Reto Wehrli – Verteufelter Heavy Metal (Erweiterte Neuausgabe)

Schwer & laut – und älter als gedacht

„Verteufelter Heavy Metal“ gliedert sich in zwei Blöcke. Im Kapitel „Grundlagen und Geschichte“ bereitet Verfasser Wehrli die Bühne für seine Darstellung vor, indem er die allgemeine Entwicklung von Ross (= Musik) und Reiter (= Musikzensur) in ihrer (zwangs-) symbiotischen Beziehung seit dem II. Weltkrieg schildert.

Dann rekonstruiert Wehrli in „Ein Phoenix aus der Asche der Jugendkultur: Heavy Metal“ die Geschichte eines Musikgenres, das als solches erst wenige Jahrzehnte alt ist, wobei die Wurzeln weiter zurückreichen, als sich Fan & Feind es sich wahrscheinlich vorstellen können. „‚Stampfen, Toben, Fäusteschwingen‘ – Eskapismus als Lebensrealität“ geht dem Heavy Metal psychologisch auf den Grund und präpariert zwei grundsätzliche Richtungen heraus. Da ist die „dionysische“, deren Anhänger sich dem Rausch der Musik hingeben und dabei auf und vor der Bühne nicht selten völlig vorausgaben. Konträr dazu stehen jene Schwermetaller, die ‚ihre‘ Musik als (auch gelebten) Ausdruck des körperlichen und moralischen Zerfalls der Gesellschaft und des Individuums werten und sich entsprechend düster, manchmal geradezu ‚satanisch‘ geben.

„Schwer und leicht, schwarz und weiß“ geht den unterschiedlichen dem Heavy Metal nach, der eigene Subgenres bildet. „‚Recognize your age – it’s a teenage rampage!‘“ wirft – mit allen Problemen, die eine Kategorisierung stets aufwirft – einen Blick auf die Fans, die in der Regel jung, weiß und männlich sind, obwohl diese Regel inzwischen außer Kraft gesetzt wurde.

Auf jeden Fall dagegen!

Das folgende Kapitel („Eine Frage der Etiketten? Das PMRC und die Folgen“) ist eine Chronologie der Heavy-Metal-Zensur. Sie ist relativ jung, steht aber fest auf den Schultern älterer Tugendwächter, die ‚sittenlose‘ Musik mit Misstrauen und Abscheu betrachten. Zum ewigen Zweikampf zwischen den Parteien trug der Heavy Metal prominent bei, weil ihm das „Parents Music Resource Center“ (PMRC) seine Existenz verdankt, das seit 1985 prominent besetzt, gut organisiert, konservativ finanziert und auf breiter Front gegen den verhassten Feind vorgeht.

„Jäger des verlorenen Schamgefühls – konservative Opposition gegen moderne Musik“ forscht nach den psychologischen Motiven, welche die Gegner „harter“ und „unanständiger“ Musik umtreiben. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich der Verfasser im Kapitel „Der Satan kommt von hinten: ,Backward Masking‘“ exemplarisch mit einer alten Lieblingshysterie der Kulturfundamentalisten: Spiele man die Schallplatten bestimmter Musik-Finsterbolde rückwärts ab, so höre man angeblich Aufrufe zum Kampf für den Teufel und wider das Gute.

Auch Kultur(g)eiferer sind sich der Tatsache bewusst, dass sie gewisse Kreise der ihnen hörigen Schäflein nicht mit der plump geschürten Angst vor Schwefel & Verdammnis, sondern nur ‚wissenschaftlich‘ erreichen. Die Werke entsprechender ‚Fachleute‘ finden weite Verbreitung. Wehrli entlarvt sie ebenso geduldig wie überzeugend als absurd. ‚Untersuchungsergebnisse‘ werden so lange wiederholt, bis sie sich verselbstständigt und in ‚Fakten‘ verwandelt haben. „Am Anfang war das letzte Wort: Bücher wider die Teufelsmusik“ stellt einige der ‚bedeutendsten‘ Werke vor.

„Auswüchse aus dem Untergrund – Die Geburt des NS-Black-Metal“: Wo Satan persönlich mit seinen Jüngern rockt, sind selbstverständlich die Nazis nicht weit. Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, politisch unkorrekt zu provozieren. Schlimm kann‘s werden, wenn die gotischen Nazirocker und ihr Publikum tatsächlich an den selbst verzapften Unfug glauben. Ausführlich rollt Wehrli spektakuläre Kriminalfälle auf, die exemplarisch die verhängnisvollen Reaktionen von Dummheit, Verblendung und Gruppenzwang demonstrieren.

