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Paul Hoffman – Die letzten Gerechten

Die Trilogie:

Band 1: [„Die linke Hand Gottes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6336
Band 2: „Die letzten Gerechten“
Band 3: „Die Stunde des Erlösers

Triumphe des Bösen: Erlöser auf dem Vormarsch

Cale ist die linke Hand Gottes, der Engel des Todes. Er ist dazu bestimmt, jeden zu vernichten, der nicht des wahren Glaubens ist. Die Erlösermönche, allen voran sein ehemaliger Mentor Bosco, glauben der Prophezeiung, die besagt, dass Cale Gottes Gesandter ist. Erst wenn er seinen Auftrag vollbracht hat, wird Gott eine neue Welt erschaffen können mit den letzten gerechten Menschen dieser Welt. Aber Cale will nur ungern von seinen ehemaligen Unterdrückern für ihre Zwecke benutzt werden und lässt die Mönche erst einmal in dem Glauben, dass er für sie arbeitet. In Wirklichkeit hat er längst einen ganz anderen Plan … (Verlagsinfo)

Der Autor

Paul Hoffman hat nach seinem Anglistik-Studium in über zwanzig verschiedenen Berufen gearbeitet, unter anderem als Buchmacher, Kurierfahrer, Lehrer und als Gutachter für den Britisch Board of Film. Teile seines ersten Romans „The Wisdom of Crocodiles“ wurden mit Jude Law verfilmt. Als Drehbuchautor hat er neben vielen anderen mit Francis Ford Coppola gearbeitet. „Die linke Hand Gottes“ ist sein erster Roman bei Goldmann und der erste Teil seiner Trilogie, „Die letzten Gerechten“ der zweite Band. (Verlagsinfo)

Der Übersetzer

Dr. Karlheinz Dürr wurde 1947 in Lörrach/Baden geboren. Er ist Leiter des Fachreferats „Europa“ bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Nebenberuflich ist er in der politischen Erwachsenenbildung tätig. Als Deutschland-Koordinator des Europarats für Demokratie-Lernen ist er häufig in anderen europäischen Ländern unterwegs. Darüber hinaus hat er bislang über 60 Bücher aus dem Englischen bzw. Amerikanischen übersetzt und schreibt Kurzgeschichten für Kinder und Jugendliche. Er hat 3 Töchter und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Tübingen. (Verlagsinfo)

Handlung

Nach dem Fall von Memphis, der Hauptstadt des Weltreiches der Materazzi, befindet sich Thomas Cale, der abtrünnige Mönch des Erlöserordens, fest in den Händen Boscos, der Nr. 3 dieses Ordens. Der Kämmerer und Stratege, Toms Lehrmeister, ist die Nummer 3, will es aber nicht lange bleiben, sondern selber Papst werden. Und selbstverständlich soll ihm der brillante Verstand seines Zöglings auf den Stuhl Petri verhelfen.

In einem langen Monolog auf einer einsamen Bergspitze macht Bosco Thomas klar, dass er ihm mit Haut und Haar gehört, nirgendwohin entwischen kann. Das sieht Tom ein, schmiedet aber wie stets einen eigenen Alternativplan. Als Erstes soll seine Aufgabe sein, eine Elitetruppe auszubilden. Durch ein blödsinniges Missverständnis kommt es zur vollständigen Exekution dieser Elitetruppe. Dumm gelaufen.

Stattdessen schlägt Tom vor, die Verdammten zu rekrutieren, die in den Kerkern der Ordensburg ihrer Hinrichtung entgegensehen. Insbesondere will er den „Naturphilosophen“ und Erfinder Gerald Hooke für seine militärischen Zwecke haben. Durch eine listige Vertauschung gelingt dies sogar.

Als Erstes soll Tom in einem Feldzug gegen die antagonistischen Folk-Rebellen im südlichen Grenzgebiet neue Taktiken entwickeln, mit denen später der Rest der Welt unterworfen – und vernichtet! – werden kann. Denn der letztendliche Zweck des Glaubens an den Gehenkten Erlöser besteht darin, nicht nur alle Andersgläubigen auszurotten, sondern auch die Erlöser selbst dem Tod und somit der Erlösung zuzuführen. Ein wahres Himmelsfahrtskommando.

