S. A. Steeman – Die schlafende Stadt

Kriminalinspektor Malaise stolpert in ein flämisches Städtchen und dort in ein mysteriöses Familien- und Morddrama, das trotz seiner Ermittlungen weitere Opfer fordert … – Formal wie inhaltlich ein vom Zahn der Zeit tüchtig angeknabberter Krimi, dessen hübsch bizarrer Plot durch die klischeehafte Zeichnung der Figuren und eine mehr als sieben Jahrzehnte alte und hölzerne Übersetzung stark beeinträchtigt wird.

Das geschieht:

Pech für Kriminalinspektor Aimé Malaise, dass er in den falschen Zug gestiegen ist, doch wirklich ärgerlich wird er, als er das Abteil endlich verlassen kann und entdeckt, wo er gelandet ist: nicht in Brüssel, sondern in der winzigen, irgendwo in Flandern gelegenen Stadt Noirhat, die erst am nächsten Tag wieder vom einem Zug angefahren wird.

Wohl oder übel muss sich Malaise im einzigen Hotel des Ortes ein Zimmer nehmen. In der Nacht kann er nicht schlafen, schaut aus dem Fenster und beobachtet einen Mann, der ein seltsames Bündel auf die Eisenbahnschienen legt. Als der Inspektor am folgenden Tag abreisen will, findet er die Stadt in Aufregung: Dem Schneider wurde das Schaufenster eingeschlagen aber nur eine billige Kleiderpuppe gestohlen. Diese findet sich wenig später auf den Gleisen; sie trägt einen sorgfältig gearbeiteten Wachskopf, der in offensichtlicher Wut mit einem Dolch durchbohrt und zerfetzt wurde.

Malaise wird neugierig und beschließt zu bleiben. Wie er herausfindet, gehörte die Puppe ursprünglich der Familie Lecopte, deren Angehörige zu den prominentesten Bürgern der Stadt zählen. Im letzten Jahr wurde sie jedoch von einer doppelten Tragödie heimgesucht: Léon, der jüngste Sohn, starb plötzlich und mit nur 22 Jahren, die untröstliche Mutter folgte ihm binnen weniger Monate ins Grab. Die Familienmitglieder haben sich in ihrem großen Haus eingeschlossen und trauern.

Der Inspektor dringt zu ihnen vor und bringt in Erfahrung, dass der Wachskopf erwähnten Léon darstellte, der entweder einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zum Opfer fiel. Die exakte Ursache kann oder will man Malaise nicht nennen, was sein Misstrauen weckt. Hinter den Rätseln verbirgt sich ein düsteres Familiengeheimnis, das der Inspektor unbedingt lösen möchte. Doch die Lecoptes halten dicht, und erst der Tipp eines seltsamen Privatdetektivs ermöglicht es Malaise, das bizarre Werkzeug des Mörders zu finden und schließlich seine Identität aufzudecken …

Rätselkrimis sind ein Job für Profis

Was haben Landhaus, Schiff oder Insel gemeinsam? Sie bilden kleine, überschaubare Welten mit bekannten Bewohnern und sind abgeschottet von der Außenwelt. Das macht sie zu idealen Schauplätzen für den „Whodunit“-Krimi, der seine Spannung aus der Frage bezieht, wer die traditionell einleitende Übeltat beging. Natürlich ist die Liste der genretauglichen Orte noch ein wenig länger. Die Stadt am Ende der Welt gehört ebenfalls zu ihnen. S. A. Steeman investiert viel schriftstellerische Mühe in die Feststellung der Tatsache, dass Noirhat klein ist und so gut wie kein Kontakt zur übrigen Welt besteht. Wie ein verschlossener Kochtopf wirkt dieser Ort, und Steeman schürt kräftig das Feuer unter einem ungesühnten Verbrechen, bis eine Explosion den verlogenen Mikrokosmos einerseits zerstört und andererseits die längst überflüssige Frischluft einströmen lässt.

