Brunner, John – Warnung an die Welt

_Noch ’ne Alien-Invasion: Wer versteht die Warnsignale?_

Sie war die einzige Bewohnerin des isolierten Planetoiden, weit draußen, außerhalb des Systems, der die Beobachtungsstation beherbergte, doch wenn sie in die eisige Unendlichkeit des Raumes hinausblickte, konnte sie eine blaue Sonne erkennen, und sie dachte an die Chidnim, die in ihrer Wärme lebten, und eine orangefarbene Sonne, in deren Schein die Tansiten ihre Spiele spielten, und eine weiße Sonne, direkt über sich, von der sie wusste, dass sie auf die Städte der Tarks herniederschien.

Dies alles war ihr seltsam vertraut – und doch so fremdartig wie der Körper, in dem sie sich befand. Sie betrachtete ihr Spiegelbild in einer polierten Metallscheibe, bewunderte ihre glänzende grüne Haut, die symmetrischen Muster der Schuppen in ihrem Gesicht, die elegante Geschmeidigkeit von Hals und Armen.

Doch alles würde anders sein, wenn sie erwachte, in ihrer Wirklichkeit erwachte – in einem schäbigen Apartment in London, in dem man sie gefangen hielt, nackt und unter Drogen gesetzt. An einem Ort, wo diese Erinnerungen, so klar und lebendig sie erscheinen, einfach unmöglich waren – falls sie nicht die unterdrückten Erinnerungen eines fremdartigen Geschöpfes darstellten, das sich verbergen mußte … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh „brennend“ für Science-Fiction, wie er in seiner Selbstdarstellung „The Development of a Science Fiction Writer“ schreibt. Schon am College, mit 17, verfasste er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, „die heute glücklicherweise vergessen ist“, wie er sagte.

Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich „über Wasser zu halten“, wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu werden, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte 1958 dort seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, dass sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.

Diese nach dem Verlag „Ace Doubles“ genannten Billigromane, in erster Linie „Space Operas“ im Stil der vierziger Jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben, verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen Fertigkeit auf vielen Gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte.

Brunner veröffentlichte „The Whole Man“ 1958/59 im SF-Magazin „Science Fantasy“. Es war der erste Roman, das Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space Operas und Agentenromanen ablöste – der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.

Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama „Morgenwelt“ gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte. Er bediente sich der Technik von John Dos Passos in dessen Amerika-Trilogie. Das hat ihm von SF-Herausgeber und -Autor James Gunn den Vorwurf den Beinahe-Plagiats eingetragen.

Es dauerte zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: „The Jagged Orbit“ (deutsch 1982 unter dem Titel „Das Gottschalk-Komplott“ bei Moewig und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei Heyne erschienen). Bildeten in „Stand On Zanzibar“ die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende Problem, so ist die thematische Basis von „The Jagged Orbit“ die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhass und vor allem in Paranoia äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor zu empfehlen.

Diesen Erfolg bei der Kritik konnte er 1972 mit dem schockierenden Buch „Schafe blicken auf“ wiederholen. Allerdings fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ und boykottierten ihn quasi – was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück.

Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte den satirischen Roman „Muddle Earth“ (der von Heyne als „Chaos Erde“ veröffentlicht wurde), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romanprojekts ist es nicht mehr gekommen Er starb 1995 auf einem Science-Fiction-Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.

_Handlung_

Als Sally Ercott in einem schäbigen Zimmer erwacht, fühlt sie sich wie gerädert – und nicht ganz gegenwärtig. Gerade noch befand sich ihr Bewusstsein auf einem anderen Planeten, wo ein Ungeheuer ihren Gefährten Iwys und noch viele weitere ihrer Artgenossen entführt hat, um in ihnen seine Brut abzulegen. Sie bot sich ihm an, doch es wies sie zurück. Vielleicht beim nächsten Mal …

Sie hat Angst vor Bella, der rothaarigen Hauswirtin, die immer noch ihrem horizontalen Gewerbe nachgeht. Und Bella ruft immer wieder Dr. Argyle, um Sally eine Spritze verpassen zu lassen, die sie dann wieder zurück in solch seltsame Träume sinken lässt. Warum hat sie, Sally, überhaupt dieses schäbige Zimmer gemietet, und wo ist ihre Handtasche mit dem Geld?

|Fluchtversuch|

Voll Angst flieht Sally aus der Wohnung hinaus auf die Straße. Sie merkt gar nicht, dass sie unter ihrem Sommermantel nichts anhat, sondern springt einfach in das nächstbeste Cabrio, das an der Ampel bei Rotlicht halten musste. Der junge Fahrer, Nick Jenkins, ist ziemlich verwirrt, als sie ihn nach Iwys fragt. Doch dann sieht er die Einstiche in ihren bloßen Armen und weiß Bescheid: eine Fixerin. Wenn nicht noch Schlimmeres: eine Verrückte! Nur ein paar Meter weiter stoppt er bereits, doch da kommt eine ältere Frau von der Bushaltestelle – es ist Bella – und nimmt die Blondine mit den schönen blauen Augen wieder mit. Bloß weg hier!