Durch Hookes Erfindungen, neuartigen Drill und vor allem durch seinen persönlichen Einsatz gelingt es Tom und seinen „Purgatoren“ (Reinigern), den Folk-Rebellen eine schwere Niederlage zuzufügen. Sie können fortan ihr Stammesgebiet nicht verlassen und bekommen kaum Nachschub, folglich bringen ihnen die folgenden Wintermonate eine schwere Hungersnot. Dieses Problem wäre erledigt.

Aber das nächst folgt sogleich. Die Antagonisten haben auf den Golanhöhen, die nur 150 Meilen von Chartres, der Heiligen Hauptstadt des Papstes, entfernt liegen, ein Söldnerheer der Lakonier aufgestellt. Die Lakonier sind die Spartiaten dieser Welt: Sie leben, um Krieg zu führen. Und sie sind allesamt homosexuell. Der greisenhafte Papst bestimmt den militärischen oberkommandierenden General Van Owen als Befehlshaber der Armee, die die Lakonier vernichten soll.

Obwohl die Lakonier nur 8000 Mann aufbieten und Van Owen fast doppelt so viele, verläuft die Schlacht auf dem Hochmoor ganz anders als erwartet. Tom hat inzwischen seinen Freund Vague Henri wieder bei sich und schaut sich die Sache mit seinen Purgatoren an. Er hat bereits vorausgesagt, wie die Schlacht ausgehen wird. Doch selbst er ist überrascht, wie schlimm es dann kommt. Bosco betraut ihn anschließend mit der Aufgabe, es den Lakoniern heimzuzahlen. Leichter gesagt als getan.

Aber das Hochmoor an den Golanhöhen ist andererseits nur wenige hundert Meilen von Grenze der neutralen Schweiz entfernt – und von einer Frau, die Tom einst sehr viel bedeutet hat …

Unterdessen

Nach der verheerenden Schlacht von Silbury Hill und dem anschließenden Fall von Memphis an die Erlöser sind von den reichen und mächtigen Familien der Materazzi-Ritter nur noch rund 4000 Menschen übrig. Sie finden in Spanish Leeds Zuflucht, einer Stadt an der Grenze der Schweiz, wo auch Kitty der Hase, der Untergrundkönig von Memphis, sein Domizil hat. König Zog gewährt allen Asyl, doch Bose Ikard, sein Kanzler, will die Schmarotzer loswerden.

Unter den Flüchtlingen ist nach dem Tod ihres Vaters nunmehr Arbell Schwanenhals die Königin. Arbell ist hochschwanger, und das Kind scheint von ihrem Gemahl Conn zu sein, ihrem Cousin, der Tom sein Leben verdankt – ebenso wie Arbell übrigens. Tom hat noch eine Rechnung mit Arbell offen, denn nach dem Fall von Memphis verriet sie ihn, als sie mit Bosco sprach. Und seitdem sinnt er auf Rache.

Doch als dann Tom wirklich eintrifft, entwickeln sich die Dinge ganz anders als erwartet. Denn es ist nicht Conns Kind, das Arbell unter dem Herzen trägt …

Mein Eindruck

Dies ist Band 2 der „Cale“-Trilogie. Nach einem sehr schleppenden Anfang, der kaum durch schnelle Dialoge aufgelockert wird, kommt die Geschichte ab etwa Seite 70 allmählich in Fahrt. Da auch das Geschehen des ersten Bandes komplett rekapituliert wird, können Neueinsteiger etwas mit diesem Band anfangen. Ich halte es jedoch ratsam, den ersten Band der Trilogie gelesen zu haben. Nicht nur wegen des außerordentlichen Vergnügens, sondern vor allem, weil der Leser nur so die Gefühle nachvollziehen kann, die Tom für Arbell und Bosco hegt.

Engel des Todes

Der Anfang konzentriert sich deshalb so stark auf die Beziehung zwischen Tom und Bosco, weil nur so zu verstehen ist, wieso Tom nicht gleich wieder abhaut. Tom hat einen festen Platz in Boscos Plänen: als übermenschlichen Wesen, den Engel des Todes. Mit dieser Macht ausgestattet, könnte Tom wesentlich mehr ausrichten, als nur sich wie eine Maus zu verkriechen. Tatsächlich kann Tom praktisch fordern, was er will, und Bosco wird es ihm geben. Sogar Ketzer wie Gerald Hooke und andere Purgatoren. Durch Bosco hat Tom Zugriff auf geheime Vorgänge im Erlöserorden und Zugang zur höchsten Führungsebene. Das will er sich zunutze machen.

