Veronica Roth – Gezeichnet (Der Rat der Neun 1)

Der Rat der Neun

Band 1: „Gezeichnet“

Akos und Eijeh Kereseth aus Thuvhe gehören zu den seltenen Menschen, die ein Schicksal haben, eine Zukunft, die unveränderlich ist. Akos weiß, dass ihn das zu jemand Besonderem macht, der unwillkürlich die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen auf sich zieht. Allerdings hat er nicht damit gerechnet, dass es ihn und seinen Bruder zu Entführungsopfern machen würde …

Auch die Geschwister Noavek vom Volk der Shotet haben ein Schicksal. Doch das Cyras scheint völlig bedeutungslos im Vergleich zu dem ihres Bruders Ryzek: an eine Familie der Feinde ihres Volkes zu fallen! Um das zu verhindern scheint ihr Vater zu allem bereit zu sein, ohne jede Einschränkung!

Veronica Roths neuer Zyklus ist eine Mischung aus Fantasy und Science-Fiction.

Das Setting besteht aus mehreren bewohnten Planeten eines Sonnensystems, die mehr oder weniger unabhängig sind. Zwar hat jeder Planet seine eigene Regierung, doch es gibt auch ein übergeordnetes Gremium, den Rat der Neun, in dem die wichtigsten Völker des Planeten vertreten sind. Zwischen den einzelnen Völkern bestehen sowohl Handelskontakte als auch Rivalitäten bis hin zu offener Feindschaft. So weit, so bekannt.

Allerdings sind die Planeten nicht nur Teil desselben Sonnensystems, sie sind auch durch den sogenannten Strom miteinander verbunden, eine Art Band magischer Energie, das man sowohl sehen als auch spüren kann. Dieser Strom fließt auch durch alles, was lebt und ist damit für die Gaben verantwortlich, die jeder Mensch besitzt, und die üblicherweise im Laufe der Pubertät erwachen.

Eine dieser Gaben ist die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen. Die Menschen mit dieser Gabe werden als Orakel bezeichnet und bilden eine Art religiöses Gremium, denn der Strom wird von vielen Völkern wie eine Gottheit oder zumindest das Zeichen einer Gottheit verehrt. Die Orakel sind diejenigen, die feststellen, welche Menschen schicksalsgesegnet sind, und natürlich versuchen sie auch, die Ereignisse derart zu lenken, dass sie zu der ihrer Meinung nach wünschenswertesten Zukunft führen. Spannungen zwischen dem Rat der Neun und der Versammlung der Orakel sind daher unvermeidlich.

Und dann sind da noch die Shotet. Die einstigen Weltraumzigeuner sind seit einigen Generationen sesshaft geworden, auf einem Eisplaneten, der zuvor nur von den Thuvhesi bewohnt war. Obwohl sich die beiden Völker räumlich gesehen nicht in die Quere kommen müssten, schwelt eine tiefe Feindschaft zwischen beiden. Denn die Shotet wollen nicht nur als eigene Nation anerkannt werden, sie wollen auch die Herrschaft über den Planeten!
Vielleicht hätte selbst unter diesen Voraussetzungen Ryzeks Schicksal keine so große Rolle gespielt. Wenn nicht ausgerechnet der Herrscher der Shotet sein Vater wäre!

So wird Ryzek, der Gewalt eigentlich verabscheut, weil er selbst den Schmerz fürchtet, zu dem erzogen, was Ryzeks Vater unter einem starken Mann versteht: er darf keinerlei Schwäche zeigen und wird deshalb gezwungen, Dinge zu tun, die er hasst. Unter dem ständigen Druck verwandelt er sich allmählich in einen grausamen, verlogenen und skrupellosen Tyrannen, der selbst seine eigene Schwester für seine Zwecke benutzt.

