Ilya Zbarski / Samuel Hutchinson – Lenin und andere Leichen

Zbarski Lenin Cover kleinEin Leben im Dienst eines Toten

Nachdem im Jahre 1991 die Sowjetunion ihr Ende fand, haben viele Erinnerungen an die Jahre hinter dem „Eisernen Vorhang“ den Weg in die Buchläden gefunden. Darunter befinden sich wichtige historische Grundlagenwerke ebenso wie eher kuriose, dem Sensationellen verhaftete Elaborate, die auf den schnellen Rubel (besser aber Dollar) zielen.

„Lenin und andere Leichen“ tendiert mal in die eine, mal in die andere Richtung. Der Verfasser Ilya Zbarski ist grundsätzlich ein Mann der Wissenschaft, der auf seinem Spezialgebiet, der Biochemie, viel geleistet hat. Andererseits war er aber auch 18 Jahre Mitglied in einem Arbeitsteam, das sich unter Einsatz von Fachwissen und viel Geld sowie mit Leib und Seele einem bizarren Auftrag widmete.

Im Januar des Jahres 1924 stirbt im russischen Gorki Wladimir Iljitsch Lenin, der einstige Führer der Bolschewiki, eine Legende zu Lebzeiten dank seines Kampfes um eine ‚gerechte‘ Welt ohne privilegierte Stände und Schichten. Dabei handelten er und seine Kampfgenossen gemäß des späteren Orwellschen Standpunkts, dass einige Menschen – sie – gleicher als andere seien, aber die Korruption und Machtgier der neu entstehenden sowjetischen Führungsriege ist zu diesem Zeitpunkt noch kein Objekt historischer Forschungen, sondern blutige Realität.

Ein lästiger Mahner wird zur Reliquie

Im Kampf um Lenins Nachfolge setzt sich Josef Stalin durch, der seinen kranken Meister schon zu dessen Lebzeiten weitgehend kaltgestellt hatte. Nun soll ihm die Leiche des Mannes, der ihm endlich nicht mehr gefährlich werden kann, als Instrument zum Machtausbau dienen: In einem Staat, der systematisch die Religion als „Relikt der Unterdrückung“ verfolgen lässt, soll Lenin als makabres Symbol, als Ikone der Sowjetmacht körperlich erhalten werden.

Niemals zuvor wurde der Versuch unternommen, eine Leiche nicht nur vor dem Zerfall zu bewahren, sondern so zu konservieren, dass sie völlig lebensecht wirkt. Das Projekt gelingt, aber es bedarf vieler Jahre intensiver wissenschaftlicher Arbeit, um Lenin tauglich für die Ewigkeit zu machen.

Unter dem stetig wachsenden Team von Spezialisten, die sich dieser absurden Aufgabe widmen, ist der Chemiker Boris Iljitsch Zbarski. Der überaus ehrgeizige Mann ist froh über die mit vielen Vergünstigungen verbundene Tätigkeit. Als Jude schützt ihn die Arbeit an Lenins Leiche zudem vor den brutalen Verfolgungen, denen sich seine Glaubensbrüder in der Sowjetunion ausgesetzt sehen. Kein Wunder, dass Zbarski 1934 seinen Sohn Ilya, ebenfalls Naturwissenschaftler, zu sich in das Institut am Mausoleum ruft, in dem das Wissen um die Einbalsamierung das der alten Ägypter bald übersteigt.

Logenplatz im Theater des Schreckens

Da Lenins Mausoleum direkt am Roten Platz des Kremls und damit im Zentrum der Macht steht, erleben Vater und Sohn Zbarski sieben Jahrzehnte sowjetischer Geschichte aus erster Hand mit. Die furchtbaren 1930er Jahre und den Terror der stalinistischen ‚Säuberungen‘ von ‚Verrätern‘ aller Art – tatsächlich Regimekritiker und/oder mögliche Konkurrenten des Diktators – überstehen sie, weil sie als Hüter des heiligen Kadavers unentbehrlich sind. Den II. Weltkrieg verbringen sie frontfern mit Lenin im Gepäck weit außerhalb Moskaus, denn selbstverständlich darf die kostbare Hülle Hitler nicht in die Hände fallen. Aber in den 1950er Jahren ist es vorbei mit den Privilegien: Zu viele Menschen teilen inzwischen die Geheimnisse der Mumienkosmetik. Die Zbarskis sind nicht mehr von Nutzen; der Vater wird entmachtet und verhaftet; er stirbt wenig später, während der Sohn aus allen Ämtern gejagt ein elendes Leben in Acht und Bann führen muss.

Die folgenden Jahrzehnte verbringt Zbarski jr. fern seines Mausoleum-Refugiums. Dort werden die gewonnenen Erkenntnisse in die Tat umgesetzt, indem weitere Sowjetführer sowie die Oberhäupter verbündeter Satellitenstaaten nach ihrem Tod auf Stalin-Art eingepökelt und ausgestellt werden. Die Pflege dieser Exponate sichert den Fachleuten Lohn und Brot, bis das Ende der UdSSR 1991 auch ihr Handwerk zu ruinieren droht. Überall werden ihre aufwändig instand gehaltenen Diktatorenmumien unter die Erde gebracht; sogar über Lenins Beisetzung wird intensiv nachgedacht.