Action

Vorerst aber kann sich der abenteuerlustige Leser auf Toms drei Schlachten freuen: einmal gegen die Folk und zweimal gegen die Lakonier. Hier kommt der Actionfan auf seine Kosten. Immer wieder fiel mir bei der Beschreibung der Geografie auf, wie die Ortsbezeichnungen aus unserer Welt wild durcheinandergewürfelt werden, so als handle es sich hier um eine alternative Version unserer Geschichte. Die Golanhöhen liegen nicht im Libanon und Memphis nicht am Nil oder Mississippi. Auch das südafrikanische Veldt, eine Buschsavanne, ist nicht weit von der schottischen Hochmoorlandschaft der Golanhöhen entfernt.

Vorbilder

Andersherum jedoch gilt auch die Übertragung von anderen Namen auf bekannte Völkerschaften und Gruppen. Die Lakonier etwa sind eindeutig Lakedaimonier bzw. Spartiaten, also Elitekrieger, besitzen aber wie die Spartiaten als Sklaven die Heloten, genau wie im Vorbild. Lustigerweise tragen sie schottische Namen wie Jeremy Stuart-Clarke. Und aus dem Adjektiv „lakonisch“ lassen sich feine Wortspiele spinnen.

Die Schlacht gegen die Folk auf dem Veldt sind eindeutig dem Burenkrieg entnommen. Die Danksagung des Autors bezeichnet exakt die Quellen und Vorbilder für die Szene am Duffer’s Drift, einem U-förmigen Flusstal, und für das Konzentrationslager, das Cale für die Folk einrichten lässt. Die Hungersnot der Folk ist jener der Iren Mitte des 19. Jahrhunderts (und frühere) entnommen.

Nacht der Langen Messer

Das dritte Viertel des Buches schildert nicht nur Cales Sieg über die Lakonier, sondern auch den anschließenden Umsturz Boscos in Chartres: Es ist eine Nacht der Langen Messer, der Boscos politische Feinde, wie auch unwillkommene Freunde zum Opfer fallen. Mit dem für Hoffman typischen Sarkasmus werden selbst geringste Morde geschildert. Doch dann gibt es für Bosco und seine Mörderbande ein böses Erwachen: Der Papst – man wagt es kaum auszusprechen – war eine Frau! Und führte die Kirche 20 Jahre lang, ohne dass es jemand merkte! Dementsprechend drastisch fallen Papst Boscos Edikte gegen die Frauen – und ehelichen Sex generell – aus.

Parallelwelt

Es ist klar, dass der Erlöserorden dieser Parallelwelt der römisch-katholischen Kirche zu ihren finstersten mittelalterlichen Zeiten entspricht. Wer „Der Name der Rose“ gelesen hat, wird hier viele parallele Entwicklungen und Elemente finden, so etwa die Abwesenheit von Frauen, die von den jungen Mönchen als wahre Wundertiere betrachten werden – und als Eingang zur Hölle. Auch Bücher sind nur für privilegierte Eingeweihte zugänglich, etwa für Tom Cale.

Unter Räubern

Was Frauen anbelangt, so bilden die Abenteuer von Toms Freund Kleist mit Daisy, einer geretteten Räubergeisel, einen heiteren Kontrapunkt zu den meist grimmigen Abenteuern Toms. Kleist lernt mit Daisy buchstäblich die Frauen und die Liebe kennen. Als sie ihm sagt, sie sei von ihm schwanger, muss sie ihm erst einmal erklären, wo die kleinen Kinder herkommen und gemacht werden. Er hat wirklich absolut keine Ahnung, woher auch?

Mit der listigen Daisy fällt Kleist, der Bogenschütze, wirklich unter die Räuber. Sie ist die Tochter von Suveri, einer Art Räuberhauptmann, der mit seinem diebischen Volk in den Bergen lebt, die nicht weit von Memphis entfernt sind. Die Klephten, wie sie sich nennen, berauben gewohnheitsmäßig die Molosser, welche aber wiederum den Erlösern, die jetzt in Memphis herrschen, tributpflichtig sind.

