A. E. van Vogt – Die Expedition der „Space Beagle“

Van Vogt Space Beagle 1992 kleinDas geschieht:

In einer kalendarisch unbestimmten Zukunft beherrscht der Mensch die interstellare Raumfahrt Die Weiten des Alls werden systematisch erforscht, wobei Schiffe wie die „Space Beagle“ paritätisch von Angehörigen der Wissenschaften und des Militärs geführt werden, denn die meisten Intelligenzwesen, denen der Mensch auf fremden Planeten begegnet, erweisen sich als unfreundlich oder reagieren offen feindlich.

Mehr als eintausend Soldaten und Spezialisten sind an Bord der „Space Beagle“ – und ein Nexialist: Elliot Grosvenor ist Repräsentant dieser noch jungen Wissenschaft, die nicht auf Spezialistentum setzt, sondern die interdisziplinäre Vernetzung von Fakten und Wissen anstrebt, um auf diese Weise den berüchtigten Tellerrand zu vermeiden, der allzu fachorientierten Forschern oft den Blick auf das Wesentliche versperrt.

Im All ist jedoch ein Denken ratsam, das rasch und unvoreingenommen Neues aufnimmt und verarbeitet. Die Untersuchung einer Ruinenstadt auf einem namenlosen Planeten entwickelt sich zur Katastrophe, weil sich Wissenschaftler und Soldaten nicht einigen können, wie sie mit dem Katzenwesen Coeurl umgehen sollen, das diese Unsicherheit ausnutzt, um die „Space Beagle“ zu übernehmen. Nur Grosvenor denkt und handelt unkonventionell genug, um Coeurl zu überlisten.

Erfolgreich ist der Nexialist auch, als die eigentlich nur neugierigen Riim durch ihre ‚Sprache‘, die über die Nerven aufgenommen wird, der Besatzung einen kollektiven Hirn-Kurzschluss bescheren. Wiederum feindselig zeigt sich Ixtl, der die Menschen an Bord der „Space Beagle“ als Brutkörper missbrauchen will. Noch gefährlicher ist die Begegnung mit den Anabis, einer gigantischen Gaswolken-Intelligenz, die sich in einem Winkel der Galaxis M33 eine Heimat geschaffen hat, deren Seltsamkeiten die Menschen von der Erde wie ein Magnet anziehen. Auch die Anabis interessieren sich sehr für ihre Gäste. Sollten sie Genaues über deren Herkunft in Erfahrung bringen, droht der Erdmenschheit ein Besuch, der ihr ein hässliches Ende bereiten könnte …

Autor mit Stricknadeln

„Die Expedition der ‚Space Beagle‘“ ist ein Beispiel für einen (Literatur-) Klassiker, der seinen Status nicht überragender inhaltlicher oder gar formaler Qualitäten, sondern einem wahren Feuerwerk origineller, schräger und schrecklicher Ideen verdankt, an denen der Zahn der Zeit nur nagen konnte, ohne ihnen und der durch sie verursachten Unterhaltung Schaden zuzufügen.

Dabei hat Autor A. E. van Vogt scheinbar hart daran gearbeitet, dem eigenen Werk möglichst viele Steine in den Weg zu legen. So ist es weder ein ‚richtiger‘ Roman noch eine Anthologie diverser Storys, sondern ein seltsamer Zwitter, den van Vogt zwar nicht erfand, dem er jedoch zu (zweifelhaftem) Ruhm verhalf, weil er sich seiner überaus ausgiebig bediente: „Die Expedition …“ ist eine „fix-up-novel“: ein Roman, den van Vogt aus verschiedenen Storys zusammenleimte, die er durch Zwischentexte zu verbinden versuchte.