Doch die Sache ist für Nick noch nicht ausgestanden. Als er sich mit seinem Kumpel, dem Arzt Tom Gospell, auf ein Bierchen trifft, fällt ihm ein, wo er die ältere Frau schon mal gesehen hat: in der Praxis jenes Dr. Richard Argyle, der wegen einer Drogengeschichte praktisch aus dem Ärzteverband ausgeschlossen wurde: Argyle vertickte Morphium und dergleichen. Eigentlich ein Jammer, dass sich die schöne Blondine in so schlechter Gesellschaft befindet. Doch als er Clyde West, den Nachbarn der Blondine, in einer weiteren Kneipe kennenlernt, erzählt ihm dieser Westinder, er habe gehört, das Ehepaar der Hauswirte wolle die Blondine „in den Wahnsinn treiben“. Das seien ihre Worte gewesen.

|Befreiung|

Zusammen mit Clyde befreit er Sally aus der Wohnung, die seit neuestem mit einem Riegel versperrt ist. Kaum ist die Blondine in seinen Jaguar gehüpft, rast Nick auch schon los. Auch diesmal ist sie leicht bekleidet: mit einem Bettlaken. In seiner Wohnung tischt sie ihm die Story auf, sie habe ihr Gedächtnis verloren. Hm, und eine Sally Ercott gibt es im Londoner Telefonbuch auch nicht. Kann er ihr glauben? Sie soll erst einmal duschen und essen, dann wird sie Tom Gospell untersuchen.

Unterdessen sucht Bella Rowall nach dem Wagen, in dem ihre Gefangene fortfuhr. Sie hat sich das Nummernschild gemerkt; es ist ziemlich ungewöhnlich. Bella ahnt nicht, dass sie und ihr Haus von der Kripo observiert werden. Die Detectives sind Dr. Argyle und seiner Komplizin Bella Rowall auf der Spur. Bislang ist noch jeder ihrer „Mieter“ wieder aus dem Haus herausgekommen, aber vierzehn Tage später verliert sich jede Spur von ihnen – merkwürdig, oder? Chefinspektor Dougherty heftet sich an die Fersen von Sally Ercott und Nick Jenkins …

|Visionen|

Tom Gospell untersucht die inzwischen frisch gewaschene Sally und findet außer den Einstichen von Argyles Spritzen nichts. Doch die Sache mit ihren falschen Erinnerungen ist seltsam. Es sind keine Träume, keine Illusionen, keine drogeninduzierten Halluzinationen – jedenfalls ist Gospell keine Droge bekannt, die einen auf eine andere Welt entführen würde. Sally ist dankbar, dass der Arzt sie ernst nimmt, und fühlt sich gleich viel besser. Als Nick ihr erzählt, er sei Erfinder, denkt sie, er wolle sie auf den Arm nehmen, aber er meint das völlig ernst. Er arbeitet als Berater für einen Konzern in der Produktentwicklung. Er warnt sie: Er habe einen „verbogenen Verstand“, wie sein Freund Tom immer sage. Na, toll.

|Warnung|

Nachdem der Arzt wieder gegangen ist, lädt Nick seinen neuen Gast zu einem Essen ein. Bei diesen Stunden des Zusammenseins erlebt Sally mehrmals neue „Visionen“ und erzählt ihm davon. Für ihn sind diese Visionen Botschaften von anderen Planeten, aber nicht aus dem Sonnensystem, sondern von weit weg. Seine Intuition als Erfinder findet den gemeinsamen Nenner dieser Szenen: Sie alle stellen einen Moment vor dem Sterben des jeweils Erlebenden dar. Das bedeutet, dass sie eine Art Warnung vor diesem Tod ausdrücken. Aber worin besteht dieser Tod? Da gibt es Barbaren, die Jungfrauen angreifen; Barbaren, die nicht auf den Winter vorbereitet sind und auf Kannibalismus sinnen; und eine bunt geschmückte Braut, die geopfert werden soll. Rätselhaft.

