter Nebel über der Meeresküste. Endlich lassen ihre pochenden Kopfschmerzen nach. Sie will gerade umkehren, als sie ihren Hund vermisst. Sie hört ihn in der Ferne aufjaulen und knurren, dann folgt ominöse Stille. Auf ihre Rufe antwortet er nicht. Als sie hinter sich ein Geräusch hört, fährt sie herum …

Der 63-jährige Rentner Erik Andersson findet die Leiche des Hundes zuerst. Die Pfote ragt aus einem Gebüsch im Wald. Als Erik sieht, dass der Kopf fast abgetrennt ist, wird ihm übel. Doch dann entdeckt er auch noch eine nackte Frauenleiche. Das gibt ihm den Rest. In Panik eilt er zum Haus, wo er mit seiner Schwester Svea Johansson lebt, um die Polizei anzurufen. Auf dem schönen, friedlichen Gotland kriegt man Leichen von ermordeten Frauen nicht alle Tage zu sehen.

Kriminalkommissar Robert Anders, Karin Jakobsen und zwei Techniker von der Spurensicherung befinden sich schon bald am Tatort. Die Tatwaffe war offenbar eine Axt, die sie noch suchen. Sie wundern sich, mit welcher Wut der Täter auf Hund und Frau eingeschlagen haben muss. Und was wohl der Frauenslip in deren Mund zu bedeuten hat.

Kriminalreporter Johan Berg macht sich mit seinem Kameramann Peter auf den Weg zum Stockholmer Flughafen, um nach Visby zu fliegen. Ihr Ressortchef Max Grenfors hat sie losgeschickt, kaum dass er das erste Telegramm aus Gotland erhalten hatte. Als er auch noch hörte, was ihm Johans Informant auf der Insel am Telefon verklickert hatte, war der Beschluss unausweichlich, der Sache auf den Grund zu gehen. Wer weiß: Vielleicht ist dieser Mord erst der Auftakt zu einer Serie. Wenn die Aufklärung bis Mittsommer dauert, könnte das die Touristen, für die Gotland ein beliebtes Sommerfrischeziel ist, erheblich abschrecken. Und das gäbe erst Schlagzeilen!

Robert Anders befragt die Besucher der Party. Die Nachricht von Helena Hillerströms Tod scheint besonders die Lehrerin Emma Vinarve betroffen gemacht zu haben. Die verheiratete Mutter zweier Kinder ist in Tränen aufgelöst und scheint unter Schock zu stehen. Kein Wunder, war sie doch seit ihrer Kindheit Helenas beste Freundin. Mit ihrer Ehe steht es nicht zum besten, gesteht sich Emma ein, sie hat keinen Sex mehr mit ihrem Mann Ulle. Und nun das – sie fühlt sich distanziert und unwirklich. Zum Glück ist das Schuljahr bald zu Ende.

Johan Berg und sein Kameramann sind frustriert. Sie haben die Pressekonferenz der Polizei besucht, doch Kommissar Anders hat gemauert. Nach einem Ausflug zum Tatort versuchen sie ihr Glück bei den Nachbarn und stoßen auf eine Goldgrube: Svea Johannson, gerade mal 140 Zentimeter über den Erdboden ragend, ist eine Plaudertasche ohnegleichen und eine charmante Gastgeberin obendrein. Von ihr erfährt Johan, wie ihr Bruder die Leichen fand. Leichen? Plural?! Johan horcht auf. Da erfährt er erstmals von dem toten Hund, der mit einer Axt erschlagen wurde. Kurz darauf weiß ganz Schweden, welche ungeheuerlichen Dinge sich im Ferienparadies abspielen.

|Nummer zwei|

Der Oberstaatsanwalt lässt Per Beridahl, Helenas eifersüchtigen und gewalttätigen Lebensgefährten, festnehmen und ins Untersuchungsgefängnis stecken. Doch sowohl Anders als auch Emma Vinarve sind nicht von Pers Schuld überzeugt. Sie berichtet dies auch Johan Berg, dem Reporter aus Stockholm. Er sieht außergewöhnlich gut aus und starrt sie an, als wäre sie die schönste Frau der Welt. Na, so ‚was! Das hat Emma schon lange nicht mehr gefühlt, was jetzt ihr Blut in Wallung versetzt.