Diese Erzählungen lassen sich (in der Reihenfolge ihrer Verwendung) als ‚Rohstoff‘ identifizieren:

– Black Destroyer (1939; dt. „Der schwarze Zerstörer“/„Schwarzer Verheerer“) (Kap. 1-6)
– War of Nerves (1950; dt. „Nervenkrieg“) (Kap. 9-12)
– Discord in Scarlet (1939; dt. „Ungeheuer an Bord“/„Misston in Scharlach“/„Missklang in Scharlach“) (Kap. 13-21)
– M33 in Andromeda (1943; dt. „Die Anabis“/„M33 im Sternbild Andromeda“) (Kap. 22-28)

Nur „Nervenkrieg“ schrieb van Vogt neu, weil er keine Story fand, die sich mit den übrigen drei Geschichten harmonisieren ließ. Überhaupt wollen sich die Bestandteile nicht zu einem ‚runden‘ Roman fügen. Van Vogt schlägt diesem Problem ein Schnippchen, indem er eine Forschungsexpedition schildert, sich auf die Höhepunkte dieser Reise konzentriert. Auf diese Weise erhält die Episodenhaftigkeit der Handlung eine logische Begründung.

Bunt & böse

Die ‚reinen‘ SF-Elemente des Geschehens können noch heute fesseln, auch wenn sie dem Leser sehr bekannt vorkommen. Dabei gilt zu beachten, dass van Vogt zu denen gehört, die einst erfanden, was später zum Allgemeingut des Genres wurde und oft zum Klischee degenerierte. Alien-Charaktere wie Coeurl, Ixtl, die Riim oder die Anabis konnten ihren Vorbild-Status vor allem deshalb erlangen, weil van Vogt über das Talent verfügte, sie interessant und unterhaltsam in die SF-Welt zu setzen.

Damit verbundene Schattenseiten lassen sich zwar nicht entschuldigen aber durch ihr historisches Umfeld erklären: Van Vogt gehörte einer Generation an, die festen Glaubens war, der Mensch sei berechtigt oder gar verpflichtet, die Wildnis buchstäblich in Besitz zu nehmen und zu zivilisieren. Wer sich diesen Formern & Schöpfern in den Weg stellte, war weniger fremd als feindselig und ‚durfte‘ ausgeschaltet werden. Diese Haltung überträgt van Vogt ins Weltall. Folgerichtig übel ergeht es zuerst Coeurl, der nur seinem Instinkt folgt. Für die Menschen, die seinen Planeten besuchen, tanzt er aus der Reihe und wird umgehend verfolgt. Nur seinen ungewöhnlichen Fähigkeiten verdanken Coeurl und später Ixtl ihr anfängliches Überleben. Für das zeitgenössische Publikum vergrößerte diese Unverwundbarkeit in erster Linie die Gänsehaut: Hier gibt es jemanden, den der Mensch nicht auslöschen kann, obwohl er es ‚verdient‘!

Diese Haltung hat die Science-Fiction inzwischen überwunden; sie wird höchstens unterhaltsam paraphrasiert, wenn es darum geht, absichtlich garstig geschildertem Alien-Pack einzuheizen. Van Vogt meinte dagegen, was er schrieb. Das gilt auch für den „Nexialismus“.

Von allem das Beste statt erschöpfend im Detail

Van Vogt war privat leidenschaftlich auf der Suche nach Methoden, die den Menschengeist buchstäblich beflügeln sollten. Allzu eingefahrene, dabei verkrustete Strukturen waren ihm ein Dorn im Auge. Die daraus entstandenen Sackgassen meinte van Vogt überwinden zu können, indem er einerseits das Hirn selbst ‚verbessern‘ wollte, während nach seiner Meinung andererseits bestehende politische und kulturelle Hierarchien umzuformen waren.

Was er damit meinte, spielte er in „Die Expedition …“ durch. Elliot Grosvenor ist die Verkörperung eines ‚neuen‘, klügeren, nach allen Seiten erkenntnisoffenen Menschen. Er vermeidet die Betriebsblindheit seiner Wissenschaftler-Kollegen und setzt auf unbedingte interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die Vorteile einer solchen Kooperation waren schon zu van Vogts Zeit bekannt, doch ihm ging sie nicht weit genug. Um zu verdeutlichen, was ihm vorschwebte, schoss van Vogt allerdings übers Ziel hinaus: Er postulierte eine (zukünftige) Welt, in der die unterschiedlichen Forschungszweige einander ignorieren. Jeder forscht für sich bzw. ‚seine‘ Wissenschaft, was faktisch vor allem im Umfeld einer Forschungsexpedition eine absolut unlogische Unterstellung darstellt.