„Die schlafende Stadt“ belegt, dass der „Whodunit“ und seine Regeln nicht nur im angelsächsischen Sprachraum beliebt waren (und sind). Dass S. A. Steeman sie beherrscht, garantiert allerdings keinen Krimi, den seine Leser/innen „klassisch“ nennen würden. Zwar stimmen die Zutaten, und präsentiert werden sie mit der erforderlichen Prise übertreibender, fast übernatürlich wirkender Exotik: Ein realer Verbrecher würde seine Wut und seine Frustration sicherlich kaum so umständlich ausdrücken wie unser mysteriöser Mr. X., der u. a. eine Schneiderpuppe einsetzt, um auf ein vertuschtes Unrecht aufmerksam zu machen.

Die Ingredienzien werden falsch gemischt

Die Elemente eines spannenden Rätselkrimis sind also da. Leider wollen sie sich nicht zu einer spannenden Story fügen, die heute zusätzlich vom Faktor Nostalgie profitieren könnte. „Die schlafende Stadt“ erschien 1932 und wirkt heute – anders als die zeitgleichen „Whodunits“ von Agatha Christie, John D. Carr oder Dorothy Sayers – nur noch altmodisch. Das liegt nicht unbedingt am Plot, der zwar wenig originell wirkt, aber konsequent entwickelt wird und eine (unfreiwillig?) witzige Auflösung erfährt, sondern an der unsicheren Umsetzung.

„Die schlafende Stadt“ ist kein rundes, in sich ruhendes Werk, sondern weist viele Längen auf, stützt sich auf Klischees und legt ein schlechtes Timing an den Tag. Steeman hat weder seinen Schauplatz noch seine Figuren (s. u.) im Griff. Noirhat bleibt auf den Bahnhof, das Haus der Lecoptes und das Wirtshaus beschränkt. Malaises Ermittlungen wirken wenig planvoll, und als Leser fragt man sich, wieso erst er kommen musste, der einen Sinn in den bizarren Aktivitäten findet, die eher schlecht als recht ein ungesühntes Verbrechen begleiten und mit denen der Verursacher wartete, bis der Zufall einen Polizisten in die Stadt brachte.

Zu plötzlich: ein neuer Detektiv

Allerdings ist es ja gar nicht Malaise, der das Rätsel löst. Kurz vor dem Finale reist er nach Brüssel zurück und konsultiert den berühmten Detektiv Annibal Haymabel, der wie eine arg übertriebene Karikatur von Sherlock Holmes oder Hercule Poirot wirkt. Haymabel findet die Lösung, ohne seine gute Stube zu verlassen, und degradiert Malaise zum ausführenden Arm des Gesetzes, als dieser nach Noirhat zurückkehrt und dort zur „Whodunit“-üblichen Runde aller Verdächtigen einlädt, denen er die belastenden Fakten vorhält und dem Leser die Gelegenheit bietet, eigene Ermittlungen mit denen des Inspektors zu vergleichen.

Womöglich tut man Steeman jedoch Unrecht. „Die schlafende Stadt“ leidet sehr unter der deutschen Übersetzung. Die ist mehr als sieben Jahrzehnte alt und dürfte schon zu ihrer Entstehungszeit nicht als Glanzleistung gegolten haben. Heute wirkt sie jedenfalls nur noch steif, altmodisch im negativen Sinn und anstrengend zu lesen. Von einer neuen und zeitgemäßen Übersetzung könnte womöglich auch Steeman profitieren.

Ein hemdsärmeliger Ermittler u. a. seltsame Zeitgenossen

Freilich muss man sich vor Augen führen, dass Stanislas-André Steeman nicht zur Oberliga des Krimi-Genres gehört. Er war ein „professional writer“, der mit dem Finger am Puls seiner Zeit gut verkäufliche Unterhaltungsliteratur produzierte. In „Die schlafende Stadt“ fehlen jene Elemente, die einen Durchschnittskrimi zum zeitlosen Lesevergnügen reifen lassen.