Als durch Kleists Kriegskunst die Klephten den Molossern derart zusetzen, dass sie keinen Tribut mehr entrichten können, schicken die Erlöser 500 Kriegermönche, um die Klephten zu bestrafen, will heißen: auszurotten. Es kommt zu dramatischen Szenen im Gebirge: Soll die Klephten abwarten und Tee trinken, wie sie das schon immer gemacht haben – oder sollen sie fliehen, wie Kleist, der Fremdling, es dringend anrät? Sie reagieren fast schon zu spät. Der Ausgang der folgenden Schlacht ist alle andere als erfreulich …

Die Übersetzung

Die Übersetzung durch Karlheinz Dürr ist von außergewöhnlich hoher Qualität. Der Text liest sich sehr flüssig und das Deutsch klingt natürlich und modern. Wieder sieht sich der junge Leser hin und wieder mit etwas ausgefallenen Ausdrücken konfrontiert, so etwa „Brayette“, einem Teil einer Ritterrüstung. Aber viel mehr gibt es diesbezüglich nicht.

Sehr gut hingegen fiel mir die etwas derbe Sprache. Da ist vielfach von, ähem, Hinterteilen die Rede und zwar in eindeutig sexuellem Kontext. Der Stil ist der heutigen Umgangssprache schon ziemlich angenähert, sodass jugendliche Leser keine Probleme damit haben dürften.

Druckfehler gibt es zum Glück nur zwei oder drei, die so geringfügig sind, dass ich sie nicht einzeln aufzuzählen brauche.

Unterm Strich

Dem schleppenden Anfang des Buches hätte ich nur drei Sterne gegeben, aber ab Seite 70 weiß sich der Autor rasch zu steigern, bis er mit drei Schlachten meinen Actionhunger zu stillen wusste. Ab Seite 130 las ich das Buch in einem Rutsch. Was nicht weiter schwerfiel, denn es passiert ständig etwas, das Spannung, Abwechslung und Unterhaltung liefert. Action, Sex, schwarzer Humor und viele neue Elemente heben diesen zweiten Band auf das Niveau des ersten Bandes.

Für seine Welt brauchte der Autor nur bei den Katholiken im finstersten Mittelalter nachzuschlagen, denn dort gab es ja auch Orden, Ketzer, Mönche, Kasteiung und vieles mehr – zumindest bis zu Reformation im 16. Jahrhundert. Der Erlöserorden ist ein ganz besonders strenger, der nur an die Vergänglichkeit des Fleisches und die Verdammtheit aller Menschen glaubt.

Die letzten vier Dinge des Originaltitels sind: Tod, Gericht, Himmel und höllische Leiden. Somit wird das Leben hienieden als nichtswürdig erachtet und nur das Jenseits ist etwas wert. Kein Wunder also, dass Bosco die Endzeit gekommen sieht – und tatkräftig an ihren Auswirkungen arbeitet. Deshalb ist Tom, sein Agent, der „Engel des Todes“, etwas Übermenschliches, das die Gläubigen um Heilung, Fürbitte und Erlösung anflehen.

Das Dumme für Tom: Er glaubt nicht an diesen Mumpitz. Dieses Dilemma macht seine Figur so interessant. Vielleicht kann er also diesem finsteren Spuk in Band 3 ein Ende bereiten. Doch Boscos Auftragsmörder sind bereits auf seiner Fährte …

Broschiert: 480 Seiten
ISBN-13: 978-3442312566
Originaltitel: The Last Four Things

http://www.penguinrandomhouse.de/

Paul Hoffman – Die linke Hand Gottes (Thomas Cale Trilogie 1)

_Die Trilogie_:

1) _“Die linke Hand Gottes„_ (2010)
2) „Die letzten Gerechten“ (2011)
3) Die Stunde des Erlösers

Actionreich, romantisch und spannend: Kriegermönche und die Liebe

Das heilige Kloster des Erlöserordens ist ein trostloser Ort, an dem Hoffnung und Freude unbekannt sind. Wer hierhergebracht wird, für den hat das Leben ein Ende. Die jungen Novizen, die diesen höllischen Ort betreten, müssen das schreckenerregende Regime der Mönche ertragen. Gewalt und Grausamkeit stehen an erster Stelle.