Am nächsten Tag ist der 6. Juni, Nationalfeiertag. Nach einem feuchtfröhlichen Abend radelt die Friseurin Frida Linda mitten in der Nacht zu ihrem Haus in einem höher gelegenen Vorort. Als sie auf halber Höhe am Friedhof vorbeikommt und ihr Rad schieben muss, hört sie hinter sich Schritte. Schwere Schritte, Männerschritte. Und das nur wenige Tage nach dem Mord an Helena. Sie hält an, lauscht, geht weiter. Da legen sich zwei Hände um ihren Hals und drücken zu …

Er hat auch die Kleider der zweiten Frau in der Küchenbank des alten verfallenden Bootshauses versteckt. Natürlich keine Unterhose. Die hat er in ihren Mund gesteckt, wie schon bei Nummer eins. Frida war Nummer zwei. Als er auf seine Liste schaut, sind noch zwei Namen übrig. Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen. Es gibt noch so viel zu tun …

_Mein Eindruck_

Eine simple Rachegeschichte, wie es scheint, und doch so geschickt erzählt, dass man von den Enthüllungen und Verbindungen überrascht und geschockt wird. Der Täter ist schier unsichtbar und erweist sich quasi als die Schlange im Ferienparadies. Ein Nichtschwede kann sich wohl kaum vorstellen, was die Ferieninsel Gotland für die Schweden bedeutet, aber es muss eine Kombination aus Rügen, Sylt und Riviera sein. Und wenn dann noch eine halbe Million Urlauber in eine mittelalterliche Stadt wie aus dem Märchen einfallen, kommt Disneyland-Stimmung auf.

Und nun dieses unsichtbare Monster im Paradies, als wäre es „Der Weiße Hai“ persönlich. Robert Anders spielt den Sheriff, und verständlicherweise spürt er schon bald mächtigen Druck seitens der Politiker und der Fremdenverkehrsbehörde. Er soll das Monster zur Strecke bringen, lautet die Dienstanweisung. Klingt ebenfalls nach „Weißem Hai“. Schon bald fühlt er sich, als würde er durchdrehen. Seine Suche nach der Verbindung zwischen den Opfern – bald sind es schon drei – geht einfach nicht weit genug zurück in die Vergangenheit. Erst Emma wird zum Schlüssel, um das Rätsel zu lösen.

Deshalb spielt der dritte Handlungsstrang um Emma Vinarve so eine wichtige Rolle. Zunächst fragt man sich, was es mit ihr auf sich hat, ist sie doch „bloß“ die beste Freundin von Helena, dem ersten Opfer. Aber gerade deshalb, weil uns die Autorin so eng mit Emmas Seelenleben vertraut macht, nehmen wir umso stärkeren Anteil an ihrem Schicksal: Sie hat der Täter zu seinem Opfer Nummer vier auserkoren.

Alle weiblichen Opfer haben sich exponiert. Helena ist allein am nebligen Strand, Frida mitten in der Nacht auf dem Rad unterwegs, Gunilla allein in ihrer Töpferwerkstatt und Emma allein in ihrem Elternhaus auf einer Insel. Sie sind angreifbar geworden, fern von jeder Hilfe. Niemand würde vermuten, dass sie es einmal selbst waren, die ein Opfer hatten und es zugrunde richteten: den Mann, der sich nun an ihnen rächt.

Doch Emma hat sich rechtzeitig um Beistand gekümmert: Johan Berg, der Kriminalreporter, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hat, eilt ihr zu Hilfe und informiert zugleich die Polizei auf Gotland. Aber werden sie rechtzeitig eintreffen, um das Schlimmste zu verhindern? Wird sich Emma vor dem Angriff des Serienmörders in Sicherheit bringen können? Das soll hier nicht verraten werden.

|Der Sprecher|

Walter Sittler ist zwar kein Stimmgenie wie Rufus Beck, und die Stimmen seiner männlichen und weiblichen Figuren ähneln sich daher stark. Allerdings verleiht er ihnen eine jeweils andere Tonlage, so dass man weibliche Figuren schnell identifizieren kann. Der Informant, der Johan von Gotland die brandheißen News verklickert, hat eine operierte Kehle, wahrscheinlich eine künstliche. Folglich spricht er heiser und etwas zischend.