|Überfall|

Sie kehren gerade abends zu seinem Haus zurück, als die beiden Rowalls zuschlagen. Sie wollen Sally zurück und Nick ausschalten, denn der weiß zu viel. Doch bevor ihr Handlanger, ein Schlägertyp, Nick töten kann, treffen Tom Hospell und Clyde West ein und verhindern das Schlimmste. Als Nick wieder zu sich kommt, versteht er nur, dass Sally entführt worden ist. Jetzt könnte er die Polizei gut gebrauchen. Zu dumm, dass er seinen Beschatter mit einem einfachen Manöver abhängen konnte. Der Mann taugte echt nichts.

|Zugriff!|

Auch Chief Inspector Dougherty ist nicht erbaut vom Versagen seines Mitarbeiters Hedger. Aber da ist die Kacke bereits am Dampfen, als man ihn anruft: Beim Haus der Rowalls, das Doughertys Spezialabteilung observiert, tut sich eine ganze Menge. Die Mieterin mit dem blonden Haar wurde wie eine Entführte von den Rowalls hineingeschleppt, wer weiß, wozu. Gleich darauf trafen Nick Jenkins, dieser Arzt Tom Gospell und der Miter Clyde West ein und drangen ins Haus ein. Schreie der ältesten Mieterin drängen aus dem Haus, und der gesuchte Dr. Argyle sei ebenfalls hineingegangen. Was soll sie tun?

|Der Horror|

Chefinspektor Dougherty befiehlt den sofortigen Zugriff und rast los. Aber er kann nicht verhindern, dass ihm die gewöhnliche Bereitschaftspolizei zuvorkommt. Den beiden Konstablern, die ins Haus eindringen, bietet sich ein verwirrender Anblick und sicherheitshalber erklären sie gleich alle für verhaftet. Doch was ihnen der Arzt und dieser Jenkins auf dem Rücken der gefesselten Mrs. Rowall zeigen, dreht ihnen den Magen um. Doch im Keller, in den Sally sie führt, machen sie eine noch viel erschreckendere Entdeckung … Es bleibt nicht mehr viel Zeit.

_Mein Eindruck_

Dies ist die Geschichte einer Invasion der Erde. Es gibt in der Zukunftsliteratur eine lange Tradition von Invasionsromanen, die schon einige Jahre vor H.G. Wells‘ epochalem „Krieg der Welten“ begann und mit Spielbergs Verfilmung dieses Klassikers noch nicht aufhören dürfte. Doch mir sind nur zwei Romane bekannt, die aus der Invasionsgeschichte einen Psychothriller machten. Der eine ist Jack Finneys verfilmter Roman „Invasion der Körperfresser“, der von Robert Heinlein in „Die Marionettenspieler“ militärisch umgedeutet wurde. Der andere Psychothriller ist John Brunners „Warnung an die Welt“. Die Unterschiede zu Jack Finneys Thriller sind jedoch augenfällig.

|Erkenntnisproblem|

Denn die Invasion, die sich in Hinterzimmern und Kellern abspielt, ist hier begleitet von einer Warnung. Und es gibt nur wenige Empfänger wie Sally Ercott, die die Welt vor den Invasoren warnen können. Das Problem Sallys besteht darin, dass sie in die Hände der Wirte dieses Invasoren fällt und daran gehindert wird, ihre Warnung mitzuteilen. Ja, sie versteht ja selbst nicht, um was es sich bei den empfangenen Botschaften handelt. Es gibt also von vornherein ein Erkenntnisproblem. Ein Sherlock Holmes muss her.

|Sherlock|

Nick Jenkins ist der denkbar ungeeignetste Meisterdetektiv: Er ist Erfinder. Er arbeitet nicht mit deduktiver Logik, sondern zählt zwei und zwei zusammen, um fünf zu erhalten. Er kennt natürlich die Holmes-Maxime, wonach das, was unmöglich erscheint nach Eliminierung aller anderen Möglichkeiten die Lösung darstellen muss, und wenn sie noch so unwahrscheinlich erscheint. Nick denkt um die Ecke, hat einen „verbogenen Verstand“, wie sein Freund Tom sagt. Dass Sally gerade diesem ungewöhnlichen Verstand begegnet, ist für ihn beileibe kein Zufall, sondern Notwendigkeit: Sie sprang in seinen Wagen, weil es ihr vom Unterbewusstsein befohlen worden war – von den Sendern der Warnung.