Thomas Cale ist einer dieser unglückseligen Klosterschüler. Er ist vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, da ist er sich nicht sicher. Niemand kann es ihm genau sagen. Schon lange hat er seinen richtigen Namen vergessen. Jetzt nennen sie ihn Cale. Er kann sich an sein früheres Leben nicht wirklich erinnern, und er weiß nicht, was ihn noch alles erwarten wird, aber eines weiß er: Niemals werden sie ihn unterkriegen. Seine Zeit wird kommen, und dann wird er sich rächen … (Verlagsinfo)

Der Autor

Paul Hoffman hat nach seinem Anglistik-Studium in über zwanzig verschiedenen Berufen gearbeitet, unter anderem als Buchmacher, Kurierfahrer, Lehrer und als Gutachter für den Britisch Board of Film. Teile seines ersten Romans „The Wisdom of Crocodiles“ wurden mit Jude Law verfilmt. Als Drehbuchautor hat er neben vielen anderen mit Francis Ford Coppola gearbeitet. „Die linke Hand Gottes“ ist sein erster Roman bei Goldmann und der erste Teil seiner Trilogie. (Verlagsinfo)

Handlung

Das Kloster der Mönche des Erlöserordens liegt in einer Einöde irgendwo in Europa. Der orden führt seit Jahrhunderten Krieg gegen die Ketzer der „Antagonisten“ und bildet alle seine Zöglinge zu Kriegern aus, die man später an der Front einsetzen kann. Auch Thomas Cale ist so ein Krieger Cale, doch er zeichnet sich besonders aus: Er wird vom Kriegsmeister Bosco persönlich ausgebildet. Damit er sich auf seine Kenntnisse in Strategie, Geographie und Waffenkunde nichts einbildet, bestraft ihn Bosco regelmäßig schmerzhaft. Cale lernt, niemandem zu vertrauen und sein Herz zu verschließen.

Somit ergeht es Thomas keinen Deut besser als 500 anderen Zöglingen in der Schlafhalle der Ordensburg. Und auch seine zwei Kumpels Kleist, der Rattenjäger, und Vague Henri, der ewig Unentschiedene, erfreuen sich keiner Privilegien; auch sie müssen den Fraß namens „Eingeschlafene Füße“ täglich hinunterwürgen. Deshalb planen sie ihre Flucht schon lange. Heute ist ein besonderer Tag: Kleist hat einen alten Schlüssel zu einer verborgenen Tür entdeckt – eine Sensation, denn die Mönche verabscheuen Türen.

Der Gang hinter der verborgenen Tür ist elend lang, endet unter einer Luke, führt zu einer zweiten Luke und dieser Gang wiederum führt zu einer Balustrade. Und hier stoßen die drei Kumpane unvermittelt auf das Paradies: Frauen! Noch dazu nackte Frauen! Diese sündigen Gefäße des Teufels, wie die Doktrin lautet, planschen in einem Becken, bekommen gut zu essen und lachen – lachen! – in einem fort. Unglaublich! Die drei Freunde schleichen sich heimlich von dannen und landen in einer Küche, die vor Köstlichkeiten überquillt. Noch mehr Paradiesgaben! Auch die Flucht mit gefüllten Taschen gelingt rechtzeitig zum Abendgebet.

Nachdem sie sich an den ungewohnten Speisen den Magen verdorben haben, verbringen sie eine schlaflose Nacht. Thomas beschließt, die Flucht zu wagen. Doch zuvor braucht er Vorräte und Werkzeug. Als er in die Kammer des Zuchtmeisters späht, entdeckt er einen grausigen Vorgang. Der Zuchtmeister seziert einen Körper – und es ist der eines der beiden Mädchen, die sie gestern entdeckten! Sie lebt noch, wie er an der zitternden Hand feststellen kann. Neben ihr wimmert ein zweites, geknebeltes Mädchen – das nächste Opfer. Von Grauen und Zorn gepackt tötet Thomas den Zuchtmeister mit einem Stich in die Oberschenkelarterie; der Mann ist nur verwundert, während er verblutet: Wie konnte ein Zögling ihm so etwas antun?