Die Verdammten dieser Erde

Im zweiten Teil seines Buches listet der Verfasser zahlreiche „Falldarstellungen“ auf. Zunächst greift sich Wehrli in „Wer zensiert was? Die Unterschiedlichkeit des Unzulässigen“ die aktivsten Gruppen in den USA und Deutschland heraus und konterkariert ihre Aktivitäten und Intentionen mit den Verhältnissen in Japan, wo eine andere Kultur einen aus westlicher Sicht fremdartigen, buchstäblich sträflich freien Umgang mit plakativer & expliziter Gewalt und Gewaltsexualität ermöglicht. Der Vergleich illustriert gleichzeitig die Fragwürdigkeit moralischer Fixpunkte: Weder im Westen noch im Fernen Osten ist bisher die blanke Anarchie ausgebrochen.

Die beiden ausführlichsten Kapitel des Buches beschäftigen sich sehr detailliert mit konkreten Zensurfällen. Dem angelsächsischen Raum („Gegen Sex, Gewalt und Satanismus: Musikzensur in den USA und in Großbritannien“) wird dabei der mitteleuropäische Kernbereich gegenübergestellt, in dem der Verfasser und die meisten seiner Leser ansässig sein dürften. („Böse Worte, wilde Bilder – Musikzensur in der BRD, Schweiz und in Frankreich“).

Kaum zu zählen sind hüben wie drüben des Großen Teichs die Musiker und Musikgruppen, die den rabiaten Tugendbolden vor den Flintenlauf gerieten. Darunter finden sich erwartungsgemäß jene, die planmäßig auf Konfrontationskurs zum guten Geschmack gehen. Wer sich „Sex Pistols“, Megadeth“ oder „Slayer“ nennt, kalkuliert den Volkszorn ein, der die Bekanntwerdung beschleunigt.

Erstaunlicherweise fanden sich auch harmlose Zeitgenossen wie die Beatles oder gar der Klampfenzupfer John Denver auf dem Index wieder: Wer nach Zensur schreit, findet selten die Zeit, das Kritisierte genau unter die Lupe zu nehmen, um nach eventuellem Hintersinn zu fragen. Fundamentalisten sind gradlinige, dem Intellektuellen eher abholde Leute, die Mehrschichtigkeit nicht schätzen. Deshalb irren sie oft und verdammen völlig unverdächtige Künstler – wo Gott hobeln lässt, fallen manchmal Karrierespäne.

Abgerundet wird das Werk durch die Diskografien der vorgestellten Musiker und Gruppen sowie durch ein eindrucksvolles Verzeichnis der Quellen, aus denen der Verfasser schöpfte.

Psychogramm des Zensors

„Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.“ Also sprach weise schon 1872 Wilhelm Busch. Damit hat er freilich nur ein Element von vielen beschrieben, das den Tugendwächtern und -bolden dieser Welt ein Dorn im Auge bzw. Ohr ist. Die empörende Dreiheit ist erst komplett, wenn sich zum Geräusch der als Lied vorgetragene Text sowie das Auftreten der Musikanten & Sänger gesellen.

Der fundamentalistische Kritiker oder Zensor müsste eigentlich ein glücklicher Zeitgenosse sein: Er – und nur er – kennt den Weg zum menschlichen Heil – und vor allem seine unzähligen schlüpfrigen Abwege! Wenn man nur auf ihn hören würde, dann wäre es schlagartig vorbei mit Zank und Hader, losem Sex, dem Ungehorsam gegenüber Gott, den Eltern oder anderen Autoritäten und überhaupt allem Schlechten dieser Welt. Aber stets schleicht der Teufel um das Menschenhaus. Mit allerlei Schlichen lockt er die moralisch Schwachen in seine Fänge. Neben langen Haaren & kurzen Röcken, zuchtlosen Filmen, Comics, Computerspielen etc. setzt er dabei vor allem auf Rockmusik.

Der Fundamentalist ist stets auch Zensor. Statt dem sündigen Treiben, das anderen Mitmenschen so viel Vergnügen bereitet, den Rücken zu kehren, fühlt er sich verpflichtet, ihm ein Ende zu machen. Dabei werden weder Kosten noch Mühen gescheut. Im Gegenteil: Widerstand reizt Zensoren erst recht, sie sind geradezu süchtig danach, denn wie könnte man das Böse besiegt sehen, wenn es nicht vor einem auf dem Boden liegt? Ausgeblendet bleiben dabei unangenehme Wahrheiten: Nicht provokative Musik produziert Aussteiger & Amokläufer, sondern politisches, wirtschaftliches und soziales Fehlverhalten, das nach Jahren der Vernachlässigung „Problemgruppen“ hervorbringt, die nur mit enormen Zeit- und Geldaufwand erreicht werden können. Deshalb ist es einfacher, schneller und billiger, nach Sündenböcken zu suchen. Sie werden von Fundamentalisten stets rasch gefunden.