|Erkenntis durch Dialog|

Und erst durch das lange erkenntnisorientierte Gespräch mit Nick geht Sally schaudernd auf, womit sie es hier zu tun hat: Sie kennt die Warnung, doch worin besteht die Gefahr? In einer ihrer „Visionen“ hat sie den Platz im Verstand einer reptilienhaften Pilotin eingenommen, die ein Frühwarnschiff über einem Planeten fliegt. „Sie betrachtete ihr Spiegelbild in einer polierten Metallscheibe, bewunderte ihre glänzende grüne Haut, die symmetrischen Muster der Schuppen in ihrem Gesicht, die elegante Geschmeidigkeit von Hals und Armen.“ Die Pilotin erkennt in ihrer Beobachtungsstation, wie die Brut des Yem ihre Heimatwelt anfliegt und löst den Alarm aus …

Doch wenn sich dieser YEM von Welt zu Welt verbreiten kann, wieso hat dann noch niemand auf der Erde von ihm gehört, geschweige denn davor gewarnt? Die erschreckende Schlussfolgerung, zu der Nick und Sally gelangen, kann nur wie folgt lauten: Alle Warner wurden von infizierten Wirten des YEM aufgespürt und durch Infektion selbst zu Wirten gemacht. So muss es allen Mietern der Rowalls ergangen sein, die von Chief Inspector Dougherty gesucht werden.

Ich will nicht verraten, wie der Yem aussieht noch wie er sich fortpflanzt, um sich erfolgreich unter den Erdlingen auszubreiten. In einem langen Monolog erklärt Sally der Polizei, was ihr ihr wiedergefundenes Gedächtnis dazu mitteilt: woher der Yem kommt, wie seine Evolution aussah, wie er seine Sporen in drei Formen verbreitet und was er auf der Erde vorhat. Nick und Dougherty haben erlebt, was die Explosion einer dieser Sporen mit Haus Nr. 5 angerichtet hat: Nur ein Trümmerhaufen blieb übrig. Was würde passieren, wenn überall auf der Welt solche Sporen explodieren würden?!

|Warnung wovor?|

Jack Finneys Roman war eine Metapher für die Furcht der Amis vor der Infiltration durch kommunistische Spione während des Kalten Krieges. Die Rosenbergs wurden als Spione hingerichtet – und Senator Joe McCarthys Hexenjagd in Hollywood löste weitere, tiefliegende Ängste aus. Doch eine solche Angst fehlt im Jahr 1974, als John Brunners Roman erschien. (Und im Gegensatz zu vielen anderen seiner SF-Romane gab es keine Vorform, die er ausbaute.) Deshalb ist zu fragen, welche Metapher die Saat des Yem auf der Erde darstellt.

Die Rowalls sind die infizierten Nutznießer des Yem: Sie beuten andere aus und infizieren sie mit Ablegern des Yem, durch Prostitution. Insofern erscheint die Yem-Invasion wie eine Prophezeiung der kommenden AIDS-Epidemie, die aber erst ab ca. 1980 als solche erkannt und bekämpft wurde (mit begrenztem Erfolg, wie jeder weiß.) Der Yem könnte aber auch für eine schleichende Umweltzerstörung stehen, die sowohl auf geistiger Ebene ermöglicht, als auch auf physischer Erbene ausgeführt wird.

Doch die Art und Weise dieser Zerstörung ist nicht der entscheidende Aspekt, sondern vielmehr, wie der Titel andeutet, die nicht anerkannte Warnung davor. Wie können Menschen auf ernstzunehmende Weise vor einem Phänomen warnen, dessen Existenz jeder andere auf dem Planeten leugnet? Immer wieder begegnen wir in Brunners großen Dystopien wie „Morgenwelt“ diesem Problem. Und immer wieder hat er sich dabei mit einem alten Kniff aus der Affäre gezogen: durch den Auftritt eines mehr oder weniger allwissenden Außenseiters, eines weisen Mannes. Dies ist nicht Merlin, der Hofzauberer, sondern mitunter ein versoffener Hipster-Dichter – man würde ihn heute als verrückten Blogger bezeichnen.

Sally, die Warnerin, ist dagegen alles andere als allwissend, eher das Gegenteil davon. Doch ihr Wissen ist nur unterdrückt, und sobald es durch Nicks Frage- und Dialogtechnik entfesselt worden ist, gibt es nichts mehr, was Sallys Informationsfluss stoppen kann. Sie war früher Lektorin für technische Literatur und kann sich nicht nur beredt ausdrücken, sondern weiß auch, wovon sie redet, wenn sie über die Evolution des Yem referiert. Man sieht also, dass es Warnungen gibt, die niemand hören will, die aber dann am nötigsten sind, wenn es schon fast zu spät für ihre rechtzeitige Wirkung ist. Kommt uns das angesichts des Klimawandels nicht bekannt vor? (Brunner spricht von sich selbst als Warner, wenn man seine Aktivität in der Anti-Atomwaffenbewegung Großbritanniens berücksichtigt.)