Doch an Bord der „Space Beagle“ sind sowohl die Hirne der Wissenschaftler als auch die der Militärs mit Brettern vernagelt. Holzfrei ist nur Grosvenor, der immer wieder dort eine Lösung findet, wo seine in Vorurteilen gefangenen Kollegen scheitern. Man möchte van Vogt impulsiv zustimmen, tappt dabei aber in eine uralte Falle: Ein gängiges Vorurteil stempelt den Wissenschaftler, dessen Worte und Wirken der Laie schwer oder nicht versteht, als „Eierkopf“ ab, der Zeit und Geld für Dinge vergeudet, die dem Normalbürger keinen greifbaren Nutzen bieten.

Zwang zum Wohle des Ganzen

Der Nexialist ist demnach der Repräsentant der Vernunft, denn er wahrt den größeren Zusammenhang. Dies macht es nötig, quasi sämtliche anderen Wissenschaften zu beherrschen. Ermöglicht wird dies durch zukunftstechnische Methoden, die eine vollständige Nutzung des Menschenhirns ermöglichen: Van Vogt geht hier von der (inzwischen relativierten) Vorstellung aus, dass in der Regel nur 10% seiner Kapazität eingesetzt werden.

Dem haben die Nexialisten ein Ende gesetzt. Sie setzen Hypnose, die Stimulierung des Unterbewusstseins im Schlaf u. a. Tricks ein, mit denen die übliche Lernträgheit überwunden wird. Van Vogt war zeitweise regelrecht besessen von der Vorstellung, menschliche Intelligenz und Leistungskraft künstlich zu steigern. Dabei geriet er privat an den Schaumschläger und Rattenfänger L. Ron Hubbard, dessen Fantasie-‚Lehre‘ „Dianetiks“ entsprechende Praktiken beinhaltete.

Zumindest anfänglich hatte van Vogt keine Schwierigkeiten damit, entsprechende Segnungen ohne Wissen der Betroffenen über die Menschheit zu bringen: Um die Skeptiker an Bord der „Space Beagle“ vom Nexialismus zu überzeugen, manipuliert Grosvenor sie, indem er sie ohne ihr Wissen hypnotisiert und sie in Superhirne verwandelt. Heute dürften Beifall und Dankbarkeit ausbleiben; wir haben aus Schaden klug werden und begreifen müssen, dass solche Manipulationen nahtlos und automatisch in Missbrauch übergehen. Zu allem Überfluss wirken Grosvenors transzendentalen Erkenntnisse in keiner Weise geistreich: Jedem auch nur halbwegs mit gesundem Menschenverstand begabten Zeitgenossen dürften ähnlich ‚geniale‘ Einfälle kommen.

Die Zeit liebt Zyklen

Ein weiteres Steckenpferd ritt van Vogt mit der Annahme einer Kulturgeschichte, die nicht linear, sondern in Zyklen verläuft. Er zeigte sich damit als Anhänger des Historikers Oswald Spengler (1880-1936), der diese Theorie entwickelte und jeder Kultur eine ‚Lebenszeit‘ von ca. 1000 Jahren zwischen Aufstieg und Auflösung zusprach. Van Vogt war fasziniert von Spenglers Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“; dem Autor schuf er in „Die Expedition …“ ein Alter Ego in der Figur des Historikers Korita. Dieser fügt jene Zivilisationen, die der „Space Beagle“ begegnen, in ein Zyklus-Raster ein. Der jeweilige Status gibt Art und Form der Kontaktaufnahme vor – ein Prinzip, das wie Spenglers Konzept (trotz seiner ursprünglichen Popularität) in die Rumpelkammer ausrangierter Ideen gewandert ist.

Die Name „Space Beagle“ soll an das historische Kriegs- und Vermessungsschiff „HMS Beagle“ erinnern, das für die britische Royal Navy unterwegs war. Berühmt wurde diese „Beagle“, als der Naturwissenschaftler Charles Darwin (1809-1882) an einer fünfjährigen Forschungsfahrt nach Südamerika (1831-1836) teilnahm, auf der er jene Erkenntnisse gewann, die später seine bahnbrechende Evolutionstheorie begründeten.