Der Täter wird mit einem aufnahmetechnischen Kniff auf besondere Weise herausgestellt. Da er nicht in eigenen Worten sein Seelenleben preisgibt, sondern dies der Erzähler tun muss, sind dessen Worte mit einem zusätzlichen Bass versehen. Die Wirkung ist verblüffend: Der Täter wirklich sowohl als bedrohlicher Mörder wahrgenommen, wie auch als Opfer weiblicher Gewalt.

Sittler kann eindrucksvoll der jeweiligen Figur und Situation angemessene Emotionen darstellen. Er kann heftig laut rufen, gehemmt oder bewegt stockend sprechen, wütend brüllen oder leise tröstend klingen. Der Täter zischt am Schluss sogar hasserfüllt Emma an, dass es einem einen Schauder über den Rücken jagt.

Alle diese verschiedenen Tonlagen sind in den normalen Gesprächston von Polizisten und Journalisten eingebettet. Häufig referiert Anders, wie es sein Job verlangt. Das sind die langweiligsten, weil normalsten Szenen. Und Sittlers Anliegen ist zu loben, von solchen Inseln des Durchschnitts schnellstens wieder auf Emotion umzuschalten. Daher wurde mir das Hörbuch nur höchst selten langweilig, sondern es steigerte sich im Gegenteil in der Anspannung und Beklemmung. Dies ist sicherlich keine Unterhaltung für zwischendurch.

Schade jedoch, dass es weder Geräusche noch Musik gibt, die den Hintergrund noch emotionaler gestaltet hätten. Doch es gibt einmal einen Geräuschersatz. „Schlürf“ machen Matildas Gummistiefel im nassen Schlamm, kurz bevor sie im Gebüsch die Tatwaffe, eine Axt, findet. Wie lustig und echt dieses „Schlürf“ klingt, muss man gehört haben. Vergnügen und Grauen liegen in diesem Krimi nah beieinander.

_Unterm Strich_

„Den du nicht siehst“ ist zwar weit davon entfernt, wie Henning Mankell und Liza Marklund gesellschaftliche Missstände oder wie Arne Dahl internationale Verbrechen anzuprangern. Doch es ist ein geschickt erzählter Rache-Krimi mit der typisch schwedischen menschlichen Wärme, die die Schwedenkrimis hierzulande zeitweise erfolgreicher als die amerikanischen Thriller gemacht hat, insbesondere beim weiblichen Publikum. Das ist zwar nicht die höchste Thrillerkunst, aber für ein paar spannende Stunden reicht es allemal. Insbesondere der packende Showdown hat mir gefallen. Denn der fehlte mir in der Fortsetzung „Näher als du denkst“.

Dass auch dieser Krimi vom ZDF verfilmt wurde, lag nahe: Die Mainzelmännchen haben eine ganze Produktionsgesellschaft für Schwedenkrimi-Verfilmungen auf die Beine gestellt. Wir dürfen aus der Reihe „Der Kommissar und das Meer“ – ein jugendfreier Titel für die ganze Familie – noch weitere Folgen erwarten.

|Das Hörbuch|

Walter Sittler erweist sich als sehr kompetenter und schier schlafwandlerisch sicherer Schauspieler, der sein Stimm-Metier vollkommen beherrscht. Hier gelingt es ihm, das Kindliche, Heimelige und Vertraute direkt neben das Unheimliche, Grausame und sogar Makabere zu stellen. Mit ein paar Tricks und Verstellungen gelingt es ihm, auch kleine Auftritte wie die zweier kleiner Mädchen oder eines Informanten mit künstlichem Kehlkopf zu einem Ereignis werden zu lassen.

|Originaltitel: Den Du inte ser
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
395 Minuten auf 5 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-432-5|
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.heyne.de

Jungstedt, Mari – Näher als du denkst (Hörbuch)

_Verhängisvoll: junge Mädchen und ältere Freunde_

Im Dezember verschwindet die 14-jährige Fanny Jansson spurlos auf Gotland. Hat ihr Verschwinden etwas mit dem Mord an dem Fotografen Henry Dahlström zu tun, der Wochen zuvor mit eingeschlagenem Schädel gefunden wurde, fragt sich Kommissar Robert Anders. Versteckt in Dahlströms Dunkelkammer finden sich eindeutige Fotos, die Fanny mit einem Unbekannten zeigen. Anders und sein Team ermitteln fieberhaft, aber sie kommen zu spät, um Fanny zu retten: Mit Würgemalen am Hals liegt sie in einem Loch im Heidewald.