Thomas versteckt das zweite Mädchen bei seinen Freunden im Tunnel und flieht über die Burgmauer in die Einöde der Scablands. Schon wenige Stunden später wird das Verschwinden der drei Akuluthen ebenso entdeckt wie die Leiche des sezierten Mädchens. Die Hunde erreichen Thomas um ein Haar noch rechtzeitig, doch er springt in einen See und rettet sich in einen Lehmtagebau. Der Lehm, so hat er herausgefunden, überdeckt seinen eigenen Geruch. Kaum ist die Jagd abgeblasen, holt er seine Freunde heraus. Zusammen mit dem Mädchen machen sie sich auf den Weg durch die Scablands, um nach Memphis zu gelangen.

Memphis

Memphis ist die stolze Hauptstadt des größten Reiches dieser Welt. Dort herrschen die adligen Materazzi über zahlreiche Vasallen und Provinzen. Gerade als die vier Freunde dem Kanzler, Lord Leopold Vipond, dieses Reiches das Leben retten wollen, verhaftet eine Patrouille die Flüchtlinge. Diese geben sich als Zigeuner aus. Klar, dass sie zunächst im Kerker des Geheimdienstes des Kanzlers landen. Dort trifft Thomas den Söldner Idris Pukke wieder, dem er das Leben geschenkt hat. Der Tunichtgut ist der Halbbruder des Kanzlers und soll in dessen Auftrag die vier seltsamen Neuankömmlinge ausspionieren.

Lord Vipond nimmt es mit Verwunderung auf, dass Thomas – nach vielen Verhören – ihm berichtet, dass die Erlösermönche zum Krieg rüsten. Doch sicherlich nur gegen die „Antagonisten“, oder“ Bosco würde sich doch niemals mit den gepanzerten, mächtigen Materazzi anlegen?

Thomas verschweigt ihm wohlweislich, dass er in Boscos Strategielehre einen Plan für genau diesen Angriff ausarbeiten musste. Er ahnt nicht, dass Bosco bereits den Abt mit einem Kissen erstickt hat und nun den Plan Schritt für Schritt umsetzt. Außerdem heuert er in Memphis zwei Meuchelmörder und setzt sie auf Thomas an …

Was soll man bloß mit diesen vier Fremdlingen, die keine Ahnung von Kultur haben, anfangen, fragt sich Lord Vipond. Kleist und Vague Henri steckt er in die Küche und Riba gibt er seiner Nichte Jane als Unterunterunterdienerin. Doch dieser Cale ist ein anderes Kaliber, wie ihm scheint. Er steckt ihn in die Kampfschule. Dort, so hofft er, werden ihm die adligen Jünglinge der Materazzi Manieren und Demut beibringen.

Kurz nachdem Cale einer jungen Frau, die er später als Arbell Schwanenhals, die Tochter des Marschalls, kennenlernt, das Leben gerettet hat, gerät er mit Conn Materazzi, dem stolzesten und besten der Jünglinge aneinander. Es kommt zu einem Duell mit weitreichenden Folgen für ganz Memphis …

Mein Eindruck

Für den Schauplatz dieses Geschehens liefert der Autor keine Landkarte. Die muss man sich schon im Kopf zusammenstellen. Und dafür findet man zahlreiche widersprüchliche Hinweise. Memphis liegt hier weder am Nil noch am Mississippi, sondern irgendwo in Nordwesteuropa am Meer. Es herrscht über ein Reich, das im Norden von kriegerischen Norwegern bewohnt wird, und offenbar irgendwo im heißen Süden endet, wo der Vulkan von Delphi Feuer speit.

Die Ritter

Allerdings hat Memphis eine gemeinsame Grenze mit dem Erlöserorden. Diese war bis jetzt unumstritten, doch jetzt zieht der neue Abt Bosco in eine merkwürdig neue Art von Krieg. Die Materazzi, die den italienischen und französischen Rittern des Spätmittelalters entsprechen, wissen mit solchen Vorstößen einfach nichts anzufangen. Seit fünfzig Jahren waren sie nicht mehr im Krieg, und davor haben ihre Panzerreiter jeden Gegner niedergewalzt.

Der Krieg der Mönche

Was aber soll man davon halten, wenn ein ganzes Dorf von mehr als tausend Menschen massakriert wird – von nur einem Mann?! Wofür, warum, wozu, fragt sich Lord Vipond zitternd, als er das Mordinstrument betrachtet, einen Handschuh mit eingenähter krummer Klinge. Und wozu wurde eine Militärakademie angegriffen, dann sogar eine befestigte Stadt? Es ergibt alles keinen militärischen Sinn – bis ihm der Urheber dieses Palns, Cale, die Augen dafür öffnet.