Über den Tellerrand hinaus

Zensoren erfüllt eine seltsame Mischung aus Märtyrer-Masochismus, Bigotterie, Scheuklappendenken und Selbstgefälligkeit. Hinzu kommt ihre Humorlosigkeit, denn wer (sich) nicht gestattet, selbstständig zu denken, argwöhnt jederzeit, verspottet zu werden. Über die Verschränkungen zwischen Zensur, Skandal & Medien ließe sich an dieser Stelle noch lange philosophieren. Es soll unterbleiben, zumal Reto Wehrli wahrlich erschöpfend Auskunft gibt. Er überwältigt seine Leser nicht selten damit.

Noch jeder Teilsatz ist gespickt mit wichtigen, interessanten oder wenigstens unterhaltsamen Fakten. An den Grenzen der Musik macht der Autor längst nicht Halt. Film, Fernsehen, die Presse, Computerspiele, die Medien der Information und der Unterhaltung bezieht Wehrli ein. Seine Leser überzeugt er, seine Gegner schaltet er aus, indem er das Geflecht seiner Beweisführung so eng knüpft, das beide Gruppen darin zappeln – die einen freiwillig, die anderen wie gewohnt voreingenommen und abwehrend.

Dabei ist Wehrli zwar gegen Zensur aber nicht generell gegen Kontrolle. Die tatsächlichen Auswüchse des Heavy Metal, die über Provokation hinaus gegen gültige und grundlegende Gesetze verstoßen, leugnet er nicht. Doch dem steht die wesentlich intensivere Agitation der Regelsüchtigen gegenüber, die um der ‚Wahrheit‘ willen skrupellos politisieren, Tatsachen verdrehen und offen lügen. Diese ausgefeilten Mechanismen der Zensur werden den Lesern vor Augen geführt. Im Vergleich mit dem bizarren Wildwuchs in den USA darf sich der deutsche Freund der lauten Musik noch glücklich schätzen. Aber auch hierzulande gibt es jenen Zensurfilz, der sich auf seine Kontakte in Politik, Kirche und Kultur stützen kann.

Unter der Last der Beweise

Manchmal geht der Psychologe mit dem Verfasser durch. Diverse lehrbuchhafte Einschübe besonders in den einleitenden Kapiteln hätte er sich sparen bzw. sie allgemeinverständlicher ausdrücken sollen. Freilich schlösse dies die Gefahr ein, den Zensuranhängern in die Hände zu spielen: Wehrli weiß, dass er sie niemals überzeugen oder zum Verstummen bringen kann, aber er weigert sich, ihnen auch nur ein argumentatives Hintertürchen für ihre Bild- und Tonstürmerei zu lassen.

Weitere Kritik könnte sich gegen allzu ausführliche Abschweifungen richten. Die Fallbeispiele beschränken sich nur selten auf echte Zensurepisoden, sondern stellen oft regelrechte Musikerbiografien dar, die mit dem Thema nur am Rande zu tun haben. Hier wird es oft sehr anekdotenhaft, was aber – dies sei betont – primär den puristischen Kritiker stören wird, nicht aber den auch in dieser Hinsicht bestens informierten und unterhaltenen Leser.

Angesichts der deprimierend gut geschmierten Maschine, zu der sich die moderne Zensur – unter welchem Namen auch immer sie auftreten mag – entwickelt hat, stellt sich die Frage, wieso ein Werk wie dieses überhaupt erscheinen konnte. Fast 300 Fotos, Cover und andere Abbildungen zeigen primär das, was verboten wurde und ist: drastische Nacktheit, exzessive Gewalt, Satanismus, neonazistische Dummgockelei.

Der Sachbuch-Bonus mag gemeinsam mit der vergleichsweise kleinen Auflage dieses Buches dafür gesorgt haben, dass es von der Zensur und den Tugendwächtern geduldet wird bzw. geduldet werden muss, da die Darstellung in der Präsentation von Tatsachen lückenlos belegt ist. Argumentativer Gegenwind kann dieses bleischwere Schrift nicht davonfegen. Um dies weiterhin zu gewährleisten, hat Autor Wehrli es seit der Erstveröffentlichung zweimal überarbeitet, korrigiert, ergänzt und vor allem aktualisiert. Nun ist es endgültig ein Werk geworden, an dem Freunde & Feinde nicht mehr vorbeikönnen!

Gebunden: 914 Seiten
http://www.telos-verlag.de

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