Wenige Tage vor Weihnachten sieht Anders nach diesem Fund zwei Tage Gelegenheit, um mit seinem Freund Leif auszuspannen. Da fällt ihm etwas Merkwürdiges an Leifs Inneneinrichtung auf …

_Die Autorin_

Mari Jungstedt, geboren 1962 in Stockholm, arbeitet als Radio- und TV-Journalistin und steht zurzeit (08/2008) für das schwedische Fernsehen als Nachrichtensprecherin vor der Kamera. Nach „Den du nicht siehst“ folgt mit „Näher als du denkst“ ihr zweiter Krimi um Kommissar Robert Anders. HINWEIS des Verlages: Im Original heißt der Kommissar nicht Robert Anders, sondern Anders Knutas. Aber im Hörbuch wurde der Name dem in der ZDF-Verfilmung (s. u.) angeglichen. „Alle weiteren Handlungen und Namen entsprechen der Buchausgabe.“

Mari Jungstedt auf |Buchwurm.info|:

[„Den du nicht siehst“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1344 (Buchausgabe)
[„Näher als du denkst“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1312 (Buchausgabe)

_Sprecher & Produktion_

Walter Sittler, 1852 in Chicago geboren, arbeitet in Mannheim und Stuttgart am Theater. Dem TV-Publikum ist er durch seine zahlreichen Serienrollen, u. a. in „Girl Friends“ und „Nikola“ bekannt. Sittler spielt den Kommissar Robert Anders in der ZDF-Verfilmung der Mari-Jungstedt-Krimis.

Regie führte Margit Osterwold, die Aufnahme fand im Mai 2008 im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg, statt.

_Handlung_

|Henry Dahlström|

Am Sonntag, den 11. November hat Henry Dahlström wahrlich Grund zum Feiern und Ausgelassensein: Er hat gerade auf der Trabrennbahn sozusagen den Jackpot gewonnen – 80.000 schwedische Kronen! Für einen Alkoholiker, der seit Jahren von der Sozialfürsorge lebt, ist das ein gewaltiger Batzen Geld.

Nur seinen besten Freund Bengt weiht er ins das Versteck des Geldes ein: einen Staubsaugerbeutel in der Besenkammer. Doch etwa eine Woche später findet Bengt seinen Freund mit eingeschlagenem Schädel tot auf dem Boden seiner Dunkelkammer liegen. „Blitz“, so nannte er ihn immer, denn Henry war früher mal ein Fotoreporter für die Presse auf Gotland gewesen, lang ist’s her. Der Hausmeister, der ihm geöffnet hat, wundert sich, dass Bengt selbst wie ein geölter Blitz davonläuft.

Am Sonntag, den 18.11., reißt sich Kommissar Robert Anders, Kripo Gotland, von seiner Familie los und begibt sich zusammen mit seiner Assistentin, der 37-jährigen, ledigen Karin Jakobsson, zum Tatort. Der Gestank ist unbeschreiblich, denn Dahlströms Leiche ist trotz der herrschenden Kälte bereits in Verwesung übergegangen. Seltsam, dass niemand diesen Alkoholiker vermisst hat. Außer diesem Bengt Jonsson natürlich, der spurlos untergetaucht ist. Anders macht sein Ermittlungsteam mit dem Fall bekannt, der Staatsanwalt Smittenberg ist auch zugegen. Was sie suchen, sind die Kamera, die Tatwaffe – wohl ein Hammer – und natürlich Jonsson, den Entdecker der Leiche. Anders erinnert sich gut an Dahlström; aber es ging rapide abwärts mit ihm, als er sich erst selbständig machte und dann seine Frau die Scheidung einreichte.