Und Cale ist es auch, denn Vipond binnen drei Tagen einen Gegenplan liefern muss, soll der Angriff der Erlösermönche nicht ungestraft bleiben. Diese Anfrage hat Cale stets vermeiden wollen, doch schließlich wurde sein Geheimnis doch offenbart, nicht zuletzt durch Kleist und Vague Henri. Er und seine Freunde haben den Sohn des regierenden Marschalls, den taubstummen Simon Materazzi, nicht nur in Kampftechnik unterrichtet, sondern ihm auch die Gebärdensprache beigebracht, sodass er sich nun fließend mit Hilfe eines Dolmetschers verständigen kann. Dafür haben sie sich in den Augen des Marschalls und seiner Tochter Arbell, hohes Verdienst erworben.

Unstandesgemäße Liebe

Thomas‘ Herz hat schon immer nach Arbell getrachtet, seit er sie auf einer Mauertreppe vor dem Sturz in den Abgrund bewahrte. Doch er hat es nicht leicht: Er als Mönch kennt die Frauen eigentlich gar nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Liebe der Materazzi-Frauen kompliziert ist. Der Codex verlangt von ihnen, schön zu sein, um Freier anzuziehen, diese dann aber möglich abweisend und hochmütig zu behandeln. Das ist die Minne der Ritter. Bevor sich also Arbell für ihn interessieren kann, muss sie sich erst grundlegend ändern. Dafür sorgt ihre neue Dienerin Riba.

Die mollige Riba aus der Ordensburg bildet zu den Materazzifrauen einen scharfen Kontrast. Riba ist keineswegs auf den Kopf gefallen, aber dazu erzogen worden, den Herren der Schöpfung alles recht zu machen. Folglich kann sie sich vor Verehrern kaum retten. Was ihr prompt den Rauswurf durch ihre erste Herrin, Jane Vipond, einbringt. Nun wirkt sie als Spionin der Marschallin in den Gemächern Arbells.

VORSICHT, SPOILER!

Arbells Geheimnis

Denn Arbell wird von der Außenwelt abgeschirmt. Welches Geheimnis verbergen Arbell und ihre drei Leibwächter Cale, Kleist und Vague Henri, will die Marschallin herausbekommen. Der Grund ist einfach: Boscos Mönche haben Arbell bereits einmal entführt. Beim zweiten Versuch werden sie sie töten, ist sich Cale sicher. Es dauert nicht lange, bis die Mönche zusammen mit Leuten aus der Unterwelt der Stadt mitten in den Palast eindringen …

Finale

Im ausgedehnten Finale des Romans gelangen der Krieg gegen die Erlöser und die Liebesbeziehung zu Arbell in ein kritisches Stadium. Obwohl Arbell ihren Beschützer Cale innig zu lieben gelernt hat, fürchtet sich doch ein kleiner Teil von ihr immer noch vor ihm. Gar zu kaltblütig war er beim Töten des Kampfmeisters Solomon in der Arena. Wird er nun auch in der Entscheidungsschlacht gegen die Erlöser ebenso kalt töten?

Azincourt reloaded

Der unerwartete Verlauf dieser Entscheidungsschlacht wird bis ins kleinste Detail erklärt, um die Bedeutung dieses Ereignisses klarzumachen. Die gepanzerten Materazzi-Ritter sind den erschöpften, kranken und kaum bewaffneten Mönchlein 5 zu 1 überlegen, noch dazu in jeder waffentechnischen Hinsicht. Die erste Phase der Schlacht folgt dem Muster der Schlacht von Azincourt aus dem Jahr 1415. Jeder, der schon mal Kenneth Branaghs Verfilmung von Shakrespeares Drama „Henry V“ gesehen hat, weiß, wie die Schlacht verlief: Ein englischer Pfeilregen machte den Pferden und Rittern der Franzosen den Garaus.