|Die Übersetzung|

Der Text ist zu meinem Erstaunen fast völlig fehlerfrei. Abkürzungen werden in Fußnoten hilfreich erklärt. Es gibt nur zwei Zweifelsfälle. Auf Seite 94 ist von einer „gyroskopischen Präzision“ die Rede, mit der Nick seinen Job veranschaulichen will. Ich glaube eher, dass vielmehr die „gyroskopische Präzession“ gemeint ist, denn es geht um die Drehbewegung eines Kreisels (gyro: „das sich Drehende“, daher auch „Gyros-Fleischspieß“). Präzession meint, im Gegensatz zu Präzision/Genauigkeit, vielmehr den durch Drall/Unwucht/Präzession verursachten, ungleichmäßigen Lauf eines Kreisels. Das ist das Problem, das Nick löste. Mit Präzision hätte er schwerlich ein Problem gehabt.

Auf Seite 117 ein Wort und zwar ausgerechnet in dem Textabschnitt, der im Klappentext (s.o.) zitiert wird: „Sie war die einzige Bewohnerin des isolierten Planetoiden, weit draußen, außerhalb des Systems, der die Beobachtungsstation beherbergte, doch wenn sie in die eisige Unendlichkeit des Raumes hinausblickte, konnte sie eine blaue Sonne erkennen, und sie dachte an die Chidnim, die in ihrer Wärme lebten, und eine orangefarbene Sonne, in deren Schein die Tansiten ihre Spiele spielten, und eine weiße [Sonne], direkt über sich, von der sie wußte, dass sie auf die Städte der Tarks herniederschien.“ Das in Klammern eingefügte Wort [Sonne] fehlt im Buchtext. Peinlich.

_Unterm Strich_

Was zunächst wie ein Psychothriller beginnt, wächst sich nach einer Phase der Erkenntnis zu einem regelrechten, actiongeladenen Thriller über eine Alien-Invasion aus. Danach folgt eine weitere Erkenntnisphase, in der die Verantwortlichen sich der globalen Gefahr bewusst werden. Doch der Junge bekommt das Mädchen, wie wir es uns längst gewünscht haben. Oder ist es vielleicht umgekehrt?

Mit diesem Roman thematisiert John Brunner einmal mehr das grundlegende Dilemma, dem sich eine Protestbewegung gegenübersieht, ganz gleich ob es um Abrüstung, Umweltzerstörung oder Klimaschutz geht: Die Betroffenen leugnen erst die Existenz des Problems, dann dessen Relevanz, dann dessen Dringlichkeit, dann streiten sie über die richtige Vorgehensweise. Hat man ja alles in Kopenhagen beobachten können, wo die Chinesen alle anderen übern Tisch gezogen haben.

Im vorliegenden Roman kommt noch hinzu, dass die Warnenden erst nicht einmal selbst wissen, dass es überhaupt eine Warnung, geschweige denn ein Problem gibt. Das ist ein erkenntnistheoretisches Problem. Mit Humor könnte man sagen, dass erst ein verrückter Erfinder nötig ist, um diese Warnung lesen zu können. Das ist aber immer noch besser, als von einem allwissenden Sprücheklopfer wie in „Morgenwelt“ belehrt zu werden (siehe dort die Textkategorie „Hipster Vocab“).

Ich fand „Warnung an die Welt“ sehr gelungen, denn ich musste sofort an Jack Finneys und Heinleins Invasionen der Parasiten denken, aber auch an John Wyndhams „The Chrysalids“. Überall findet die Invasionen durch Parasiten und dergleichen statt. Dieser Vordergrund sorgt für Action und Spannung, was ein SF-Roman in der Regel im gebrauchen kann. Dass die eigentliche Aussage des Romans in der Warnung und dem Erkenntnisproblem besteht, werden jedoch geübte SF-Leser durchaus ebenfalls erkennen.

|Taschenbuch: 191 Seiten
Originaltitel: Give Warning to the World (1974)
Aus dem US-Englischen von Hans Maeter.
ISBN-13: 978-3453309449|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_John Brunner bei |Buchwurm.info|:_
[„Morgenwelt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1274
[„Chaos Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2555
[„Der ganze Mensch / Beherrscher der Träume“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3444
[„Das Geheimnis der Draconier“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5920
[„Doppelgänger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5940
[„Der galaktische Verbraucherservice: Zeitmaschinen für jedermann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6171
[„Der Kolonisator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5921
[„Die Opfer der Nova“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5980
[„Geheimagentin der Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5981
[„Spion aus der Zukunft“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6038
[„Bürger der Galaxis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6039

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