|Johan Berg|

Emma Linarwe denkt oft an den Sommer mit Johan Berg zurück. Damals fühlte sie sich zum ersten Mal richtig lebendig und verbrachte eine wunderbare Zeit, die ihr half, die schreckliche Mordserie durchzustehen, die Gotland in Angst und Schrecken versetzte (in „Den du nicht siehst“). Doch vor die Wahl gestellt, bei ihrem Mann Olle und ihren beiden Kleinen zu bleiben oder mit Johan fortzugehen, entschied sie sich für ihre Familie. Nun ruft Johan wieder an. Er kommt nach Visby, um über den Mord an dem Ex-Fotografen Dahlström zu berichten, über den die Zeitungen schreiben. Schon als sie seinen Brief liest, ahnt sie, dass dies ein Fehler ist. Als er anruft, sagt sie ja zu einem Treffen.

Johan Berg, ein Fernsehjournalist in Stockholm, kennt Robert Anders noch vom Sommer und hat ein gutes Verhältnis zu ihm. Deshalb wimmelt ihn Anders auch nicht ab, sondern gibt ihm die rudimentären Fakten, die demnächst in der Pressekonferenz verlautbart werden sollen. Das ist dem ehrgeizigen Berg zu wenig. Er hört sich bei den Nachbarn Dahlströms um und stößt am 22.11. bei Niklas Appelkvist auf eine Goldgrube. Der junge Student will partout nicht mit den Bullen sprechen und lässt sich von Berg zudem Quellenschutz zusichern. Dann verklickert er dem verblüfften Berg, dass er den versoffenen Dahlström im Sommer um fünf Uhr morgens – man stelle sich vor! – unten am Hafen mit einem fein gekleideten Mann sprechen gesehen habe. Die beiden wollten nicht gesehen werden. Diskret informiert Berg Kommissar Anders.

Kaum gehen Berg und sein Kameramann vors das Mietshaus, in dem Dahlström wohnte, hören sie aufgeregtes Rufen. Überall Polizeiautos und blinkende Alarmlichter. Vor einem abgesperrten Areal steht Robert Anders und Berg eilt zu ihm. Die Kamera filmt unbemerkt, als ein Polizist aufgeregt einen Gegenstand hochhält. Verdammt, ein blutbefleckter Hammer. Sie haben die Tatwaffe gefunden! Damit, weiß Berg, kommen sie in die Abendnachrichten. Der Coup des Tages. Schon zuvor hat er per Zufall herausgefunden, dass Dahlström in Schwarzarbeit überall auf der Insel Schreinerarbeiten erledigte und natürlich entsprechend verdiente. Anders war dankbar für diese Information, aber Berg hofft auf mehr. Sein Riecher sagt ihm, dass es hier noch sehr viel mehr aufzudecken gibt. Allein schon die Liste derjenigen Großkopfeten, die Dahlström „beschäftigten“, reicht für einen hübschen Inselskandal.

|Fanny Jansson|

Fanny ist die 14-jährige, körperlich frühreife Tochter eines Jamaikaners, der ihre Mutter sitzenließ und wieder nach Stockholm ging. Fannys Mutter Maivor Jansson arbeitet den ganzen Tag und trinkt zu viel, so dass sie Fanny vernachlässigt. Ihre dunkle Hautfarbe passt Fanny ebenso wenig wie ihre wachsende Brust, so dass sie sich absondert. Nur die Pferde des Stalls der Trabrennbahn sind ihre Freunde, und ein oder zwei der Stallknechte dort.