In Deutschland erschien „Die Expedition …“ erstmals 1957 als grobschlächtig gekürzter Heftroman, dem vier Jahre später eine ebenfalls gekürzte Buchversion folgte. Sie wurde mehr als dreißig Jahre immer wieder aufgelegt. Erst 1992 erschien in der Reihe „Bibliothek der Science-Fiction-Literatur“ des Heyne-Verlags eine neu übersetzte, ungekürzte Fassung, die durchaus die Anforderungen einer kritischen, wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Ausgabe erfüllt. Übersetzer Rainer Eisfeld hat Wort für Wort die vier Storys und die Zwischentexte differenziert und den Lesern kenntlich gemacht. Hinzu kommt reiches Hintergrundmaterial, das den Verfasser und sein Werk im (literatur-) historischen Umfeld verortet. Diese Ausgabe dürfte für lange Zeit Maßstäbe setzen.

Autor

Alfred Elton van Vogt wurde am 26. April 1912 im kanadischen Winnipeg als Sohn eines aus den Niederlanden immigrierten Rechtsanwalts geboren. Als der Vater seinen Job verlor, ging Alfred von der Schule ab und verdiente Geld als Hilfsarbeiter. Nebenbei schrieb er Hörspiele, melodramatische Kurzgeschichten und Romane sowie Ende der 1930er Jahre auch Science Fiction. Seine erste Kurzgeschichte „Vault of the Beast“ (dt. „Der Turm der Bestie“) erschien 1939 in „Astounding Science Fiction“.

Ebenfalls 1939 heiratete van Vogt die Autorin Edna Mayne Hull (1905-1975), mit der er eng zusammenarbeitete. Einen ersten Erfolg feierte er 1939 mit der Story „Black Destroyer“, dem er 1940 den zunächst in Magazin-Fortsetzungen erschienenen Roman „Slan“ folgen ließ. „Slan“ ist programmatisch für van Vogts Werk. Immer wieder stellt er Einzelgänger mit besonderen geistigen und körperlichen Fähigkeiten in den Mittelpunkt, die einen zunächst aussichtslosen Kampf gegen übermächtige Gegner, das Schicksal oder die Naturgesetze führen. Sein Einfallsreichtum und sein Talent, diese an sich simplen Supermann-Geschichten in einen flamboyanten Stil zu fassen, ließen ihn zu einem Top-Autoren des „Goldenen Zeitalters“ der Science-Fiction aufsteigen.

Doch auf dem Höhepunkt seiner Popularität wandte sich van Vogt Ende der 1940er Jahre von der SF ab. Er wurde zu einem frühen Jünger des Sekten-Gurus L. Ron Hubbard (1911-1986), dessen Dianetik-‚Lehre‘ er zunächst unterstützte, bis Hubbard sie als Grundlage seiner Scientology-Sekte instrumentalisierte. Van Vogt kehrte 1957 zur Literatur zurück, doch er fand den Anschluss an eine inzwischen stark veränderte SF nicht mehr. Übel nahm man ihm auch das Prinzip der „fix-up-novel“: Van Vogt fasste ältere Storys zu Romanen zusammen und ging dabei oft recht brachial vor.

Obwohl van Vogt bis 1987 regelmäßig veröffentlichte, blieb sein Spätwerk tief im Schatten der frühen Jahre. Das Wissen um die Tatsache, dass wenig später die Alzheimer-Krankheit bei ihm festgestellt wurde, wirft ein neues Licht auf diesen Niedergang. Van Vogts letzter ‚Erfolg‘ war die erfolgreiche Klage gegen das Filmstudio „20th Century Fox“, das ihm 50.000 Dollar für die Aneignung der Figur Ixtl aus dem Roman „The Voyage of the Space Beagle“ (1950; dt. „Die Expedition der „Space Beagle“) als Vorlage für den Blockbuster „Alien“ (1979; „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“) zahlte. Am 26. Januar 2000 starb van Vogt an den Folgen einer Lungenentzündung.

Taschenbuch: 332 Seiten
The Voyage of the Space Beagle (New York : Simon & Schuster 1950)
Übersetzung: Rainer Eisfeld
Cover: Karel Thole
www.randomhouse.de/heyne

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