Inspektor Malaise, die Hauptfigur, ist ein schlecht gezeichneter Charakter. Als Steeman sein Buch schrieb, war er nicht einmal 25 Jahre alt. Trotzdem versuchte er sich an einer Figur, die ein älterer, erfahrener und vom Leben ein wenig angeschlagener Mann sein sollte. Damit war der Verfasser offenkundig überfordert. Malaise wirkt unfreiwillig unausgeglichen. Er steigt aus dem Zug und entfesselt eine Ermittlung dort, wo er definitiv keine Befugnisse besitzt. Nachdenklich und geistesstark möchte Steeman ihn wirken lassen. Tatsächlich agiert Malaise sehr intuitiv oder sogar impulsiv. Wenn Steeman seine kriminalistische Kompetenz betonen möchte, lässt er ihn seine Pfeife schmauchen – ein künstlich aufgeprägtes Symbol für Abgeklärtheit. Der sprechende Name („malaise“ = Unbehagen) wirkt zusätzlich dick aufgetragen.

Sicherlich unfreiwillig ist Steeman mit Malaise trotzdem ein interessanter weil zwielichtiger Charakter gelungen. Der Inspektor ist kein raffinierter Kriminalist, sondern ein Praktiker. Verdächtige werden weniger befragt als bedroht und ausgequetscht. Sehr aufschlussreich wirkt Malaises grobes und aus heutiger Sicht strafbares ‚Verhör‘ des Altwarenhändlers Hammerer, der – ohne es auszusprechen – als ‚typischer‘ jüdischer Hökerer charakterisiert oder besser denunziert wird. Aber für den Inspektor zählt nur das Ergebnis, die Aufklärung eines Falls. Der Zweck heiligt die Mittel. So hat er kein Problem damit, die Mitglieder des Lecopte-Haushalts gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen. Es gilt einen Mörder zu fassen, weshalb sich nach Steeman Skrupel erübrigen.

Klischees prägen die Darstellungen der diversen Lecoptes. Sie wirken wie Darsteller in einem Theaterstück, legen hemmungslos überzeichnete Charaktereigenschaften an den Tag und zeugen damit wiederum von Steemans Unvermögen, dreidimensionale i. S. lebensechter Figuren zu schaffen. Mit Annibal Haymabel setzt er dem wie bereits erwähnt unrühmlich die Krone auf.

Der Film zum Roman

„Le manneqin assassiné“ (flämischer Titel: „Vermoorde mannequin“) wurde 1947 von Regisseur Pierre de Hérain verfilmt. Das Werk gehört nicht zu den Großtaten des französischen Kinos, bietet aber nach Meinung der Kritik solide Unterhaltung – und es zeigt S. A. Steeman, den Verfasser der Romanvorlage, in der kleinen Rolle eines Doktors. Jean-Louis Colmant drehte 1970 ein Remake von „Le manneqin assassiné“ für das belgische Fernsehen.

Autor

Stanislas-André Steeman wurde 1908 im belgischen Liège geboren. Ab 1924 arbeitete er als Journalist und ab 1929 als Schriftsteller. Schon 1931 wurde Steeman für „Six hommes morts“ mit einem „Grand Prix du roman d’aventures“ ausgezeichnet.

In den nächsten Jahrzehnten legte Steeman regelmäßig neue Romane vor. Als Autor versuchte er sich mit Erfolg auch im Filmgeschäft, verfasste eigene Drehbücher oder bearbeitete fremde Skripte. Er blieb bis zu seinem frühen Tod gut im Geschäft. S. A. Steeman starb 1970 an einer Krebserkrankung. Während seine Werke in Deutschland heute weitgehend vergessen sind, gehört Steeman im französischsprachigen Raum zu den verehrten Klassikern der Unterhaltungsliteratur.

Taschenbuch: 190 Seiten
Originaltitel: Le mannequin assassiné (Paris : Collection Le Masque 1932)
Übersetzung: Friedrich Pütsch
http://www.randomhouse.de/goldmann

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