Auf dem Rücken der Pferde ist Fanny glücklich. Aber nicht mit ihrem neuen Freund, der sie heimlich trifft. Der Mann ist 30 Jahre älter als sie, aber er verwöhnt sie mit Geschenken. Aber am 20. November ist er zu weit gegangen, hat sie betrunken gemacht und ihr die Kleider heruntergerissen, um sie überall zu streicheln. Schweigend hat er sie heimgefahren. Zwei Tage später will er Versöhnung. Am Sonntag könne sie wieder reiten. Sie verrät, dass ihre Mutter nach Stockholm reist und sie allein sein wird. Als er kommt, dauert es nicht lange, bis er nicht mehr an sich halten kann. Sie ahnt, dass sie sich von ihm trennen muss. Aber ob er das zulassen wird, kann sie nur hoffen.

|Die Kripo|

In Dahlströms Dunkelkammer findet die Spurensicherung ein verstecktes Päckchen mit brisanten Fotos. Sie zeigen ein Mädchen mit einem Mann in eindeutiger Situation. Inzwischen ahnt Anders, dass Dahlström eine Erpressung am Laufen hatte. Wie sonst wäre er sonst zu den zweimal 25.000 Kronen gekommen, die er selbst am 20. Juli und im Oktober bei seiner Bank einzahlte? Und der Erpresste hatte wohl die Nase voll, als Henry seinen großen Wettgewinn einstrich.

Als Maivor Jansson das Verschwinden ihrer Tochter Fanny meldet und Anders sich mit diesem Fall beschäftigt, macht ihm das Foto Fannys die Verbindung klar: Sie ist das Mädchen auf Dahlströms Fotos. Aber wer ist der Mann? Als man Fannys Leiche findet, ist Anders klar, dass diese Fotos den Mörder von sowohl Dahlström wie auch Fanny zeigen könnten.

Anders‘ Unwissenheit bringt nicht nur ihn, sondern auch Karin Jakobsson in Lebensgefahr.

_Mein Eindruck_

Pädophilie ist sicherlich weder ein einfaches Thema noch eines, das man ohne weiteres in einem Kriminalroman verarbeiten und darstellen könnte. Die heikle Darstellung betrifft zwei verschiedene Welten: die des oder der Opfer und die des oder der Täter. Der Autorin ist es gelungen, das Opfer Fanny Jannson sehr feinfühlig und glaubhaft zu schildern, so dass uns Fannys Ende wirklich berühren kann. Mit der Welt des Täters verhält es sich völlig anders: Er ist praktisch unsichtbar.

Seine Unsichtbarkeit ist nicht etwa physischer Art; man kann seinen Körper, wie die Fotos belegen, sehr wohl optisch einfangen. Nein, die Unsichtbarkeit ist psychologischer Art, und sie beruht auf der Blindheit seiner menschlichen Umgebung seiner Besonderheit gegenüber. Er ist wie sie: ein ganz normaler Bürger und liebenswerter, geliebter Ehemann und Familienvater, schon seit Jahrzehnten mit allen vertraut und stets durch sein großzügiges Entgegenkommen hochangesehen und wohlwollend beurteilt. Wie der „entwendete Brief“ in Edgar Allan Poes berühmter Detektiverzählung befindet er sich direkt vor aller Augen, und doch können sie ihn nicht als das erkennen, was er ist: ein Kinderschänder.

Deshalb tappen die ansonsten so fähigen Kriminaler Anders und Jakobsson blindlings in seine Falle. Seine Erkundigungen nach dem Stand ihrer Ermittlungen werden lächelnd akzeptiert, aber da natürlich alle Einzelheiten unter das Dienstgeheimnis fallen, mit Entschuldigungen zurückgehalten. Bis aus einer harmlosen Situation eine Krise entsteht. Bis aus dem freundlichen Mann unversehens ein Ungeheuer geworden ist. Und es dauert noch länger, bis sie erkennen müssen, dass das Ungeheuer nicht davor zurückschreckt, sie umzubringen. Es ist der ultimative Terror, aus dem Herzen der Gesellschaft heraus.