Gar so einfach kann es jedoch nicht gewesen sein. Gegen den Reiterangriff haben die Mönche Stöcke in die Erde getrieben, in die die Pferde wie in Spieße rennen. Schon bald stapeln sich die Ritter und pferde, die in ihren Panzern wie Einsiedlerkrebse gefangen sind. Sie ersticken jämmerlich, weil immer weitere ruhmessüchtige Materazzi nachrücken und auf die Gefallenen gepresst werden. Es ist das gleiche Phänomen wie bei der Duisburger Loveparade 2010. Kleine Mönchskommandos haben leichtes Spiel. Cale gelingt es, einen einzigen Ritter freizuzerren: nicht Simon, sondern Conn Materazzi, seinen Duellgegner.

Eine reife Frucht

Der Leser sollte für diese Schlacht schon ein wenig militärisches Verständnis, eine gewisse Aufgeschlossenheit mitbringen. Sie zu verstehen, macht einem der Autor leicht. Die Folgen der Schlacht sind verblüffend: mehr als 40.000 Ritter und Schwertkämpfer müssen gefallen sein, folglich ist die Hauptstadt praktisch unverteidigt, als Flotte und Heer der Mönche vor den Toren auftauchen. Die Beherrscherin der halben Welt fällt kampflos. Die Folgen für Thomas und Arbell sind drastisch. Mehr soll nicht verraten werden …

Die Übersetzung

Die Übersetzung durch Reinhard Tiffert ist von außergewöhnlich hoher Qualität. Der Text liest sich sehr flüssig und das Deutsch klingt natürlich. Allerdings sieht sich der junge Leser hin und wieder mit etwas ausgefallenen Ausdrücken konfrontiert, darunter „Koberer“ (Esswarenverkäufer), „Gimpel“ (leichtgläubiger Einfaltspinsel) und „Lollarde“ (Anhänger der Vorreformation).

Druckfehler gibt es zwar zum Glück keine, aber ein vergessenes Wort taucht auf Seite 422 NICHT auf: „… gewiss würde man früher oder [später] öffentlich Maßnahmen gegen ihn fordern.“ Dass hier etwas fehlt, hätte dem Korrektor, sofern vorhanden, auffallen müssen.

Unterm Strich

Ich habe diese knapp 500 Seiten in nur zwei Tagen gelesen, so unterhaltsam und flüssig ging die Lektüre vonstatten. Der Autor verbindet die sattsam bekannte Kultur asketischer Mönche, wie wir sie aus „Der Name der Rose“ kennen, mit dem Kriegshandwerk. Das führt unsere drei Mönchsrenegaten unweigerlich zum Militär in Memphis und zur Teilnahme an einer Entscheidungsschlacht gegen die Erlösermönche – mit überraschendem Ausgang. Diese Schlachtschilderung ist einer von vielen Actionhöhepunkten, die mir die Lektüre spannend werden ließen.

Sehr schön gefiel mir Thomas‘ Romanze mit Arbell Schwanenhals. Erst fürchtet sie diesen Killer, dann lehnt sie den Rüpel ab, schließlich verliebt sie sich sterblich in ihn. Doch ihrer beider Liebe wird am Schluss vom perfiden Abt Bosco auf eine schwere Probe gestellt. Kann Thomas sie jemals zurückgewinnen? Vielleicht nur, wenn er Memphis die Freiheit zurückgibt. Cale Kampf beginnt im nächsten Band von Neuem.

Hardcover: 480 Seiten
Originaltitel: The Left Hand of God
Aus dem Englischen von Reinhard Tiffert
ISBN-13: 9783442312320

http://www.penguinrandomhouse.de/

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Paul Hoffman – Die linke Hand Gottes

Thomas Cale ist Novize und lebt in der Ordensburg der „Erlösermönche“. Auch wenn sie Gott – dem „Erlöser“ – dienen, so ist die Botschaft, die sie überbringen, meistens nicht die des Friedens, denn sie sind eher Gesandte des Todes.

Das Leben für die vielen Jungen ist äußert unbarmherzig. Der Kriegerorden kennt so etwas wie Gnade und Erbarmen nicht. Ihre Ausbildung ist voller Enthaltsamkeit, dafür regiert die Gewalt hinter den Klostermauern. Schon von Kindesbeinen an wird ihr Willen systematisch gebrochen, um sie später als Kriegsmaschinen gegen die Antagonisten einzusetzen: Ketzer und Abtrünnige vom wahren und einzigen Glauben an den göttlichen „Erlöser“.

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