Aber ausgerechnet der gefürchtete Kapitalismus bringt die Rettung: Die russische Mafia ist fasziniert von der Möglichkeit, ihre in endlosen Bandenkriegen um Leben gekommenen Anführer wie die Sowjet-Fürsten präparieren zu lassen. Das Lenin-Laboratorium wird privatisiert. Nunmehr werden dort zerschossene und zerbombte Bandenmitglieder rekonstruiert, damit sie sargoffen und in langen Zügen, die in Sachen Prunk und Geschmacklosigkeit jeden Al Capone vor Neid erblassen ließen, zu Grabe getragen werden können.

Der Blick in letzte sowjethistorische Winkel

Womit sich der Kreis geschlossen hat. Lenin, die erste und perfekte Supermumie der Welt, ist inzwischen wieder allein. Noch immer wird er regelmäßig gewartet – man kann diese Prozedur inzwischen auch im Internet beobachten – und dabei eifersüchtig bewacht von seinen Anhängern im Geiste, die auch im 21. Jahrhundert das Gedankengut der unseligen Sowjetunion ebenso konservieren wie ihren Schöpfer.

Nichtsdestotrotz haben sich die Zeiten geändert. Viele Jahrzehnte waren Lenins Leiche und der Aufwand, der um sie getrieben wurde, streng geheime Staatssache. Ein Buch wie dieses wäre in den sieben Jahrzehnten sowjetischer Realität unmöglich gewesen. Erst im Anschluss konnte Ilya Zbarski es schreiben (und vorsichtshalber im einst feindlichen Westen – in Frankreich – veröffentlichen, wo das Honorar höher ausfällt).

Dabei stellt Zbarski eigentlich gar nicht die Geschichte von Lenins Leiche in den Mittelpunkt. Als er sie niederschrieb, war über 80 Jahre alt und hatte die Ära der Sowjetunion in ihrer gesamten Länge erlebt. Über seine Erfahrungen und Erlebnisse wollte er berichten, richtete also sein Augenmerk auf lebendige Menschen.

Leider interessierte sich auf den Buchmärkten des Westens vermutlich niemand für die schlimmen Erfahrungen der nach hiesigen Standards nicht prominenten Familie Zbarski. Dagegen gibt es ein ständiges Publikum für Abwegiges und Schmuddeliges. Ein Zbarski, der die Mottenlöcher in Diktatorenleichen stopft, gewinnt aus diesem Blickwinkel an Anziehungskraft!

Wissen aus zweiter Hand

Diese Ausgangsposition dürfte Zbarski selbst, der sich als ernsthaften Wissenschaftler sieht, dessen Dienst an der Leiche nur einen Teil seines Berufslebens prägte, nicht gefallen. Wohl oder übel hat er sich ins Unvermeidliche gefügt. Das Ergebnis ist weder Fisch noch Fleisch (wenn der Kalauer gestattet ist): Es überzeugen Zbarskis persönlichen Erinnerungen an ein nur allzu übliches Leben in einer Diktatur. Auch über die Frühgeschichte des Lenin-Mausoleums ist der Verfasser gut informiert.

1952 hat man die Zbarski allerdings entlassen. Ausgerechnet in diesen Jahren begann die systematische Herstellung sozialistischer Muster-Mumien. Die müssen in einem Buch wie diesem unbedingt Erwähnung finden. Doch Zbarski hatte mit diesen Jobs nicht oder nur noch mittelbar zu tun. Nicht einmal über die Einbalsamierung Stalins weiß er daher Näheres. Über knapp vier Jahrzehnte Arbeit des Mausoleums-Labors kann er nur aus zweiter Hand berichten. Der qualitative Bruch in der Darstellung wird durchaus deutlich.

Auch der letzte Teil kann dies nicht auffangen. Zbarskis schildert den Weg ‚seines‘ Laboratoriums zum Dienstleistungsunternehmen „Ritual Service“, das die Großen des neuen Russlands – seine Mafia Bosse – bedient. Auch damit hat er selbst nichts zu tun und stützt sich auf Zeitungsartikel, die er einfach nacherzählt. Beeindruckender als der Text fällt hier das Abbildungsmaterial aus, das den protzigen Totenkult proletarischer oder besser proletenhafter Schwerverbrecher dokumentiert. Die Bilder vom Wald drei Meter hoher Grabsteine mit den gravierten Fotos brutaler Strolche in Trainingsanzügen sind einfach grotesk!

Die Neugier befriedigen

So bleibt die Kritik an Zbarskis Werk zwiespältig. Wirklich Neues weiß er nicht zu berichten. Das betrifft den Komplex der modernen Einbalsamierungstechniken ebenso wie den Rückblick auf den sozialistischen Alltag. Hier sollen boulevardhistorische Fakten zu Geld gemacht werden, das Ilya Zbarski, der wie so viele seiner Kollegen zu den Verlierern im kapitalistisch gewordenen Rußland gehört, offenbar dringend benötigt.

Dass er nicht allzu viel zu sagen hat, belegt auch der bekannte Trick, ein an sich schmales Bändchen durch große Schrift und viele Fotos auf repräsentatives Format aufzublasen. Ein solches Buch hätte man nicht gerade im Klett-Cotta-Verlag vermutet, dem Niveau offensichtlich nicht ständig über Gewinn geht.

P. S.: Irre ich mich, oder finde nur ich, dass ein Vater und ein Sohn im Bestatter-Gewerbe noch keine „Dynastie von Einbalsamierern“ (vgl. Originaltitel) ergeben?

Gebunden: 211 Seiten
Originaltitel: A l’ombre du Mausolée. Une dynastie d’embaumeurs (Arles : Solin Actes Sud 1997)
Übersetzung: Bodo Schulz
http://www.www.klett-cotta.de

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