Aus meiner Darstellung geht die Notwendigkeit für den Auftritt Johan Bergs nicht hervor. Er ist in den Fall involviert, findet wichtige Fakten heraus, doch mit dem Ausgang hat er nichts zu tun. Nein, für die Autorin ist zwar der Berufskollege Berg der Beachtung wert, doch ihre eigentliche Aussage bezieht sich auf seine Geliebte, Emma Linarwe. Diese steht durch die aufgeflogene Affäre vor einer prekären, lebensentscheidenden Wahl. Geht sie mit Johan, um ihre Liebe zu leben, muss sie ihre Familie, ihre geliebten Kinder verlassen. Nicht nur das: Sie weiß nicht, ob Johan sich um sie ebenso kümmern würde, wie seine Liebe es verspricht, oder um ihr ungeborenes Kind.

|Der Sprecher|

Walter Sittler ist zwar kein Stimmgenie wie Rufus Beck, und die Stimmen seiner männlichen und weiblichen Figuren ähneln sich stark. Aber er kann dafür eindrucksvoll angemessene Emotionen darstellen. Ausgerechnet am Geburtstag seiner Frau Line bekommt Robert Anders Streit mit ihr – sie regt sich über die vermeintliche Botschaft seines lieb gemeinten Geschenkes auf. Sittler lässt sie gehörig laut werden.

Auch als Olle Linarwe von der Untreue seiner Frau Emma, die wieder mit Johan Berg angefangen hat, erfährt, hängt der Haussegen schief: Olle wird wütend und laut. So richtig bedrohlich ist jedoch nur Fannys älterer Freund, der nicht nur aggressiv redet, sondern sie zudem mit bösem Unterton erpresst, ihm zu Willen zu sein. Das verschüchterte Mädchen sieht keinen Ausweg, als ihm zu gehorchen. Nur er bestimme, wann mit ihnen beiden Schluss sei.

Es gibt allerdings viele Szenen, in denen die Figuren zärtliche Worte auf sanfte und leise Weise austauschen, oder sich mühsam zu verständigen suchen. So spricht Olle beispielsweise stockend und zögerlich mit seiner Frau, um Emma zurückzugewinnen. Doch als sie ihm kurz vor Weihnachten gesteht, von Johan schwanger zu sein, wird es für die beiden noch schwieriger.

Alle diese verschiedenen Tonlagen sind in den normalen Gesprächston von Polizisten und Journalisten eingebettet. Häufig referiert Anders, wie es sein Job verlangt. Das sind die langweiligsten, weil normalsten Szenen. Und Sittlers Anliegen ist zu loben, von solchen Inseln des Durchschnitts schnellstens wieder auf Emotion umzuschalten. Daher wurde mir das Hörbuch nur höchst selten langweilig, sondern es steigerte sich im Gegenteil in der Anspannung und Beklemmung. Dies ist sicherlich keine Unterhaltung für zwischendurch.

Schade jedoch, dass es weder Geräusche noch Musik gibt, die den Hintergrund noch emotionaler gestaltet hätten.

_Unterm Strich_

Drei Handlungsstränge verknüpft Mari Jungstedt auf kunstvolle Weise und lässt sie sich in Anspannung und Konfliktbeladenheit jeweils zur Krise steigern. Ich hatte eigentlich einen richtigen Showdown erwartet, doch den verweigert die Klischees vermeidende Autorin ganz bewusst.

Das Finale lässt dennoch nichts an Brisanz zu wünschen. Keiner wünscht dem aufrechten und tapferen Kommissar Anders einen frühzeitigen und gewaltsamen Tod, auch nicht seiner tüchtigen Assistentin, die so viel Gespür für die Welt der Frauen und Mädchen bewiesen hat. Wir können beiden nur die Daumen drücken. Und die Verfilmung würde ich mir zu gerne anschauen.

|Das Hörbuch|

Walter Sittler erweist sich als sehr kompetenter und schier schlafwandlerisch sicherer Schauspieler, der sein Stimm-Metier vollkommen beherrscht. Er verleiht selbst heikelsten Szenen zwischen Fanny und ihrem Freund eine unterschwellige Spannung und Emotionalität, die weit entfernt ist von jedem Voyeurismus (bzw. Ecoutismus, wie man beim Zuhören sagen muss). Sein Täter ist ein wahres Ungeheuer: aggressiv, verschlagen, böse, skrupellos. Ist dies wirkliche der gleiche Mensch wie jener freundliche Familienvater? Unfassbar. Durch genau diesen Kniff tappen wir als Hörer in die gleiche Falle wie Kommissar Anders.

|Originaltitel: I denna stilla natt, 2005
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gabriele Haefs
373 Minuten auf 5 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-485-1|
http://www.hoerbuch-hamburg.de