Cyra ist eigentlich eine starke, mutige und kluge Persönlichkeit. Sie hasst es, Ryzeks Werkzeug zu sein. Ihre Gabe allein – der Schmerz – isoliert sie bereits von ihren Mitmenschen, denn Cyra kann niemanden berühren, ohne ihm ihre Schmerzen weiterzugeben. Dass ihr Bruder sie und ihre Gabe missbraucht, um zu foltern und zu töten, brandmarkt sie als Monster. Da Cyra aber von ihrem Tun selbst angewidert ist, akzeptiert sie diesen Status, ohne ihn zu hinterfragen. Das ändert sich erst, als sie Akos trifft.

Akos ist ein stiller, zurückhaltender Bursche, aber vor allem ist er unvoreingenommen. Obwohl auch er Cyras Ruf kennt, wird ihm schnell klar, dass in Wirklichkeit nicht sie das Monster ist. Und so versucht er, sie auf seine Seite zu ziehen. Denn sein allererstes und wichtigstes Ziel ist es, seinen Bruder Eijeh zu befreien.

Der Plot selbst hat etwas von der griechischen Sage des Ödipus. Das Wissen um Ryzeks Schicksal bestimmt das Tun sämtlicher Beteiligter. Ob es tatsächlich damit endet, dass Ryzek den Kampf gegen sein Schicksal nicht nur verliert, sondern dass er es durch seine Bemühungen überhaupt erst herbeigeführt hat, wird sich zeigen.

Allerdings gibt es auch einen deutlichen Unterschied zur Sage: hier geht es nicht nur um die persönliche Tragödie einer Familie, sondern um Politik, das heißt, es mischen wesentlich mehr Parteien mit. Zum Beispiel eine Gruppe von Rebellen, die Ryzek entmachten wollen, weil er sein Volk unterdrückt; die zhuvhesische Kanzlerin, die nicht bereit ist, sich dem Machtanspruch der Shotet zu beugen; und natürlich die Orakel, die sowieso ständig versuchen, die Zukunft zu beeinflussen; nicht zuletzt aber auch der Rat der Neun, der völlig entgegen der üblichen Vorgehensweise die Schicksale aller Schicksalsgesegneten noch zu ihren Lebzeiten öffentlich gemacht hat.

Alles in allem hat mir das Buch sehr gut gefallen. Die Autorin beschreibt die Örtlichkeiten sehr plastisch, ohne weitschweifig zu werden, und auch die Kulturen der Thuvhesi und Shotet sind interessant gestaltet. Andere Völker wurden bisher nur grob angerissen, bietet dafür aber noch eine Menge Potential für die Fortsetzung. Die Charakterzeichnung ist nicht nur nachvollziehbar, sondern geht im Falle von Cyra und Akos auch in die Tiefe, ohne je kitschig zu werden. Die Nebenfiguren sind etwas oberflächlicher geblieben, was aber nicht störte. Lediglich von Ryzek hätte ich mir noch ein paar tiefere Einblicke gewünscht. Der Plot braucht ein wenig, bis er in die Gänge kommt, weil er zunächst sehr stark auf Cyra, Akos und Ryzek fokussiert ist, weitet sich aber dann aus und entwickelt sich mit der Zeit zu einer so komplexen Angelegenheit, dass ich mich frage, ob es wirklich wie im Klappentext angegeben bei einem Zweiteiler bleiben wird. Ich lasse mich überraschen.

Veronica Roth stammt aus Chicago, studierte kreatives Schreiben an der Northwestern University und landete gleich mit ihrem ersten Roman „Divergent“ auf der New York Bestsellerliste. Inzwischen ist ihr Debüt auf eine Trilogie angewachsen, die unter anderem auf Deutsch unter dem Titel Die Bestimmung erschienen und sogar bereits verfilmt ist. Der Rat der Neun ist der zweite Mehrteiler aus ihrer Feder. Wann die Fortsetzung erscheint, ist noch nicht bekannt.

Gebundene Ausgabe 608 Seiten
Originaltitel: Carve the Mark
Deutsch von Petra Koob-Pawis und Michaela Link
ISBN-13: 978-3570164983

http://veronicarothbooks.com/index.html
https://www.randomhouse.de/Verlag/cbt-Kinder-und-Jugendbuecher/16000.rhd/

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